08.09.1969

GHANA / WAHLENKind des Freitags

Ghanas Militärs hielten Wort. Vor dreieinhalb Jahren hatten sie den schwarzen Messias Kwame Nkrumah gestürzt und gleichzeitig gelobt, die Macht später wieder frei gewählten Volksvertretern zu übergeben.
In "einer der fairsten Wahlen, die je in Afrika abgehalten wurden" ("The Observer") wählten die Ghanaer vorletzten Freitag eine neue -- zivile -- Regierung. Die Mehrheit stimmte für einen Mann, der einst härtester Widersacher des abgehalfterten Diktators Nkrumah war: Professor Kofi A. Busia. dessen Fortschrittspartei mindestens 100 der 140 Sitze in Ghanas neuem Parlament erhielt.
Unter Busias Führung soll in Ghana vollzogen werden, was bislang noch keinem afrikanischen Staat gelang: der reibungslose Übergang von einem Militärregime zu einer stabilen Demokratie.
Nur wenige Staaten Afrikas werden heute noch von Demokraten regiert -- in den meisten Ländern haben sich nach der Unabhängigkeit zivile Autokraten und Offiziere etabliert. In zehn der 30 schwarz-afrikanischen Staaten herrscht die Armee. Seit 1958 gab es in diesen Ländern 25 gelungene Militärputsche.
Meist wurden die Soldaten als Retter von einem heillos zerstrittenen und korrupten Zivilisten-Regime gefeiert -- so in Nigeria oder im Sudan. In Ghana freilich stürzten sie 1966 einen übermächtig gewordenen Alleinherrscher.
Nkrumah hatte sich selbst den Glorienschein eines Halbgotts verliehen, hatte sich als "Osagyefo" (Erlöser) feiern lassen und Ghanas Gefängnisse mit politischen Gegnern gefüllt. Er regierte das Land, "als ob es sich um sein persönliches Eigentum handelte". erklärten die Putsch-Offiziere.
Nkrumahs Großmannssucht machte aus einer der ehemals reichsten britischen Kolonien in wenigen Jahren eines der am stärksten verschuldeten Länder des Schwarzen Kontinents: Beim Sturz des Diktators lasteten rund fünf Milliarden Mark Auslands-Schulden auf dem Kakao-Land.
Mit strengen Sparmaßnahmen leiteten die neuen Herren eine wirtschaftliche Gesundung Ghanas ein. Mit Prozessen gegen die im Lande verbliebenen Helfershelfer des gestürzten Autokraten betrieben sie Vergangenheitsbewältigung.
Für Ghanas Zukunft ließen die Offiziere eine 161 Seiten dicke demokratische Verfassung ausarbeiten, die durch eine Fülle von Gewichten und Gegengewichten das Auftauchen eines neuen Erlösers verhindern soll.
Wahlsieger Kofi ("Kind des Freitags") A. Busia, 56, scheint freilich mehr noch als eine maßgeschneiderte Verfassung Gewähr dafür zu bieten, daß den acht Millionen Ghanaern ein zweiter Nkrumah erspart wird.
Denn der nüchterne, streng religiöse Soziologie-Professor Busia stand einst der oppositionellen "United Party" vor, die 1964 von Nkrumah verboten wurde. Fünf Jahre vorher schon war Busia, der aus einem Königshaus im Norden Ghanas stammt, vor den Geheimpolizisten des Diktators ins Ausland geflohen.
Im Exil lehrte der renommierte Soziologe, der als Student in Oxford unter der Anleitung des heutigen Briten-Premiers Wilson gepaukt hatte, an holländischen und englischen Universitäten. Er schrieb ein Buch über "Afrika auf der Suche nach der Demokratie" und verurteilte auf Vortragsreisen die Einparteiensysteme in Afrika.
Nach dem Sturz Nkrumahs beauftragten die Militärs den heimgekehrten Emigranten mit der Leitung eines "Zentrums für staatsbürgerliche Bildung". Bonn spendierte für den Unterhalt der Demokraten-Schule bisher rund 1,4 Millionen Mark, die Friedrich-Ebert-Stiftung gestaltete die Lehrprogramme des Bildungszentrums.
Als Ghanas Militär-Regenten im Mai ihr Parteienverbot aufhoben und Wahlen für eine Zivilregierung ausschrieben, stieg Busia nach zehnjähriger Unterbrechung wieder in die politische Arena. Stärkster Wahlkampfgegner des kontaktarmen Gelehrten war der ehemalige Nkrumah-Freund und Ex-Finanzminister Komla Gbedemah.
Obwohl die Militärjunta Nkrumah-Gefolgsleuten jede politische Betätigung verboten hatte, durfte Gbedemah als Chef der National-Liberalen Allianz in den Wahlkampf ziehen: Er hatte einen Persilschein bekommen, weil er 1961 nach einem Streit mit Nkrumah ins Exil entwichen war.
Doch den Ghanaern reichte dieses Alibi nicht -- Gbedemahs Partei erhielt nur etwa 30 der 140 Parlamentssitze.
Zwar klagte Gbedemah nach der Wahl: "Dies scheint nicht der wirkliche Wählerwille zu sein." 16 000 Soldaten hatten jedoch mit Bajonetten und Maschinenpistolen über den regulären Ablauf der Wahl gewacht.
Die Militärs wollen auch nach dem 1. Oktober, an dem der Wahlsieger Busia sein neues Amt antritt, dafür sorgen, daß Ghanas "zweite Unabhängigkeit" ("The Guardian") nicht wieder in einem korrupten und terroristischen Einparteienstaat endet:
Das vornehmlich repräsentative Amt des Staatspräsidenten wird in den nächsten drei Jahren gemeinsam von dem bisherigen Chef der Militärregierung, Brigadegeneral Afrifa, dem Generalmajor Ocran und Polizeichef Harlley verwaltet, um -- so Radio Accra -- "jeden Verrat an der Revolution zu verhindern".

DER SPIEGEL 37/1969
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