23.01.2006

„Alle haben die Hosen voll“

TV-Entertainer Stefan Raab, 39, über die unsichere Zukunft seines Heimatsenders ProSieben, sein Verhältnis zum Springer-Konzern und dessen „Bild“-Zeitung sowie die Unterschiede zwischen seiner eigenen musikalischen Talentshow und „Deutschland sucht den Superstar“ auf RTL
SPIEGEL: Herr Raab, als bekanntester Star von ProSieben müssten Sie es doch wissen: Wem wird der Sender künftig gehören?
Raab: Ich habe das Verkaufstheater um ProSiebenSat.1 eine Zeit lang durchaus amüsiert verfolgt. Inzwischen habe ich endgültig das Gefühl, ich sollte die Sache selbst in die Hand nehmen. Deshalb habe ich den Sender jetzt in meiner Show zum Verkauf angeboten. Wir werten gerade die Zuschriften aus und werden sie den bisherigen Eigentümern zuleiten ...
SPIEGEL: ... also den Investoren rund um den US-Medienunternehmer Haim Saban. Haben Sie den eigentlich mal persönlich kennengelernt?
Raab: Er hat angerufen und gratuliert, als wir mit Max Mutzke die Vorausscheidung zum Schlager-Grand-Prix gewonnen hatten. Ich habe ihn dann eingeladen, bei unserer Wok-Meisterschaft teilzunehmen. Er meinte: "No fucking way." Der Kontakt wurde dann nicht weiter vertieft.
SPIEGEL: Sie sind seit 1999 bei ProSieben - bei der Fluktuation innerhalb der Senderspitze sind Sie damit bereits ein Fossil.
Raab: Wahnsinn, oder? Ich habe gerade die Amtseinführung meines fünften Geschäftsführers erlebt. Wobei mir relativ wurscht ist, wer der Eigentümer ist, solange ich es nicht selbst sein könnte. Ich würde den Laden ja sofort kaufen, wenn ich könnte. Aber ich bin ja nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg von ProSieben und kann finanziell leider noch nicht ganz mithalten.
SPIEGEL: Springer als neuer Besitzer würde Sie nicht begeistern, nehmen wir an.
Raab: Es gibt Leute, mit denen man gern etwas gemeinsam macht - und Leute, mit denen man nicht zusammenarbeiten würde. Springer ist aber nicht nur die "Bild", die hier eher in die zweite Kategorie gehört. Die berichten entweder gar nicht über mich, was im Zweifel immer besser ist. Denn wenn das Blatt mich doch mal erwähnt, dann negativ - oder journalistisch unlauter ...
SPIEGEL: ... wofür Sie "Bild" dann gern mit rechtlichen Mitteln drohen.
Raab: Das mache ich aber auch mit jedem anderen Medium, das nicht respektiert, dass ich mein Privatleben nicht öffentlich ausbreite. Punkt.
SPIEGEL: Mal sehen, wie lange Sie diese Haltung durchhalten, wenn der Verlag die Senderkette doch noch übernimmt.
Raab: Sollte man mich dann zu einer netten "Bild"-Homestory nötigen wollen, würde ich gehen. Das ist mit mir nicht zu machen. Wenn jemand im deutschen Fernsehen bewiesen hat, dass man auch ohne "Bild"-Begleitung erfolgreich sein kann, dann ich. Über Max Mutzke gab es dort kaum ein Wort. Und er wurde mit überwältigender Mehrheit zum Grand Prix geschickt. Unsere Events kommen in dem Blatt nicht vor - und sind dennoch sehr erfolgreich gelaufen. Ich würde deshalb aber nie eine Kampagne gegen "Bild" lostreten. Das sähe immer so nach "Hopp, hopp, hopp, Atomraketen-Stopp"-Ernst aus. Ich verspüre ja keinen Hass. "Bild" wird einfach in seiner meinungsbildenden Macht völlig überschätzt.
SPIEGEL: Auch von den Konzentrationswächtern, die eine Verbindung von "Bild"
und Privatfernsehen als Gefahr für die Meinungsvielfalt sehen?
