08.12.1969

GESELLSCHAFT / HOMOSEXUELLESchöne Aufgabe

Der katholische Geistliche Udo J. Erlenhardt (Ordensname: Frater Andreas) liebte die Menschen und war bereit, Opfer für sie zu bringen. Doch als er merkte, daß er einen mehr liebte als andere -- "einen jungen Mann" -, zog er die Kutte aus und opferte die klerikale Karriere.
Seit zwei Monaten widmet sich Erlenhardt auch beruflich seiner homophilen Neigung: als Chefredakteur von "du + ich -- Magazin für Freunde von heute", dessen Nummer eins (Startauflage: 10 000 Exemplare) Ende November ausgeliefert wurde. Es ist das erste deutsche Homophilen-Magazin, das frei an Kiosken gehandelt werden darf -- nachdem vom 1. September an die Homosexualität zwischen erwachsenen Männern nicht mehr strafbar ist.
Für Erlenhardt, 25, ist das erste Heft freilich noch "ein Reinfall" gewesen. Sein Geldgeber, der hannoversche Verleger Manfred Egon Strauss, der jüngst die Programm-Postille "Fernsehtag" für 1,45 Millionen Mark an den Heinrich Bauer Verlag verkauft hatte und sich mithin stark genug fühlt, die neue Marktlücke zu nützen, hatte zunächst einen Chefredakteur engagiert, der zwar von Adel, aber "leider nicht aus unseren Kreisen ist" (Erlenhardt).
Die erste Ausgabe, redigiert von Erlenhardt-Vorgänger Thomas Ralf Freiherr von Dalwigk zu Lichtenfels, war denn auch eher fade ausgefallen: "du + ich"-Autorin Melanie Rose, von der Redaktion mit dem Vermerk "(fem.)" versehen, erinnert an die Zeiten, "als man noch nackt badete". Und im "großen Roman" (Titel: "Der gekreuzigte Eros") denkt ein Vertreter für Bürobedarf "an die Zukunft, in der immer wieder Peter eine Rolle spielte. Und dem Mann war, als hätte ihn hier der Herrgott vor eine schöne Aufgabe gestellt".
So sieht Erlenhardt seine Aufgabe zunächst 'darin, "das erste deutsche Nachseptembermagazin" aufzumöbeln. Zunächst wurden alle Redaktionsmitglieder ausgebootet" die Homosexuelles nur theoretisch nachempfinden konnten, "weil die Leser so was sofort merken". Schon vom nächsten Heft an will Erlenhardt eigene praktische Erfahrungen schildern. "Es ist eine Frage des Abtastens", sagt er, "ich rechne damit, schon bald vor den Kadi zu müssen."
Zum Christfest soll "du + ich" etwa zur Hälfte mit "wirklich echten Aktdarstellungen" angereichert werden; eine Bild-Serie ist schon fertig: Auf dem Münchner Strich fand der Chefredakteur einen Jungen, der für 35 Mark Gage zwei Stunden lang vor der Kamera posierte -- teils mit, teils ohne Lendenschurz.
Überdies soll das Magazin (Preis: 4,50 Mark) mehr Klatsch bringen, "aus einschlägigen Kreisen, für einschlägige Kreise", und bei alledem auch noch das Image der Homosexualität aufpolieren. Denn, so Erlenhardt, "unser Bild ist derartig negativ, daß wir unbedingt etwas tun müssen".
Die Image-Pflege begann im hannoverschen "Grandhotel Mussmann" " in dem der homophile Chefredakteur Quartier bezogen hat. Dort ließ er vorletzten Sonnabend für 1000 Mark ein kaltes Büfett richten und lud Journalisten und liebe Freunde -- bei russischen Volksweisen vom Grammophon -- zur Einstandsparty.
Die Zukunft des Homophilen-Magazins beurteilt Erlenhardt günstig. Bereits die Dezember-Nummer wird eine Auflage von 20000 Exemplaren haben; jeden Monat sollen dann weitere 10 000 hinzukommen -- unter anderem mit Hilfe kontinuierlicher Werbung in den "St. Pauli Nachrichten", die "sehr viele von uns lesen" (Erlenhardt).
Sobald die 50 000-Marke erreicht ist, will der Homosexuellen-Mentor seinen Chef-Stuhl abgeben und einen "Deutschen Nationalen Homophilenverband" gründen. Schon jetzt ist er auf der Suche nach prominenten Ehrenmitgliedern für den Verband, einstweilen mit wenig Erfolg ("Die müssen doch alle an ihre Karriere denken").
Aber gerade diese, auf überkommenen Vorurteilen beruhenden Schwierigkeiten hofft der Verbands-Werber allmählich abbauen zu können. Auf einem Homophilen-Kongreß im kommenden Jahr soll in einer größeren Öffentlichkeit deutlich werden, so Ex-Bruder Erlenhardt, daß "in keiner Minderheit so viele Leute von Ethik und Intellekt" sind wie unter Homosexuellen.

DER SPIEGEL 50/1969
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