08.12.1969

BERLIN / ATTENTATEOnkel Tuca

In West-Berlin herrscht Bombenstimmung. Bei Richtern und Staatsanwälten, in Polizei-Dienststellen, beim Sender Freies Berlin klingeln die Telephone, und anonyme Anrufer zischeln Terror-Sprüche in die Leitung, etwa: "Jetzt bist du dran. Morgen geht dein Haus in die Luft."
Polizeitrupps durchstöbern Apo-Wohnungen nach brisantem Stoff, Apoisten ermahnen einander zu absoluter Verschwiegenheit. Kripo-Fahndung wie Genossen-Disziplin gelten drei Beinahe-Attentaten:
Am 10. November tickte ein trenchcoatumwickelter Zeitzünder in der Garderobe des jüdischen Gemeindehauses zu Charlottenburg, Fasanenstraße 79-80.
Knapp drei Wochen darauf, am 28. November, verpufften aus einem Gasrohr 1850 Gramm Sprengstoff mit heißem Strahl (2000 Grad Celsius) vor der Wohnungstür des Landgerichtsdirektors Dr. Hans Heinsen, 61, in der Charlottenburger Leibnizstraße 46. Heinsen hatte im Dezember letzten Jahres als Vorsitzender in einer Berufungsverhandlung das Urteil gegen den Fäkal-Kommunarden Karl-Heinz Pawla (zehn Monate Gefängnis) bestätigt.
Schon 24 Stunden später arbeitete die dritte Höllenmaschine, diesmal in einem Blecheimer versteckt, unter dem Veranda-Fenster der Villa des Oberstaatsanwalts und Anklägers in zahlreichen Studentenprozessen Horst Severin in Lichterfelde, Tietzenweg 123.
Keine der Bomben explodierte, und unklar blieb, ob ihre Bauweise eine Explosion überhaupt bewirken konnte. Denn die Zündmechanismen -- Weckuhr, Batterie und Glühdraht -- waren offensichtlich ungeeignet, den Sprengstoff -- regelmäßig eine rund zwei Kilo schwere Pattex-Kaliumchlorat-Masse -- in die Luft zu jagen.
Als sicher hingegen erscheint der Berliner Polizei, daß alle drei Sprengkörper aus derselben Bastlerwerkstatt stammen und nach denselben Rezepten gefertigt wurden -- wie das explosive Paket, das Polizisten bei einer Hausdurchsuchung in der Berliner Ur-"Kommune I" Anfang März gefunden hatten.
Doch weder diese technischen Daten noch 20 000 Mark Greiferlohn, weder die -- bis Ende letzter Woche -- rund 100 Bürger-Tips noch eine eilends gebildete Sonderkommission verhalfen der Kripo bislang zum Erfolg.
Immerhin vermutet die Polizei die Pattex-Spezialisten in einer "äußerst kleinen Gruppe", denn aus jedem anderen Zirkel, glaubt Polizei-Chef Klaus Hübner, hätten "die Leute, die uns darüber auf dem laufenden halten, was die einzelnen Gruppen tun und planen", längst berichtet,
Schon sechs Tage nach dem ersten Sprengversuch in der Fasanenstraße meinten die Fahnder die Attentäter gefaßt zu haben. Sie arretierten drei junge Männer, fanden in deren Auto drei einsatzbereite Molotow-Cocktails und erkannten in dem Wagen überdies den Renault R 4 wieder, aus dem Unbekannte tags zuvor Flugblätter geworfen hatten.
Tenor der hektographierten DIN-A4-Papiere: "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus hat gezündet. Berlin dreht durch Die Linke auch." Als Herausgeber zeichnete eine bisher in der Halbstadt unbekannte "Palästina-Front (TW)". Die Inhaftierten aber -- Student Helmuth Caspari, 24, Kunstgewerbler Willi Farkasofsky, 22, und Industriekaufmann Heinrich Jansen, 21 -- schwiegen vor dem Untersuchungsrichter beharrlich.