Raab: Das Blatt wollte zuerst Stoiber zum Kanzler machen und dann eine absolute Mehrheit für Angela Merkel herbeischreiben. Wenn ich das richtig verfolge, ist beides grandios gescheitert. Andererseits ist Springer in der Konzernspitze gut besetzt. Ich bin sicher, dass es dort schon so etwas wie politisches Verantwortungsgefühl gibt. Wenn da künftig über Blätter und Sender gemeinsam politische Kampagnen gefahren würden - das würde jeder mitkriegen. So blöd sind die auch wieder nicht.
SPIEGEL: Derzeit zeichnet sich eine Ministererlaubnis unter Auflagen als allerletzte Chance für Springer ab. Eine Bedingung könnte sein, ProSieben nach der Übernahme zu verkaufen - etwa an ausländische Investoren. Wäre Ihnen das lieber?
Raab: Ach, da sollte sich niemand Illusionen machen. Ganz egal, wie der nächste Besitzer heißt, am Ende wird es ihm um die Rendite gehen. Alle Nachfolger der Gründergeneration haben nicht mehr dieselbe emotionale Bindung, dasselbe Herzblut in der Sache.
SPIEGEL: Vielleicht wäre Springer für Sie am Ende doch nicht die schlechteste Lösung. Immerhin würde "Bild" dann sicher eher für Ihren Musikwettbewerb "Bundesvision Song Contest" trommeln, statt dauernd Titelgeschichten über die RTL-Konkurrenz von "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") zu drucken.
Raab: Mich wundert, dass RTL dieses Spiel mitmacht und offenbar auch noch die letzte Information über den vorletzten Kandidaten an "Bild" weiterreicht. RTL braucht die doch gar nicht für die "Superstars". Das ist eine Show mit merkwürdigen Protagonisten. Das gucken die Leute auch so.
SPIEGEL: Ist "DSDS"-Juror Dieter Bohlen womöglich der bessere Stefan Raab?
Raab: Was für eine bodenlose Frechheit! "DSDS" ist einfach eine professionell gemachte Unterhaltungssendung. Man nehme ein paar hässliche Typen und einige, die ein bisschen hübscher sind, einige, die etwas singen können, einige, die gar nicht singen können - und werfe noch ein paar Doofe und Durchgeknallte dazu. Prima Entertainment, aber als Musiktalentshow natürlich komplette Grütze.
SPIEGEL: Ihr "Bundesvision Song Contest" soll anders funktionieren?
Raab: Natürlich! Bei uns geht es darum, deutscher Popmusik eine seriöse TV-Bühne zu bieten, die es im Fernsehen so schon lange nicht mehr gibt. Das Ziel ist, damit in zehn Jahren die wichtigste musikalische Veranstaltung der Republik zu haben.
SPIEGEL: Ihr Gesangswettstreit ist doch schon vor der zweiten Ausgabe genauso durchkommerzialisiert wie bei RTL.
Raab: Das stimmt nicht. Da steckt wirklich viel Idealismus drin. Ich verdiene an den Platten nicht mit und habe damit auch sonst, über die TV-Produktion hinaus, keine wirtschaftlichen Ziele.
SPIEGEL: "TV total" gilt mittlerweile als wichtigste TV-Vermarktungsmaschine für Musik. Sie selbst haben sich den Titel als "Pate der Plattenindustrie" erworben. Und es scheint, als hätte die Branche jede Hilfe nötig: Im vergangenen Jahr brachen die Verkäufe weiter ein. Woran liegt's?
Raab: Mit Sicherheit auch an der Verschiebung der Interessen. Vor 20 Jahren war Musikhören das Hobby Nummer eins bei Jugendlichen. Heute dagegen, und das hat mich wirklich sehr erschreckt, liegen laut einer Studie auf den ersten beiden Plätzen Fernsehen und Telefonieren. Die Kids kaufen einfach nicht mehr so viel Musik ...
SPIEGEL: ... oder kopieren sie einfach.
Raab: Natürlich ist es für die Künstler und die Musikszene nicht gut, wenn Musik illegal kopiert oder aus dem Netz gezogen wird. Da wird der Markt auf lange Sicht zerstört.
