08.12.1969

BIAFRA / KRIEGSOPFERVerlorene Unschuld

Sie kreischen, kichern, zucken und stöhnen. In Uniformlumpen schlenkern sie ihre Gliedmaßen wie Epileptiker. Um den Kopf schmutzige Binden geschlungen, streunen sie in lärmenden Horden durchs Land -- Biafras "Mad Soldiers", verrückt gewordene Soldaten.
Denn im Nigeria-Biafra-Konflikt, dem ersten Krieg, in dem Afrikaner mit schweren Waffen aufeinander schießen, sind nicht nur Millionen verhungert, Zehntausende gefallen und zu Krüppeln geschossen worden -- Tausende haben auch den Verstand verloren.
Die Biafraner nennen die Opfer in ihren Reihen "Artillery Boys", denn die meisten sind im Feuer nigerianischer Geschütze zusammengebrochen -- manche mit zerrissenem Trommelfell oder mit Gehirnschäden, viele aber ohne physische Verletzungen, unter Schockwirkung.
Die Haubitzen-Geschädigten werden -- afrikanischer Tradition entsprechend -- als Behinderte von den hungernden Biafranern miternährt. Sie sind zu einer Last im zusammengeschrumpften Biafra geworden.
Mediziner, wie die biafranischen Ärzte Dr. Tony Anwunah und Professor Fabian Udekwu, glauben, daß die Erkrankungen echt sind. Viele Bürger aber vermuten Simulanten unter den verrückten Soldaten. Eine biafranische Oberin im Militärhospital Nkwerri ist überzeugt: "Die verstellen sich nur."
Tatsächlich weiß man aus beiden Weltkriegen, daß bei sogenannten "Granatschocks" der Wille zu entkommen vorherrschend ist. Unter dem Angsterlebnis der Schlacht möchte der Soldat abhauen. Er kann das aber nicht, ohne als Deserteur sein Leben zu riskieren oder zumindest bei den Kameraden als Feigling sein Gesicht zu verlieren. Also flüchtet er unbewußt in die Krankheit, steigert sich in den "Heimat-Klaps".
Die Zahl dieser Fälle ist im Nigeria-Biafra-Krieg besonders groß, denn
* für viele der Soldaten ist die kämpfende Armee die erste intensive Berührung mit der modernen Technik;
* die Soldaten sind ungenügend ausgebildet, schlecht ernährt und ausgerüstet;
* Biafras Armee verfügt kaum über Artillerie, geschweige Munition für Übungsschüsse in Ausbildungslagern;
* die Soldaten werden in erschöpfenden Märschen in den Kampf geführt, vorbei an verwesenden Leichen und sterbenden Verwundeten, denen niemand helfen kann. In seinem Krankenhaus bei Aboh mußte Dr. Anwunah feststellen, daß bei Granaten- und Bombenschocks Beruhigungstabletten und -spritzen versagten.
"Diejenigen unter den Opfern, die wenig Kontakt zur westlichen Kultur hatten, leiden am schlimmsten", berichtete .der biafranische Soziologe und Mediziner Onyabo Eze dem SPIEGEL. "Sie schreien: "Was habe ich getan, was haben die Kinder getan?' Sie wollen nicht mehr weiterleben, denn ihre Weltvorstellungen, nach denen Unschuldigen nichts passieren kann, sind durch das Massensterben zerbrochen. Die "Jujus' (Talismane) der Fetischpriester sind gegen Phosphorgranaten, Sprengbomben und MG-Garben machtlos. Viele Medizinmänner begehen Selbstmord."
Der holländische Arzt Dr. Middelkoop, der viele Jahre in Westafrika lebte, meint, daß wahrscheinlich nur afrikanische Psychiater oder Neurologen die Schockopfer behandeln können. Der erst kürzlich aus dem Kessel von Biafra zurückgekehrte Arzt zum SPIEGEL: "Ganz sicher sind die psychiatrischen Symbole in einem afrikanischen Kulturkreis anders als in Europa. Außerdem muß der Behandelnde die Sprache der Kranken beherrschen."
Neuerdings versucht man, die "Artillery Boys" im Krankenhaus von Ekwereazu und im Lager von Ogoni zusammenzuziehen. Die bettelnden Männer und Jungen, die vor allem vor den Speisungszentren herumlungern und manchmal aggressiv ihren Anteil fordern, kämen so unter Aufsicht. Eine planmäßige Behandlung aber ist gegenwärtig nicht möglich.
Nigerias schwere Artillerie -- vor allem britische 105-mm-Haubitzen -- hat unter den Biafranern größere Schockwirkung erzielt als Bombenangriffe:
So fielen die Städte Enugu und Port Harcourt nach mehrstündigem Trommelfeuer praktisch kampflos, und am 13. April erlebte eine deutsche Bundestagsdelegation die panische Flucht der Einwohner von Umuahia, als plötzlich nigerianische Geschütze -- weit außerhalb der Reichweite der Stadt -- zu feuern begannen.
"Seit Jahrtausenden haben aufreibende Lärmeffekte sowie unbekannte und als grausam empfundene Waffen eine besondere Schockwirkung", schreibt der Schweizer Militärpsychologe Hauptmann Stucki. Er erinnert an Hannibals trompetende Elefanten, das Kriegsgeschrei der Indianer und die heulenden deutschen Stukas. Für die Biafraner erzeugt Nigerias Artillerie, die sie nie sahen, die größte Terrorwirkung.
Der Kanonen-Schock wird in Zukunft noch wirksamer werden: Nigerias Armee erhielt von der Sowjet-Union neue, weiter reichende Geschütze schweren Kalibers.

DER SPIEGEL 50/1969
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