08.09.1969

Revolution aus der Hüfte

Wir werden den Menschen des 21. Jahrhunderts hervorbringen", prophezeite Ernesto Che Guevara, der Kampfgefährte Fidel Castros und Ideologe der kubanischen Revolution.
Mit dem fanatischen Elan, mit dem ein Dutzend Castro-Rebellen vor 13 Jahren den Kampf gegen den Tyrannen Batista aufnahm, versuchen Kubas Revolutionäre heute, den alten Traum vom neuen Menschen wahr zu machen. Als Freier unter Freien, als Gleicher unter Gleichen soll der Mensch in der neuen Gesellschaft seine Fähigkeiten aus eigener Einsicht in den Dienst aller stellen.
Was als Aufstand einer Handvoll bärtiger Abenteurer in den Bergwäldern der Sierra Maestra begann, entwickelte sich in den zehn Jahren seit dem Sieg der Revolution zu einem der erregendsten gesellschaftspolitischen Experimente der Gegenwart.
Der erste kommunistische Staat in der Neuen Welt faszinierte Millionen Lateinamerikaner ebenso wie die linken Intellektuellen von Sartre bis Dutschke, er schreckte die Konservativen und Orthodoxen in Ost und West.
Auch heute noch streiten die Beobachter, ob Kuba, wie Nikita Chruschtschow einst meinte, "ein demokratischer Staat ist, der die Grundlagen des Sozialismus aufbaut" oder aber -- so John F. Kennedy -- Stützpunkt "einer internationalen Verschwörung, die Kuba gegen seine Freunde und Nachbarn aufhetzt", ob es ein Werkzeug Sowjetrußlands" ist (Konrad Adenauer) oder "die erste Revolution Lateinamerikas, die mit Waffengewalt siegte" ("Peking Review").
Eines ist gewiß: Kompromißloser als Lenin, ungestümer als Mao sucht Castro seine kommunistische Zukunftsgesellschaft zu formieren. Kein Staat unternahm es bisher so konsequent wie Kuba, sozialistische Utopien zu verwirklichen. Ungeduldiger als jedes andere unterentwickelte Land, wollen die Kubaner in einer Generation Brot und Brüderlichkeit gleichzeitig erkämpfen.
Nirgends wurde die Wirtschaft eines Landes bedingungsloser ideologischen Glaubenssätzen unterworfen. Ungeduld und Experimente freilich brachten das revolutionäre Kuba während der Dekade seines Bestehens auch immer wieder in die Gefahr, ins Chaos zu stürzen.
Mit dem zehnten Geburtstag kam Fidel Castros Kuba -- glaubt man seinem Führer -- in ein "Jahr der Agonie". Agonie heißt für Castro freilich nicht unheilbares Siechtum, sondern Kampf auf Leben und Tod. Er hat Generalmobilmachung befohlen, um die entscheidende Schlacht zu schlagen, nach seinem Willen die bedeutendste seit dem Marsch der Rebellenarmee durch die Insel vor elf Jahren.
Studenten und Industriearbeiter, ganze Ministerien und Armee-Divisionen werden in diesen Tagen auf die Zuckerrohr-Felder geworfen. Mit militärischer Disziplin sollen sie in diesen Monaten das Rohr für zehn Millionen Tonnen Zucker schlagen. Offiziere haben die Leitung der Ernteschlacht übernommen, von den Sowjets geschulte Armee-Logisten sollen die organisatorischen Probleme lösen.
Mit den zehn Millionen Zucker-Tonnen will Castro sich, den Kubanern, Verbündeten und Feinden beweisen, daß seine Revolution nach zehn Jahren ökonomischer Misere zum Erfolg fähig ist, muß er versuchen, den wirtschaftlichen Bankrott abzuwenden. Er wagt das kubanische "Alles oder Nichts"-Spiel nicht zum erstenmal. Doch nie seit der Landung seiner Guerrillero-Fähre "Granma" auf der Insel des Diktators Fulgencio Batista am 2. Dezember 1956 war der Einsatz so hoch.
Der für 1970 geplante Triumph muß freilich beim Mißerfolg des Jahres 1969 beginnen. Denn seit der Befreiung von kolonialer Bevormundung und Ausbeutung durch die USA, seit der Beseitigung des korrupten Batista-Regimes ist es den Kubanern nie schlechter gegangen als in diesem Jahr. Die Lebensmittelrationen wurden weiter gekürzt. Statt die versprochene Ruhe vor dem Sturm genießen zu können, sahen sich die Kubaner schon in den vergangenen zwölf Monaten bis zur Erschöpfung mobilisiert. Das Ergebnis war eine der schlechtesten Ernten seit der Revolution.
1963 hatte Castro seinen Plan verkündet, die vor der Revolution von den Amerikanern auf durchschnittlich fünf bis sechs Millionen Tonnen gedrosselte Zuckerproduktion bis 1970 zu verdoppeln. Neun Millionen wollte er schon 1969 erreichen. Tatsächlich produzierten die Kubaner in diesem Jahr nur die Hälfte.
Noch im März erklärte es Castro zur "Politik der Revolution", daß "die Ernte nicht beendet wird, solange ein Rohr steht"; die übliche Ausrede, der Regen oder andere Probleme hätten Schwierigkeiten bereitet, gelte nicht mehr. Ein Vierteljahr später erläuterte der stellvertretende Zuckerminister Miguel Figueras dem SPIEGEL die "Ernte der Agonie": "Wir mußten abbrechen, die Regenzeit begann zu früh." Getreu der Fidel-Parole "Kampf bis zum letzten Rohr" hatte man wertvolle Traktoren und Lastwagen in einer heroischen Schlammschlacht untergehen lassen.
Dennoch glaubt die Mehrheit der Kubaner mit ihrem "Máximo Lider", dem obersten Führer, an das Zehn-Millionen-Wunder. Selbst die Kritiker des Regimes wollen sich keinen Zweifel erlauben. Der verfemte Schriftsteller Heberto Padilla Wir müssen es schaffen. Sonst gnade uns Gott."
