27.10.1969

Eberhard Jäckel über Albert Speer: „Erinnerungen“BEINAHE HITLERS FREUND

Eberhard Jäckel, 40, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart. Er veröffentlichte unter anderem: „Frankreich in Hitlers Europa“ und „Hitlers Weltanschauung“.
Wenn Hitler überhaupt Freunde gehabt hätte", sagte der Angeklagte Albert Speer so ungefragt wie unvermittelt am 19. Juni 1946 im Nürnberger Prozeß, und der Entlassene wiederholte die Aussage, leicht abgeschwächt, am 11. Januar 1969, als er das Vorwort seiner Erinnerungen unterschrieb, "wäre ich bestimmt einer seiner engen Freunde gewesen."
Dies ist, in seinen beiden Teilen, was man ein Schlüsselwort nennt. Hitler hatte, zur Verzweiflung seiner Biographen, in der Tat keine Freunde. Er hatte so gut wie kein Privatleben, keine Liebhabereien oder Steckenpferde. Er schrieb fast nichts mit eigener Hand, weder Bücher noch Tagebücher. Bezeichnenderweise weiß man keine Anekdoten von ihm zu erzählen.
Und doch ist auch das andere Stück des Speerschen Satzes wahr. Hätte Hitler ein wenig von all dem gehabt, was er nicht hatte, und ein bißchen, und sei es ganz verkümmert, hat er natürlich doch davon gehabt, dann war keiner näher dran als Speer, jedenfalls in den Jahren der Macht. Bormann mag nützlicher gewesen sein, Goebbels intelligenter, Himmler lange Zeit gehorsamer, Vertrauter (und wie unendlich relativ, man wird es sehen, muß das Wort genommen werden!), vertrauter war wohl keiner.
Wird dies alles vorausgestellt und akzeptiert, wie es akzeptiert werden muß, dann verdient in Speers Nachzüglermemoiren nicht der Verfasser jene übertriebene Aufmerksamkeit, die die Kommentatoren seit Wochen dem ungeschulten Publikum abverlangen. Dann ist die Hauptfigur dieses Buches wirklich Adolf Hitler.
Albert Speers Leben war seltsam, gewiß, so seltsam wie die Zeit, in die es hineingeworfen worden war. Aber es gibt keine besonderen Rätsel auf. Hier war ein junger Baumeister, der das hatte, was Fridericus Rex von seinen Generälen einst erwartete, nämlich fortune, weswegen allein die Nachwelt von ihnen redet. Nicht große Leistungen (er hatte noch kein einziges Haus gebaut), nicht lange Parteilaufbahn (er war Mitläufer von 1931 wie Hermann Höcherl) lenkten Hitlers Blicke auf Speer. Nein, er stand gerade am Wege, hatte das Berliner Gauhaus und die Goebbelssche Dienstwohnung umgebaut, und dann kam, wie so oft, eines zum anderen. Troosts Tod machte ihn 1934 zum Chefarchitekten, zum Chefdekorateur, wie er selbst sagt, Todts Tod 1942 zum Minister.
Kein Zweifel, er war tüchtig. Er traf Hitlers Geschmack, er verstand sich aufs Organisieren. Aber was ist so Besonderes daran, daß wir nun alle sein Gewissen erforschen sollen und fragen: Wie konnte er? Hunderttausende hätten es ihm, bei gleicher fortune, gleichgetan. Was denn kann einem unbekannten Architekten Reizvolleres passieren, als den Mächtigsten im Lande zum Bauherrn zu haben?
Auch als Rüstungsminister, keine Frage, war er tüchtig, aber doch auch wieder so besonders nicht, wie unsere Tageshistoriker uns einblasen, denen Gesichter aus Fleisch und Blut allemal interessanter sind als die kalten Fakten der großen Politik. Speer wurde Rüstungsminister, als das Reich zum ersten Mal ernsthaft rüstete. Das Konzept der lokalisierten Einzelkampagnen, von denen man drinnen wie draußen möglichst wenig merken sollte, war im Schnee vor Moskau zuschanden geworden. Nun erst begann der große und ein Jahr später totale Krieg. Speer war zur Stelle und der Erfolg, für drei elende Jahre, auch.
Speer hatte, sagen wir es noch einmal, fortune, wieder und wieder. Er war, und das gehört auch dazu, everybody's darling: Hitlers Lieblingsarchitekt, seit 1942 sein Lieblingsminister, in Nürnberg der Lieblingsangeklagte und heute der Lieblingsspätheimkehrer der westdeutschen Gesellschaft.
