01.01.1968

ICH KANN MILLIARDEN MACHEN

Ein Psychogramm Axel Springers von Wilhelm Backhaus

Meine letzte Unterhaltung mit dem umstrittensten Mann der Bundesrepublik, noch vor der akuten Springer-Krise, dauerte zwei Stunden, aber jeder Augenblick war spannend und sogar gehaltvoll; nicht zuletzt freilich wohl deshalb, weil es um seine eigene Person ging, denn daß eine gute Portion Narzißmus, Verliebtheit in sich selbst, bei Springer vorhanden ist, kann schon ein etwas schärferer erster Blick kaum übersehen.

In dem Anzug aus der Savile Row in London wirkt er angemessen gekleidet, weniger dank der geschmackvollen Schere des Schneiders als durch die dominierende Harmonie von Bewegung und Haltung.

Er plaudert heiter, amüsant und wartet ab und zu sogar mit der Überraschung sehr originaler Gedanken auf, wobei dann die Zähne lächeln, die Stimme eine Sekunde in der Schwebe bleibt und die ein wenig vorstehenden Augen sich in Erwartung des Effektes weiten. Dennoch war das Überraschendste des langen Gesprächs gleich sein Beginn, fern allen Künsten kluger Selbstrepräsentation.

Springer hatte sich bei meiner Ankunft für einige Minuten entschuldigen lassen, und so erwartete ich ihn in jenem oft beschriebenen Raum des zwölften Stockwerks mit dem von Kokoschka gemalten Blick über Hamburg, die Alster und die Häfen. Schon von früheren Gelegenheiten kannte ich die elegante Unpersönlichkeit dieses Zentrums eines Imperiums, und mir war nur die Encyclopaedia Britannica auf dem Bücherbord im Gedächtnis geblieben.

Nun jedoch fesselte meine Aufmerksamkeit ein ganz kleines, fast winziges Bild, das unmittelbar hinter Springers Schreibtischsessel an der Wand hing. Ich trat näher und stellte fest, daß es ein Porträt, ein alter Stich des "Bruder Klaus" war, genauer: des heiligen Niklaus von Flüe, den man den inoffiziellen Nationalheiligen der Schweiz nennen kann. Ihn hier zu finden war fast so, als hätte plötzlich Herbert Marcuse in der Tür zum Nebenzimmer gestanden.

Als Springer wenige Augenblicke später eintrat, galt denn auch meine Frage sofort diesem Bild an so bevorzugter Stelle. Bevor ich den erhaltenen Aufschluß weitergebe, ist zu sagen, daß Niklaus von Flüe im Unterwalden des 15. Jahrhunderts das Leben eines besonders angesehenen Ratsherren, Richters und Familienvaters führte, sich dann aber fünfzigjährig plötzlich in die wilde Ranftschlucht des Melchtales zurückzog, um fortan als Eremit nur noch der religiösen Meditation zu leben. Er ragt aus den im Mittelalter gar nicht seltenen frommen Männern dieser Art jedoch weit hervor, weil seine Jahre der Versenkung voll der großartigsten Visionen waren, die er genau beschrieb und die nicht nur überliefert, sondern zu berühmten Exempeln für die tiefenpsychologische Forschung, vor allem C. G. Jungs und seiner Schule, geworden sind.

Es ergab sich, daß Springer über diese in Deutschland wohl nur wenigen bekannten Dinge auffallend gut orientiert war. Dennoch erwies sich meine Vermutung als richtig, daß eine andere Wesensseite des Bruder Klaus sein Interesse in noch viel höherem Grade geweckt hatte.

Niklaus von Flüe war nämlich, über das gewohnte Maß eines Eidgenossen weit hinaus, ein so kluger Politiker, daß man sich, als die Schweiz nach den Burgunderkriegen in eine recht kritische Lage der Uneinigkeit geriet, um Rat an den Eremiten wandte. Bruder Klaus fällte dann einen Spruch, der im sogenannten "Stanser Verkommnis" von 1481 Vertragscharakter bekam und nach dem Urteil der Historiker tatsächlich den drohenden Zerfall des Landes verhinderte. Der Spruch bewirkte aber noch mehr: er gab der Eidgenossenschaft mit ihrer nunmehr erst gefestigten Einheit die tragfähige Grundlage einer gedeihlichen Entwicklung.

Es ist nicht schwer zu sehen, worin für Springer das Faszinierende an diesem historischen Phänomen liegt. Ein mit göttlicher Inspiration begnadeter Mann hatte durch sein Wirken die Eintracht seines Landes geschaffen oder zumindest erhalten, und unsere weitere Unterhaltung machte es ganz deutlich, daß die religiösen Wurzeln dieser Leistung von meinem Gesprächspartner nicht nur bemerkt, sondern nachdrücklich bejaht wurden.

Es zeigte sich überhaupt eine durchaus nicht nur oberflächliche Belesenheit und eine spürbare Anziehungskraft in Dingen der Religion, wobei sogar der Akzent ihrer Verbindung zur Politik hin nicht einmal besonders betont, vielleicht aber auch zurückgehalten wurde.

Jedenfalls hatte Springer den Schrein mit den Gebeinen des Niklaus von Flüe in der Kirche zu Sachseln bei seinen vielen Aufenthalten in der Schweiz (er besitzt ein Haus in Klosters) häufig besucht; viel wichtiger noch: sein jüngerer Sohn heißt außer Raimund und Axel auch Nicolaus.

Es erscheint mir notwendig, diese Episode, diesen Einblick festzuhalten, weil er einmal den zu engen, zu simplen Rahmen und Zusammenhang zerstört, in den man Springer zu stellen pflegt; und weiter wird hier gleich eingangs deutlich, daß an seiner Gesamterscheinung ganz unvermutete Wurzeln, Tiefenschichten, Kräfte beteiligt sind, ohne deren Kenntnis weder der Fall Springer noch seine nationalen Konsequenzen auch nur einigermaßen überblickt werden können.

Solche überwiegend irrationalen Momente werden von dem äußeren Ablauf der Dinge und von der gegenwärtigen konkreten Situation des Springer-Konzerns nur bestätigt. Wäre etwa in Amerika, England oder Frankreich ein in seiner Größe vergleichbares Industrieunternehmen oder auch ein Presse-Konzern der öffentlichen Meinung gegenüber in die Lage gekommen, in der sich das Haus Springer heute befindet, so hätte nicht nur der "Public-Relations-Direktor" oder irgendein anderer Sündenbock längst seinen Hut nehmen müssen, sondern das gesamte Direktorium wäre mittlerweile gefeuert worden.

Hier geschah nichts dergleichen, und es konnte auch nicht geschehen, denn der eine Mann im Zentrum bestimmte alles, und schon seit Jahren war von den höchsten kaufmännischen und technischen Managern immer wieder die Versicherung zu hören, daß sie mit der Politik des Hauses und ihren besonderen Zielsetzungen nichts zu tun hätten. Es wird sich später zeigen, daß da sehr wohl große Mitverantwortungen bestehen, im ganzen jedoch ist es zutreffend, daß in diesem größten publizistischen Machtblock des Kontinents alles von dem in vielem überaus eigenartigen, von der Norm durchaus abweichenden Charakter des Axel Cäsar Springer abhängt.

Daß Axel Springer gerade am 2. Mai 1912 geboren wurde, ist insofern für seine Entwicklung bedeutungsvoll gewesen, als dadurch ein unzweifelhaft extrovertierter, in erster Linie nach außen gerichteter Typ in den einerseits gepriesenen, aber doch auch sehr problematischen, reizübersättigten, vom Verfall gezeichneten, sogar makaberen zwanziger Jahren aufwuchs. Er selbst schenkte stets auch dem genauen Geburtsdatum die größte Beachtung, da er immer ein überzeugter Anhänger der Astrologie war. Dieser Umstand wiederum wird für den Beobachter wichtig sein, der bereit ist, ihn mit Theodor W. Adorno für einen symptomatischen Zug autoritärer Persönlichkeiten zu halten.

Der Vater Hinrich Springer war ein kleiner Verleger mit einer kleinen Zeitung und Druckerei, doch Im Besitz des altrenommierten Verlages Hammerich und Lesser, obwohl dessen Name auch damals schon recht vergilbt gewesen sein dürfte. Immerhin eine Familie mit Ansehen und gutem Auskommen. Wenn man Springer hört, hat man nicht das Gefühl, daß sein Verhältnis zum Vater besonders gut gewesen sei.

immerhin fragt man sich, warum ihm dieser wohl den ebenso ausgefallenen wie komisch-anspruchsvollen Namen Cäsar mitgegeben haben kann. Vielleicht ein Nachklang der einst mächtigen Kaufherren Godeffroy an der nahen Elbchaussee, die in jeder Generation, nur verschieden numeriert, so hießen? -- Sehr wohl könnte er auch der Mutter zu verdanken sein, die ohne Zweifel eine weit entscheidendere Rolle als der Vater gespielt hat.

Ottilie Springer war offenbar eine höchst ungewöhnliche Frau, denn eine durchschnittliche würde kaum, wenn sie zur Kur fuhr, ihren ganzen Goethe und ihre Lieblingsbilder als eigenen unentbehrlichen Wandschmuck mitgenommen haben.

Für die Zukunft Springers ist vor allem wichtig, daß hier ein körperlich und geistig sehr harmonisches, wohl auch ungewöhnlich hübsches Kind heranwuchs, dem die Gabe verliehen war, seine Umwelt mit Leichtigkeit für sich zu gewinnen. Mütter. die dem Reiz eines solchen Sohnes nicht erliegen, sind ebenso selten wie ein Sohn, der daraufhin nicht ein Mutter-Sohn oder gar ein Mutter-Söhnchen wird -- mit allen tiefenpsychologischen Folgen, die sich einzustellen pflegen.