Ein Fehlschlag der von Castro zum Prüfstein der Revolution erhobenen Ernte würde in der Tat die Anstrengungen und Entbehrungen der vergangenen Jahre sinnlos erscheinen lassen. Der in zehn Jahren strapazierte Enthusiasmus könnte endgültig in Apathie umschlagen. Der Traum von der sozialistischen Musterinsel, den Millionen Kubaner und ihre idealistischen Freunde in aller Welt träumen, könnte zerrinnen.
Damals, zu Beginn der sechziger Jahre, prophezeite Wirtschaftsminister Regino Boti: "Wir werden innerhalb von neun oder zehn Jahren den bei weitem höchsten Lebensstandard in Amerika haben, einen so hohen wie die meisten Länder Europas."
Doch der Lebensstandard ist eher gesunken, Produktion und Produktivität sind zurückgegangen, die Ansätze zu einer sozialistischen Demokratie haben sich nicht einmal bis zur Vorlage eines Parteistatuts und zur Einberufung eines Parteitags entwickelt.
Seit 1959 eilt die politische Entwicklung der ökonomischen um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus. Was die sowjetischen Führer nicht in fünfzig Jahren schafften, wollte Castro in einem Jahrzehnt verwirklichen -- den Sprung in den Kommunismus.
Er enteignete Land und schuf Staatsfarmen, ohne über Agronomen oder auch nur genügend Arbeitskräfte zu verfügen. Er verstaatlichte den letzten Krämerladen und Sandwich-Verkäufer, doch das Problem der Warenverteilung blieb ungelöst. Alle staatlichen Organisationen tauschen ihre Produkte ohne Geldzahlungen; eine neue Bewertungsmethode wurde aber noch nicht gefunden, Rentabilitätsberechnungen oder auch nur brauchbare Statistiken fehlen.
Die gesamte Planung, vom Häuserbau bis zur Zuckeranpflanzung, vom Export bis zur Rinderzucht, wurde in einer Organisation zentralisiert, deren Mitarbeiter nicht einen einzigen Computer besitzen. Je härter aber die Fehlschläge waren, desto hastiger wurde die Sozialisierung vorangetrieben, getreu der Lehre des Máximo Lider, wonach allein revolutionäres Bewußtsein Realitäten verändern kann.
Technologen sind Castro ein Greuel. Experten-Rat verachtet er. Er ernannte Che Guevara zum Direktor der Nationalbank. der bekannte, er wisse vom Geld nur, daß man es abschaffen müsse. Die wenigen Fachleute des revolutionären Kuba wanderten fast ausnahmslos ab.
Jugend und Enthusiasmus wurden zur Qualifikation für verantwortungsvolle Aufgaben. Jean-Paul Sartre sprach nach einem Besuch Kubas von "les enfants au pouvoir", von den Kindern an der Macht. Einer der ältesten der Revolutionäre, Castro, war damals 32 Jahre alt. Er versicherte sieben Jahre später: "Dies war eine Revolution der Jungen und wird es hoffentlich immer bleiben."
Inzwischen ist die zweite Generation der "Kinder" an die Macht gekommen. Die 17- bis 30jährigen redigieren Zeitungen, leiten Staatsfarmen und Schu-
* Text des Transparents: "Revolution bedeutet Opfer. Freiwillige Lehrer." len, sind Universitäts-Professoren und Industrie-Direktoren. Sie sitzen in den Ministerien und Partei-Organisationen: begeistert, sympathisch, intelligent -- und ignorant. Auch die alternde Revolution traut kaum einem über dreißig.
Es ist "beinahe natürlich", so erklärte Castro im März dieses Jahres, "daß große Fabriken, große Produktionseinheiten der Landwirtschaft, ganze Zweige der Industrie ohne ausgebildetes Personal, mit wenigen oder gar keinen Technikern arbeiten, die Universitätserziehung haben". Straßen und Brücken müßten ohne Hilfe von Ingenieuren gebaut werden, Häuser ohne Architekten.
Die totale Revolution ließ niemanden auf seinem Platz, brachte das Landproletariat in die Städte, die Städter auf das Land, den ausgebildeten Mittelstand ins US-Exil. Der revolutionäre Elan allein aber vollbrachte bisher weder das politische noch das ökonomische Wunder.
Er schaffte dennoch Erstaunliches. Hunderttausende lernten lesen und schreiben, Krankenhäuser entstanden, wo vorher nie ein Arzt gewesen war, die Ärmsten der Insel wurden zu Privilegierten. Niemand hungert mehr.
Kein Arbeitsloser braucht heute noch um einen Job zu betteln. Kein Tagelöhner muß wie früher vom Lohn viermonatiger Zuckerrohrernte ein Jahr lang leben. Keine Kubanerin muß sich -- wie Zehntausende vor der Revolution -- auf dem Strich ernähren.
Nirgends in Lateinamerika ist die Kindersterblichkeit geringer als auf Castros karibischem Eiland, sind Tuberkulose und Poliomyelitis so weit eingedämmt wie in Kuba, in keinem anderen Land der westlichen Hemisphäre ist ärztliche Betreuung gratis.
Geld entscheidet in Kuba nicht mehr über die Befriedigung der Bedürfnisse, traditionelle soziale Schranken sind gefallen: Schwarze Kubaner dirigieren Fabriken, Töchter ungelernter Arbeiter studieren Medizin, und in Ravanas einstigen Luxusherbergen logieren heute auch Familien vom Lande.
Die Statthalter des neuen Regimes genießen relativ bescheidene Privilegien. Denn Fidels Verachtung des politischen Apparats und der revolutionäre Eifer seiner jungen Garde haben zumindest einen Vorteil: Sie verhinderten eine Erstarrung des Systems wie etwa in der Sowjet-Union oder der DDR. Noch gibt es in Kuba keine neue Klasse. Selbst Castros erster Schatzminister und späterer Gegner Rufo López-Fresquet pries die "administrative Redlichkeit" der Revolution als ein neues Phänomen in der kubanischen Politik. Die Korruption, das Erbübel früherer Regime, ist weitgehend ausgemerzt.
