13.10.1969

MILITÄR / GREEN BERETSSchwarzer Bart

Der Mord geschah methodisch -- wie bei der Mafia.
Zwei Männer schleppten den mit Morphium betäubten Gefangenen an eine einsame Uferstelle. Dort lag, von einem dritten Mann bewacht, ein Stahlblechboot mit Außenbordmotor. Es war kurz nach Mitternacht.
Die drei Männer steuerten das neun Meter lange Boot aufs Meer hinaus. Drei Kilometer vom Ufer entfernt schlug der jüngste der Killer, 27 Jahre alt, dem Betäubten noch einmal den Pistolenknauf über den Kopf, ein anderer richtete den leblosen Körper auf, der Pistolenmann schoß dem Bewußtlosen in den Hinterkopf.
Er hatte Order, zweimal zu schießen, doch der Revolver (Kaliber 7,65, Schalldämpfer) hatte Ladehemmung. Der Schütze entleerte die Waffe, reinigte sie und legte ein neues Magazin ein. Dann feuerte er noch einmal.
Mit einer acht Meter langen Kette und sechs Vorhängeschlössern befestigten die Täter zwei Autofelgen an der Leiche. Dann versenkten sie ihr Opfer ins Meer, das an dieser Stelle etwa 50 Meter tief, haifischverseucht und auf dem Grund verschlammt ist.
Die Leiche verschwand spurlos. Auch mit modernsten Spezialsuchgeräten ausgestattete Tiefseetaucher konnten sie nicht mehr aufspüren.
Die Täter und ihre Hintermänner, insgesamt acht Personen, wurden verhaftet und für drei Wochen in 2,10 mal 1,50 Meter kleine Einzelzellen gesperrt, in denen die Temperatur tagsüber auf über 40 Grad anstieg. "Wir drehen hier durch", schrieb einer der Häftlinge an seine Familie -- aber soweit kam es nicht.
Nach über zwei Monaten Haft marschierten die acht, singend und die Finger zum V-Siegeszeichen gespreizt, frühmorgens aus dem Kerker -- zu einem Gelage mit Dosenbier. Das Verfahren war eingestellt worden.
Denn die Täter gehörten nicht zur Mafia, sie waren Soldaten: Angehörige der amerikanischen "Special Forces", jener "Grünen Teufel", die fast schon Legende waren, bevor sie überhaupt ihre Feuertaufe bestanden. Und ihr Opfer war bloß ein Einheimischer, ein "gook", wie es im US-Landserjargon heißt: der Vietnamese Thai Khac Chuyen.
Obwohl Khac ein olivfarbener Eingeborener und nur eines von ungezählten Opfern der "Green Berets" war, wurde sein Tod zur umstrittensten Affäre in der bisher 17jährigen Geschichte der Special Forces. Den uniformierten Killern wurde sie fast zum Verhängnis, dem Ansehen der amerikanischen Armee schadete sie mehr als alle bisherigen Greuel des Vietnamkrieges.
Die Details des Falles Khac, die monatelang verborgen blieben, verdunkeln das Bild jener Elitekrieger der USA, denen der bisher einzige amerikanische Spielfilm über Vietnam und die "Ballade der Green Berets" gewidmet sind, und in denen John F. Kennedy die "mutigsten Kämpfer für die Freiheit" sah -- über die allerdings schon 1966 einer ihrer Angehörigen schrieb·. "Das ganze war eine verdammte Lüge."
Die Lüge begann 1952 -- als Amerika eine Antwort auf die subversive Strategie der Kommunisten suchte.
Damals erinnerten sich Amerikas Strategen an jene Kommandos des
* Bei ihrer Ankunft in den USA. Mitte: Oberst Rheault, 2. v. r.: Khac-Exekutor Marasco.