Alle mochten ihn, den jungen, unkomplizierten Praktiker mit dem Flair eines Intellektuellen, sogar, was gar nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, die Leute vom 20. Juli, die seinen Namen auf eine ihrer Ministerlisten setzten. Am meisten mochte ihn Hitler, der in dem strahlenden Baumeister das sah, was ihm, dem Führer, seine Mission verwehrte. Speer sabotierte am Ende Hitlers Zerstörungsbefehle, doch er erfuhr nur nachsichtigen Tadel: Sie sind, so sprach der Führer, überarbeitet, Sie sollten auf Urlaub gehen.
Niemand darf spotten über einen Mann, der, als er vierzig war, ins Gefängnis mußte und mit sechzig wieder herauskam. Welches Los, auch wenn von den 55 Millionen Kriegstoten manche lieber so wie er davongekommen wären. Man muß die Kraft bewundern, mit der er diese Jahrzehnte der Haft durchstand, ohne Bitterkeit und mit dem Gefühl, für etwas damit zu zahlen, an dem andere weit schuldiger waren als er. Aber auch darin hatte er noch einmal fortune. Er mußte seine Memoiren nicht ins Ungewisse schreiben. Er hatte zwanzig Jahre Zeit zur Reflexion, zu einer, unbestritten, höchst ehrenwerten Reflexion. Er konnte sich auf ein Buch stützen, das bereits über ihn veröffentlicht worden war. Er hatte historische Berater zur Seite (die ihm, nebenbei gesagt, ein paar ärgerliche Schnitzer hätten ausstreichen und für ein zuverlässigeres Register hätten sorgen sollen).
Die Historiker, meint Speer, schenkten heute seinem Rüstungsministerium mehr Aufmerksamkeit als seinen Bauplänen. Das ist erklärlich und wird doch für sein Buch nicht gelten. Was Speer dort über seinen "Kriegsdienst" schreibt, ist monoton und vor allem längst erforscht. Neues vermitteln die Kapitel über die Bauten und Kulissen, die er dem Regime errichtete, und noch mehr über die nicht ausgeführten Projekte. Noch nach Jahrhunderten und gar Jahrtausenden sollten sie von ihrem Bauherrn künden. Speer begriff das und entwickelte eigens ein Spezialrezept, welches er "Theorie vom Ruinenwert" benannte. Es besagte, daß die Bauten auch im Verfallszustand (ein paar Jahre später konnte man ihn in Nürnberg schon sehen) noch imponieren und nicht etwa durch Rost entstellt sein sollten. So schichtete man, die fernste Nachwelt fest Im Auge, Quader auf Quader und vermied, wo Irgend möglich, Eisenbetonkonstruktionen. Das Detail gibt einen Hauch von Hitlers Epigonenziel, noch einmal ein großes Reich auf dieser Erde zu errichten.
All dies, wohlgemerkt, und das will Speer nicht begriffen haben, bevor der Bau des Reiches, das heißt der neue Krieg, überhaupt erst begonnen hatte. Es war 1936, da gab Hitler seinem Baumeister zwei Skizzen eines Triumphbogens, mehr als doppelt so hoch wie der Napoleonische in Paris, und sagte, das werde ein würdiges Denkmal für die Toten von 1914-18 werden; aber erst heute wirkt es auf Speer "eher unheimlich", daß Hitler mitten im Frieden Pläne zu verwirklichen begann, "die nur in Verbindung mit kriegerisch hegemonialen Herrschaftsansprüchen gesehen werden konnten". Ob oder ob nicht Speer damals sah, was nur so gesehen werden konnte, ist relativ unerheblich. Weitaus erheblicher ist, was Hitler zu seinen Skizzen noch sagte, nämlich: "Diese Zeichnungen machte ich vor zehn Jahren. Ich habe sie immer aufgehoben, da ich nie daran zweifelte, daß ich sie eines Tages bauen werde."
Das ist nun mehr als ein Hauch vom wahren Hitler. Die Skizzen stammen von 1925, und das war exakt die Zeit, als Hitler auch die Skizzierung seiner Kriegs- und Bündnispläne abgeschlossen hatte: Bündnis mit Italien und England, darauf Vorkrieg gegen Frankreich und dann Lebensraumkrieg gegen Rußland. Die Einsicht, daß er zugleich auch schon den dazugehörigen Triumphbogen entwarf, verdanken wir Speers Erinnerungen.
Die Kriegspläne verkündete Hitler bald darauf, 1925 und 1927, der Öffentlichkeit in jenem Buch, in dem alles steht, was dieser Mann über die Welt bringen sollte. Speer macht keine Ausnahme, daß er es nicht las. Verwunderlicher nur und doch wahrscheinlich ganz wahr, daß der, wenn überhaupt einer, enge Freund es auch auf andere Weise nicht erfuhr.
