27.10.1969

KIRCHEN / VERMÖGENNörgeln und zahlen

Löstlicher denn großer Reichtum", so lehrt die Bibel, "ist ein guter Ruf." Doch die Hüter der Heiligen Schrift, die Kirchen, ließen sich von dem frommen Wort bisher nicht beirren.
In der Bundesrepublik zählen die beiden Kirchen mittlerweile zu den "größten Unternehmen ... Bauherren und Grundbesitzern", wie der Frankfurter Journalist Klaus Martens, 32, jetzt nach sechsjährigen Recherchen feststellte**. Das Kapitalvermögen der 20 evangelischen Landeskirchen und der 22 katholischen Diözesen beträgt rund sechs Milliarden Mark -- ohne die unermeßlichen Kunstschätze In Kirchen und Museen und ohne das Vermögen in der Diakonie, Mission und Diaspora (ebenfalls etwa sechs Milliarden Mark).
Die Kirchen verfügen über Banken und Versicherungen, über Häuser und Aktien. Sie stützen sich auf ein Presseimperium, das auflagenstärker als Axel Springers Meinungsfabrik ist.
Über das alles breiten freilich Kirchenmänner den Schleier der Heimlichkeit. Die von den katholischen Bischöfen finanzierte Wochenzeitung "Publik": "Ihre Finanzen hüllen (die Kirchen) In ein beinahe mystisches Dunkel."
Was Klaus Martens dennoch ans Licht brachte, nötigte ihm Staunen ab: Die "finanzielle Kraft und Macht der Kirchen sind gewaltig".
Die Hauptquelle kirchlicher Einnahmen -- die Kirchensteuer -- spru-
* Erlöserkirche in Rheinhausen.
** Klaus Martens: "Wie reich ist die Kirche?" Moderne Verlags GmbH, München; 216 Seiten; 19,80 Mark.
delt mit steigendem Wohlstand immer ergiebiger. Die Steuereinnahmen der evangelischen Kirche haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht, von 560 Millionen auf rund 1,7 Milliarden Mark (1968). Geschätztes Kirchensteuer-Aufkommen in diesem Jahr: 1,9 Milliarden Mark.
Kaum weniger kassiert die katholische Kirche: 1,34 Milliarden Mark waren es 1968. In diesem Jahr werden es 1,5 Milliarden sein.
Viele Gläubige betrachten die Kirchensteuer als "Ärgernis" (Martens), Konsequenzen ziehen aber nur wenige. Kommentar des evangelischen Kirchlichen Jahrbuchs 1965: "Die Glieder der Kirche ... nörgeln gelegentlich, aber sie revoltieren nicht."
Auch der Staat macht sich um kirchlichen Wohlstand verdient: Er treibt nicht nur die Kirchensteuern ein, er zweigt auch aus eigenen Einnahmen für fromme Zwecke viel ab. So vermachte das Bundesland Rheinland-Pfalz den beiden Kirchen 1965 insgesamt 31,2 Millionen Mark, vorwiegend für die Besoldung der Geistlichen. Für private höhere Schulen, die vorwiegend von der katholischen Kirche unterhalten werden, gab das Land 8,7 Millionen aus, für die Erhaltung berühmter Gotteshäuser -- etwa des Doms in Worms -- zahlt es jährlich rund zwei Millionen Mark.
Sogar die Bundeswehr mehrt kirchlichen Besitz. So förderte die Wehrbereichsverwaltung I seit 1956 in Hamburg und Schleswig-Holstein den Bau von 18 evangelischen Kirchen, einem Gemeindezentrum (Zuschuß: 4,2 Millionen Mark) und von 17 katholischen Kirchen.
Um rund 400 Millionen Mark werden die staatlichen Gesamtleistungen in diesem Jahr die beiden Kirchen bereichern. Zusammen mit den Steuern machen diese Einnahmen rund 95 Prozent der Kirchenetats aus; die restlichen fünf Prozent fließen aus Kollekten und Spenden, Gebühren, Zinsen und Pachten.