Bei Springer jedenfalls hatten Anlage und Entwicklung dieser Art die für sein ganzes späteres Leben bestimmenden Konsequenzen: Einmal die ungewöhnlich enge Bindung an die Mutter, durch welche an Identifizierung grenzende Haltung die innere Struktur weiblich betont wurde; und zum anderen machte er sehr früh die Erfahrung, daß ihm der geschickte Einsatz seiner liebenswürdigen Person Schwierigkeiten und Hindernisse zu ersparen vermochte, bei denen andere Jungen ihre männliche Energie anzusetzen und auch zu entwickeln genötigt waren. Nicht daß er zu solchem Training später keinerlei Gelegenheit mehr gehabt hätte, aber diese frühe Akzentverschiebung blieb doch für immer unverkennbar.

Dieser, wie sich zeigen wird, außerordentlich wichtige Zusammenhang ist aber auch noch tiefer zu begründen. Das Gesetz der Bipolarität gilt bekanntlich auch für den Menschen, und es gibt deshalb weder einen nur männlichen Mann noch eine nur weibliche Frau. Jeder Mensch besitzt in seiner physischen, vor allem aber psychischen Konstitution die mehr oder weniger starke Komponente des anderen Geschlechtes ebenfalls. C. G. Jung spricht in diesem Sinne von der "Anima" in der Psyche des Mannes und vom "Animus" in der Seele der Frau.

Schon aufgrund des jugendlichen Charakters, noch weit mehr aber nach seinem späteren Stil des Agierens, ist die Annahme vollauf berechtigt, daß die weibliche Komponente im Springerschen Wesen nicht nur durch die Entwicklung, sondern schon durch Anlage besonders stark ist.

Nach den verfügbaren Unterlagen war auch der Werdegang des jungen Mannes ganz so, wie er für ein besonders charmantes Kind und einen übermäßigen Liebling der Mutter typisch zu sein pflegt. Man erfährt zwar vom Besuch des Realgymnasiums, nichts jedoch von einem regulären Abschluß. Ebensowenig ist von irgendwelcher Freude an rauhen Jungenspielen oder am Sport die Rede, aber ziemlich früh taucht das Wort "Tunichtgut" auf, und es haftet ihm erst recht an, nachdem er, von seinen besonderen Eigenschaften begünstigt, ganz unübersehbar in die Reihen der jungen Hamburger Eleganz vorgedrungen ist.

Doch in dieses den Voraussetzungen ziemlich genau entsprechende Entwicklungsbild sind einige Episoden eingebettet, in denen sich bereits weit stärkere Triebfedern ankündigen. Eines Tages kommt der Vater zum Mittagessen und erzählt von einer Konferenz, an der er teilgenommen hat. Mit besonderem Stolz fügt er hinzu, daß auch Herr Broschek, der Verleger des großen "Hamburger Fremdenblattes", anwesend gewesen sei. Da packte den kleinen Axel über solche etwas demütigende Genugtuung die Wut, weinend springt er auf und stürzt aus dem Zimmer. Die verständnisvolle Mutter geht ihm nach und vermag ihn nur langsam zu beruhigen.

Hier tritt ganz deutlich ein starker Keim des Künftigen zutage, wie er sich im Leben vieler erfolgreicher Menschen findet. Vor langen Jahren erzählte mir ein Großindustrieller, wie er als ganz junger Bergmann einmal

* In NSKK-Uniform (Kreuz) bei der 50-Jahr-Feier der "Bergedorfer Zeitung".

Emil Kirdorf, den späteren mächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden des Ruhrkohlen-Syndikates, zweispännig in seiner eleganten Kutsche habe vorüberfahren sehen. Im selben Augenblick durchfuhr ihn blitzartig der Entschluß, eines Tages ebenfalls in solcher Equipage zu sitzen. Er erreichte dann nicht nur dieses Ziel, sondern wurde ein Pionier des Bergbaues, und mehrere Schächte am Niederrhein tragen seinen Namen.

Was Springer angeht, so hat er es immer wieder ausgesprochen, wie sehr das "Hamburger Fremdenblatt" jenes Herrn Broschek während seiner ganzen Jugend das Leitbild seines Ehrgeizes gewesen sei.

Noch eine andere Episode ist wichtig, und sie wirft nebenbei ein ziemlich grelles Licht auf den Mangel jeden Wohlverhaltens. Seine Mutter meinte eines Tages, er habe ihnen nun so ziemlich alles angetan, was Kinder ihren Eltern nur antun könnten. Jetzt erwarte sie nur noch eins: sein Genie. -- Das erzählte Springer selbst, und es klingt nicht gerade bescheiden.

Aber abgesehen davon, daß diese Eigenschaft kaum zu seinen Stärken gehört, hat er sich ja tatsächlich als ein unternehmerisches Genie erwiesen, und der erstaunliche Imperativ der Mutter war deshalb so wenig gegenstandslos, daß er bei einiger Eitelkeit im nachhinein durchaus als eindrucksvoller Leistungsbeweis vorgezeigt werden kann.

Doch man muß diese Entwicklungsjahre noch genauer sehen. Sicher war das "Fremdenblatt" für den selbstbewußten, aber noch keineswegs selbstsicheren jungen Mann nicht die einzige Herausforderung. Er muß auch bald jenen besonderen Hochmut der alten Hamburger Familien zu spüren bekommen haben. die zwar seit langem nur noch wenig bedeuten, um so mehr aber ihre Exklusivität betonen.

Springer war nie der Mann, so etwas zu übersehen, sondern selbst heute, nach gigantischem Erfolg, glüht in der prunkenden Entfaltung seines Reichtums in dieser Hinsicht noch ein kleiner, bitterer Tropfen ärgerlicher Vergeblichkeit.

Sehr viel größere Bedeutung für den Aufbau seines Lebens kommt jedoch der Frage zu, welche Wertmaßstäbe, welche Vorstellungen vom Erstrebenswerten sich in seinen frühen Jahren entwickelt haben. Nach dem Bisherigen liegt die Antwort nahe: der hübsche, charmante und verwöhnte Junge, der die Menschen so schnell für sich einzunehmen wußte, war dieser Natur entsprechend von Anfang an gewissermaßen ein Kind der leichten Muse. Da er selbst mit Erfolg gefällig war, liebte er das Gefällige, denn jeder bevorzugt in der Regel die Verhaltensweisen und Medien, in denen die eigene Stärke liegt. In diesem Sinne sind es Symptome, wenn er als junger Mann Sänger werden wollte. immer wieder nach Berlin reiste, um eine Operettenpremiere mit Richard Tauber zu erleben, oder wenn es lange ein Lebenswunsch für ihn war einmal eine große Revue inszenieren zu dürfen.

Doch diese später so bedeutungsvollen Neigungen zum Oberflächlichen und ziemlich Seichten sind offenbar, bei aller eigenen Veranlagung, nicht ausschließlich aus Springer selbst erwachsen; sie wurden von außen her noch nachdrücklich verstärkt.

Axel Springer hat immer ein starkes Bedürfnis gezeigt, sich an Freunde anzulehnen. Mit einem der ersten dieser oft entscheidenden Freunde hat es nun seine besondere Bewandtnis. Nachdem Springer eine kaufmännische und drucktechnische Ausbildung absolviert hatte, wurde er Reporter bei einer kleinen Zeitung in Hamburg-Bergedorf. Diese Ausbildung war für ihn sicher nicht gar so wichtig, doch sie rechtfertigte stets seinen Anspruch. "das Handwerk von der Pike auf gelernt zu haben.

Schließlich aber kam er zur Nachrichtenagentur "Wolffs Telegraphisches Büro", bei der auch ein Mann mit Namen Walther Hansemann beschäftigt war; die enge Freundschaft mit ihm, dem viel älteren, wurde nun tatsächlich überaus wichtig. Er ist aus Springers engster Umgebung nicht mehr verschwunden, bis er 1960 als Feuilletonchef des "Hamburger Abendblattes" starb.

Dieser Hansemann war ein ziemlich skurriler Mensch mit etwas verwässertem Ringelnatz-Profil, einer Leidenschaft fürs Varieté, unordentlich und doch voller Fleiß und Akribie, gescheit, sogar vernünftig und doch Bohemien und Freund aller Boheme, schweigsam und doch gesellig, Besitzer einer Wohnung am Altonaer Fischmarkt, aber mit großartigem Blick auf den Hafen.

Obwohl ein Charakter, zuverlässig und kameradschaftlich, darf man dennoch als sicher annehmen, daß die Rolle dieses Mentors, der er war, einem Manne mit den großen Aufgaben Springers kaum zum Vorteil gereichte. Ihn von den allzu leichten Dingen und Oberflächlichkeiten, denen schon zuviel Neigung gehörte, zu lösen, seine Interessen zu vertiefen und den Horizont zu erweitern, war Hansemann sicher nicht der Richtige. Genau das Umgekehrte trat denn auch ein.

Vor allem unter der Einwirkung dieses Gefährten und seines Kreises wurde das, was nur Durchgangsstadium hätte sein dürfen: jener flach impressionistische, vorschnell und vorwitzig formulierte, man möchte fast sagen pseudo-kabarettistische Aspekt der Dinge, allzusehr und endgültig verfestigt. Später fanden sich andere und viel bedeutendere Freunde, aber auf diesen an sich sehr sympathischen Hansemann geht mit ziemlicher Sicherheit zurück, was als ständiger leiser Hauch von "Tinnef" leider eine Komponente des Schöpfers von "Bild" und ähnlichen Produkten geblieben ist.

