13.10.1969

KRIEGSVERBRECHEN / MOLINARI

Dabei oder nicht?

Mit frommen Liedern und Gebeten zogen die Pilger aus den Walddörfern der Ardennen nach Les Hauts Buttös, zur Wallfahrtskirche des Heiligen Antonius von Padua.

Ein schauriges Bild entsetzte die Wallfahrer: Vor der Kirche lagen etwa 30 ihrer Landsleute bäuchlings auf dem Pflaster, von Deutschen gefangen, die Hände mit Drahtschlingen und Fallschirmschnur auf dem Rücken gefesselt.

Am Straßenrand standen deutsche Panzersoldaten. Ihr Kommandeur hieß Karl-Theodor Molinari -- damals Major, heute Zwei-Sterne-General und Befehlshaber im Bundeswehrbereich IV zu Mainz.

Es war der Todestag des Heiligen Antonius, Beschützer der Liebenden und Helfer gegen teuflische Mächte: 13. Juni 1944, der siebente Tag nach Beginn der alliierten Invasion an der Kanalküste.

Am Abend peitschten Salven deutscher Pelotons aus dem Wald der Manises über das Plateau von Hauts Buttés. Insgesamt 106 französische Partisanen starben unter einem mächtigen Baum, den die Waldbauern Père des Chênes, Vater der Eichen, nennen. Einige der Gefesselten vom Kirchplatz blieben vom Gemetzel verschont. Aber Molinaris Panzermänner waren dabei.

Fast sieben Jahre später, am 5. April 1951, nannte "L'Ardennais", das Regionalblatt des Ardennen-Departements, "die beiden Hauptverantwortlichen für dieses scheußliche Massaker: Oberst Grabowski, 1944 Feldkommandant in Charleville, und Major Molinari".

Außerdem: "Das Erschießungskommando wurde von Hauptmann Arendt kommandiert", dem Chef der 2. Kompanie in Molinaris Panzerabteilung.

Doch Kompaniechef Arendt war am 1. Mai 1945 an der Ostfront gefallen. Ein Panzerkamerad aus der Abteilung Molinaris: "Vielleicht ist es ganz gut, daß Arendt nicht heimgekehrt ist."

Grabowski und Molinari hingegen wurden am 13. April 1951 vom französischen Militärtribunal in Metz -- nach fünf Minuten Beratung -- in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Allerdings, solch ein Verdikt per Schnellverfahren bedeutet im französischen Strafprozeß kaum mehr als ein Fahndungsersuchen. Gegen Angeklagte in Abwesenheit wird, ohne Zeugen zu hören und Beweise zu würdigen, stets auf die Höchststrafe erkannt. Nach Festnahme der Verurteilten muß von Anfang an aufs neue ermittelt werden.

Molinari blieb frei: "Ich habe von diesem Todesurteil damals überhaupt nichts gehört. Offizielles weiß ich heute noch nicht."

Ungestört betrieb er ein Sägewerk in der Eifel. Schon früh eingeschriebener Unionschrist, ließ er sich 1952 von Christ- und Freidemokraten zum Landrat des Eifel-Kreises Schleiden, von seinen Parteifreunden zum Kreisvorsitzenden wählen. Das Vaterunser beschloß den Wahlakt.

Holzwirtschaft und Kommunalpolitik befriedigten Molinari nicht. Im Januar 1956 wurde der passionierte Jäger wieder Soldat. Noch im gleichen Jahr gründete der CDU-Landrat a. D. und reaktivierte Major den Deutschen Bundeswehrverband. Sein Name (Spitzname: "Bundes-Molli") stand in den Zeitungen. Kurz darauf bekam das Bonner Verteidigungsministerium Wind vom hundertfachen Partisanentod in den Ardennen.

Die Sicherheitsfunktionäre der Bundeswehr beantragten am 7. Februar 1957 bei alliierten Vergangenheits-Forschern in Mehlem/Bonn, das Vorleben Molinaris zu prüfen. Innen-Staatssekretär Karl Gumbel, der erste Bundeswehr-Personalchef: "Seinerzeit ergaben sich hier und da Aufklärungsbedürfnisse."

Die Alliierten, einschließlich der Franzosen, reagierten schon am 20. Februar mit günstigem Bescheid: Unter dem Geheimhaltungsgrad "Confidential" (Vertraulich) bezeugten die Mehlemer Durchleuchter: "Eine Nachprüfung hat ergeben, daß die oben angeführte Person (Karl-Theodor Molinari, geboren am 7. Februar 1915) in keiner Kriegsverbrecherliste aufgeführt war oder ist."

Dazu Gumbel: "Molinari war doch vorher gewählter Landrat. Da wäre es doch sehr verwunderlich gewesen, daß er ungeschoren blieb, wenn wirklich etwas vorgelegen hätte. Da war nix."

Gumbel holte den rechtgläubigen Parteibruder in die Personalabteilung nach Bonn-Duisdorf und beförderte ihn zum Brigadier. Als sittenstrenger Verwalter der Personaldossiers des Heeres zog sich Molinari einen neuen Spitznamen zu: "Abt von Duisdorf".

Frankreichs Strafverfolger hielten unterdessen still. Dreimal wallfahrte der fromme CDU-Offizier im bunten Bundesrock mit Ritterkreuz an der Ordensschnalle ins südfranzösische Lourdes, an die wunderspendende Quelle der Bernadette Soubirous. Kein Staatsanwalt, kein Gendarm behelligten ihn. Molinari: "Ich bin in Frankreich immer mit allen militärischen Ehren empfangen worden."