Regelmäßig bitten die Kirchen ihre steuerpflichtigen Mitglieder auch noch um freiwillige Beiträge für karitative Auslands-Aufgaben, die im Gegensatz zu anderen Ausgaben kaum umstritten sind:
* "Misereor", das Hilfswerk der deutschen Katholiken "gegen Hunger und Krankheit in der Welt", sammelte im letzten Jahr 54 Millionen Mark;
* "Brot für die Welt", die Hilfsaktion der deutschen Protestanten, nahm bei der Weihnachtssammlung 1967 rund 25 Millionen Mark ein; > "Adveniat", die Sammlung der katholischen Kirche zur Adventszeit für kirchliche Betreuung in lateinamerikanischen Ländern, erbrachte 1966 insgesamt 47,5 Millionen Mark. Der Gesamtumsatz beider Kirchen liegt in diesem Jahr bei etwa vier Milliarden Mark; ein Drittel davon wird für Personalkosten ausgegeben. Von der evangelischen Kirche werden nach Schätzungen des Präsidenten der Kirchenkanzlei der EKD, Walter Hammer, rund 120 000 Menschen entlohnt, davon 10 000 Pfarrer, Die katholische Kirche kommt für 20 098 Weltgeistliche und 6139 Ordenspriester auf. Das durchschnittliche Endgehalt eines protestantischen wie eines katholischen Pfarrers liegt bei monatlich 1800 Mark brutto.
Ein wesentlicher Teil kirchlicher Einnahmen wird für fromme, aber auch für profane Bauten verwandt. Seit Kriegsende wurden 2400. neue Kirchen errichtet. Teuer ist außerdem die Erhaltung alter Kirchen. So kostet allein der Kölner Dom jährlich eine Million.
Gleichwohl bleibt noch Geld nicht nur für den Bau von Feriendörfern und Jugendhelmen, Kindergärten und Krankenhäusern, Gemeindezentren und Schulen, 15 kirchliche Siedlungsgesellschaften und fast 100 kirchliche Genossenschaften errichteten seit 1945 etwa 220 000 Wohnungen (davon 70 Prozent Eigenheime). Das entspricht -- wie Martens errechnete -- einer Stadt von der Größe Frankfurts.
Allein der Katholische Siedlungsdienst in Köln stellte seit 1947 über 50 Millionen Quadratmeter Kirchenland in Erbpacht für Siedlungszwecke bereit. Bei der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland (Bauland-Besitz: 1,8 Millionen Quadratmeter) wohnen in mehr als 16 500 Wohnungen rund 50 000 Menschen zur Miete. Ende 1967 verwaltete das evangelische Siedlungswerk in Bayern 6139 Wohnungen.
Aber längst nicht das gesamte Kirchenland ist bebaut. Der Landbesitz der katholischen Kirche in Westdeutschland wird auf 3,5 Milliarden Quadratmeter geschätzt. Das ist eine Fläche, die elfmal so groß ist wie das Stadtgebiet von München. Die Latifundien der evangelischen Kirche sind überschaubarer: Sie besitzt etwa 700 Millionen Quadratmeter.
Kirchenmänner betätigen sich als Versicherungsagenten und Bankjobber. Sieben Geldinstitute wie die Darlehnsgenossenschaft Evangelischer Kirchengemeinden im Rheinland und die Darlehnskasse im Bistum Essen sind mit den Kirchen "kapitalmäßig und personell eng liiert" (Martens). Sechs dieser Kreditinstitute wiesen 1967 zusammen eine Jahresbilanz von 811 Millionen Mark auf.
Das größte der evangelischen Kirche nahestehende Lebensversicherungs-Unternehmen ist die "Evangelische Familienfürsorge" (Sitz in Detmold) mit 187 103 Versicherten (am 30. September 1968). Die "Familienfürsorge" zählt zu den 50 bedeutendsten Lebensversicherungsgesellschaften Westdeutschlands und vergab 1966 etwa die Hälfte der 24,6 Millionen Mark Darlehen an kirchliche Körperschaften.
Mit der katholischen Kirche "verbunden" (Martens) sind die Kölnische Lebensversicherung (nahezu eine Million Versicherte) und die Münchner Begräbnis- und Lebensversicherung (1,4 Millionen Versicherte).
Die katholische Kirche besitzt Weinberge am Rhein und Bierbrauereien in Bayern. Die in der fränkischen Abtei St. Walburg destillierten "Wallfahrer-Tropfen" und die Klosterliköre aus Frauenchiemsee stimmen auch Protestanten heiter. Beide Kirchen zählen außerdem Aktien mit einem Wert von über 100 Millionen Mark zu ihrem Vermögen.