Bevor nun der Axel Springer umrissen wird, wie er seine beispiellose Karriere begann, ist noch eine angeborene, durch den besonderen Ablauf der Jugend erst voll ausgebildete, jetzt aber zur entscheidenden Kraft werdende Fähigkeit hervorzuheben. Natürlich ist Springer ein Mann mit ungewöhnlicher Intelligenz, doch viel stärker ist seine Gabe der Intuition, der fast instinktiv erkennenden Einfühlung -- und auch sie wird von dem weiblichen Pol seines Wesens stark begünstigt und gefärbt. Es kann gar keine Frage sein, daß diese Begabung zu seinem Erfolg mehr als alles andere beigetragen hat.

Allerdings kommt ein erst recht bedeutsamer Faktor hinzu: Diese Intuition wurde gelenkt und begleitet nicht von einem originalen, über das Bestehende vehement hinaus ins ganz Neue strebenden Willen, sondern von einem zur Anpassung entschlossenen, zur geschmeidigen und geschickten Ausnutzung der obwaltenden Umstände.

Wie schon das Kind seinen Vorteil fand, indem es zu gefallen suchte und so die Umwelt liebenswürdig seinen Wünschen geneigt machte, betrat auch der junge Verleger Springer die Bühne des Zeitungswesens in völlig derselben Haltung und mit denselben Ansichten.

Nach der Katastrophe von 1945 lag der Gedanke nahe (und er ist in einzelnen Fällen sogar erfolgreich betätigt worden), mit Energie und den Mitteln des Journalismus gegen die Fehler der Vergangenheit zu kämpfen; die Lebensform und Prinzipien der Demokratie aber, wenigstens soweit die verlegerischen Möglichkeiten reichten, den Massen nahezubringen. Das jedoch war, wenige Dinge ausgenommen, Axel Springers Sache nicht recht eigentlich und höchstens, sofern und solange die Massen selbst nicht abgeneigt waren, doch ein wenig auch an ihr politisches Heil zu denken.

Wir brauchen die wichtigsten Etappen seines unternehmerischen Aufstiegs, weil sie bekannt sind, hier nur zu streifen. Er begann mit den "Nordwestdeutschen Heften", in denen die besten Rundfunkbeiträge im Druck festgehalten wurden.

Dabei erkannte Springer sehr schnell, wie sich in jener Zeit der atomisierten Nation das erste große Publikum um den Rundfunk, als das erste, alle verbindende Medium, formierte und daß hier mit bester Aussicht auf Erfolg der geschäftliche Hebel anzusetzen sei. Er besorgte sich also die Lizenz für "Hör zu" und manifestierte bei dieser Gründung gleich ein für allemal seinen ganz speziellen verlegerischen Stil der extremen Anpassung an die Massen.

Der langjährige Chefredakteur Eduard Rhein, diabolisch-genial und nebenbei ein Techniker von Rang, trieb die Vulgarisierung und Verkitschung der "Familienzeitschrift" dann so weit, daß selbst Springer sie schließlich nicht mehr ansehen konnte. "Aber", meinte er einmal, "auf eine geheimnisvolle Weise findet sie den Beifall der Leser. -- Nachdem sich Eduard Rhein, millionenschwer geworden, auf seinen Besitz an der Côte d'Azur zurückgezogen hat, soll die auflagenstärkste Zeitschrift Deutschlands unter neuer Leitung heute auch einem besseren Geschmack genügen.

Weit voller und deutlicher konnte sich Springers Persönlichkeit aber bei der Gründung und ersten Entwicklung des "Hamburger Abendblattes" entfalten. Wie sich das meistens gar nicht bewußt, sondern oft ganz unbewußt und im Gegensatz zu ursprünglichen Absichten vollzog, das machte den Vorgang für den Beobachter nur um so eindrucksvoller.

So steht es fest, daß Springer im Grunde wiederholen wollte, was ihm während seiner ganzen Jugend der Inbegriff der großen und guten Zeitung gewesen war: das "Hamburger Fremdenblatt". Schon daß er von dort fast sämtliche verfügbaren Redakteure holte, hatte vor allem diesen Zweck. Auch auf den vorbereitenden Konferenzen wurde immer wieder eingeprägt, daß als Modell dies altehrwürdige Hamburger Blatt anzusehen sei, dessen Kopf, wenn schon der Titel nicht frei war, wenigstens drucktechnisch mit voller Absicht nachgeahmt wurde*.

Um so erstaunlicher war es dann, wie unter Springers Händen von Monat zu Monat mehr etwas ganz anderes, neues entstand und wie sich seine persönlichen Eigentümlichkeiten schließlich bis in die Einzelheiten hinein dem entstehenden Gebilde mitteilten.

Schon die beiden Devisen, deren erste seither den Kopf der Zeitung ziert, sind in dieser Hinsicht bezeichnend: "Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen" und der inzwischen berühmt gewordene Werbeslogan "Seid nett zueinander!". Die Titelsentenz stammt von Gorch Fock, was man nach ihrem sentimentalen Aroma gar nicht vermuten sollte. Unvorstellbar, daß dies eine Kennmarke des "Fremdenblattes" gewesen wäre.

Dem "Seid nett zueinander!" liegt jedoch weit mehr zugrunde; es ist besonders exemplarisch für das intuitive Erfassen einer charakteristischen Zeitlage. Springer hat dieselbe Erkenntnis auch mit der Feststellung ausgedrückt, daß seine Blätter wohltuend sein sollten, ein nach den Leiden und dem Elend des Krieges durchaus zu rechtfertigender Grundsatz -- wenn er nicht allzusehr von der höhe-

* Noch während der Gründung des "Hamburger Abendblattes" fürchtete Springer, die Broschek-Erben könnten ihm mit einer Neuauflage des "Hamburger Fremdenblattes" zuvorkommen. Als die Firma Broschek, die gegen die Ähnlichkeit der Aufmachung protestiert hatte, 1954 tatsächlich ein "Hamburger Fremdenblatt" auflegte, fanden sich nicht mehr genügend Käufer. Nach der Einstellung der Zeitung erwarb Springer den Titel, er wird Jetzt im Untertitel des "Hamburger Abendblattes" geführt.

ren Verpflichtung wegführt, wenigstens in annähernd gleicher Stärke zum Wandel und zu oft schmerzhaftem Umdenken beizutragen.

Eben darin war aber die Abendblatt-Devise insofern positiv, als sie die viel zu knappen und oft rücksichtslosen zwischenmenschlichen Beziehungen der Deutschen zu verstärken und zu verbessern suchte. Auf ihrer populären Ebene befindet sie sich dabei durchaus im Einklang mit der modernen Soziologie, etwa des "other-directed man David Riesmans ("Die einsame Masse"), vor allem aber Ralf Dahrendorfs ("Gesellschaft und Demokratie in Deutschland").

in diesem Zusammenhang darf an etwas erinnert werden, das durch amerikanische, von Riesman angeführte Tests festgestellt wurde: Bei der Beurteilung von Personen durch andere wird stets das Vorhandensein oder das Fehlen "menschlicher Wärme" weit an die Spitze jeder Qualifizierung gestellt. Diesen Radarstrahl durch die gesellschaftlichen Dinge sicher erfaßt und methodisch genutzt zu haben, ist an sich schon eine ungewöhnliche Leistung Springers.

Beim Aufbau seiner ersten Zeitung trat noch eine andere Seite seiner intuitiven Urteilskraft hervor, die zu seinem steilen Aufstieg sehr erheblich beigetragen hat: seine Fähigkeit, mit fast schlafwandlerischer Sicherheit die Menschen zu erkennen, die ihm nützlich sein konnten.

So ist es keineswegs ausgemacht, ob der ungeheuer schnelle und doch kaufmännisch ganz solide Wuchs des Springer-Konzerns überhaupt möglich gewesen wäre, hätte sich Springer nicht gleich am Beginn mit Karl Andreas Voss einen Mann geholt, der ihn aufs glücklichste ergänzte. Voss ist hochintelligent, absolut nüchtern; er prüfte sozusagen jeden neuen Stein erst auf seine Festigkeit, verstand aber dann kühn mitzubauen. Als fast Sechzigjähriger hatte er damals schon eine erfolgreiche Unternehmerlaufbahn hinter sich.

Voss war einst Mitinhaber der sehr angesehenen "Magdeburgischen Zeitung" gewesen, dann mit den Nazis in Konflikt geraten und hatte schließlich bis zu dessen Ende die eigentliche verlegerische Leitung des "Hamburger Fremdenblattes" inne. Springer gewann ihn als seinen Gesellschafter und Stellvertreter, als welcher er bis vor wenigen Jahren die soliden Grundlagen des Konzerns verbürgte. Daß Voss dabei mit seiner Leistung neben dem Chef des Hauses mehr als nur bestehen kann, beweist die für jeden Ökonomen verblüffende Tatsache, daß der Aufbau dieses Riesenunternehmens fast ausschließlich auf dem Wege der Selbstfinanzierung erfolgt ist.

Ein besonders erstaunliches Beispiel für Springers Fähigkeit der Beurteilung von Menschen wird durch die Tatsache geliefert, daß ein großer Teil seiner wichtigsten gegenwärtigen Manager aus der jungen Mannschaft hervorging, mit der das "Abendblatt" antrat:

Hans Heinrich Sehreckenbach, heute an der Spitze der Gruppe "Welt", "Welt am Sonntag", Reisebüro, war damals dort junger Werbeleiter;

* Rolf von Bargen, heute an der Spitze der Gruppe "Bild", "Bild am Sonntag "Hamburger Abendblatt", "Kicker", hatte als junger, aus japanischen Gewässern heimgekehrter U-Boot-Offizier gerade seine Redakteurausbildung hinter sich

* Peter Tamm, heute Leiter der riesigen "Ullstein-Gruppe", war Mitarbeiter für Schiffahrtsfragen;

* Christian Kracht endlich, der bedeutendste von allen, jetziger Generalbevollmächtigter Springers und wahrscheinlich der höchstbezahlte Manager der Bundesrepublik" war damals nur einer von vielen Redakteuren.