SPIEGEL: Sie reden schon wie ein Plattenboss. Immerhin haben Sie schon lange Ihr eigenes erfolgreiches Label und heimsen mit eigenen Hits oder durch von Ihnen produzierte Künstler wie Max Mutzke seit über zehn Jahren Chartserfolge ein. Sind Sie nicht längst eher Musik- als Fernsehmann?
Raab: Nö, ich kann mich hier jeden Tag mit Sachen beschäftigen, die mir nicht das Gefühl geben, ich arbeite. Das Fernsehen wird mich also nicht so schnell los.
SPIEGEL: Das deutsche Fernsehen wird seit Jahren von den gleichen Köpfen dominiert: Harald Schmidt, Günther Jauch, Thomas Gottschalk - und von Ihnen als Ikone der etwas jüngeren Zuschauer. Wo bleibt der Nachwuchs?
Raab: Geil, mit denen nennen Sie mich in einer Reihe? Das finden die drei aber bestimmt richtig scheiße jetzt. Die telefonieren dann wahrscheinlich miteinander: Haste das gelesen, Günther, mit dem Raab im SPIEGEL? Ja, Thomas, wir müssen was tun!
SPIEGEL: Ihr Late-Night-Kollege Harald Schmidt ist inzwischen wieder bei der ARD angekommen. Wann bewerben auch Sie sich um einen öffentlich-rechtlichen Altersruhesitz? Mit all den Turbulenzen um ProSieben wäre jetzt doch kein schlechter Zeitpunkt für einen furiosen Abgang.
Raab: Und was soll ich dann machen? Mir wird zu schnell langweilig. Hier kann ich tun und lassen, was ich will. Nehmen Sie Harald Schmidt. Der ist sicher ein hochtalentierter junger Kollege. Aber was er bei der ARD macht, ist doch "Betreutes Moderieren", rechts Pflegerin Nathalie und links Zivi Andrack. Ein bisschen mehr Dynamik, bitte! Bei uns passiert alle paar Sendungen was anderes. Ich will's noch wissen!
SPIEGEL: Wir dachten, mit Häuschen, Frau und Kind wären Sie inzwischen auch eher auf Sicherheit bedacht. Würden Sie tatsächlich ein öffentlich-rechtliches Angebot ausschlagen?
Raab: Die gab es doch schon vor zehn Jahren. Andererseits habe ich ja auch dazugelernt im Leben: Reden tu ich erst mal mit jedem.
SPIEGEL: ZDF-Programmchef Thomas Bellut hat uns verraten: Wenn er sich aus dem
Programm von ProSieben etwas aussuchen dürfte, dann Ihre Eventshows um Wok-Weltmeisterschaft oder Turmspringen.
Raab: Und am 7. Juni werde ich die "Offizielle Fifa-WM-Eröffnungs-Gala bei 'TV total'" veranstalten. Die alten Fifa-Karten behalten ihre Gültigkeit. Dazu wird es natürlich auch einen Song geben. Dass dem ZDF so was gefällt, habe ich längst bemerkt. Die kopieren mich ja bereits fleißig.
SPIEGEL: Wie bitte?
Raab: Na, so was wie Promi-Turnen, Star-Biathlon et cetera. Ich hab ja nichts dagegen, wenn Privatsender untereinander Ideen klauen, das gehört zum TV-Geschäft. Aber wenn jetzt schon gebührenfinanzierte Sender damit anfangen, hat das etwas beinahe Kleinkriminelles.
SPIEGEL: Kopieren ist doch an der Tagesordnung. Überall die gleichen Telenovelas, Supernannys und Heimwerkershows. Wo ist die Kreativität geblieben?
Raab: Der wesentliche Punkt ist Mutlosigkeit. Alle haben die Hosen voll. Die etablierten Fernsehgesichter trauen sich nichts Neues, wenn es gerade gut läuft - könnte ja floppen. Und wenn es gerade schlecht läuft, traut ihnen auch niemand anderes was zu. Das Gleiche bei den Sendern: Da gibt es eine Riesenangst, etwas in den Sand zu setzen. Also probiert man allenfalls Formate, die schon in anderen Ländern erfolgreich waren.