OSS -- des US-Geheimdienstes im Zweiten Weltkrieg --, die besonders an den asiatischen Fronten gefochten und unter anderen auch einen vietnamesischen Partisanen namens Ho Tschi-minh mit Worten und Waffen gegen die Japaner unterstützt hatten. Damals stellten amerikanische Strategen die ersten Green-Berets-Einheiten auf -- Stoßtrupps des Kalten Krieges.
Ihren ersten Einsatz erlebte die neue Spezialtruppe für Partisanen-Bekämpfung unter der blauweißen Flagge der Vereinten Nationen: Als "Unpik" (United Nations Partisan Infantry Korea) kämpften die US-Guerillas hinter den feindlichen Linien im Koreakrieg.
Die Anti-Partisanen weckten bald den Neid der Armee: Sie waren ihr zwar offiziell unterstellt, arbeiteten aber bei ihren Operationen weniger mit den Militärs als mit dem Geheimdienst zusammen. 1956 mußten sie auf Geheiß des Heeres sogar ihr traditionsreiches Korps-Abzeichen -- grüne Baskenmütze mit silbernem Trojanischen Pferd -- aufgeben, das erstmals während der Indianer-Kriege des 18. Jahrhunderts von den neuenglischen "Rogers' Rangers" getragen worden war.
Doch John Kennedy gab den Elitekriegern die grünen Mützen wieder. Der Präsident erhöhte die Mannschafts-Stärke der Anti-Partisanen von 1800 auf 9000. Präsidenten-Bruder Robert wollte, wie Kennedys Generalstabschef Maxwell Taylor jüngst enthüllte, sogar 50 000 Grünmützen ausbilden lassen.
Das 500 Quadratkilometer grolle Ausbildungs-Gelände der Guerillas um Fort Bragg (North Carolina) wurde zum Disneyland der Kennedy-Brüder. Sie kamen wiederholt dorthin, um den brutalen Drill zu beobachten, mit dem die Special-Forces-Freiwilligen im perfekten Töten ausgebildet wurden. Eine grüne Mütze am Grab John F. Kennedys in Arlington zeugt heute noch von der seltsamen Freundschaft.
Für die Berets meldeten sich Abenteurer und professionelle Kämpfer aus allen Ländern. Anfangs bestand ein Viertel der Truppe aus osteuropäischen Emigranten, die so schneller zu ihrer Einbürgerung kamen und ihrem Antikommunismus oder gar ihrem Rassismus frönen konnten: "Schickt mir bloß keinen Nigger", hörte Special-Forces-Stabsfeldwebel Donald Duncan einmal von seinem Hauptmann.
Duncan diente sechs Jahre bei den Berets. Er war der bis dahin höchstdekorierte Anti-Partisan. Dann schilderte er -- nach 18 Monaten Vietnam-Einsatz -- in der amerikanischen Links-Zeitschrift "Ramparts" seine Erlebnisse bei den Grünmützen.
In Fort Bragg, so schrieb Duncan, sei ihm eingebleut worden:
* Guerillas dürfen prinzipiell keine Gefangenen machen.
* Freunde in der Bevölkerung eines Operations-Gebietes gewinnt man durch die Liquidierung unpopulärer Beamter.
In einem Spezialkursus lernten die Rekruten auch die Foltermethoden des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes KGB bei Gefangenen-Befragung.
Fragte jemand, ob die Methoden tatsächlich angewandt werden sollten, war die stereotype Antwort: "Offiziell befehlen dürfen wir euch das nicht, da die Mütter Amerikas es nicht gern sehen würden."
Einiges aus der Praxis der Green Berets hatten Amerikas Mütter bereits 1965 aus dem Buch "Die Grünen Teufel" des Autors Robin Moore erfahren, der für seinen Lobgesang zwei Jahre lang in die Uniform der Special Forces geschlüpft war und mit ihnen in Vietnam gedient hatte.
Die Folter-Vernehmung eines Beret-Gefangenen durch den vietnamesischen Hiwi Ngoc schildert Moore so:
"Blitzschnell packte der Sergeant mit seiner linken Hand den Daumen des Mannes und trieb die Nadel unter den Daumennagel des Gefangenen ...