Diese jungen Leute hätten nicht im Traum an solche Karrieren gedacht. wie sie der Scharfblick Springers dann für sie eröffnete. Sie waren allerdings auch sämtlich keine passionierten Journalisten im Sinne einer Faszination durch die geistige Seite dieses Berufes: die dauernde Auseinandersetzung mit den Phänomenen und der Entwicklung von Umwelt und Welt. Da dieser echte und wertvollste Typ des Journalisten nicht ohne innere Unabhängigkeit und selbständiges Urteil zu denken ist -- da Anpassung und Gefälligkeit nicht seine Sachen sind, hat er es bei Springer stets sehr schwer gehabt, um nicht zu sagen: Er hat sich in seinem Hause kaum je gehalten.

Einen wirklich neuen und ganz eigenständigen Weg, ohne jede Anlehnung an irgendein Vorbild, ging Springer erst mit "Bild", welches Blatt man, von einigen nicht sehr wesentlichen Hilfestellungen abgesehen, als seine ureigenste Schöpfung ansehen muß. Die Motive und Richtlinien, die sich auch hier zum Teil erst allmählich ein spielten, sind leicht einzusehen.

Die überraschenden Erfolge von "Hör zu" und Hamburger Abendblatt" beruhten unzweifelbar auf der geschickten Anpassung an den Leser, und zwar an den mit der eigentümlichen seelischen Einstellung der Nachkriegsjahre. Dennoch waren die unteren und damit breitesten Schichten der deutschen Massengesellschaft noch ziemlich unerschlossen, und sie galt es deshalb ebenfalls zu erreichen.

Dem bewährten Einfühlungsvermögen fiel es nicht schwer herauszufinden, wie das Denken, je primitiver es ist, um so mehr zu wenigen einfachen Schablonen verkümmert, und daß ferner die ursprünglichsten Reaktionen auf Leben und Umwelt gefühlsmäßigen Charakters und wiederum ganz schablonenhaft sind. Will man sich des Lesers dann auch noch soweit wie möglich bemächtigen, so kommt es vor allein darauf an, selbst das bescheidenste Denken noch durch Vorformung, durch Umsetzung in Bilder und emotionell aufgeladene Kurzsätze zu entlasten.

Wie richtig -- wenn auch nicht moralisch, so doch im Sinne der psychologischen Mechanik -- dieses Rezept war, bewies die Auflage von mehr als vier Millionen des nach ihm gemachten Blattes. Wie verhängnisvoll es ist, erfuhr ich zum erstenmal vor Jahren von einem jungen Pfarrer, als er im Konfirmationsunterricht zu seinem Schrecken festgestellt hatte, wie sehr die jungen Menschen bereits vom "Bild"-Stil in ihrem Denken und Fühlen geprägt waren.

Doch die Psychologie eines Massenblattes in Deutschland hat Springer, wie gesagt, keineswegs in scharf sinniger Analyse erkannt. Er hat sie in ungewöhnlicher, wieder stark weiblicher Rezeptivität erspürt, und es ist sehr bezeichnend, daß seine dritte Frau, Rosemarie Springer, an dieser Konzeption einen beträchtlichen Anteil hat.

Bei dem Erfolg von "Bild" spielen aber auch einige Voraussetzungen eine große Rolle, die gar nichts mit Springer zu tun hatten. So ist durch die Katastrophe des Krieges keineswegs nur im unteren Teil der sozialen Pyramide Deutschlands eine Art Atomisierung der Wertvorstellungen, des ästhetischen und geistigen Anspruchs vor sich gegangen, die dann in der Publizistik sofort ihre Konsequenzen hatte.

Der Absturz vieler Illustrierten aus dem Journalismus in die, wie man es sehr treffend genannt hat: Vergnügungsindustrie -- der früher unbekannte geistige Morast der "Regenbogenpresse" -, das alles ist in diesen seelischen Kriegsfolgen begründet. Die soziologische Seite des Vorganges hat übrigens vor Jahren Karl Korn besonders drastisch gekennzeichnet, als er "von dem Einbruch der Ganoven in den Journalismus" sprach.

Mit den Extremen dieser Erscheinung mögen Springer und sein "Bild" nichts zu tun haben, wohl aber mit dem ihnen zugrunde liegenden gewissen Nihilismus unserer Nachkriegsepoche. Man kann das am Beispiel der Schweiz verdeutlichen. Dort erschien, angeregt vom Riesenerfolg von "Bild", eine Art Kopie der Springerschen Schöpfung mit Namen "Blick".

Sie blieb zwar keineswegs erfolglos, aber die angesehenen schweizerischen Zeitungen: die "Neue Zürcher Zeitung", die "Basler Nachrichten", der Berner "Bund" usw., fuhren "Blick" gleich heftig an die Gurgel und machten sich vom ersten

Augenblick an zu Sprechern der "heil gebliebenen", nicht durch den Krieg geschädigten Mentalität des Landes. Im großen und ganzen ist die öffentliche Meinung ihnen gefolgt, wodurch "Blick" ein für allemal abqualifiziert und in eine nicht mehr einflußreiche Randstellung abgedrängt wurde.

In Deutschland hingegen sind seit dem Kriege gerade Minderwertigkeitsgefühle und Ressentiments verlegerisch zu nutzen, und das gelang Springer mit dem kongenialen Chefredakteur von "Bild", Peter Boenisch, noch auf eine besondere, viel gefährlichere Weise. Sie erreichten es, daß sich der Konsument von "Bild" nicht mehr mit dem Lesen begnügt; er wird aktiviert, man animiert ihn zur Zuschrift, man redet ihm ein, daß seine Stimme Volkes Stimme sei, daß Deutschland durch seinen Mund spricht.

So ist das Millionenheer der "Bild"-Leser bewußt zu einer politischen Macht aufgebaut worden, die ebenso bewußt gelenkt wie ausgespielt werden kann. Ihr Gewicht ist längst viel zu groß, als daß irgendein Politiker es noch wagt, sich ihr entgegenzustellen. Daß dies keine bloß konstruierten Spekulationen sind, hat Springer selbst durch die wiederholte Behauptung bestätigt, er und seine Politik erhielten ihren Auftrag, ihre Legitimation durch die tägliche Millionenzahl seiner Zeitungskäufer und -leser.

Man darf als sicher annehmen, daß Axel Springers Machtbewußtsein erst mit den Riesenauflagen von "Bild" jene entscheidende Stufe erreichte, die ihn den unglücklichen Entschluß fassen ließ, selbst große Politik zu machen und in die Reihe der wenigen zu treten, die sich zur Lenkung des deutschen Schicksals berufen fühlen. Um aber solche Rolle spielen zu können, mußte einmal die eigene Macht noch soviel wie möglich vergrößert werden, zum anderen mußte Klarheit über den politischen Weg herrschen, der zu gehen war. Es genügte zu dem Zweck auch nicht, nur über Massenblätter zu verfügen; eine große, überregionale, höheren Ansprüchen genügende Zeitung mußte die Verbindung zwischen Springer und den von ihm noch nicht erreichten Intelligenzschichten herstellen.

Das gelang -- zunächst annähernd -- mit dem Kauf der "Welt", endgültig aber erst mit deren vollständiger Eingliederung nach dem Tode ihres Verlagsdirektors Dr. Heinrich Schulte.

Später hat sich das Springer-Imperium dann durch die Übernahme des Ullstein-Verlages, durch die Angliederung weiterer Unternehmen und durch riesige Auflagensteigerungen zu seiner schließlich beherrschenden, in Vielen Bereichen monopolartigen Stellung weiter ausgedehnt. Das tut jedoch nichts mehr zur Sache, weil hier nur mehr interessiert, welche Triebfedern die mit einem so ungeheuren Machtpotential betriebene Politik eigentlich hat. Damit ist die Notwendigkeit gegeben, zur Analyse des Springerschen Charakters, soweit die Öffentlichkeit ein Interesse an ihm haben muß, zurückzukehren.

Nach den zwei Jahrzehnten von Springers Wirken und nach der ebenfalls schon jahrelangen Diskussion um ihn klingt es wie eine Binsenweisheit, wenn man den außerordentlichen Machtwillen als seinen eigentlichen Motor ansieht

Aber so stark dieser Faktor auch seit je gewesen sein mag und so überaus problematisch er schließlich geworden ist -- dahinter steht ein sehr kompliziertes, durchaus nicht der Norm entsprechendes seelisches Kräftespiel, und man versteht weder Axel Springers Persönlichkeit noch sein Imperium noch die lebensgefährliche Problematik, die sich für die ganze Nation um ihn und durch ihn zusammengeballt hat, wenn man die sehr eigentümlichen Phänomene hinter dem Machtbetrieb vernachlässigt, zumal sie oft wichtiger sind als dieser -- weil sie es sind, die ihn steuern.

Zunächst tut man gut, diesen mittlerweile in der Tat beängstigenden Machtwillen noch etwas näher auf seine verschiedenen, verhältnismäßig normalen Wurzeln zu untersuchen. Von der erregenden Herausforderung, wie sie bereits der kleine Sohn des kleinen Verlegers einer kleinen Zeitung bei der gewissen Demut seines Vaters vor der Existenz des grollen Verlegers einer großen Zeitung empfand, sagten wir schon, daß sie als Triebkraft nicht selten ist.