SPIEGEL: Woher kommt diese Angst? Eine Folge des grassierenden Renditedrucks?
Raab: Na klar! Es gibt doch nichts Schlimmeres, als eine 140-teilige Serie in Auftrag zu geben und nach Folge 2 festzustellen: Ups, das will ja keine Sau sehen.
SPIEGEL: Ihre eigenen Quoten sind auch nicht mehr die besten. Diesen Monat liegen sie mit zehn Prozent weit unter Schnitt ...
Raab: ... wofür ich aber eine tolle Erklärung parat habe: Wir sind jetzt Avantgarde. Und das liegt natürlich auch ein bisschen am Umfeld, denn bei den Sendungen, die vor uns laufen, gibt es auch nicht mehr so viele Zuschauer. So gesehen ist der ganze Sender ProSieben inzwischen Avantgarde. Man kommuniziert das nur noch nicht richtig.
SPIEGEL: Herr Raab, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Marcel Rosenbach und Thomas Schulz in Raabs Büro in Köln-Mülheim.
Von Marcel Rosenbach und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 4/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Alle haben die Hosen voll“

Video 01:46

Zwischen Angst und Faszination Seiltanz in 35 Metern Höhe - ohne Sicherung

  • Video "Wunderkind Laurent Simons: Mit 8 Jahren an die Uni" Video 04:16
    Wunderkind Laurent Simons: Mit 8 Jahren an die Uni
  • Video "Umweltverschmutzung in der Karibik: Plastikmüll statt Sandstrand" Video 01:41
    Umweltverschmutzung in der Karibik: Plastikmüll statt Sandstrand
  • Video "Webvideos der Woche: Spektakuläres Manöver" Video 03:01
    Webvideos der Woche: Spektakuläres Manöver
  • Video "WM-Wanderarbeiter in Katar: Eine Art Zwangsarbeit" Video 05:20
    WM-Wanderarbeiter in Katar: "Eine Art Zwangsarbeit"
  • Video "Nicht mit ihr: Kellnerin wirft Grabscher in die Ecke" Video 00:55
    Nicht mit ihr: Kellnerin wirft Grabscher in die Ecke
  • Video "Extrem-Bergsteigen: Der 14+7+2-Grand-Slam" Video 01:16
    Extrem-Bergsteigen: Der "14+7+2"-Grand-Slam
  • Video "Titan der Lüfte: Jungfernflug des Beluga XL" Video 00:58
    Titan der Lüfte: Jungfernflug des Beluga XL
  • Video "Merkels Sommer-PK: Urlaubsreif? Erschöpft? Amtsmüde?" Video 03:32
    Merkels Sommer-PK: Urlaubsreif? Erschöpft? Amtsmüde?
  • Video "US-Geheimdienstchef Coats: Putin kommt? Keine Ahnung!" Video 02:43
    US-Geheimdienstchef Coats: Putin kommt? Keine Ahnung!
  • Video "Sensationsfund in Alexandria: Rätsel um Riesensarkophag (fast) gelöst" Video 01:43
    Sensationsfund in Alexandria: Rätsel um Riesensarkophag (fast) gelöst
  • Video "Höhle in Thailand: Neue Animation zeigt Details der Rettung" Video 01:37
    Höhle in Thailand: Neue Animation zeigt Details der Rettung
  • Video "Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel" Video 00:54
    Verwirbelt: Qualle verfängt sich in Luftkringel
  • Video "Die Nato und das aggressive Montenegro: Wie Trump den Bündnisfall infrage stellt" Video 01:50
    Die Nato und das "aggressive" Montenegro: Wie Trump den Bündnisfall infrage stellt
  • Video "Forscher entwickeln Unterwasserroboter: Sanfter Fangarm für Qualle und Co." Video 01:40
    Forscher entwickeln Unterwasserroboter: Sanfter Fangarm für Qualle und Co.
  • Video "Zwischen Angst und Faszination: Seiltanz in 35 Metern Höhe - ohne Sicherung" Video 01:46
    Zwischen Angst und Faszination: Seiltanz in 35 Metern Höhe - ohne Sicherung