Selbst milde Werke schlagen gut zu Buch -- wie das "Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland". Zuständig für Innere Mission und Krankenfürsorge, für Altenpflege und Jugendarbeit, zählt das Unternehmen etwa 140 000 hauptamtliche Mitarbeiter und verfügt über rund 704 000 Betten und Plätze.
Damit besitzt die evangelische Diakonie in der Bundesrepublik "ein Vermögen, das dem des BASF-Konzerns entspricht, und erzielt damit einen "Umsatz", wie er etwa beim Bosch-Konzern oder von den Karstadt-Warenhäusern erreicht wird" -- so Diplom-Kaufmann Gottfried Thermann, Referent für Wirtschaftsfragen in der Hauptgeschäftsstelle des Diakonischen Werks in Stuttgart.
Die Meinung der evangelischen Kirche wird von etwa 700, die der katholischen Kirche von 350 Zeitungen und Zeitschriften verbreitet. Damit "spielt die Kirchenpresse im Bundesgebiet" -- wie Martens meint -- "eine weit größere Rolle, als sie jemals von der des Verlagshauses Springer erreicht wurde".
Den größten Meinungsblock der katholischen Kirche bilden die Bistumsblätter mit einer Auflage von 2,3 Millionen Stück pro Woche. Als gemeinsames Großprojekt der katholischen Bischöfe erscheint seit Herbst vergangenen Jahres das überregionale Wochenblatt "Publik".
Das Blatt soll den Vorsprung der Protestanten einholen, die bereits seit langem zwei überregionale Blätter herausgeben: "Christ und Welt" (Auflage: 169 300, Miteigentümer: Eugen Gerstenmaier) und das "Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt" (Auflage: 142 100, Herausgeber: Landesbischof Hanns Lilje).
Kirchlich redigierte Nachrichten gelangen aber auch in viele kirchenunabhängige Publikationen. Zu diesem Zweck unterhalten beide Kirchen aufwendige Presseagenturen, den Evangelischen Pressedienst (epd) und die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA).
Vertreter der Kirche reden in den Aufsichtsräten aller Rundfunk- und Fernsehanstalten mit. In der Freiwilligen Filmselbstkontrolle spähen sie besonders aufmerksam nach Schlüpfrigkeiten aus.
Doch Kirchenmänner zensieren nicht nur Gefilmtes, sie lassen auch selber filmen: Die evangelische Kirche durch die Matthias-Film-Gesellschaft, die Eikon Gesellschaft und die Luther-Filmgesellschaft. Produktions-Beispiel: der Luther-Film "Der gehorsame Rebell".
Die katholische Konkurrenz ist an der Tellux-Film GmbH in Rottenburg am Neckar beteiligt. Kircheneigen sind ferner die Materna Film GmbH in Stuttgart und das Katholische Filmwerk e.V. in Rottenburg.
Kirchliche Meinung in Buchform verbreiten 115 katholische Verlage, von denen knapp 40 der Kirche gehören. Unter dem Einfluß der evangelischen Kirche stehen nach Rechnung von Martens zwölf "bedeutende Verlagsunternehmen". Nahezu 400 Mitglieder zählt die Vereinigung Evangelischer Buchhändler e.V. Ihr Bestseller ist noch immer die Bibel, von der jährlich 30 Millionen Exemplare in der ganzen Welt verkauft werden.
Wenn auch das jährlich steigende Kirchensteueraufkommen die Glaubensgemeinschaften vor finanziellen Sorgen bewahrt, so haben sich die Kirchen als clevere Unternehmen doch durch die breite Streuung ihres Engagements in mehreren Branchen krisenfest abgesichert. Sie unterscheiden sich von profanen Wirtschaftsimperien hauptsächlich durch preiswertere Reklame. Während die private Wirtschaft jährlich über zwölf Milliarden Mark für Werbung ausgibt, tritt die geistliche Konkurrenz auf diesem Sektor kurz.
Hauptwerbeträger des Unternehmens Kirche ist immer noch die Turmglocke" deren Geläut die Frommen zum Dienst mahnt.

DER SPIEGEL 44/1969
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