Das "Fremdenblatt" an Geltung und Ruf in Hamburg einzuholen und zu überholen, war denn auch zweifellos in den ersten Jahren seines Aufstiegs das Hauptziel Springers. Er konnte es um so leichter erreichen, als die alte Zeitung ja nur noch eine Erinnerung war.

Sehr bald wurden deshalb größere Ziele gesteckt, ebenfalls erreicht, und das Selbstbewußtsein wuchs dabei in solchem Maße, daß ihm eines Tages der bezeichnende Ausspruch entschlüpfte: "Millionen machen können viele; ich kann Milliarden machen." Nach dem Tode des Verlagsdirektors der "Welt" meinte Springer, daß er zwar persönlich das Ableben Dr. Heinrich Schultes sehr bedauere; es bedeute jedoch andererseits ein großes Glück für ihn.

In der Tat konnte er erst jetzt diese überregionale Zeitung von damals sehr hohem Niveau ohne ernsthafte Schwierigkeiten von seiten der "Welt-Stiftung" ganz unter seinen alleinigen Willen bringen.

Der bei diesen, wie bei zahllosen anderen Gelegenheiten bemerkbare Zug unangebrachter Gesprächigkeit, um nicht zu sagen Geschwätzigkeit (auch die vielen mißverständlichen und dann gegen ihn gebrauchten " Aussprüche" sind ihm zu verdanken), erinnert wiederum an die Tatsache, daß Springer durchaus nicht das ist, was man sich unter einem "starken Mann" vorstellt.

Realistisches Kalkül, Unerschrockenheit, körperlicher und seelischer Mut, der, wenn es sein muß, auch aus einer schwachen Position heraus den frontalen Angriff wagt -- das alles ist nicht seine Sache. Dazu ist er zu empfindlich, zu sensibel, zu mitteilsam, zu "liebenswürdig".

Natürlich liegt darin eine Schwäche, die aber nach der psychologischen Regel durch Kompensation den Machtwillen nur noch stärker werden läßt. Diese Schwäche wird jedoch, wenigstens solange der feindliche Gegendruck und die Widerstände nicht allzu groß werden, kaum je durch vulgäre Hinterhältigkeit und Tücke kompensiert (wie es dann später in der üblen Affäre mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen doch der Fall war), sondern wenn Einfühlungsvermögen und die ebenso erstaunliche Fähigkeit der intelligenten Nutzung klug erkannter Zusammenhänge versagen, dann werden die Schwierigkeiten, oft sogar mit der Maßgabe, großzügig zu sein, an einen geeigneten großen oder kleineren Manager weitergegeben. Nicht zuletzt deshalb sind diese Assistenten, im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Unternehmen, trotz der "absoluten Monarchie" sehr zahlreich und einige wenige von beträchtlicher Geschicklichkeit.

Hier darf nun auch nicht übersehen werden, daß die durch die Karriere des großen Konzernherrn keineswegs aufgehobene Lebensform des Playboys und Lebemannes in diesem Zusammenhang offenbar ebenfalls einen sehr eigenartigen Effekt gehabt hat. Ohne allzu tief in die Intimsphäre eindringen zu wollen, kann die Analyse bei einer Persönlichkeit, die für die Weiterentwicklung unseres Landes so große Gefahren birgt, ihre Grenzen dennoch nicht zu eng ziehen.

Deshalb ist festzustellen, daß sich die Devise "Erlaubt ist, was gefällt" bei Axel Springer ebenfalls nicht in den gebotenen Grenzen hielt, auch nicht in denen des recht weitgehenden jugendlichen Tunichtguts und Lebemannes.

Das aber ist seltsamerweise aus einem positiven Grunde zu vermerken: weil Springer nämlich sensibler ist als sonst meistens ein Typ dieser Art, weil er unbewußt Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle entwickelte, diese dann aber durch seine unbestreitbare religiöse Anlage potenziert und zu Triebfedern des Handelns transformiert werden.

Sehen wir uns die religiösen Substanzen dieses Charakters etwas näher an. In einem Gespräch mit Hans Habe hat Springer geäußert: "Wenn Sie täglich mit der Realität konfrontiert sind, dann erkennen Sie, daß die Sehnsucht nach einem höheren Forum von Stunde zu Stunde steigt. Die Welt ist ohne Glauben nie ausgekommen, sie wird auch im Atomzeitalter nicht ohne Glauben auskommen."

Von Berlin sagte er einmal: "Es ist mir so viel wert, daß ich bereit bin zu sterben, um es zu retten." -- In einer allerdings mit Mißgunst, Neid und den üblichen sonstigen Attributen ihrer Gattung durchsetzten Illustriertenstory wurde ein anderer Ausspruch fast als Motto benutzt: "Mit den Frauen bin ich durch, Geld habe ich genug, nun bleibt mir nur noch, fromm zu sein."

Das alles erscheint, trotz gelegentlicher selbstironischer Frivolität, recht platt und paßt fast zu gut in das grobe negative "Image", an dem Springers Torheiten so kräftig mitgebaut haben. Aber eine seelische Wahrheit hat oft mit der fast gegensätzlichen Form, in der sie geäußert wird, sehr wenig zu tun. Hier zeigt vor allem das persönliche Gespräch, daß ein ernst zu nehmender religiöser Kern hinter der schlechten Angewohnheit liegt, sich viel seichter zu geben, als man ist.

Fast tragikomisch wirkt es allerdings, wenn selbst der gute Freund Hans Zehrer den spirituellen Tatbestand einmal auch nur mit den spöttischen Worten bestätigen zu müssen glaubte, daß er alle Hände voll zu tun habe, Springer daran zu hindern, katholisch zu werden.

Nachdem ein gewisser Einblick in Springers Charakter und dessen psychische Voraussetzungen gegeben worden ist, kann nun der Versuch gemacht werden, die erst recht sehr eigenartigen und ganz besonderen Antriebe seiner Politik sowie ihre sich offenbarenden Schemata zu zeigen. Da stellt sich jedoch zunächst die Frage, ob Springer überhaupt ein "Homo politicus", ein "politischer Mensch" ist.

Auf der Weihnachtsfeier 1957 für die Redaktion der "Welt" soll Springer den begreiflicherweise viel zitierten, von ihm nur ungenau dementierten Ausspruch getan haben: "Erst werden wir die Wiedervereinigung machen, dann werden wir nach Berlin ziehen und mit der "Welt" eine Zeitung machen, wie es sie in Deutschland noch nie gegeben hat. Und mit dieser Zeitung werden wir ein deutsches Volk machen, wie es das auch noch nicht gegeben hat."

Man ist fast versucht, solche Sätze für eine verleumderische Unterschiebung zu halten, aber sie sind es ebensowenig wie ein bloßes Gerede in später, allzu illuminierter Stunde. Eine schlimme Frucht jener "Gesprächigkeit" sind sie bestimmt; auf jeden Fall aber die Manifestation einer geradezu überwältigenden politischen Naivität und Anmaßung. Da diese Sätze ebenso den totalen Mangel jedes Proportionsgefühls für geschichtliche Entwicklungen verraten wie eine grandiose Selbstüberschätzung, erscheint kein anderer Schluß möglich als der auf einen absolut unpolitischen Kopf.

Zumindest der Aspekt, wenn auch kaum der Befund, ändert sich aber nicht wenig, wenn man darauf aufmerksam macht, daß hier ein Denkstil zutage tritt, der nur der Logik von "Comic strips" zu vergleichen ist -- und dieser Umstand wieder bekommt ein außerordentliches Gewicht durch die Erkenntnis, daß nach eben solchem Schema das auflagenstärkste Massenblatt des Kontinents, die Viereinhalb -- Millionen -- "Bild-Zeitung", gemacht wird.

Die kompliziertesten und oft schicksalsträchtigen politischen Zusammenhänge werden, dort so heruntergesimpelt, daß sie mit der Wirklichkeit nicht mehr viel, um so mehr aber mit dem Appetit, dem Geschmack und dem Verdauungsvermögen des bildungsletzten Massenmenschen zu tun haben. Dennoch sollte man wohl mit dem Urteil, wenn schon nicht über Springers politisches Talent, so doch über seine politischen Möglichkeiten, noch ein wenig zurückhalten und vorher die Frage seiner Naivität zu klären suchen.

In dieser Hinsicht führt eine sehr positive Episode weiter, die ebensowenig verborgen blieb wie die vermeintlich kompromittierenden, aber im Gegensatz zu diesen kaum je zitiert wird: Im Kriege sah der junge Springer einmal, wie auf der Moorweide vor dem Dammtorbahnhof in Hamburg eine große Zahl von Juden für den Abtransport nach Osten zusammengetrieben wurde. Er war von der schrecklichen Szene erschüttert, hat das Erlebnis nie vergessen und damals den Entschluß gefaßt, eines Tages von sich aus alles nur Mögliche zu tun, um wiedergutzumachen.

An diesen Entschluß hat er sich gehalten. Im Laufe der Jahre wurden nicht nur jüdische Einrichtungen, wie das Leo-Baeck-Institut in New York, mit großen Spenden unterstützt; nicht nur gab er fast vier Millionen Mark für die Errichtung der Bibliothek des Nationalmuseums in Jerusalem, sondern Springer erweist auch in seinen eigenen Unternehmungen den zahlreichen jüdischen Mitarbeitern stets eine ganz besondere Sympathie.

Das Bezeichnende an diesem Zusammenhang, das über den besonderen Fall hinaus auf ein Allgemeines der Springerschen Psyche Hinweisende ist nun, daß ihm ein heftiges Gefühlserlebnis zugrunde liegt, eine traumatische Herausforderung des menschlichen Empfindens; und nach den sichtbar positiven Wirkungen, die dieses Ereignis hatte, kann an seiner Echtheit ebensowenig Zweifel bestehen wie daran, daß es sich bei diesem Mann unmöglich um einen so oberflächlichen Charakter handelt, wie sein verbreitetes und schon verhärtetes Image es vermuten lassen muß.

