08.09.1969

VIETNAM / HO TSCHI-MINHImmer siegreich

Von den Chinesen hatte er einmal gesagt: "Lieber fünf Jahre lang den Dreck der Franzosen riechen als ein Leben lang den der Chinesen fressen." Nun schickte China seinen Premier Tschou En-lai -- um den Toten zu ehren.
Die Russen hatte er mehr gekostet als irgendein anderer Alliierter. Nun fuhr Rußlands Premier Alexej Kossygin zu seiner Beisetzung.
Tschou und Kossygin, die Genossen, zwischen denen ein Schießkrieg schwelt, reisten zum Sarg eines kleinen, gebrechlichen Greises, der als Führer einer viertklassigen Macht in einem erbarmungslosen Krieg ihren gemeinsamen Feind, die größte Militärmacht aller Zeiten, zur Aufgabe zwang, der einen amerikanischen Präsidenten stürzte und der als Idol der jungen Hälfte der Menschheit eine Bewegung auslöste, deren Folgen noch nicht abzusehen sind.
Unter Dutzenden von Namen machte er ein halbes Jahrhundert lang als Revolutionär in vier Kontinenten Geschichte; unter seinem letzten Pseudonym, als Ho Tschi-minh, zählte er schon zu Lebzeiten zu den Größten dieses Jahrhunderts.
Ho, das war, wie sein Biograph Jean Lacouture schrieb, "halb Gandhi, halb Franziskanermönch", halb Buddha, halb Lenin, ein weise gewordener alter Asiate von unbeugsamer Willenskraft -- nach einem Lebensweg, der abenteuerlicher scheint als die Lebensläufe von Guevara, Malraux und Tito -, ein kommunistischer Kosmopolit und Nationalist von fast religiöser Inbrunst, ein Mann, dem auch feindliche Nachbarn nicht den Respekt versagten, als er letzten Mittwoch im 80. Lebensjahr einem Herzschlag erlag:
"Was auch immer über Ho gesagt wurde", erklärte der von kommunistischen Partisanen bedrohte Malaysia-Premier Tunku Abdul Rahman, "so kann doch nicht bezweifelt werden, daß Ho Tschi-minh einer der großen Männer des Jahrhunderts war."
Indiens neuer Präsident Gin sprach von "einem Verlust für die ganze Welt", und sogar der Laos-Premier Souvanna Phouma, dessen Staat zur Hälfte von Hos Bataillonen besetzt ist, versicherte, sein Land "bedaure den Tod des großen Patrioten".
Am Grabe Hos, zu dessen Tod den Bonner Wahlkämpfern kein Wort einfiel, waren sich selbst der SDS und Springers "Welt" einmal einig. "Revolutionäres Vorbild und Lehrer" nannte ihn der Sozialistische Deutsche Studentenbund in einem Beileidstelegramm nach Hanoi, und die "Welt" leitartikelte würdevoll: "Von ihm darf geschrieben werden, daß er Geschichte gemacht, große Herausforderungen heraufbeschworen, angenommen und bestanden hat."
Und jenes Land, dem der zierliche "Onkel Ho", wie er sich selbst nannte, die unwahrscheinlichste und bitterste Niederlage seiner Geschichte beigebracht hatte, das große, an Vietnam erkrankte Amerika, wurde mit dem toten Gegner ebensowenig fertig wie mit dem lebenden.
"Es ist verdammt schwer, den Leuten beizubringen, daß sie einen Burschen hassen sollen, der aussieht wie ein halbverhungerter Weihnachtsmann", hatte einmal ein US-Psycho-Krieger in Saigon die "Haß-Lücke" gegen Ho beklagt, der mit seinem Charisma, seinem beispiellosen Willen und seinen kleinen Männern in schwarzen Pyjamas die Weltmacht in die Grenzen ihrer Macht verwies.
Jetzt, nach seinem Tod, unterbrach die Washingtoner Radiostation WTOP ihren Ho-Nachruf mit dem Werbespot "What a good time for a Kent". Und New Yorks "Daily News" formulierte: "Ho starb gestern in Hanoi. Dadurch, so denken wir, wurde er ein guter Roter, denn unserer Meinung nach ist der einzige gute Rote ein toter."
Noch giftiger äußerte sich nur ein Möchtegern-Ho in Saigon, Südvietnams Vizepräsident und Playboy Ky. "Nordvietnam", so triumphierte er, "ist nun eine Schlange ohne Kopf."
Doch zu oft hatte Wunschdenken diesen Kopf bereits totgesagt, und so kann auch der General Ky kaum hoffen, daß sein Wort nach dem tatsächlichen Tod Hos je wahr wird.