Castros Kuba ist nach zehn Jahren fidelistischer Herrschaft ein Land grotesker Widersprüche, bleibt ein Schauplatz von Erfolg und Katastrophe, von Anarchie und Bürokratie, Enthusiasmus und Apathie, Diktatur und Liberalität. Schier unauflöslich sind die Ungereimtheiten kubanischer Existenz:
20 000 politische Häftlinge lebten, so Castro 1965, in Gefängnissen und Arbeitslagern, aber die Masse des Volkes spürt keinen Terror. Der Staatsverlag publiziert, was seinen Lektoren gefällt, doch jede Form von Diskussion gilt als Konterrevolution. Das Regime predigt eine neue sozialistische Moral und betreibt zugleich Stundenhotels,
So grell und bizarr sind die Widersprüche auf der Zuckerinsel, daß sich kaum zwei fremde Kuba-Besucher finden lassen, die in ihrem Urteil übereinstimmen. "Una mistica", sagen selbst die Kubaner von ihrer Revolution: ein Mysterium.
Wer sich ihm nähern will, muß bei dem Mann beginnen, der Motor und Seele dieser Revolution ist: Fidel Castro. Er weiß die Massen in Bewegung zu halten, sie für die Revolution, seine Revolution, zu begeistern, dem Volk Ziele zu setzen herrisch, schmeichelnd, aufbrausend und dann wieder bittend.
Darum gilt noch heute die Formel: Fidel und die Massen, das ist die kubanische Revolution. Die Massen auf den Kundgebungen, ob in Havana oder in der Provinz, sind seine Spieglein an der Wand. Von ihnen holt er sich immer wieder die Legitimation als Alleinherrscher, von ihren Reaktionen läßt er sich fortreißen zu Zornesausbrüchen, neuen Visionen und dramatischen Entscheidungen.
Man muß solche Massenversammlungen miterlebt haben, um die Faszination zu begreifen, die der Máximo Lider bis in den letzten Winkel der Insel ausübt. SPIEGEL-Reporter Hermann nahm an einer Kundgebung zu Ehren einer Vietcong-Delegation in Havana teil, er notierte:
Wie immer kommt Castro zu spät. 300 000 Menschen warten in der Schwüle des kubanischen Regensommers, weil er sie bei einem interessanten Gespräch vergaß oder eine Partie Domino noch nicht beendet hatte oder weil er es einfach haßt, nach Plan zu handeln.
Erschöpfung und Erwartung lösen sich in einem tausendstimmigen "Fidel"-Seufzer. Das ist einer der Momente, die Castro braucht und die er sich deshalb immer wieder arrangieren läßt. Und stets gelingt es, einige Hunderttausende zusammenzubringen, auch wenn der Anlaß (hier: die Begrüßung einer FLN-Delegation aus Südvietnam) wenig Aufregendes verspricht.
Fidel beginnt leise. Er liest vom Manuskript. Mit monotoner Stimme zitiert er endlos die Forderungen der südvietnamesischen Befreiungsfront. Die Ouvertüre ist wie eine Parodie auf kommunistisches Rede-Ritual. Er wartet auf einen Zwischenruf, auf eine Unterbrechung durch Beifall, um das Manuskript zusammenzuknüllen. Er wird lauter, bewegt die Arme, brüllt, horcht auf das Echo der Masse.
Sie ist für Castro mehr als Statisten. Sie reagiert spontan: auf ein zündendes Wort, auf den Namen Che Guevara, auf die Schwingungen der Stimme. Fidel steigert sie in eine Mischung von Fanatismus und naiver Freude. Die Zwischenrufer meinen es nicht immer ernst. Kuhglockengebimmel und Trompetenstöße mischen sich in den Beifall.
Das monoton-rhythmische Klatschen, das die Sowjets lehrten, wird zum fröhlichen Cha-cha-cha variiert. Die Zuhörer feuern Castro an. Sprechchöre skandieren: "Fidel, seguro, a los Yanquis dale duro" -- los, gib den Yankees Saures. Fidel bringt sie aus der tristen Gegenwart zurück in die Zeit der goldenen ersten Revolutionsjahre, der großen Revolutions-Fiesta,
Che Guevara deutete dieses Schauspiel so: "Es ist so etwas wie ein Dialog zwischen zwei Stimmgabeln, deren Schwingungen sich gegenseitig beeinflussen. Fidel und die Massen vibrieren in einem Zwiegespräch von immer größerer Intensität. Es ist schwer für jemanden, der die Erfahrung der Revolution nicht durchlebt hat, diese enge dialektische Einheit zwischen dem Individuum und den Massen zu verstehen."
Die Ausländer auf der Tribüne können nicht verstehen. Analogien zu Hitler und Mussolini müssen helfen. Sie taugen freilich nicht viel. Castros Pathos hat auch für den Uneingeweihten nichts Komisches. Die großen Gesten stimmen, passen zum Wort und zum Mann.
Noch wenn sie brüllt, ist Castros Stimme melodisch. Haßtiraden kulminieren plötzlich in Ironie oder Scherz. Demagogie wechselt mit nüchterner Argumentation, die den Zuhörer zum Mitdenken zwingt und ihm die Schlußfolgerung läßt. Es ist kaum vorstellbar, daß die Menge mit stumpfem "Sieg Heil"-Gebrüll reagieren könnte.
Der Selfmade-Kommunist mit den kleinen Augen, immer aufgelegt zu politischem und auch ganz unpolitischem Schabernack, fast eine Mischung aus Don Camillo und Peppone, agitiert nicht, er predigt. Seine Stimme kann Strenge und Milde signalisieren, er läßt die Unmündigen Liebe und Fürsorge spüren, im nächsten Moment kanzelt er sie voll heiligen Zornes ab, er ficht lyrische Passagen in seine Reden, die wie Gebete klingen.
