08.12.1969

PERSONALIENJosef Ertl, Erich Mende, Ludlow Kramer, Heinrich Schneider, Eberhard Lutze, Herbert Khaury

Josef Ertl, 44, Landwirtschaftsminister, wollte beim Bundespresseball in Bonn Demonstranten für ihr diszipliniertes Benehmen belohnen. Der Freidemokrat mußte wie alle Gäste durch ein Spalier gegen den Numerus clausus protestierender Studenten in die Beethovenhalle gehen, wo im Foyer an die Ball-Besucher Schnaps ausgeschenkt wurde. Ertl griff zwei Gläser mit Whisky, ging wieder vor die Halle und bot zwei Demonstranten an: "Bitte schön, da, trinken Sie doch was mit, wenn Sie das schon so nett machen." Die Studenten lehnten den Annäherungsversuch ab: "Nein danke, wir haben eine andere Beschäftigung." Daraufhin trank Ertl ein Glas aus und gab das andere voll an der Theke zurück.
Erich Mende, 53, Wertpapier-Tiger, preist seinen Anblick als ästhetisches Vergnügen. In einer Interview-Serie mit den "schönsten Männern unserer Tage" fragte die "Bild am Sonntag"-Redakteurin Christiane Höllger den 105-Vertreter: "Sind Sie eitel, Dr. Mende?" Der Ex-Major: "Für mich gehört das Gepflegtsein und Gutangezogensein zu einem gewissen Lebensstil, gnädige Frau. Ein gepflegter Mensch ist ein Genuß." Der Freidemokrat fühlte sich von der BamS-Serie (nächster schöner Gesprächspartner: Schlagersänger Rex Gildo) gut behandelt: "Ich habe Frau Höllger nach Abdruck des Gesprächs sofort Blumen geschickt."
Ludlow Kramer, 38, Minister im US-Bundesstaat Washington (Jahreseinkommen: 54 900 Mark), arbeitet nebenberuflich als Tankwart. Der Republikaner hatte in diesem Jahr vergebens für den Bürgermeisterposten von Seattle kandidiert. Mit seinen zusätzlichen Einnahmen als Benzinabfüller (Stundenlohn: neun Mark) will Kramer nun seine Wahlkampfschulden von 36 600 Mark begleichen. untergebracht, artikulierte die Unzufriedenheit seiner Kollegen über das von Eugen Gerstenmaier propagierte und verwirklichte neue Abgeordneten-Hochhaus. Der Bayer, der bereits viele Klagen über die zugigen Räume und die oft versagenden Fahrstühle des Neubaus hörte: "Die "Abgeordneten nennen das Haus jetzt nicht mehr "Langer Eugen" sondern "Eugens Rache."
Heinrich Schneider, 67, SPD-MdL in Rheinland-Pfalz und einstiger Gauredner der NSDAP, brachte nach einer Prozeßniederlage vor dem Koblenzer Oberlandesgericht seine Bonner Partei-Oberen in Verlegenheit. In zwei Instanzen bezeichneten Zivilrichter die Behauptungen für zulässig, daß Schneider im Dritten Reich "ein treu ergebener Diener seines Herrn" und ein "150prozentig zur Sache des Nationalsozialismus stehender Mann" gewesen sei, daß er damals "als Bürgermeister und Polizeichef ... sein Unwesen getrieben", "am Schicksal einiger jüdischer Bürger mitgewirkt" und sogar noch "in jüngster Zeit pronazistische Äußerungen getan", "den Nationalsozialismus beschönigt" und "das Dritte Reich aufgewertet" habe. Der Kirner Diplom-Volkswirt Heinrich Nonweiler, der derlei Behauptungen verbreitet hatte ("Ein Mann wie Schneider kann in einem demokratischen Staat nicht in exponierter Stellung politisch tätig sein"), legte der SPD-Spitze mit Hinweis auf das rechtskräftige OLG-Urteil nahe, sich von Schneider zu distanzieren. Bundesjustizminister Gerhard Jahn, seit 1967 von Parteichef Willy Brandt mit der Prüfung der Affäre Schneider beauftragt, reagierte jedoch sauer: "In Übereinstimmung mit dem Bundeskanzleramt" ließ er den Briefschreiber wissen, daß er mit ihm "keine weitere Korrespondenz ... in dieser Sache mehr zu führen" gedenke.
Eberhard Lutze, 61, Chef der Bremer Behörde für Kunst und Wissenschaft, soll das Werk eines einst "entarteten" Künstlers verwalten: Er wurde zum Vorsitzenden der "Gerhard-Marcks-Stiftung" gewählt. Der Graphiker und Bildhauer Marcks" der einen großen Teil seiner Werke der Stadt Bremen schenkte, war 1937 mit einem Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt worden und hatte Bilder und Skulpturen nur noch in der NS-Schau "Entartete Kunst" zeigen dürfen. Lutze hatte zwar -- so der Beamte heute -- "1934 einen Riesenartikel, eine ganze Seite, über Barlach geschrieben und dafür prompt eine Rüge im "Völkischen Beobachter' bekommen", jedoch wenige Jahre später als Parteigenosse in Kunst-Schriften die "Verpolung" und "Verjudung" kleiner polnischer Orte beklagt und eine "zukünftige deutsche Kunst ... aus der gemeinschaftsbildenden Weltanschauung des Nationalsozialismus" hervorgehen sehen. Lutze über seine Eignung als Marcks-Kurator: "Darüber sich jetzt zu unterhalten, das geht zu weit."
Herbert Khaury, 44 (2. v. r.), als "Tiny Tim" Amerikas höchstbezahlter Falsch-Singer, traf in London einen königlichen Fan. Nach einer Pop-Show zugunsten der Hilfsorganisation für invalide Kinder ließ sich deren Präsidentin, Queen-Schwester Prinzessin Margaret, 39, die Künstler vorstellen, unter ihnen die Sänger Lau Christie, (3. v. r.), und Dusty Springfield, 29 (r.). Vor dem Treffen mit der Prinzessin hatte sich Tiny Tim, der bis zu zehnmal täglich badet, Elizabeth-Arden-Kosmetika bevorzugt und Duftwässerchen aller Provenienzen benutzt, seine Hände mit einer französischen Creme gesalbt. Margaret verweilte denn auch bei dem Amerikaner am längsten. Sie fragte ihn, wie sein Instrument genannt werde (Bariton-Ukulele), und versicherte dem Sänger, sie kenne viele seiner Lieder, am besten aber "Tiptoe Through The Tulips" und "There'll Always Be An England".

DER SPIEGEL 50/1969
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