Allein das TW-Kürzel gab den Kombinationen der Kriminalisten Auftrieb. Denn schon am Vorabend des mißglückten Anschlags auf die jüdische Gemeinde hatten die mutmaßlichen Täter in einem Pamphlet ("Schalom + Napalm") ihre Aktion angekündigt: "Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Brandbombe deponiert." Die Tat war als "Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität" mit der El-Fatah ausgegeben worden. Signum: "Schwarze Ratten TW."
TW schrieben auch die Heinsen-Attentäter auf ihre Bombe und malten auf tags darauf verteilte Entschuldigungszettel ("Für die ungenügende Wirkung, daß die Bombe den Heinsen nicht zerrissen hat, entschuldigen wir uns") einen fünfzackigen Stern mit einem T in der Mitte. Absender: "Onkel Tuca (ml). Und unter der Kennmarke "Sender TW" ließen Bombenfreunde auf einem Hascher-Treffen mittels der exaltierten Tonbandstimme einer Bombenfreundin ihre Kumpane wissen: "Die Genossen haben gute Arbeit geleistet. Dem Feind wurde Sachschaden zugefügt."
So offensichtlich mithin die politische Nachbarschaft von "Befreiungsfront", "Ratten" und "Onkel Tuca" schien, so dunkel blieb zunächst der Sinn der Chiffre. Die Polizei übersetzte sie anfangs als "Terrorgruppe West-Berlin" oder als "Tränengas-Wurfkörper" (im Polizei-Jargon: TW) und kam schließlich auf "Tupamaros West-Berlin".
Zu dieser Erkenntnis allerdings gelangte die Kripo wiederum nur mit Hilfe der Flugblatt-Verfasser. Denn immer wieder weisen anarchistische Apo-Gruppen auf ihre neuen Idole hin, auf die Stadtquerrilleros von Montevideo, die "Tupamaros".
Auch Hans Magnus Enzensberger hat sich des neuen Themas der linken Sekten angenommen. Er legte der Oktober-Ausgabe seines "Kursbuches" einen "Kursbogen" über die uruguayische Revolutions-Variante ("Stadtguerilla -- neue Strategie") bei. Referierte Bogen-Autor "K. B.": "Nicht Kaufhäuser, sondern Gerichte; nicht Privatautos, sondern Polizeiwachen ... werden angegriffen."
Doch solcher Belehrungen bedurften West-Berlins Anarchisten nicht mehr. Schon im Herbst letzten Jahres hatten unbekannte Flugblatt-Autoren dazu aufgefordert, mit Hilfe "kleiner Terror-Gruppen" in die "noch anonyme Privatsphäre der Justizagenten einzubrechen".
Heute wie damals freilich kritisierten der Republikanische Club (RC) und der SDS diese Taktik als unzeitgemäß und daher der Revolution schädlich. Der RC: "Bomben in der jüdischen Gemeinde" seien "keine geeigneten Mittel, auf faschistische Entwicklungen in Israel hinzuweisen".
Soviel scheint sicher, daß in den herkömmlich militanten Apo-Gruppen die Terroristen nicht zu suchen sind. Und der schillernde Anarcho-Untergrund mit den "umherschweifenden Haschrebellen", ungezählten Kommunen, den "rast- und ruhelosen Wermut-", "Knast-" oder "Wehrrebellen" ist derart dicht, daß Bombenleger in ihm leicht Solidarität und Unterschlupf finden.
Aus diesem Dickicht griff sich die Polizei den "Knastrebellen" Bodo Saggel, 30, Mitglied der "Kommune 3", und schickte ihn Freitag letzter Woche wegen des Verdachts der Begünstigung in U-Haft.
SDSler Tilmann Fichter: "Bodo würde das aus politischen Gründen nicht machen." Fichter sprach's, und prompt holte die Kripo auch ihn, ließ den Genossen nach einem ergebnislosen Fünf-Stunden-Verhör wieder frei und suchte weiter.

DER SPIEGEL 50/1969
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