Erst vor diesem Hintergrund läßt sich ein anderes Erlebnis Springers richtig beurteilen, das im Gegensatz zu dem eben angeführten eher zuviel, und oft mit einem seltsam unsachlichen Unterton, zitiert wird. Am Silvesterabend des Jahres 1957 ging Springer in Berlin von einer fröhlichen Feier weg auf die menschenleeren Straßen vor dem Brandenburger Tor. Im gespenstischen Mondlicht sah er, wie sich ein beinamputierter Krüppel auf einem Wägelchen über den Platz rollte. "Schlagartig wurde mir das deutsche Elend bewußt. Ich habe heftig geweint."

Diese Szene, oder besser die Art, wie sie erlebt wurde, hat fast den Wert eines Hauptschlüssels zum Verständnis der Persönlichkeit Springers, aber nicht ganz so, wie er selbst und die meisten seiner Interpreten es wahrscheinlich annehmen. Zunächst beweist sie, ganz wie das Judenerlebnis, wiederum etwas sehr Elementares: die vorwiegend emotionalen Grundlagen seines ganzen Charakters.

Wie sich dem Auge die furchtbare Situation unseres Landes und Volkes zu einem einzigen momentanen, aber deshalb überwältigenden Bild verdichtet, das offenbart eine überwiegend visuelle, fast künstlerische, auf jeden Fall den Affekten nicht ferne Natur." Schlagartig wurde mir das deutsche Elend bewußt." Und als Zeugnis der Gewalt von Eindruck und Gefühlsausbruch: "Ich habe heftig geweint."

Das Ganze ist eigentlich ein Beweis gegen alle Mittelmäßigkeit (obwohl diese sich sonst so oft zu verraten scheint), sowohl dem Ablauf nach wie in dem offenen Bekenntnis zur Erschütterung. Die schwere Problematik liegt erst darin, daß auch hier ein großer Entschluß gefaßt wird und auf welche Art dann der Betroffene an seine Verwirklichung geht.

Man weiß, daß Axel Springer nach eigenem Zeugnis von Stund an den festen Willen hatte, die Wiedervereinigung herbeizuführen und damit das deutsche Elend zu beseitigen. In den Mittelpunkt der so beschlossenen Politik rückten aber keineswegs ihre seit Jahrtausenden bewährten Mittel: der kalte und nüchterne Blick für die Wirklichkeit, ein scharfer Verstand, große Vorsicht, Ausdauer und Geduld, aber auch eine starke Vorstellungskraft -- welche politischen Tugenden dann gemeinsam Schritt für Schritt auf tragfähigem Grund zäh ihre Arbeit zu leisten haben. Nein, in diesem Falle rückte in den Mittelpunkt und blieb dort ein für allemal das Gesetz, nach dem die Politik Springers von vornherein angetreten war: das Gefühl.

Das ist natürlich im Grunde eine Sammelbezeichnung, doch wir können inzwischen einigermaßen überblicken, was hier an angeborenen oder durch starke Erlebnisse mobilisierten Gefühlskräften zusammenschießt und ausgerichtet wird. Da ist zunächst als konstitutionelle und wahrscheinlich durch den Erfolg verstärkte Komponente die stark weibliche Einstellung zu den Dingen. Es ließen sich zahlreiche Springersche Entschlüsse und Aktivitäten als typische Verhaltensweisen dieser Art anführen.

Am bezeichnendsten und spektakulärsten war wohl die Aktion mit dem Imperativ "Macht das Tor auf!". Man könnte sie durchaus dem ungehaltenen, zornigen Fußaufstampfen einer verwöhnten Frau vergleichen, die keinen Gedanken daran verschwendet, ob ihr halber Reflex auch Sinn und Zweck hat, ob man damit dem Ziel näher kommt oder etwa nur das Gegenteil erreicht.

Könnte diese Analyse ausgedehnter sein, so ließe sich an vielen weiteren Beispielen dartun, wie häufig eben dies der Stil eines Mannes ist, der gelegentlich zu scherzen pflegt, daß bei sich zu Hause er die Madame sei. Auch das "Beleidigtsein" nach nicht genügendem Respektiertwerden bei Besuchen in Washington und Moskau, mit anschließendem Herumwerfen des politischen Steuers, ist typisch für den femininen Subjektivismus.

Es gibt jedoch noch andere, viel subtilere und wahrscheinlich auch noch unbewußtere Triebfedern der Springerschen Politik. Der (zumindest ehemalige) Playboy und Lebemann hat nämlich mehr Gewissen, als es diese Spezies im allgemeinen aufweist, und wegen seiner unverkennbaren religiösen Anlage belastet es ihn nicht nur mit Schuldgefühlen, sondern offenbar auch mit einem gewissen Sühne- und Erlösungsbedürfnis. Es spricht sehr viel dafür, daß ihm deshalb das deutsche Elend unbewußt zur Möglichkeit einer solchen Sühne, der Selbstbefreiung, der Bewährung ("Sterben für Berlin!") wurde, woraus sich dann sehr leicht auch ein Sendungsbewußtsein ergeben konnte.

Spätestens hier drängt sich die Erkenntnis auf, wie weit doch die Person Axel Springers vom Durchschnitt entfernt ist. Es genügt nicht, ihm zwar als Unternehmer und Organisator eine geniale Begabung zuzubilligen, sich dann aber oberflächlich mit der bloßen Feststellung seiner zahllosen Fehler und Untugenden, vor allem seines rücksichtslosen Machthungers, zu bescheiden. Der ist als veritable Hybris vorhanden, aber das Verhängnisvollste von Springers Wirkung liegt dennoch nicht in ihm, sondern in seinen soeben analysierten Ursprüngen und Motiven.

Wir stehen hier vor der allergewichtigsten Tatsache des gesamten Springer-Komplexes: daß die Deutschen für diese ganz besondere Art der Motive und Triebfedern seiner Gefühlspolitik in höchstem Grade anfällig sind.

Unsere Nation gilt seit je als unpolitisch, und dieses Urteil besteht, wie die katastrophale jüngste Geschichte eindeutig bewiesen hat, alles in allem zu Recht. Wollte man diesen Tatbestand in ganz groben Linien etwas näher erläutern, so könnte man sagen, daß der Deutsche im Umkreis seines Berufes und seiner Arbeit im allgemeinen an Objektivität, Gründlichkeit und Sachlichkeit kaum zu übertreffen ist, daß er aber jenseits dieser Grenzen, wo er viele Jahrhunderte lang "nichts zu sagen", also auch nichts Wirkliches zu denken hatte, um so mehr seine Gefühle und Erregungen völlig frei laufen und der unkontrollierten Primitivität verfallen läßt. So sind bei Haltungen mit den schönen alten Namen Kannegießerei, Schwadronieren, Bierbankpolitik -- beim Meckern, Masseln, bei der Begeisterung, der Ergebenheit usw. die bloßen Gefühle und Wünsche Trumpf.

Das ist jedoch keineswegs nur eine Eigentümlichkeit der bürgerlichen und der kleinbürgerlichen Lebenssphäre, sondern durchsetzt kräftig selbst die berufsmäßige Politik. Bei uns "bekennen sich" Minister, mit Vorliebe an Sonntagen, zu irgend etwas. Sie geben "Erklärungen" ab, Deklamationen von sich, und schon vor vierzig Jahren spottete Graf Hermann Keyserling über das deutsche "Protestieren" und die "Entschließungen". "Der Protest ist Selbstzweck", so schrieb er damals in seinem "Spektrum Europas", "es soll gar nichts bei ihm herauskommen. Daher die erfahrungsmäßig geringe Überzeugungskraft deutschen Protestierens; jeder fühlt, daß ein Erfolg gar nicht beabsichtigt wird. Deswegen behält der Deutsche seinen Protest auch dann nicht für sich, wenn er ganz genau weiß, daß er durch Schweigen dessen Ziel sicherer erreichte."

Das mag überspitzt klingen, doch es ist in Wirklichkeit genau das geistige Klima, in dem "Bild" sein schlimmes Werk getan hat -- und je nach den Ansprüchen auch das übrige politische Angebot des Hauses Springer. Schranken, Gefühlssperren für die um die deutsche Zukunft ringende Vernunft sind mehr als ein Jahrzehnt lang aufgerichtet worden.

Die Fakten sind zu bekannt, als daß es neuer Aufzählungen bedürfte. Mit giftigen Herabsetzungen, Anpöbeleien, Schmähungen, Schimpfkanonaden, verwackelten Informationen wurde Ulbricht für die Kommunisten geradezu aufgebaut, völlig unabsetzbar gemacht, und zum Bau der Mauer ist auf dieselbe Manier in der Tat ganz entscheidend beigetragen worden.

Doch hier kommt es vor allem darauf an zu zeigen, wie sehr das nationale Naturell, trotz schier vernichtender Erfahrungen, aufs neue von der Anti-Politik der Emotionen gefährdet ist. Die Gefahr wächst dadurch ins Ungeheure, daß dieser riesige Pressekonzern die Substanz all der gefühlsbedingten Proteste, Aggressionen, Deklamationen, Projektionen, Wahnvorstellungen in fast virtuoser Weise je nach dem soziologischen Ziel vulgarisiert oder aufbereitet. Dadurch werden die Massen mehr und mehr dem verständigen, anti-emotionalen Einfluß verschlossen, und von neuem wird genau das virulent gemacht, verstärkt, wieder ins Leben gerufen, was als lebensgefährliche nationale Charakterschwäche längst erkannt ist und unbedingt überwunden werden muß.