Schon in den dreißiger Jahren druckten Frankreichs und Englands Kommunisten-Blätter Nachrufe auf den Genossen Nguyen Al Quoc, wie Ho sich damals nannte. Franzosen und Chinesen setzten Kopfpreise auf ihn aus, die Pariser Kolonialverwaltung verurteilte ihn zum Tod; 1942 veranstalteten selbst seine engsten Kampfgenossen schon eine Trauerfeier für den angeblich im Kuomintang-Kerker Verstorbenen.
Nun ist Ho -- der einem Volk für seine Einheit und Unabhängigkeit mehr Leiden aufzuerlegen vermochte als irgendein Staatsmann dieses Jahrhunderts -- tatsächlich gestorben. Aber 30 Jahre Krieg, die sein Volk mindestens anderthalb Millionen Tote kosteten, haben Ho schon zu Lebzeiten zur Legende werden lassen, und diese Legende wird seinen Tod überdauern und den lebenden Ho ersetzen.
Es ist eine Legende, an der "Bac" (Onkel) Ho selbst liebevoll wirkte. Sogar gegenüber seinen engsten Mitarbeitern hielt er sich in geheimnisvollem Zwielicht. Niemand kannte seinen genauen Geburtstag, niemand wußte, ob er je verheiratet war -- obwohl man von einer Konkubine in chinesischer Exil-Zeit und einer Tochter munkelte. "Lassen Sie mir doch meine kleinen Geheimnisse", sagte er einmal dem frankoamerikanischen Indochina-Experten Bernard Fall.
Zwielicht und Zwiespalt -- das war sein Leben, war sein Wesen. Der Mann, der sein Volk ausbluten ließ, hatte selbst niemals eine Waffe in der Hand gehabt, auch nur eine Patrouille geführt. Während seine Soldaten auf dem Schlachtfeld starben, pflanzte er rund um seine Dschungel-Residenzen Gurken und Kartoffeln. Er verhinderte jeglichen Personenkult und lebte bescheiden wie kaum ein anderer Staatsmann.
Er bewohnte nicht das Präsidenten. Palais in Hanoi -- die ehemalige französische Gouverneursresidenz -, sondern hauste im Gärtnerhäuschen des Palastes. Und weil er es besonders bequem fand, lief er im abgewetzten Drillich herum, die nackten Füße in Sandalen, die aus alten Autoreifen geschnitten waren.
Der Mann, gegen den die Weltmacht Amerika bisher -- vergebens -- über 500 Milliarden Mark verpulverte, bezog ein Salär von knapp 300 Mark pro Monat. Sein einziger Luxus: Zigaretten vom Feind, die er pausenlos paffte, und französisches Essen.
Von allen kommunistischen Führern war keiner so weit gereist wie Ho, der mehr als die Hälfte seines Erwachsenen-Lebens fern der Heimat verbrachte.
Als er 1941 den Befreiungskampf Vietnams begann, kannte er Frankreich und die Sowjet-Union, China und Thailand weit besser als sein eigenes Land. Er sprach Französisch so gut wie Vietnamesisch, dazu Chinesisch in den Hauptdialekten, Englisch, Russisch, ein paar Brocken Deutsch (seit einem Aufenthalt in Berlin-Neukölln, 1928) und Spanisch.
Der Kommunist Ho löste bei Begründung seines Staates, der "Demokratischen Republik Vietnam", 1945 (bis 1951) im nationalen Interesse die Kommunistische Partei auf; er sah im Kommunismus lediglich einen Weg zum Ziel der nationalen Befreiung.
Revolutionär wurde Ho nach eigenem Bekenntnis, "weil man Revolutionär wird, wenn man unterdrückt wird" -- ein Revolutionär, der oft verlacht, fast immer unterschätzt wurde, dem chaplineske Züge nicht fehlten.
1919, als 29jähriger, pilgerte er in schwarzem Anzug und geborgter Melone zur Versailler Friedenskonferenz, um, unter Berufung auf die Verheißungen des US-Präsidenten Woodrow Wilson, Freiheit für Vietnam zu fordern. Ho wurde hinauskomplimentiert, seine Petition landete im Papierkorb.
Doch er gab nie auf -- auch nicht in den Jahren, die er, an den Füßen zusammengekettet, in chinesischen Gefängnissen verbrachte, auch nicht, als er während des ersten Indochinakrieges in einer Dschungel-Hütte fast an Tuberkulose starb, auch nicht, als die Weltmacht Amerika seine Republik mit Napalm überschüttete.
Leute, die aus der Provinz Ngeh Tinh kommen, geben nie auf und nie nach, sagt man in Vietnam -- und Ho kommt aus Ngeh Tinh. Dort, im Süden des heutigen Nordvietnam, in einer der ärmsten und am dichtesten besiedelten Regionen Indochinas, wuchsen viele Rebellen heran. Zweimal kamen aus Ngeh Tinh Befreier-Helden gegen die Chinesen- im achten und 15. Jahrhundert -, und aus Ngeh Tinh stammten auch die ersten Aufständischen gegen die Franzosen-Herrschaft. Zu ihnen zählte Hos Vater, ein kleiner Mandarin, der seinen Sohn Nguyen That Thanh nannte, den "immer Siegreichen".