"Der Verhörspezialist griff nach dem Bajonett und trieb die Nadel tiefer ins Fleisch ... Er hielt die Bajonett-Klinge über den purpurnen Nadel-Kopf, schaute den Häftling fragend an und klopfte dann die Nadel mit langsamen Schlägen bis ins Daumengelenk.
"Den Gefangenen verließen die Kräfte. Sein braunes Gesicht war hochrot angelaufen und schweißüberströmt. Die tränenden Augen glänzten irr, als er das Bajonett über den Nagelkopf pendeln und zuschlagen sah. Mit einem scharfen Geräusch durchbohrte die Nadel das Daumengelenk.
"Pfeifend zog der Mann die feuchte Luft in seine Lungen, zitterte, zuckte und stieß nervenzermürbende Schreie aus. Es schien, als hätte Ngoc den Widerstand endgültig zerbrochen."
Die Grünmützen lernten nicht nur foltern, sondern auch Wunden verbinden, im Dschungel überleben, kochen, funken und Stammesdialekte sprechen.
Ihre Grundeinheit ist ein A-Team. Es besteht aus zwölf Mann, darunter Waffen- und Spreng-Experten, Funker, Sanitäter und Spezialisten für psychologische Kriegführung. Ein A-Team soll in der Lage sein, in einem von Partisanen bedrohten Land mindestens tausend einheimische Anti-Guerillas auszubilden und zu führen.
Stationiert sind die Berets denn auch vornehmlich in potentiellen Partisanen-Gebieten. Von den insgesamt knapp 10 000 Angehörigen der Special Forces -- in Gruppen zu je 1800 Mann gegliedert -- stehen
* die 1. Special Forces Group in Okinawa;
* die 5. Special Forces Group in Südvietnam und (inoffiziell) in Laos;
* die 8. Special Forces Group in der Panamakanal-Zone;
* die 10. Special Forces Group zum Teil in Fort Devens, Massachusetts, zum anderen Teil (250 Mann) in Bad Tölz, Bayern;
* die 46. Kompanie in Thailand;
* die 3., 6. und 7. Special Forces Group im Hauptquartier Fort Bragg.
Im Fronteinsatz sind die Gruppen in Panama und Fernost. Die Panama-Sektion bereitete schon 1965 zusammen mit dem Geheimdienst CIA die US-Intervention gegen die Links-Regierung Bosch in der Dominikanischen Republik vor. Green Berets sprangen als Vorhut der Invasions-Truppe ab.
Der Panama-Gruppe gelang der bisher erfolgreichste Handstreich in der Geschichte der Special Forces: die Liquidierung des lateinamerikanischen Guerilla-Idols Ernesto "Che" Guevara.
Anfang 1967 hatte der US-Botschafter in La Paz, Douglas Henderson, Washington mit der Meldung geschockt, ein für die bolivianischen Regierungstruppen verlustreiches Scharmützel gehe auf das Konto des einstigen Castro-Kameraden Guevara.
Nach einer Konferenz im Pentagon wurde die 8. Special Forces Group alarmiert. Am 27. März flogen ihr Kommandeur, Oberstleutnant Redmond E. ("Red") Weber, und sein Major Ralph W. ("Pappy") Shelton nach Bolivien; später folgten 16 weitere ausgesuchte Berets.
In 19 Wochen bildeten die Amerikaner 600 Quechua-Indios zum Ersten bolivianischen Ranger-Bataillon aus. Shelton selbst heftete jedem der roten Rangers ihr Abzeichen, einen silbernen Kondor, an die Brust. Dann marschierten sie unter seinem Kommando in den Dschungel.
Schon nach drei Wochen stellten sie Ches Trupp und nahmen Guevara verwundet gefangen. Nach eingehendem Verhör durch CIA-Spezialisten erschoß ihn ein bolivianischer Sergeant auf persönlichen Befehl seines Oberkommandierenden (und heutigen Präsidenten) Ovando Candia.