Fidel glaubt an sich und seine jeweiligen Theorien. Was andere Kommunisten vorgeben zu wissen, das ist für ihn metaphysische Offenbarung. Er sagt: "Ich glaube an den Marxismus-Leninismus." Er glaubt wider allen Rat der Experten, daß man nur Zebus und Holsteiner Kühe kreuzen muß, um aus Kuba ein karibisches Dänemark zu machen -- wie er einst wider alle Vernunft den Glauben nicht aufgab, mit einem Dutzend Guerrilleros eine Revolution beginnen zu können.
Castros Religion ist ein mystischer Marxismus. Sie ist das Produkt seiner sehr eigenen Mischung aus Utopismus und Pragmatismus, seiner Fähigkeit, die jeweiligen Realitäten in kühne Visionen umzuformen. Sie orientiert sich an den zwei Fixpunkten in seinem politischen Koordinatensystem: persönliche Macht und gesellschaftliche Moral.
Dieses Doppelziel allein erklärt den bizarren Lebensweg des Máximo Lider und seiner Revolution. Fidel Castro war Liberaler, Humanist und Antikapitalist, Antiimperialist und Kommunist, bevor er zu seiner eigenen Variante eines kubanischen Kommunismus fand.
Der Konvertit Castro kennt keine Kompromisse. Er verwandelte sich und seine Insel in dialektischen Sprüngen, die kein Marxismus-Lehrbuch vorsieht. Er proklamierte die totale Industrialisierung und dann die vollständige Agrarisierung. Er erklärte den Zucker erst zur Geißel Kubas, dann zu seinem süßen Gold. Der Anlaß jeder Volte war realistische Erkenntnis. Doch stets gebar pragmatisches Kalkül auch eine neue Utopie.
Unerbittlicher Zwang und unbändige Lust zur permanenten Revolution machten auch vor der klassischen Revolutionstheorie nicht halt. Der "Marxist-Leninist" stellte nicht nur die kubanische Gesellschaft, sondern auch den Marxismus-Leninismus auf den Kopf.
Ihn interessierte an der kommunistischen Theorie stets nur die Macht, die sie gab, und die Moral, die sie proklamierte. Wenn der Stalin-Kritiker Leo Trotzki 1904 die Entartung des Kommunismus so voraussah, daß die Partei sich für das Proletariat ausgibt, dann die Parteiorganisation für die Mitglieder, das Zentralkomitee für die Organisation und schließlich ein Diktator für das ZK, so praktizierte Castro die umgekehrte Methode:
Er machte sich zum absoluten Herrscher, berief ein Politbüro zur Absicherung seiner Position, fügte ihm ein von niemandem gewähltes Zentralkomitee hinzu, beginnt nun mit dem Aufbau einer Partei und ist noch immer auf der Suche nach dem Proletariat, das seine bürgerliche Revolution sozialistisch legitimieren könnte.
Ein ökonomischer Sozialismus ohne kommunistische Moral interessiere ihn nicht, sagte Fidel einmal. Folgerichtig revolutionierte er den dialektischen Materialismus zum idealistischen Moralismus. Revolutionäre Moral ersetzt ökonomische Rentabilität, Bewußtsein wird zur Produktivkraft, Castro meint, allein Bewußtsein könne gesellschaftliches Sein verändern -- nicht etwa umgekehrt, wie Marx schrieb.
Das alles ist mehr Lebensphilosophie als Gesellschaftstheorie eines Mannes, dessen Aufstieg und Karriere allen starren Theorien Hohn spricht. Die Geschichte der kubanischen Revolution offenbart in der Tat, daß sich der Siegeszug des Fidelismus fern allen Dogmen und Planungen vollzog. Fidel Castro wurde denn auch zum Idol der politisch heimatlosen, von den Parteiapparaten enttäuschten Linken und Anarchisten in aller Welt, weil sein Sieg den klassischen Revolutionstheorien widersprach und die Dogmen des Marxismus-Leninismus überspielte.
Denn: Nicht proletarische Arbeitermassen unter Führung einer ideologisch gefestigten Partei befreiten Kuba von Diktatur und Korruption, sondern ein Trüppchen national und sozial gesinnter Kleinbürger und unzufriedener Intellektueller, angeführt von einem Individualisten, dessen Idee von einer Zukunftsgesellschaft von den Vorbildern der kubanischen Vergangenheit geprägt war: Fidel Castro, Haziendero-Sohn, Rechtsanwalt und Rebell, ersehnte die parlamentarische Demokratie. Von Sozialismus und Kommunismus war nicht die Rede. An Castros erster Aktion gegen das Batiste-Regime, dem mißglückten Überfall auf die Kaserne von Moncada am 26. Juli 1953 in Santiago de Cuba, beteiligten sich mehr Anti-Kommunisten als Sozialisten; nicht ein einziges Mitglied der damals mit Batista konspirierenden Kommunistischen Partei war dabei.
Im Landhaus Siboney, in dem sich die Moncada-Verschwörer sammelten, wird zwar heute in Glasvitrinen dokumentiert, daß der von Batistas Polizei zu Tode gefolterte Fidel-Freund Abel Santamaria die Schriften Lenins las, zugleich ist in diesem musealen Heiligtum der "Bewegung des 26. Juli", wie Castro fortan seine Gruppe nannte, ein für Kommunisten peinlicher Beschluß d s kommunistischen Jugendverbandes festgehalten: der Ausschluß des Fidel-Bruders Raúl wegen seiner Teilnahme am Moncada-Unternehmen.
Als Castro wegen des Kasernensturms zu 15 Jahren Gefängnis auf der Zuchthausinsel Isla de Pinos verurteilt wurde, entwarf er in seiner Verteidigungsrede ein politisches Programm mit radikal-demokratischen und nationalen Akzenten.