Man kann es Springer glauben, daß er am Beginn seiner unternehmerischen Laufbahn, wie alle vom Trauma des Nationalsozialismus und des Krieges gezeichneten Deutschen, ein antiautoritärer" liberaler Demokrat war. Erst sein wirtschaftlicher Aufstieg, das immer stärkere Wachstum seiner Macht, seines Selbstbewußtseins und dessen schließlicher Umschlag in ein Sendungsbewußtsein, dem sich dann zu allem Unheil die eigene Gefühlsnatur mit ihren religiösen Einschlägen noch eng verband, machten ihn erst Schritt für Schritt autoritär und nationalistisch.

Durch die dauernde Verstärkung der hier dargestellten emotionalen Triebfedern entstand dann die Situation, die für das ganze Problem Springer entscheidend geworden ist: Die ruhige Überlegung des Geschäftsmannes, seine realistische Einschätzung der Umwelt mit ihren Gegenkräften, wurde überflutet von jenem Gemisch aus Machttrieb und missionarischem Eifer, vom Gefühl der eigenen Einzigartigkeit, der vermeintlichen Aufgaben, der eigenen historischen Rolle. Das war nicht zuletzt deshalb möglich, weil die Geschäfte dabei erst recht blühten. Das Falsche, der letzten Endes selbstvernichtende Irrtum daran, läßt sich schlagend am extremen Kontrast klarmachen.

Der britische Zeitungslord Thomson erklärte unlängst in einem Fernsehinterview: "Sie in Deutschland haben nur einen einzigen großen Pressekonzern, wir in England deren vier. So kann sich im Grunde nie ein

* Mit dem Bürgermeister von Jerusalem und Stiftungsurkunde für die Bibliothek des National-Museums.

Meinungsmonopol bilden." Und er fügte etwas hinzu, durch das Springers blinde Unvernunft von einem noch weit größeren Konzernherrn bezeugt wird: "Ich würde mir nie erlauben, auf meine Zeitungen einzuwirken; die Entscheidungen liegen bei meinen Redakteuren."

Dieses kurze Zitat erledigt die Frage der Pressekonzentration in Deutschland durch Springer so radikal, daß wir uns hier nicht damit zu befassen brauchen. Nur wenige Sätze eines Kommentars der "Süddeutschen Zeitung" dazu seien angeführt. Es heißt dort: "Mit beiden Äußerungen ist Thomson am Kern der Sache: Ein Konzern, der 88 Prozent aller Sonntagszeitungen, 81 Prozent aller Straßenverkaufszeitungen, 91 Prozent aller Jugendzeitschriften, 56 Prozent aller Programmzeitschriften und insgesamt nahezu ein Drittel der gesamten Publikumspresse kontrolliert, besitzt eine Vormachtstellung. die vollends da unerträglich wird, wo sie zu einem politischen Werkzeug wird"

In diesem Zusammenhang kommt übrigens dein "Haus Springer", dem Springer-Konzern als soziologischpsychologischem Entwicklungsraum" noch eine bisher zuwenig beachtete Sonderbedeutung zu. Um sie klar zu machen, bedarf es einer allgemeinen Vorbemerkung. Vor allem amerikanische Soziologen, beispielsweise Lundberg, Riesman, Mills und Presthus, haben in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen, daß die modernen Großunternehmungen mehr und mehr wieder zu oft sogar extrem autoritären Hierarchien werden.

In gewissem Sinne stellen diese durch den allgemeinen Konzentrationsprozeß entscheidend werdenden Großfirmen eine Wiederkehr des manchmal despolischen, manchmal aufgeklärten Absolutismus im Reiche der Wirtschaft dar, und die Verhaltensweisen, wie sie dort durch scharfe Anpassungsforderungen erzwungen werden, unterscheiden sich kaum von denen der vordemokratischen "Untertanen".

Sehr hohe Gehälter, in den obersten Regionen sogar der sichere Weg zum Reichtum, haben dennoch auch schon viele fähige Staatsbeamte in diese Bereiche der Privatwirtschaft gelockt. Mittlerweile soll jedoch die autoritäre Herrschaftsform in nicht wenigen Unternehmungen so freiheitsbeschränkend geworden sein, daß zumindest in der Bundesrepublik mancher Verlockte bereits wieder den Weg in die weit demokratischeren Gefilde des Staates zurückgefunden hat.

Jeder Kenner der Verhältnisse weiß, wie ausgesprochen autoritär auch die Struktur des Hauses Springer ist. Doch wie es diese Untersuchung gezeigt hat, ist der hier allein maßgebende Konzernherr keineswegs mit den Maßstäben sonstiger deutscher Großunternehmer oder gar seelisch simpler Generaldirektoren zu messen.

Springer bringt als "Monarch" ein ungewöhnlich reiches zusätzliches Vermögen an persönlicher Ausstrahlung, liebenswürdigen Formen, auch freundschaftlicher Gesinnung und vor allem Großzügigkeit in seine Herrschaftsposition ein; Eigenschaften, die zwar alle gelegentlich umschlagen können, als Summe aber doch den "Korpsgeist" der Führungshierarchie verstärken und deren Anziehungskraft vergrößern. Nicht zuletzt dadurch bietet sich das Bild des Ensembles an der Spitze des Konzerns der Öffentlichkeit viel farbiger und doch nicht weniger geschlossen als das irgendeiner anderen Industriefirma.

Daß Axel Springer außerdem auf seine Art eine wirklich starke Überzeugungskraft besitzt, ist mir an der Entwicklung eines seiner nahen Mitarbeiter und Ratgeber klargeworden. Das Beispiel ist so eindrucksvoll und fast erschreckend, daß es hier wiedergegeben zu werden verdient.

Dieser besonders charaktervolle Journalist war aus sehr seriösem Arbeitsfeld nicht zuletzt aufgrund persönlicher Sympathie zu Springer gekommen. Als sich nun das "Hamburger Abendblatt" unter dem fast alleinigen und verblüffend intensiven Einfluß seines Verlegers keineswegs nach dem Modell des "Fremdenblattes", sondern ganz in Richtung "auf eine Boulevardzeitung (nach damaligem, von "Bild" noch nicht gewandeltem Begriff) entwickelte, sträubte sieh zunächst in dem im Grunde ganz konservativen Mann alles gegen diese Springersche Konzeption.

Aber bald konnte man fast zusehen, wie sich im ständigen Kontakt mit dem Chef des Hauses ein festgefügtes journalistisches Weltbild Zug um Zug veränderte. Schließlich predigte gerade dieser Redakteur mit dem Eifer des Zeloten alle Springerschen Prinzipien. Er hatte sie sogar noch tiefer durchdacht und mit neuen Argumenten untermauert. Das Auffällige war nur, daß er auf eine fundierte Kritik an dem Verleger nicht ruhig und sachlich, sondern mit äußerster Erregung reagierte, womit er bezeugte, daß sich unter der Oberfläche, sozusagen in seinem besseren Ich, die Springerschen Grundsätze keineswegs durchgesetzt hatten.

Diese gewisse Schizophrenie nun, diese fast unbewußte Labilität und Ambivalenz, ist unter den klügsten Köpfen des Springerschen Management in verschiedenen Graden fast allgemein, und je mehr der weitere Weg des Unternehmers in immer schwerere Konflikte mit der Umwelt, mit einer immer breiteren Öffentlichkeit führt, um so mehr werden diese oft nur scheinbaren Bindungen rückläufig werden.

Gerade das angeführte individuelle Beispiel macht aber auch deutlich, wie leicht weit oberflächlichere Naturen, noch begünstigt von ihren materiellen Interessen, in den Sog dieser Ballung aus Macht und Charme geraten. So ist es denn den eigens zu diesem Zweck bestimmten Instanzen lange Zeit nicht

schwergefallen, für die oberste Führungselite des Konzerns aus den wertvollsten Nachwuchstreibhäusern, von der Führungsakademie der Bundeswehr bis zum Seelsorgerstande der Pastoren, geeignete Exemplare zu werben. Das aber bedeutet jedesmal eine Rückkehr zur autoritären Lebensform.

Die in der Nähe solcher Machtballung üppig sich wiederbelebende deutsche Servilität und Untertänigkeit, die fast unwillkürliche und unbewußte innere Ausrichtung auf den Machtpol, sind zwar mit Verbindlichkeit und sogar gewissen Freiheiten ausreichend überdeckt, aber der Effekt der Macht wird dadurch nur um so stärker.

Aber was bedeutet diese brillante interne Manipulierung schon neben der Wirkung von Springers Macht draußen im freien Raum des nationalen Lebens? -- Es ist schlimm, aber nicht zu bezweifeln: Sie erregt dort bereits Angst, und zwar nicht bei diesem oder jenem, sondern bei den Besitzern ebenfalls großer oder noch größerer Macht.

Kleine Episoden können solche alarmierenden Tatbestände oft blitzartig erhellen: Die beiden Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei, die sich durchaus darüber im klaren sind, welch eine nationale Gefahr er bedeutet, gratulierten Axel Springer zum 55. 0) Geburtstag und dankten dem Verleger von "Bild" für seine "Initiativen zur Förderung des Ansehens und der Interessen des deutschen Volkes im In- und Ausland".

Solche ein wenig peinliche Begebenheit erscheint in milderem Licht, wenn man sich fragt, wie es der SPD wohl bekommen würde, wenn sich das Springersche volle Drittel der gesamten Publikumspresse -- es ist das wirksamste -- einmal gegen sie wenden würde? Hier wird schlagartig deutlich, wie die Situation schon ist. Mindestens so beachtlich wie die Angst ist dabei, daß die Polarisation durch autoritäre Macht auch tief in die Reihen der seit je vermeintlich Anti-Autoritären hineinzuwirken vermag.