Washingtons Experten kehrten ebenso heimlich nach Panama zurück, wie sie ins Land gekommen waren. Boliviens Regierung bestreitet die US-Intervention noch heute. Aber General Alger, der von Panama aus die Che-Operation überwacht hatte, stieg zum Vorsitzenden des Interamerikanischen Verteidigungsrates auf. Major Shelton, der Exekutor der Operation, erhielt die "Joint Service Commendation Medal", einen der höchsten US-Orden für Soldaten in Friedenszeiten.
Santo Domingo und Bolivien waren Einzel-Aktionen, in Vietnam aber kämpfen die Grünmützen seit neun Jahren ununterbrochen.
Die ersten 600 kamen 1960 -- als Hilfstruppe gegen den Vietcong, der damals seinen Kleinkrieg gegen die Saigoner Regierung des Diktators Diem begann.
Die Berets bildeten vietnamesische Ranger aus und organisierten im Hochland eingeborene Miliz-Truppen gegen die Kommunisten. Als Hiwis bevorzugten sie die Montagnards (nichtvietnamesische Bergstämme) und die Nungs (kriegerische Stammesangehörige chinesischen Ursprungs).
Im Lauf der Jahre kamen insgesamt 3000 Spezialkrieger nach Vietnam, ihre Irregulären erreichten eine Stärke von 50 000 Mann.
Von Anfang an war die Berets-Armee in Vietnam ein Staat im Staat. Die Grünmützen kümmerten sich nicht um die Regierung in Saigon und wenig um das US-Oberkommando. Die CIA bezahlte ihre Operationen, ihre kleinen Kriege führten die Berets-Detachements nach eigenem Rezept.
In insgesamt etwa 80 befestigten Lagern auf vietnamesischem Gebiet und einer unbekannten Zahl von Dschungel-Forts im benachbarten Laos herrschten sie, eine Mischung zwischen Warlord und Dorfpascha. über Leben und Tod in ihrem Bereich.
Oftmals paßten sie sich bis zu Lendenschurz und Mätresse ihren Hilf struppen an. Saphier-Ringe, Freundschafts-Halsketten und Kriegsbemalung in Form von Tätowierungen gehörten zum Bild der Berets.
1961 mußte Kennedy seine Schützlinge bremsen, da sie ihren Privatkrieg in Laos bis zur Konfrontation mit den Sowjets geführt hatten. 1963, als sich Washington mit der Diem-Regierung zerstritt, drohten die Berets mit einem Aufstand ihrer Stammes-Krieger gegen Saigon. Ein Jahr später -- Diem war unterdessen beseitigt -- erhob sich der von Berets gedrillte Rhade-Stamm gegen Saigon und metzelte Dutzende von Regierungs-Beamten nieder.
Die Armee-Kameraden neideten den Berets ihren Ruf und ihr Leben außerhalb des Reglements. Als einziger Oberst in Vietnam hat der Kommandeur der 5. Special Forces Group in Nha Trang ein Zwölf-Knöpfe-Telephon mit direktem Draht zum Oberkommandierenden.
Die Berets arbeiteten bei ihren Aktionen mit vergifteten Lebensmitteln, bakteriologischen und chemischen Waffen, mit Sprengstoff oder auch nur mit dem Messer. Zwar überließen sie das Liquidieren Verdächtiger oder Gefangener meist ihren eingeborenen Hiwis; wenn es sein mußte, besorgten sie das schmutzige Geschäft auch selbst.
In einem Berets-Camp im Hochland wurden einmal zwei Verdächtige ohne die üblichen Augenbinden eingeliefert. Beim Verhör stellte sich heraus, daß sie harmlos waren. "Aber wir konnten sie nicht mehr freilassen, denn sie hatten das ganze Lager gesehen", berichtete ein Soldat. So erschossen sechs Mann die beiden -- damit nicht ein einzelner für die Tat zur Verantwortung gezogen werden konnte.