Fidels wichtigste Forderungen zielten auf eine bürgerliche Demokratie: Wiederherstellung der Verfassung, Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit, Einsetzung von kleinen Landpächtern als Eigentümer, Gewinnbeteiligung der Arbeiter in den Großbetrieben, umfassende Land- und Bildungsreform, Industrialisierung, Senkung der Wuchermieten und ein Wohnungsbau-Programm, nach dem jede kubanische Familie ihre Wohnung erhalten sollte.
Die sozialistischen Programmpunkte schwächte Castro wieder ab. Er hatte vorgeschlagen, die von US-Managern beherrschten Elektrizitäts- und Telephon-Gesellschaften zu nationalisieren, doch 1958, kurz vor der Machtergreifung, korrigierte er sich in einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift "Coronet": "Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß die Nationalisierung im besten Falle ein umständliches Instrument darstellt; sie stärkt den Staat nicht, schwächt aber das private Unternehmertum."
Die 100 Freiwilligen, die Castro Mitte der fünfziger Jahre -- nachdem er aufgrund einer Amnestie Batistas vorzeitig freigelassen worden war -- im mexikanischen Exil als künftige Invasions-Armee um sich sammelte, waren alles andere als eingeschworene Kommunisten. Ausgebildet wurde die Partisanen-Truppe von dem 63jährigen "Colonel" Alberto Bayo, der sich als Offizier der spanischen Fremdenlegion im Kampf gegen aufrührerische Berberstämme hervorgetan und im Bürgerkrieg auf seiten der Republik gekämpft hatte.
Bester Schüler in Bayos Trainings-Camp in den kahlen Bergen um Chalco war nach kurzer Zeit der argentinische Arzt Ernesto Che Guevara, der in seiner Heimat gegen den Sozial-Nationalisten Perónn und in Guatemala für den Links-Liberalen Arbenz gekämpft hatte.
Auch Che hing damals eher nationalrevolutionären Ideen an, wenn auch in sehr viel weiterem Sinne als Fidel. Das Elend des lateinamerikanischen Kontinents -- so ließen sich Ches Überzeugungen zusammenfassen -- ist auf die Abhängigkeit von den reichen Industrieländern, vor allem der USA, zurückzuführen. Die Lateinamerikaner aber, die sich dieser Abhängigkeit bewußt sind, versinken in Apathie und Resignation, statt sich mit eigener Kraft aus dem Elend zu befreien. Für Che ist einzig der Revolutionär der Mensch der Zukunft, weil er handelt.
Was die beiden im Naturell so unterschiedlichen Männer von der ersten Stunde an verband, war der "humanitär-missionarische Eifer", den Che-Freund Ricardo Rojo in einem jüngst erschienenen Buch ("Che Guevara") als den wichtigsten Wesenszug Gueveras schildert.
Che und Fidel gaben der Rebellen-Armee eine Strategie und eine Taktik, auf eine verbindliche Ideologie konnten sie vorerst verzichten. Der militärische Sieg über einen an Zahl weit überlegenen Gegner war das gemeinsame Ziel, der Sturz des Diktators Don Fulgencio Batista y Zaldivar die einzige Chance des Überlebens. Noch im Sommer 1967 erklärte die Moncada-Veteranin Haydée Santamaria: "Die Guerillas sind die Vorhut, auch wenn sie aus Leuten mit verschiedenen Ideologien zusammengesetzt sind."
Erst nach dem Sieg entdeckte der französische Marxist und Fidel-Inhmus Régis Debray in kubanischen Archiven, was Castro damals inspiriert hatte. Für Fidels militärische Strategie sei vor allem die sozialkritische Landlosen-Reportage "Realengo 18" des spanischen Republikaners Pablo de la Torriente Brau wichtig gewesen, die Bauerngeschichten des Revolutionärs Máximo Gómez, die Texte von Friedrich Engels über den Straßenkampf der Pariser Kommune und Ernest Hemingways Spanienbuch "Wem die Stunde schlägt".
Seine politischen Vorstellungen habe Castro, so fand Debray, vor allem bei dem Dichter und Revolutionär José Marti gefunden, der schon Ende des vergangenen Jahrhunderts gefordert hatte: "Kuba muß frei sein -- -- von Spanien und von den Vereinigten Staaten" An Lenin interessierte Castro die Schrift "Staat und Revolution. in der die Zerstörung des vorhandenen Staatsapparates und seiner Repressionsmittel zum revolutionären Grundsatz erhoben wird.
Mochte ihn auch diese Literatur beschäftigt haben -- Castro und seine ersten Gefolgsleute handelten dennoch nicht aus ideologischen Gründen. Sie agierten aus moralischer Entrüstung über die Brutalität und Korruption des Batista-Regimes.
Am Anfang waren sie zwölf Mann, die einzigen freien Überlebenden der 82köpfigen Invasions-Truppe, die am 2. Dezember 1956 nahe Niquero, westlich von Santiago de Cuba, mit der leckgeschlagenen Hochseejacht "Granma" gelandet und in einen tödlichen Hinterhalt von Batistas Soldaten geraten war; denn Fidel hatte seine Landung angekündigt: "Ich wünsche, daß jeder Kubaner weiß, daß ich komme. Das ist psychologische Kriegführung.
Hungernd und frierend schleppten sich die zwölf in das unwegsame Berggelände der Sierra Maestra, dennoch gewann Castro zusehends an Boden. Zahlenmäßig blieben freilich die Fidel-Partisanen ihrem hochgerüsteten Gegner stets unterlegen.
1966 erklärte Castro, daß er die entscheidende Schlacht im Mai 1958 mit 300 Guerrilleros gegen 12 0011 Gegner geführt habe; gegen Ende des Krieges sei seine Truppe knapp 3000 Mann stark gewesen Fidels Mitkämpfer Andrés Suarez zählte sogar in der Stunde des Sieges nur 1500 Fidelisten; die von Che und dem Guerillaführer Camilo Cienfuegos kommandierten Gruppen, die unabhängig von der Basis in der Sierra Maestra im flachen Zentralkuba operierten, hatten nur aus je etwa 125 Mann bestanden.