Die deutsche Strafjustiz dagegen darf gemäß den Pariser Verträgen von 1954 heute noch nicht nach Kriegsverbrechern greifen, mit denen sich die Franzosen bereits befaßt haben. Die westdeutsche Zentralstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg unternahm denn auch nichts, als ihr 1966 das Todesurteil gegen einen "Karl Molinari" auf den Tisch kam.

Bei den Franzosen weckte ein Zufall neues Interesse am Blutbad im Wald der Manises. Der französische Altkommunist Marcel Noiret, Gemeindesekretär im Ardennen-Städtchen Vivier-au-Court, wo Panzermajor Molinari 1944 einquartiert war, besuchte Ende August dieses Jahres den thüringischen Kurort Thambach-Diethartz. In der DDR-Patenstadt von Vivier-au-Court fand er ein SED-Pamphlet, in dem ein Bundeswehr-General namens Molinari als Scharfmacher der tschechischen "Konterrevolution" figuriert.

Anhand des DDR-"Braunbuchs" über "Kriegs- und Naziverbrecher" identifizierte Noiret jenen General-Provokateur als den "Mörder von Menises".

Gleich nach Kriegsende hatte Noiret "am Ort der Tragödie feierlich geschworen", er werde "nicht ruhen noch rasten, bis die Verantwortlichen bestraft sind". Nun, Mitte vergangenen Monats, meldete er dem französischen Staatspräsidenten Pompidou, er habe den "Nazi-Kriegsverbrecher Molinari, der das Blut von 106 Maquisards auf dem Gewissen hat, wiedergefunden".

Alsbald appellierte die "Vereinigung der Widerstandskämpfer in den Ardennen" an Pompidou, der Präsident möge von Bonn die Auslieferung Molinaris verlangen.

Kein Zweifel, die französischen Resistenzier sind von Molinaris Schuld felsenfest überzeugt. In Wahrheit aber nimmt sich der Sachverhalt vielschichtiger aus.

Sicher ist: Oberst Grabowski -- zur Tatzeit Feldkommandant in Charleville, 1964 in Hannover gestorben -- befahl der Panzerabteilung Molinari am 11. Juni 1944, den Wald der Manises zwischen Maas und belgischer Grenze von Partisanen zu säubern. Molinaris Panzersoldaten brauchten zwei Tage für die Aktion, bei der sie -- gemeinsam mit je einem Bataillon Grenadiere und Waffen-SS -- mehr als hundert Partisanen fingen und fünf Tonnen Waffen, Gerät und Munition erbeuteten.

Nach dem Kesseltreiben befahl Grabowski dem Abteilungskommandeur Molinari, ausschließlich "für Gefangenenbewachung und Gefangenentransport zwei Offiziere und einige Unteroffiziere und Mannschaften abzustellen". Der Panzermajor bestimmte dazu die Kompanie des Hauptmanns Arendt.

Molinari heute: "Ich konnte mir nicht vorstellen, daß die Gefangenen, lauter junge Leute, erschossen werden sollten. Ich glaubte, sie kämen in ein Lager."

Und: "Wenn ich vom Erschießen etwas geahnt haben würde, das hätte mich seelisch sehr berührt."

Grabowski jedoch befahl damals, die Partisanen laut Hitlers Weisung Nr. 46 vom 18. Oktober 1942 "bis zum letzten Mann niederzumachen".

Vor dem Abtransport zur Richtstätte mußten die Gefangenen Spießruten laufen; deutsche Soldaten prügelten mit Gewehrkolben und Knüppeln auf sie ein. "Einer, der zu fliehen suchte, wurde so geschlagen, daß er nicht mehr erschossen zu werden brauchte", erinnert sich Madame Deschamps, deren Gemüsegarten als Gefangenen-Sammelstelle diente,

Die anderen schaufelten unter dem Père des Chênes ihre Gräber aus, 17 Gruben für 106 Todeskandidaten. Die Deutschen füsilierten sie mit Karabinern und Maschinenpistolen.

Ein Überlebender, der Förster Robert Avenière, bekundet: "Beim Prügeln und beim Schießen habe ich Männer in schwarzer Panzeruniform gesehen" -- Soldaten der Kompanie aus Molinaris Abteilung.

Nach 27 Stunden meldete sich Arendt bei Molinari zurück, der erst durch das

* Mit Ehemann.

Gerede der Soldaten von der Exekution erfuhr. Arendt bestätigte es ihm. Molinari: "Ich habe ihn nicht gefragt, wer die Leute erschossen hat."

Diese Frage wird die westdeutsche Justiz demnächst klären können. Das Bundesverteidigungsministerium bat am letzten Donnerstag das Außenamt, die Molinari-Akten aus Paris zu beschaffen.

Überdies haben deutsche und französische Diplomaten inzwischen einen Vertrag paraphiert, der die deutschen Strafverfolger von den französischen Vorbehalten der Pariser Verträge befreit. Deutschlands Staatsanwälte dürfen künftig auch solche Kriegsverbrechen aufgreifen, über die in Frankreich schon verhandelt worden ist.

Brigadegeneral Lothar Domröse, Verteidigungssprecher der letzten Ministertage Gerhard Schröders: "Unsere Frage heißt nicht, ob die Partisanenerschießung 1944 ein Kriegsverbrechen ist. Unsere Frage heißt ganz einfach: War Molinari dabei oder nicht?"


DER SPIEGEL 42/1969
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