13.10.1969

LEHRER / LEHRVERBOTFast brutal

Mit einer "Modernisierung der Unterrichtsmethoden und -techniken" gedenkt das hessische Kultusministerium laut Werbeschrift Nr. 2/1969 die bildungspolitische "Schwelle zur Zukunft" zu überschreiten.
Doch die Bildungsbürokraten stolperten schon zweimal über dasselbe Hindernis -- über den Studienassessor Heinz Günter Lüdde, 33. Seine Lehrmethoden erscheinen selbst im sogenannten Bildungsmusterland derart fortschrittlich, daß Darmstadts Regierungspräsident Hartmut Wierscher dem Assessor Ende September wegen "pädagogischen Fehlverhaltens" und verfrühter Sexual-Aufklärung zum zweitenmal innerhalb von zwölf Monaten das Lehrverhältnis auf kündigte.
Der Ärger mit dem links-engagierten Lüdde begann letzten herbst im Hessenstädtchen Heusenstamm. Lüdde, damals kurze Zeit im Dienst, hatte seiner Gymnasial-Klasse 25 abgezählte Flugblätter mit antiklerikalem Inhalt ("Laßt euch nicht weiter religiös manipulieren") verteilt. Der empörte Klerus setzte Lüddes Vorgesetzte unter Druck. Bereits am nächstfolgenden Schultag war der Pädagoge vorläufig suspendiert. Hessens SPD-Kultusminister Professor Ernst Schütte zauderte drei Monate lang; dann hob er die Darmstädter Verfügung auf: Es war Lüdde nicht zu widerlegen, daß er die Flugschrift als Diskussionsgrundlage im Unterricht verwerten wollte (SPIEGEL 4/1969).
Dem Lehrer Lüdde wurde von Schütte eine "faire Chance" zugebilligt: An der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt durfte er zwar wieder unterrichten, doch gegen den revolutionären Überschwang des Neuzugängers hatte sich der Personalrat des Büchner-Gymnasiums durch eine Wohlverhaltens-Klausel abgesichert, Ein Verbleiben Lüddes, eines der 62 Gründungsmitglieder des Sozialistischen Lehrerbundes, sollte erst nach einer längeren Bewährungsfrist möglich sein.
Aber Lüddes Unterrichtskonzept, das sich mehr an Minister Schüttes Zukunftsplänen orientiert als am Biedersinn älterer Kollegen, verunsicherte alsbald den neuen Schulchef: Dr. Ekkehard Born berichtete bereits nach "drei Monaten Initiationsritualen" (Lüdde) der Schulaufsicht: Lüdde sehe "offensichtlich seine Aufgabe und die Aufgabe eines Lehrers in seiner Position überhaupt wesentlich darin,
* Bei einer Pro-Lüdde-Demonstration.
tatkräftig für eine möglichst weitgehende (womöglich totale?) Enttabuisierung zu wirken".
Regierungspräsident Wierscher, der etwa fünf Kilometer von der Georg-Büchner-Schule entfernt in Nieder Ramstadt wohnt, fand zwei Tatbestände, die er neben ausführlicher Würdigung der längst ausgestandenen Heusenstamm-Affäre zur Begründung des Lehrverbots heranzog. Lüdde habe
* im Sozialkundeunterricht 14- bis 15jährige in einem Fragebogen unter anderem befragt, ob sie in ihrem Alter schon "praktische Intimbeziehungen zum anderen Geschlecht" haben wollten; eine Schüler-Antwort: "Früh übt sich, wer ein Meister werden will";
* im Deutschunterricht mit 15- bis 16jährigen die Prosaerzählung "Ein Liebesversuch" von Alexander Kluge über unmenschliche Praktiken in den Kz des Dritten Reiches behandelt und den Text als Hausarbeit in eine dem Hörspiel gemäße Dialogform bringen lassen.
Präsident Wierscher rügte wegen der bei Kluge "im Mittelpunkt stehenden sexuellen Problematik" einen "in keiner Hinsicht gerechtfertigten, fast brutal anmutenden Zwang auf die Schüler". Zudem sei es "eine Zumutung", so Wierschers Vize Hans Viktor Bach, "daß sich junge Menschen im Alter von 15 und 16 Jahren in die Verhältnisse eines Konzentrationslagers hineindenken sollen und auch in die Psyche mehr oder weniger schwuler SS-Leute, die, vor den Gucklöchern stehend, das Verhalten von zwei sterilisierten Juden beobachten".
Darmstadts Schüler und auch zahlreiche Eltern empfanden ihrerseits die dürftig begründete Kündigung des Assessors als Zumutung: Schulstreiks und Demonstrationen erschütterten prompt die ruhige Musenstadt.
Nach einem der Streiks griff Lüddes Ex-Chef Born zur bewährten Vergeltungswaffe der Pädagogen: In blauen Briefen drohte er den Eltern von 200 Schülern mit der Möglichkeit eines Schulverweises ihrer Sprößlinge, falls keine ausreichenden Entschuldigungen vorgebracht würden.
Der inzwischen auf arbeitsrechtliche Fragen spezialisierte Lüdde legte fristgerecht Widerspruch gegen die Kündigung ein. Nach der "Anhörung des Widerspruchverfahrens" will Hessens Kultusminister Schütte nun in dieser Woche entscheiden" ob der Hinauswurf berechtigt war, ob die Kündigung aufzuheben oder ob ein Untersuchungsverfahren einzuleiten ist.
Rechtzeitig zur Schütte-Entscheidung gaben auch Darmstadts Hochschul-Pädagogen ihre wissenschaftliche Zurückhaltung auf. Pädagogik-Professor Hans-Jochen Gamm ließ "im Einverständnis mit dem Rektor" der Hochschule erklären: "Solange das Beamtenrecht so ausgelegt wird, daß überkommene und überfällige Ideologien ... zur Disziplinierung jüngerer Beamter durch ältere verwendet werden, sehen wir die Reformentwicklung der Schule aufs höchste bedroht."

DER SPIEGEL 42/1969
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