Der Mann Springer und sein Werk sind in der Tat -- damit unterstreichen wir die Hauptpointe dieser Analyse -- deshalb besonders verhängnisvoll, weil sie die Deutschen auf die noch nie wirklich zerbrochene hierarchisch-autoritäre Grundgestalt ihrer Psyche zurückfallen lassen -- weil sie in der Lebensform der Nation, wie im Denken der Individuen, die Ausbildung eines autoritären Gefüges und der entsprechenden Gefühlspolitik immer stärker von neuem beleben.

Ein entscheidender und lebensgefährlicher Schritt in diese Richtung wurde vor allem dadurch getan, daß sich Springersche Blätter zu den Wortführern eines expressiven und eruptiven Antikommunismus und ganz allgemein einer intellektfeindlichen, reaktionären, sowohl mit den Realitäten der Weltpolitik als auch mit den Entwicklungstendenzen der modernen Kultur in krassem Widerspruch stehenden Haltung machten. Nachdem Namen wie Matthias Walden, Armin Mohler, Winfried Martini in den Spalten der "Welt" auftauchten, bestand kein Zweifel mehr, daß hier ein Rückstau des Ressentiments stattfand und ein Rückfall in alte politische Denk-Laster der Deutschen angebahnt wurde.

Wie dies einem noch jungen, in vielem genialen Mann geschehen konnte, der mit kräftigen Instinkten und modernem Sinn anscheinend alle Voraussetzungen erfüllte, leidenschaftlich auf der Seite der kaum je ungestümer neuen Lebensformen entgegenstürzenden Epoche zu stehen, das bleibt dennoch nur dem ein Rätsel, der seine geheimen Schwächen nicht erkannt hat.

Axel Springer wird durchaus nicht, so erfolgreich er auch war, von einem durch und durch realistischen Unternehmerverstand bewegt und gelenkt, sondern zunächst einmal von Gefallsucht und stark weiblicher Einfühlung, von einem sensitiven Vermögen geschickter Anpassung; nicht ohne Zusammenhang mit diesen, sehr wohl als unzulänglich empfundenen Eigenschaften entsteht "dann das Gefühl der Schwäche und davon wiederum ausgelöst die Sucht nach Macht.

Auch so wären aber bei Springers Intelligenz noch Korrektur und sinnvoller Ablauf möglich gewesen, wenn nicht die demonstrierten Gefühlsbereiche, dramatischen Gefühlserlebnisse und daraus folgenden unangemessenen Orientierungen eine ebenso alogische wie seltsame Rückkoppelung an sich durchaus der Modernität fähiger Persönlichkeitsbereiche an jene zweimal fast vernichteten, aber immer noch lebendigen autoritär-emotionalen Strukturen des kollektiven deutschen Unbewußten zustande gebracht hätten.

Springer ist sich offenbar noch gar nicht bewußt geworden, daß die Überwindung eben dieser fast archetypischen Haltungen die alles beherrschende Aufgabe der Gegenwart ist, daß es dabei um Tod oder Leben Deutschlands geht, und daß dieser Zusammenhang der Dinge wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf hängt.

Übrigens wäre es ein Irrtum, Springer für eine bei aller Kompliziertheit doch geschlossene Persönlichkeit zu halten. Eine gelungene Individuation, wie die Tiefenpsychologen die gleichzeitige Entfaltung und möglichst fugenlose Integration der Psyche nennen, ist überhaupt selten, und hier liegt sie ganz bestimmt nicht vor. Im Gegenteil, die widersprüchlichsten Leitbilder, Auffassungen, Überzeugungen und Willensrichtungen bestehen nebeneinander. Unter der Kennmarke "Springer in Berlin" kann man das besonders anschaulich machen.

Dort hat er bekanntlich jenes riesige Verlagshaus genau an die Mauer gebaut, und man blickt aus den obersten Stockwerken weithin in eine erschütternde Landschaft der Leere, letzter Ruinen, zögernden Neubaus im Kahlen und einer verschwiegenen Lähmung diesseits wie jenseits des Stacheldrahtes. Wenige Meter von den Verladerampen, wo das Haus die Riesenrollen Papier schluckt, patrouillieren die Vopos und rennen die Wachhunde durch den Todesstreifen.

Hoch oben aber hat sich Axel Springer, mit dieser Elendslandschaft vor jedem Fenster, ein ganzes Stockwerk, nur ein Drittel kleiner als Sanssouci, in einem beispiellosen Prunk und Luxus wie ein Sonnenkönig der Presse einrichten lassen. Für wahre Unsummen wurde die kostbare, feingeschnitzte Eichentäfelung aus den alten Räumen der "Times" in London gekauft. dort aus- und hier eingebaut; aber diese Berliner Räume sind so viel größer, daß in großem Umfang noch kunstvolle Nachbildungen aus genau demselben alten Holz erforderlich waren.

Ganz abgesehen von dem fast erbarmungswürdigen Snobismus, der aus derlei Unternehmungen spricht -- dieses Haus sollte nach den beständig wiederholten Erklärungen seines Bauherrn eine Demonstration des "Dennoch", der Zuversicht und des Trotzes vor allem für die leidenden Menschen jenseits der Mauer sein.

Auch die Bekenntnisse zum Geiste Preußens, also zur Sparsamkeit, zur nüchternen Disziplin, zum Grundsatz des Mehr-seins-als-scheinens, liebt Springer gerade in Berlin sehr. Fügt man hinzu, daß sich dieser barocke Exzeß eines Trotzhauses in einer armen Stadt findet, die mit äußerster Anstrengung um ihre nackte Existenz kämpfen muß, bei welchem Kampf ihr von eben diesem Haus aus täglich am gebieterischsten der Opfer heischende "Frontgeist" abgefordert wird, so könnte man durchaus an Schizophrenie, an Seelenspaltung denken. Dem ist aber keineswegs so; die verschiedenen Quellen der Triebe, Zielrichtungen, Ideen. Gefühle liegen bloß unverbunden nebeneinander, doch ab und zu überschwemmt diese oder jene alle anderen.

Der Machthunger allerdings ist beständig und der stärkste, doch auch er ist gleichzeitig geschwächt, fast verkrüppelt, weil sein Steuer, der Verstand, den periodischen Springfluten der Sentiments und Ressentiments ebenfalls ausgesetzt ist.

Am Anfang war von der besonderen Verehrung die Rede, die Springer für Niklaus von Flüe empfindet, den Retter der Einheit der Eidgenossenschaft. Wie es oft geht, wird jedoch auch hier die verehrende Aufmerksamkeit vom eigenen egozentrischen Interesse verdunkelt, und so scheint Springer weit entfernt, die große Weisheit des Bruder Klaus wirklich erfaßt zu haben, obwohl sie für niemand heilsamer wäre als für ihn.

Der Chronist Salat hat die politischen Ratschläge des großen Schweizers in diese Sätze zusammengefaßt: "Oh, liebe Freunde, machet den Zaun nicht zu weit, damit Ihr desto besser in Friede, Ruh, Einigkeit und in Euer sauer erworbenen löblichen Freiheit bleiben möget. Beladet Euch nicht mit fremden Angelegenheiten, verbindet Euch nicht mit fremder Herrschaft, hütet Euch vor Entzweiung und Eigennutz -- Auf diese Mahnung geht letztlich die "immerwährende Neutralität" der Eidgenossen, die Festigkeit ihres Staates und das ständig wachsende Wohlergehen seiner Bewohner zurück.

Springer hingegen hat in seinem mehr und mehr imperialen Machtwillen nicht nur "den Zaun viel zu weit" gemacht, er dient darin auch nicht dem Frieden, der Eintracht, der "sauer erworbenen löblichen Freiheit", sondern baut, verführt vom täuschenden Sicherheitsgefühl seiner Macht und seines Reichtums, mit mehr und mehr machiavellistischen Mitteln eine aggressive Gegenwelt gegen das Zeitalter auf.

Die an seinen Anfängen so geschickte Anpassung, das für einen Unternehmer unentbehrliche Gefühl für Proportion, für Maß, sind verschwunden, -- und plötzlich, fast von einem Tag zum anderen, aber durch eigene Überlieblichkeit und durch die devote Willfährigkeit seiner Gefolgsmänner, ist er zum Symbol des Rückständigen, des aggressiven und autoritären Machtmißbrauchs in dieser zum Frieden und zu neuen Daseinsformen drängenden Welt geworden.

Nach diesem Befund sollte man nur noch zwei Dinge sehen und warnend aussprechen: einmal, daß die Deutschen seit langem jene Revolution vor sich herschieben, die endlich ihre archaisch-unbewußte autoritäre Lebensstruktur zertrümmern muß, mit der sie nie ein wirklich mündiges Volk werden können. Als Aufstand im Sinne der großen historischen Umwälzungen ist diese Revolution kaum noch vorstellbar. Aber gerade deshalb kann sich ihre komprimierte Energie im Kurzschluß der Blitze entladen.

Zum anderen wird man kaum den - widerstrebend ausgesprochenen - Hinweis widerlegen können, daß der dargestellte Charakter in seinem Gemisch von Naivität, Weichheit, Charme, Schwäche, Machthunger, Gefühlsüberschwang und Tatsachenblindheit das Bild eines prädestinierten Opfers bietet. Springer sollte seine Sterne sorgfältiger denn je befragen.

IM NÄCHSTEN HEFT

Erste Folge der neuen SPIEGEL-Serie: "Geschichte und Analyse des Springer-Konzerns" von H. D. Müller


DER SPIEGEL 1/1968
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