Beliebte Methode beim Liquidieren war das Aussetzen von Delinquenten in einer sogenannten "Free Strike Zone" bei gleichzeitigem Alarm an die Luftwaffe: In diesen Zonen schießen die Flugzeuge auf alles, was sich bewegt.
Niemand kennt die Zahl der Berets-Opfer -- allein 1968 aber wurden 160 angebliche Doppel-Agenten liquidiert.
In diesem Jahr war es genau einer zuviel: der betäubte, erschlagene, erschossene und schließlich im Meer versenkte Khac.
Im ersten Indochinakrieg hatte Thai Khac Chuyen alias Vu Ngoc Nha dem französischen Deuxième Bureau gedient. Dann wechselte er in die südvietnamesische Abwehr über, wo er es zum Hauptmann brachte. Seit 1965 diente er für 500 Mark im Monat dem Detachement B-57 der Berets in Nha Trang (Deckname: "Schwarzer Bart") als einer von 300 vietnamesischen Agenten.
Nebenbei aber versorgte er auch noch die CIA mit Nachrichten und galt -- was die Berets nicht wußten -- als wichtiger Geheimdienst-Berater des Saigoner Präsidenten Thieu.
Im Mai dieses Jahres erbeutete eine Berets-Einheit in einem eroberten Vietcong-Camp in Kambodscha einen unentwickelten Film. Als er in Nha Trang entwickelt wurde, entdeckte Berets-Sergeant Alwin Smith jr. auf einem Bild seinen Agenten Khac im Gespräch mit einem bekannten Mitglied des nordvietnamesischen Geheimdienstes CNC (Cuc Nghien Cuu).
Die Berets zitierten Khac nach Saigon, brachten ihn zunächst in ihr Camp Goodman in der Hauptstadt und flogen ihn dann nach Nha Trang.
Dort ließen die Berets-Offiziere Crew, Middleton, Marasco, Brumley, Williams und Boyle dem Verdächtigen eine zehntägige Sonderbehandlung zuteil werden: Verhöre dritten Grades unter Gebrauch des Wahrheitsserums Sodium Penthotal und eines Lügendetektors. Der zeigte angeblich Reaktion bei den Fragen nach Geheimnisverrat und Kontakten zu den Vietcong.
Den Berets galt als erwiesen, daß sie einen Doppelagenten geschnappt hatten. Sie wandten sich an den Chef der Special Forces, Oberst Robert B. Rheault. Der Oberst, Sohn eines Franco-Kanadiers und Armee-Veteran seit 28 Jahren, kommandierte die Vietnam-Berets erst seit drei Wochen.
Er befahl Benachrichtigung des Geheimdienstes. Die CIA hatte scheinbar zunächst mit Khac nichts vor, später aber kam ein Berets-Bote aus Saigon mit der Nachricht, der Geheimdienst sei offenbar für eine Beseitigung des Vietnamesen.
Für die Berets war es Routine. In der Nacht zum 20. Mai erschoß Hauptmann Marasco den Häftling. Am 21. aber erreichte den Obersten Rheault eine dringende Botschaft: Khac solle unverzüglich freigelassen und wieder in Dienst gestellt werden. Falls das nicht möglich sei, müßten sofort der US-Oberkommandierende Abrams und der US-Botschafter Bunker benachrichtigt werden.
Da Khac schon sein "nasses Begräbnis" -- so einer der Täter -- erhalten hatte, kamen die Berets auf die Idee, einen Türken zu bauen. Rheault meldete Abrams, der Agent sei zu einer äußerst heiklen Mission nach Kambodscha geschickt worden. Um die Story zu erhärten, maskierte sich ein Berets-Angehöriger japanischer Herkunft als Khac und sprang am Fallschirm über Kambodscha ab.