Die kubanische Propaganda hatte später gute Gründe, die Zahl der kämpfenden Rebellen zu verschleiern. Sie sollte offenbar nachträglich die verwegenen Einzelaktionen weniger Freiwilliger zu einem Massenkampf umfunktionieren. Che 1963: "Der Partisanenkrieg ist ein Volkskrieg, ein Massenkampf. Die Partisanen werden unterstützt durch die Bauern des ganzen Territoriums."
Tatsächlich hatten nur wenige Bergbauern die Rebellen aktiv als Kämpfer unterstützt. Zudem verschweigt die revolutionäre Heldenlegende den mangelnden Kampfwillen des Gegners.
Die Aktionen der Batista-Truppen in der Sierra Maestra wurden aus dem Offiziers-Kasino im 700 Kilometer entfernten Havana gelenkt. Der französische Journalist Claude Julien kam zu dem Schluß: "Castro hat seinen Gegner nicht zerschlagen. Bis ins Knochenmark verfault, brach der Feind zusammen."
Die Demoralisierung der Batista-Troupiers wurde noch durch das humane Kriegsrecht der Fidelisten gefördert. Die Regierungssoldaten folterten Gefangene und liquidierten Verwundete, die Castro-Partisanen jedoch entwaffneten die Gefangenen und ließen sie nach kurzem Verhör wieder laufen -- eine Methode, die schon Mao Tse-tungs Rote Armee angewandt hatte.
Das sprach sich schnell in der unwilligen Batista-Truppe herum. Eines Tages schleppten Überläufer in eine Guerilla-Basis ein intaktes Funkgerät und verrieten den Code. Er gab Fidel die Möglichkeit, Batistas Luftwaffe den Befehl zu erteilen, die Feuerstellungen der eigenen Armee zu bombardieren.
Auch im Hinterland wandte der Bürger-Rebell eine Partisanen-Taktik an, die schon Mao praktiziert hatte, was Castro freilich nicht wußte. Erst im Sommer 1958 las er Maos Schrift: "Die strategischen Probleme des Partisanenkrieges gegen Japan". Castros Guerrilleros erhielten Befehl, den Bauern Reis und Fleisch zu bezahlen. Als das Bargeld knapp wurde, gaben sie "Freiheits-Pfänder" aus, die sie prompt nach dem Sieg einlösten.
Im Walddorf Mayari Arriba, im Dschungelgelände der Sierra Cristal. baute Fidel-Bruder Raúl eine zweite Front auf und verwandelte das entlegene Nest in einen Musterstaat mit freiheitlichen Gesetzen. Wie einst im chinesischen Yenan, der Urzelle des Mao-Kommunismus, arbeiteten die Revolutions-Soldaten auf den Feldern und in neu eingerichteten Werkstätten; der Pachtzins an die Grundbesitzer wurde aufgehoben.
Batista ließ den Staat im Staate bombardieren -- von Maschinen, die im US-Stützpunkt Guantanamo aufstiegen. Die Bomben trafen Zivilisten, nicht die Guerrilleros, und brachten der Regierung in Havana neue Feinde. Das wiederaufgebaute Arriba ist heute der verläßlichste Stützpunkt Fidels in Kubas Osten.
Die Soldaten Castros bauten Straßen und gaben den Bauern Unterricht im Lesen und Schreiben. Allein in den befreiten Gebieten der Sierra Maestra ließ Fidel noch während der Kämpfe 30 Schulen errichten. In den Feldlazaretten behandelten Guerilla-Ärzte kostenlos auch Zivilisten.
Trotz selbsterfundenem Mao-Look kämpften damals Fidel und seine Truppe noch immer für "wirklich freie demokratische Wahlen", wie es das "Manifest der Sierra Maestra" vom 12. Juli 1957 verhieß, das alle Batista-Gegner im Land zu einer gemeinsamen Front aufrief. Noch im Sommer 1958 beteuerte Castro: "Kuba braucht keinen Caudillo, sondern einen Alcalde" -- keinen Führer, sondern einen Bürgermeister.
Wenige Monate später jedoch war der 32jährige Fidel Castro ein Caudillo. Umjubelt von den Massen, zog er mit seinen bärtigen Truppen am 8. Januar 1959 in Havana ein. Seine Guerrilleros hatten kaum die Hälfte des Landes erobert, den Rest überließ ihm der entnervte Gegner Batista: Der Ex-Diktator setzte sich mit seiner Familie in einer Sondermaschine in die Dominikanische Republik ab.
Die Fidelisten besaßen die Macht und waren fest entschlossen, sie zur Entwicklung des Landes zu nutzen. Eine Welle von Reformen überschwemmte das Land: Enteignung, Agrarreform, Verstaatlichung, Schulpflicht, Arbeitsbeschaffungs-Programm. Im Vordergrund stand die Verbesserung des Lebensstandards. Castro: "Wir haben ihnen erlaubt, sich der Bedürfnisse bewußt zu werden, nun müssen wir sie auch befriedigen."
Das kubanische Volk wußte der neue Caudillo in Mehrheit auf seiner Seite. 15 Monate nach dem Revolutionssieg ließ ein Forschungsinstitut der amerikanischen Princeton-Universität die Insel-Bewohner befragen: 43 Prozent erklärten sich als begeisterte Anhänger Castros, weitere 43 Prozent waren allgemein für die neue Regierung und nur zehn Prozent gegen sie.
Als die wichtigsten Errungenschaften des Fidelismus wurden die Agrarreform, die Abschaffung der Korruption und die Volkserziehung genannt. Schlußfolgerung der Meinungsforscher "Die Regierung wird letzten Endes danach beurteilt werden, ob es ihr gelingt, den Lebensstandard zu heben und mehr Arbeitsplätze zu schaffen."
