27.10.1969

PERSONALIENGünter Saree, Ernst Majonica, Franz Josef Strauß, Erich Mende, Pjotr Abrassimow, Klaus Schütz

Günter Saree, 29, Münchner Maler, bescherte Kölner Bürgern "einen neuen gedanklichen Freiheitsraum" (Saree). Am vorletzten Mittwoch spazierte der Künstler, der sich selbst einen "Veranlasser" nennt, mit zwei aus Gummi-Badematten und Schaumstoff gefertigten Stempel-Schuhen zwischen 7 Uhr und 8.30 Uhr fünf Kilometer "in einem offengelassenen Kreis" durch die Kölner Innenstadt, mit jedem Fußtritt das Bindewort "und" hinterlassend. Saree hatte sich zwei zusammengekoppelte, von der Universitätsklinik München ausrangierte Behälter für Traubenzuckerinfusionen auf den Rücken geschnallt, sie mit elf Litern witterungsbeständiger Latex-Dispersionsfarbe (Preis pro Kilo: 3,65 Mark) gefüllt und die Farbe mit Hilfe zweier durch die Hosenbeine geführten Schläuche in die Stempel-Schuhe fließen lassen. Der "Veranlasser", der in seinem stereotypen Spaziergang einen "Einbruch in die wohlgestaltete Welt der Stadt Köln" sieht, über den Sinn seines Straßen-Happenings: "Passanten, die meiner Spur folgen, können durch Assoziationen nachvollziehen, was mein Denken und mich während meines Spaziergangs bewegt hat. Denn der Spur eines Unbekannten zu begegnen schafft die Möglichkeit, anders zu denken, als man bisher gedacht hat."
Ernst Majonica, 48, CDU-MdB und passionierter Erzähler schwacher Witze, beriet die neue Regierung in der Deutschlandpolitik. Als der Christdemokrat vergangenen Dienstag in der Lobby des Bundeshauses FDP-Chef Walter Scheel und FDP-Innenminister Hans-Dietrich Genscher traf, erkundigte sich Genscher: "Was gibt"s denn Neues, Herr Majonica?" Der Abgeordnete: "Etwas ganz Hartes." Genscher bat: "Na, dann erzählen Sie doch mal." Zu Scheel gewandt, sagte Majonica: "Wissen Sie, daß Sie ein untrügliches Mittel in der Hand haben, die DDR an den Rand des Abgrunds zu bringen?" Scheel: "Nein." Darauf Majonica: "Sie schreiben DDR in Zukunft nur mit drei Punkten -- wie F. D. P."
Franz Josef Strauß, 54, CSU-MdB, praktiziert als Neuling in der Opposition in Bonn neuen politischen Stil. Der Ex-Minister unterließ es, nach der Kanzlerwahl im Parlament Willy Brandt zu gratulieren und lehnte es auch ab, sein Finanzministerium an Nachfolger Alex Möller zu übergeben. Erklärungen zum Benehmen seines Herrn gibt Marcel Hepp" Mitherausgeber des CSU-Organs "Bayernkurier" und Straußens Sprachrohr in München. Der Vertraute des CSU-Chefs versichert, Glückwünsche für einen neuen Kanzler hätten "mit Sportlichkeit und anderen fairen Dingen nicht viel zu tun". Hepp weiter: "Wer den Wahlkampf wie Brandt geführt hat, kann nicht damit rechnen, noch Glückwünsche zu erhalten." Eine persönliche Amtsübergabe von Strauß an Möller schließlich hält der Bayer für "nicht nötig". Überdies -- so Hepp, der im letzten "Bayernkurier" private Enthüllungen über SPD-Minister androhte -- wolle Strauß sich nicht allzusehr in die Nähe eines Mannes begeben, der "sowieso bald im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik stehen wird".
Erich Mende, 52, Investment-Vertreter" will seine Entscheidung bei der Kanzlerwahl nicht preisgeben. Der Ex-FDP-Chef, der wiederholt versichert hatte, er könne "aus Gewissensgründen" seine Stimme nicht Willy Brandt geben" erklärt jetzt: "Ich habe so gewählt, wie es im Grundgesetz steht: geheim." Seine Diskretion begründet Mende: "Wenn ich jetzt mitteile, wie ich gewählt habe, sagen die einen: Aha" der Mende ist umgefallen, und die anderen schimpfen: Verräter." Doch eines Tages will der Freidemokrat sein Wahl-Geheimnis lüften: "Ich hebe mir das für meine Memoiren auf, sonst werde ich sie später nicht mehr los."
Pjotr Abrassimow, 57 (r. Bild l.), Sowjet-Botschafter in der DDR, führte den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, 43 (r.), durch eine sowjetische Photoausstellung im West-Berliner Europa-Center. Nach einem zweistündigen Polit-Gespräch im Privathaus von Schütz waren Gastgeber und Gast zur Galerie Jule Hammer gefahren, wo die Moskauer Presseagentur Nowosti unter dem Thema "Die Sowjet-Union mit den Augen ihrer besten Bildreporter" 340 Pressephotos zeigt. Nachdem Schütz und Abrassimow sich mit russischem Wodka zugeprostet hatten, fragte der Sowjet-Botschafter den Galeristen Hammer, welches Photo er für das schönste halte. Hammer zog die Besucher hinter sich her um eine Ecke und wies auf das Bild einer Sauna mit sechs jungen. nackten Russinnen (linkes Photo). Hammer erklärte dem Diplomaten seine Wahl: "Ich meine das im Sinne knackfrischer Äpfel." Darauf Abrassimow: "Ich bin aber schon verheiratet." Schütz lächelte zu diesem Dialog nur, wählte aber wenig später als Gastgeschenk ein Farbphoto von frischen Orangen in einer Kristallschale aus.

DER SPIEGEL 44/1969
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