Der junge Ho verließ die Heimat mit 21 und arbeitete als Seemann und Koch, als Retuscheur und Schneeschaufler, als Journalist und Stückeschreiber (eines, "Der Bambusdrache", wurde 1923 in Paris aufgeführt), als Lehrer und Funktionär von vier kommunistischen Parteien, von denen er drei -- die französische, die malayische und die indochinesische -- mitbegründete, als wichtiger Kominternagent.
Nach drei Jahrzehnten Konspiration im Ausland kehrte er nach Vietnam zurück, um seine Heimat zu befreien. Er begann 1941 mit 43 Soldaten, die sein Militär-Stratege Giap rekrutiert hatte, und mit einem revolutionären Pathos, das seine Landsleute mitriß.
"Sie haben unser Land geplündert und unser Volk unterdrückt", tobte Ho gegen die Franzosen. "Sie haben barbarische Gesetze eingeführt, sie haben mehr Gefängnisse als Schulen gebaut, sie haben unsere Erhebungen in Blut ertränkt, haben uns geknebelt, haben unser Volk mit Alkohol und Opium verdummt."
1945 rief Ho die Demokratische Republik Vietnam aus und unterstellte sie -- gegen den Protest der Genossen -- der Französischen Union. Die Anfangsworte der Unabhängigkeits-Deklaration entnahm er der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die er sich von US-Agenten hatte besorgen lassen.
1946 verhandelte er in Paris zwei Monate lang mit den Franzosen über einen Modus vivendi. Im Hotel "Royal Monceau" lernte er den späteren algerischen Befreiungs-Helden Ferhat Abbas und David Ben-Gurion kennen, dem Ho seine Hauptstadt Hanoi als Sitz einer zionistischen Exil-Regierung anbot.
Bis zum Äußersten klammerte sich der Vietnamese an die Möglichkeit eines Kompromisses. Selbst als im November 1946 der Franzosen-Kreuzer "Suffren" die Hafenstadt Haiphong beschoß und 6000 Zivilisten tötete, wollte Ho den Waffengang noch vermeiden: "Krieg zahlt sich nicht aus. Das Wiedererstehen Vietnams gestattet solche Hekatomben von Opfern und solche Leiden gar nicht."
Doch der Krieg war unvermeidbar -und als er da war, führte Ho ihn Am 2. Juli 1946.
mit brutalster Härte. "Wer ein Gewehr hat, nehme sein Gewehr", rief er die Vietnamesen damals auf, "wer einen Säbel hat, nehme seinen Säbel, wer keinen hat, nehme eine Hacke oder einen Knüppel."
Acht Jahre später, nach dem Tod einer Million Menschen, hatte Ho gesiegt -- und wurde am Verhandlungstisch in Genf um den Sieg betrogen.
Erst als alle diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft waren, ging Ho in einen neuen Krieg, seinen schwersten und letzten. Als er seinem Volk diesen Krieg aufbürdete, verhehlte er nicht die ungeheuren Leiden und Opfer, die ein Sieg kosten würde; aber zugleich übertrug er die Gewißheit des Sieges auf jeden seiner Mitbürger.
"Sie können 500 000 oder eine Million Mann herbringen, ja noch mehr", sagte er, als US-Präsident Johnson eine Armee nach Vietnam schickte und Nordvietnam mit Hunderttausenden Tonnen Bomben belegte. "Der Krieg mag noch zehn, zwanzig oder mehr Jahre dauern, unsere Städte mögen zerstört werden, das vietnamesische Volk wird sich nicht einschüchtern lassen; gibt es doch nichts Wertvolleres als Unabhängigkeit und Freiheit."
Und der gebrechliche Greis bestand sogar darauf, diese ungeheure Herausforderung der Weltmacht Amerika allein zu bestehen. Selbst in höchster Not lehnte er die Angebote von Russen, Chinesen und Nordkoreanern ab, Freiwillige nach Vietnam zu entsenden. Und auch als Amerika den Krieg durch Hinzuziehen von Australiern und Neuseeländern, Thais, Südkoreanern und Filipinos internationalisierte, hielt Ho -- dem die Amerikaner vorwarfen, "Werkzeug des internationalen Kommunismus" zu sein -- am nationalen Befreiungskrieg fest.
"Er war ein bemerkenswerter Feind", urteilte die "New York Times". die seit Jahren gegen den Krieg in Vietnam gekämpft hatte, über Ho Tschi-minh, "der vielleicht ein Freund gewesen wäre, wenn dieses Land einigen seiner edelsten Grundsätze treu geblieben wäre, die er so bewunderte."

DER SPIEGEL 37/1969
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