Die neuen Herren ließen freilich noch immer die Frage offen, in welchem gesellschaftlichen System der fidelistische Staat verwirklicht werden sollte. Offenbar wußten sie es damals selbst nicht. Ideologisch schwankte das Regime zwischen radikaldemokratischen und nationairevolutionären Maximen.
Der Sozialismus, so erklärte Fidel, gebe den Menschen Brot, gewähre aber keine Freiheit, der Kapitalismus hingegen könne die Freiheit in gewissem Umfang sicherstellen, verurteile die Massen aber zum Hungern; in Kuba gelte es daher, den Menschen Brot und Freiheit zu geben. Castro im April 1959-", Faschismus, Peronismus und Kommunismus sind nur verschiedene Formen des "Totalitarismus'. In den kommunistischen Staaten wird der Mensch ebenso geopfert wie in den kapitalistischen."
Doch bald erkannte Castro, daß sein hochgestecktes Ziel, die Veränderung der kubanischen Gesellschafts- und Sozialstruktur, mit dem herkömmlichen bürgerlich-demokratischen System nicht zu erreichen war. Der bürgerliche Rebell wandelte sich zum Sozialisten.
Durch die Verstaatlichung der großen Industrien, der Handelsgesellschaften und Banken war die Regierung in die Rolle eines Mammut-Trusts geraten, der zu unerfahren und schwerfällig war. in einer freien Marktwirtschaft erfolgreich zu konkurrieren. Die großzügigen Sozial-Leistungen des Castro-Regimes hatten zudem die letzten Reserven des Haushalts erschöpft; es bestand wenig Aussicht, sich durch neue Steuern ausreichende Einnahmen zu sichern.
Schließlich brachte das immer radikalere Nationalisierungs-Programm Fidel in schärfsten Gegensatz zu den USA. Geflohene Latifundien-Besitzer und nordamerikanische Gesellschaften drängten die Regierung in Washington zum Kreuzzug gegen die Emporkömmlinge von Havana.
Als sich im Juni 1960 die ausländischen Ölgesellschaften auf Kuba weigerten, auch sowjetisches Öl zu verarbeiten, konterte die Regierung in Havana mit der Verstaatlichung der Raffinerien. Washington verbot darauf alle weiteren kubanischen Zuckereinfuhren. Nach neuen Enteignungen von US-Besitz auf Kuba eskalierten die Nordamerikaner im Oktober 1960 den Wirtschaftskrieg zum Embargo -- der Bruch war endgültig.
Zum wirtschaftlichen kam der heule Krieg. Seit Ende 1959 hatte der amerikanische Geheimdienst CIA kubanische Terrorgruppen unterstützt, die nach dem Vorbild der Fidel-Guerrilleros in den Bergen und Dörfern gegen
Linkes Bild, 2. v. r.: Castros Kampfgefährte Che Guevara.
das Castro-Regime kämpften. Im April 1961 schlugen CIA und Fidel-Feinde gemeinsam los: In der Schweinebucht landeten über 1000 US-gerüstete Exilkubaner und brachten die "häßlichen Amerikaner" auf der Insel um "den letzten Kredit.
Fidel nutzte die Erhebung der Kubaner gegen die Invasoren. Am Vorabend der Landung -- von den Exilkubanern durch Bombenangriffe mit US-Maschinen auf die Flugplätze von Havana und Santiago de Cuba angekündigt -- rief Castro die eilig mobilisierten Freiwilligen-Milizen zum Abwehrkampf auf. Erstmals benutzte er dabei öffentlich einen neuen Begriff: "Der sozialistische Staat Kuba" sei eine "Alternative zum Gangstertum des Yankee-Imperialismus".
Während der Invasion antikommunistischer Exilkubaner in der Schweinebucht, April 1961.
Mit Gewehren in der emporgerissenen Faust und mit dem alten Guerrillero-Kampfruf "Patria o Muerte!' (Vaterland oder Tod) steigerten sich die Milizionäre in eine Woge von Yankee-Haß. Castro aber deutete die Reaktion der Massen als eine Volksabstimmung für den Sozialismus.
Knapp zwei Wochen später, auf der Kundgebung zum 1. Mai 1961, proklamierte Fidel Castro auch offiziell den sozialistischen Staat; der kubanische System-Wechsel ging im Siegestaumel über die gewonnene Schlacht gegen die CIA-Helfer unter. Im Dezember 1961 forderte Castro: "Man muß sich klarmachen, daß es kein Zwischending zwischen Kapitalismus und Sozialismus gibt."
Gleichsam über Nacht zum Kommunisten geworden, bemächtigte sich Castro der einzigen Partei, die sich neben seiner "Bewegung des 26. Juli" im fidelistischen Regime organisiert hatte: der KP oder (wie sie sich offiziell nannte) "Sozialistischen Volkspartei", Castro erkannte in ihr das Machtinstrument, mit dem er seine Herrschaft abstützen konnte.
Die Fidelisten hatten wenig Grund, die kubanischen Kommunisten zu schonen. 1925 von Grüppchen miteinander rivalisierender Anarcho-Syndikalisten gegründet, hatte Kubas KP stets zwischen Moskau-Abhängigkeit und Flirts mit den wechselnden kubanischen Regimen geschwankt.
1933 wurde sie wegen Anzettelung eines Generalstreiks verboten, doch Batista verhalf der KP wieder zur Legalität, nachdem sie versprochen hatte, ihn bei der nächsten Präsidentenwahl zu unterstützen. Im Zweiten Weltkrieg traten sogar zwei KP-Mitglieder in Batistas Kabinett ein, bis es der eine von ihnen, Carlos Rafael Rodriguez, vorzog, 1958 zu den Fidelisten in die Berge zu fliehen -- er ist heute wieder Minister, diesmal unter Castro.