Als der Krieg begonnen worden war, brachte Speer ein erstes Opfer. "Obwohl In diesen Tagen die Durchführung meines Lebenswerkes verspielt wurde" (Speer irrt natürlich: jetzt wurden, ganz im Gegenteil, erst die Voraussetzungen dafür geschaffen), "glaubte ich", so schreibt er, "daß die Lösung nationaler Fragen den Vorrang vor persönlichen Interessen haben müsse." Er stellte seinen inzwischen stark angewachsenen Baustab für Zwecke der Kriegführung zur Verfügung. Hitler indessen, als er davon erfuhr, verbot die Eigenmächtigkeit und befahl, weiterzubauen.
Für Speer ist das noch heute ein Zeichen, "wie unrealistisch und doppelgleisig Hitler dachte". Er versteht noch immer nicht, daß wiederum das genaue Gegenteil zutrifft und daß Hitler alles Interesse hatte, den Krieg als vorübergehenden Feldzug erscheinen zu lassen, Nur mit kleinen, kurzen Schlägen (das war der politische Sinn der Blitztaktik), nicht im Großmächtekrieg, konnte er mit seinem mittelschwachen Staat ein Weltreich erschwindeln.
So denn sah die Vertrautheit dieser, wenn überhaupt, Freunde aus. So aber auch die noch Immer unpolitische Naivität (obwohl er, ja doch" dazugelernt hat) dieses Architekten, der zwei Seiten zuvor schreibt, daß Hitler anfangs einen Seekrieg gegen die Westmächte nicht wünschte, und der sich keinen Vers darauf machen kann.
Wann denn sah er ihn aber auch, der beinahe sein Freund gewesen wäre? Beim Baupläneschmieden, gewiß. Und wann sonst noch? Die Antwort ist so banal wie erschöpfend: beim und nach dem Essen. Hitler liebte es seit jeher, in Gesellschaft zu speisen. Diese Gesellschaft, Ersatz für eine Familie, die er ja nicht hatte, war nie die society mit dem großen S. Selten auch gehörten die kraftstrotzenden Paladine dazu. Am liebsten aß und saß er mit jenem Stab, in dem er vertraulichrespektvoll der Chef genannt wurde, mit Adjutanten, Sekretärinnen und Chauffeuren, mit Bormann und Eva Braun, früher hätte man gesagt. mit den Hofschranzen. Von Politik wurde da nur am Rande gesprochen, nie von den großen Plänen und beileibe nicht von dem Blute, das draußen floß. Hier war der Diktator charmant, legte bisweilen den Damen höchstselbst ein Stück Kuchen nach und traktierte endlos Themen wie vegetarische Ernährung, römische Geschichte, Operetten auch und immer wieder das Traumland, die Baukunst.
Zu dieser Tischgesellschaft gehörten nur wenige die ganzen zwölf Jahre hindurch. Einer davon war Albert Speer, und als einziger hat er diesen Hitler, wie wenige ihn kannten, intelligent beschrieben, Seite um Seite füllt er sein Buch mit immer den gleichen Szenen. Nur der Schauplatz wechselte. Anfangs war er oft im Münchner Künstlerrestaurant "Osteria Bavaria" oder im Café Heck, natürlich auch in der Reichskanzlei und auf dem Obersalzberg, später in den immer gleichen Führerhauptquartieren im Walde.
Viel zu sehen und tief zu blicken gab es nicht dabei. Doch für das wenige war Speer ein guter Beobachter. Anschaulich weiß er die Räume und das Mobiliar zu beschreiben, lebhaft erinnert er sich der Personen. Eva Braun etwa, Hitlers armes "Tschapperl", über das so viel Unsinn gefaselt wird, weil man so wenig davon weiß, ist nirgends authentischer, und übrigens sympathischer, porträtiert. Im ganzen indes war es eine erbärmliche Geselligkeit, und Speer, der Sohn aus gutem Hause, hat es mehr als einmal gespürt. "Ich hatte Mitleid mit ihm", schreibt er; "seine Versuche, Wärme auszustrahlen, um sie zu empfangen, blieben in den ersten Anfängen stecken."
Der Charme war am Ende doch nur die durchsichtige Maske einer menschlichen Armseligkeit ohne Grenzen, und in sein Herz, sagen wir besser: in sein Inneres, ließ Hitler auch Freund Speer nicht blicken. Was darin vorging, welche Großreichs- und Vernichtungspläne da brüteten und Stück nach Stück in eiserner Konsequenz ausschlüpften, das erschließt sich nur, dann allerding. glasklar, dem geduldigen Puzzlespieler, der das Mosaik Hitler Papier um Papier, Tat um Tat zusammenfügt. In Albert Speers Erinnerungen spürt man davon, alles in allem, nur einen Hauch.

DER SPIEGEL 44/1969
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