Vielleicht wäre die Khac-Affäre nie geplatzt, wenn nicht dem Sergeanten Smith Bedenken gekommen wären. Er hatte die Hinrichtung des Agenten mißbilligt, wußte aber davon und fürchtete nun als Mitwisser um sein eigenes Leben: Zehn Tage nach dem Mord ersuchte er beim CIA-Residenten in Nha Trang um Asyl vor der "wilden Horde" seiner Kameraden und erzählte -- an einen Lügendetektor angeschlossen -- die ganze Geschichte.
Als General Abrams die Story hörte, ordnete er sofort eine Untersuchung durch das Criminal Investigation Detachment -- das FBI der Armee -- an. Er befahl, den "Schweinestall auszumisten". Der Fall war auch noch hochpolitisch -- Khac galt als zumindest potentieller Bote zwischen den Präsidenten Thieu und der Regierung in Hanoi.
Am 17. Juli verhafteten Militärpolizisten den Oberst Rheault und sieben Mittäter. Als die Verhaftungen durch eine Indiskretion bekannt wurden, verlautbarte die Armee, sie werde gegen Rheault und Komplicen Anklage wegen Mordes und Mordverschwörung erheben.
Die Berets sahen in der Affäre eine Ranküne der Armee und schmiedeten Pläne, die Kameraden gewaltsam aus der Haft zu befreien.
Dazu brauchte es nicht zu kommen. Spitzen-Anwälte reisten aus den Staaten zur Verteidigung der Verhafteten an, fanden, dies sei der "fadenscheinigste Fall", mit dem sich je ein Kriegsgericht zu beschäftigen hatte, und vermißten vor allem die Leiche. Die kam trotz eines tagelangen Großeinsatzes der Marine in der Bucht von Nha Trang nicht mehr zutage.
Die Angehörigen der Verhafteten feuerten Kongreß-Abgeordnete zur Hilfe für die verkannten Helden an. Die Militärlobby im Kongreß klagte über das himmelschreiende Unrecht, das "dem besten Typ von Soldaten, die unser Land je hervorgebracht hat" (Abgeordneter Gallagher), angetan werde. Der Abgeordnete Rodino aus New Jersey nannte die Inhaftierung "eines der hinterhältigsten und grausamsten Verfahren in der Militärgeschichte der Nation", und Gallagher predigte: "Was wir ... diesen tapferen, pflichtbewußten und religiösen Männern antun, tun wir Amerika an."
Rheault selbst schrieb seiner Frau: "Ich habe nichts Unrechtes getan." Der Anwalt Rothblatt erbot sich, 250 Zeugen zum Beweis der Tatsache zu bringen, daß die Eliminierung Khacs eine "normale militärische Operation" gewesen sei.
Berets-Beschreiber Moore befand: "Politischer Mord ist das Geschäft der Green Berets, und sie sind in diesem Fach sehr gut" und bekannte schließlich im Fernsehen, während seiner Berets-Tour in Vietnam selbst einen Doppelagenten umgelegt zu haben.
Vorletzte Woche wurden die Akten der Affäre geschlossen, die nach den Worten des Staranwalts Bailey "der Armee mehr geschadet hat als die kommunistische Tet-Offensive 1968". Der Geheimdienst CIA hatte seinen Beteiligten die Aussage vor Gericht verboten und das Verfahren damit -- mit persönlicher Billigung des Präsidenten Nixon -- unmöglich gemacht.
Rheault und Kameraden erfuhren die Frohbotschaft um drei Uhr morgens und stimmten die "Ballade von den Green Berets" an. Anderntags kehrten sie zu einem vierwöchigen Urlaub in die Heimat zurück. Die Mutter des Mordschützen Marasco empfing ihren Sohn mit den Worten: "Er ist ein Held." Ein Passant klopfte ihm auf die Schulter: "Junge, wir sind alle mit dir."
Der Witwe Khacs, die mit ihren zwei Kindern in einem Saigoner Vorort wohnt, zahlten die Amerikaner als Entschädigung für ihren "bei einem dienstlichen Auftrag vermißten Mann" eine Abfindung von 26 000 Mark.

DER SPIEGEL 42/1969
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