Es konnte nie geklärt werden, in wessen Auftrag der Apparatschik Rodriguez plötzlich zum Revolutionär geworden war. Seine Freunde in Havana erzählen, er sei der Sendbote der kubanischen KP gewesen, die in letzter Minute auf den fahrenden Zug zum Revolutionssieg aufspringen wollte, Seine Feinde hingegen halten ihn für einen Spitzel Moskaus, den Castro noch heute gerne dazu benutzt, dem Kreml seine Loyalität zu bekunden,
Immerhin ermöglichte die rechtzeitige Desertion des Genossen Rodriguez der kommunistischen Partei, im Castro-Regime ihre Existenz zu sichern. Die KP mit ihren disziplinierten Anhängern in Gewerkschaft und Arbeiterschaft, mit einem erprobten Apparat, einem Sozialisierungsprogramm und dem schlechten Gewissen aber nutzte Castro nun für seine Zwecke.
1961 zwang er die "Sozialistische Volkspartei". sich mit seiner "Bewegung des 26. Juli" und dem Verband der revolutionären Studenten zu den "Integrierten Revolutionären Organisationen" zu vereinigen. Ein Jahr später bekam der linke Verband einen neuen Namen, um sich schließlich 1965 "Kommunistische Partei Kubas" (PCC) zu nennen,
Von den alten KP-Genossen überstand freilich kaum einer den verwirrenden KostümwechseL Das Kommando in der KP übernahmen bärtige Fidelisten; wie bereits im Staatsapparat, so besetzte die Castro-Sippe und ihre engste Gefolgschaft auch in der Partei die Schlüsselstellungen.
Castro, bereits Premierminister und Oberkommandierender der Armee, wurde nun auch Führer der Partei und Politbüro-Mitglied. Bruder Raúl. Vize-Premier, Verteidigungsminister "und Chef des Staatssicherheitsdienstes, avancierte zum Politbüro-Mitglied und Sekretär des Zentralkomitees. Seine Frau, die Ex-Partisanin Vilma Espin, stieg zur Chefin des kubanischen Frauenverbandes und zum ZK-Mitglied auf.
Das Politbüro der Kommunistischen Partei Kubas entwickelte sich unter den Händen der Alt-Fidelisten zum wichtigsten Kommando-Stand militärischer und politischer Macht. Sechs von den acht Mitgliedern gehören zu den Comandantes (= Majoren), jener knapp 100 Personen umfassenden Gruppe ergebenster Castro-Anhänger, die einst im Partisanenkrieg jeweils ein knappes Dutzend Freiwilliger anführten und heute Armeekorps oder Ministerien kommandieren. Die beiden Zivilisten im Politbüro, Staatspräsident Dr. Osvaldo Dorticós und Partei-Ideologe Dr. Armando Hart, sind alte Moncada-Kämpfer.
Unter den sechs ZK-Sekretären bleiben die zu Fidelisten konvertierten Alt-Kommunisten Blas Roca und Redriguez stets in der Minderheit gegenüber den Majoren. Auch im Zentralkomitee der Partei, als alleiniges Abstimmungs-Gremium Kubas Ersatz für das aufgelöste Parlament, übernahmen Alt-Fidelisten die Macht: Von den 86 Mitgliedern sind 56 Comandantes -- vier Frauen müßte man ebenfalls dazu zählen, wäre dieser Guerilla-Ehrentitel nicht den Männern vorbehalten.
Zugleich trug Castro dafür Sorge, nicht von der Partei abhängig zu werden. Die KP spielt noch heute nur die Rolle eines Statisten. Ein Parteitag fand ebensowenig statt wie eine Wahl der ZK- und Politbüro-Mitglieder. Mit rund 70 000 Parteimitgliedern (Kubas Bevölkerung: acht Millionen) ist die PCC die winzigste in einem sozialistischen Staat.
Der Máximo Lider behielt sich vor, Beschlüsse des Politbüros wieder umzustoßen. Von Anfang an regierte er allein, lediglich beraten von einer Frau, die immer wieder Havanas Flüsterwitz belebte. Beispiel: "Wer regiert Kuba? -- Fidel! Und wer regiert Fidel? -- Celia!"
Gemeint ist die Endvierzigerin Celia Sánchez Manduley, eine ehemalige Notar-Sekretärin, die heute Chefin des Sekretariats des Ministerrates und der Präsidialkanzlei ist. Fidels engste Vertraute hatte sich in der Sierra Maestra als couragierte Amazone erwiesen: Sie überwachte die Logistik der Mini-Kampfgruppen und jagte auch manchmal dem Batista-Train die Munition ab.
Als mütterliche Ratgeberin in allen Lehenslagen ist sie bei den alten Freunden noch heute so gefragt, daß sie alle vier Monate ihre Telephonnummer wechselt. Ihr Hauptinteresse galt jedoch von jeher den Frauen, die Fidel gelegentlich von der Revolution ablenken. Celia findet stets einen Weg, die Damen aus dem Gesichtskreis des Máximo Lider zu verbannen.
Zu Celia stieß noch ein zweiter Fidel-Vertrauter, sein Leibarzt und Privat-Sekretär Dr. René Vallejo. Der silberbärtige Hüne studierte in den USA Medizin und kam im Zweiten Weltkrieg mit den US-Streitkräften nach Deutschland. Im Partisanenkrieg in der Sierra Maestra wurde er Comandante: Er behandelte die Blessierten im Feldlazarett.
Von diesem unorthodoxen Duo beraten, gestützt auf den Machtapparat der KP, konnte Fidel Castro mit dem Umbau der kubanischen Gesellschaft beginnen. Am Anfang stand der Kampf gegen die Geißel Kubas: die Abhängigkeit vom Zucker.
IM NÄCHSTEN HEFT
Millionen Kubaner ziehen in die Zuckerschlacht -- Hundert Jahre Kampf gegen Ausbeutung und Abhängigkeit -. Castro fordert die USA heraus -- Die kubanische Industrialisierung scheitert

DER SPIEGEL 37/1969
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