01.01.1968

BERLIN / KIRCHESache der Elenden

Mögen Toleranz und Weltoffenheit ein Merkmai der neuen Gedächtniskirche sein. Günter Pohl, Pfarrer der Berliner Gedächtniskirche, vor der Grundsteinlegung 1958.
Ein Jahr lang verletzten Berlins aufsässige Studenten Tabu um Tabu. Sie protestierten gegen Professoren und Potentaten, demonstrierten gegen Politiker und die Polizei. Sie gingen auf die Straße, zogen vors Parament, blockierten den Justizpalast.
Und als ihnen nichts mehr heilig war, drangen acht von ihnen in der Heiligen Nacht ins Allerheiligste der Berliner, in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche -- mit Losungen ("Helft dem Frieden -- helft Vietnam"), Photos (von einem gefolterten Vietcong) und dem Bibel-Vers Matthäus 25, 40: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
Auf diese Weise wollten die Protestanten -- SDS-Leute und andere linke Studenten, die sich in der Adventszeit zufällig in einer Buchhandlung getroffen hatten -- wie ihre Glaubensbrüder in Bonn, Hamburg, Hannover, Bremen und Delmenhorst dem Kirchenvolk in der Weihnachtsnacht ihre Vorstellung vom "Frieden auf Erden" vermitteln. Doch die christfestlich gestimmte Gemeinde, die dichtgedrängt des Orgelvorspiels zur Mitternachtsvesper harrte, zeigte kein Verständnis für den ungehobelten Appell an ihr christliches Gewissen.
Erst wurden Rufe laut: "Schämt euch", "Wascht euch erst mal", "Raus, ihr Schweine". Sodann säuberten Kirchendiener und Kirchenbesucher das Gotteshaus. Sie entrissen den acht unerwünschten Kirchgängern die Plakate, boxten sie zum Ausgang und traten den Matthäus-Vers mit Füßen.
Mitten im Tumult erhob sich ein junger Mann, der bis dahin still in der zweiten Sitzreihe gesessen und das Kirchen-go-in beobachtet hatte -- Rudi Dutschke. Der SDS-Mann erklomm die Kanzel und hub an: "Liebe Brüder und Schwestern Weiter kam er nicht: Der FU-Doktorand -- an der Plakat-Aktion unbeteiligt, aber davon unterrichtet -- wurde von vier kräftigen Christen bedrängt.
Dutschke, früher einmal Mitglied der evangelischen "Jungen Union" in der DDR und geübter Stabhochspringer, entwich mit einem Satz über die gut zwei Meter hohe Kanzelbrüstung. Doch vergebens versuchte der verhinderte Prediger -- Dutschke: "Ich wollte sagen, es ist doch Heuchelei, hier von Frieden zu reden" -- seinen Häschern zu entkommen.
* Am 20. Juni bei einer Solidaritätsrede für den verhafteten Kommunarden Fritz Teufel in der West-Berliner Neu-Westend-Kirche.
Erregte Christen bedrängten den studentischen Revolutionär. Die Versehrtenkrücke des Neuköllner Diplom-Ingenieurs Friedrich Wachau, 59, traf ihn am Schädel und riß eine 3,5 Zentimeter lange Platzwunde.
Der blutende Dutschke begab sich in ein Krankenhaus, um die Wunde vernähen zu lassen. Die Gedächtniskirch-Gemeinde, wieder unter sich, sang andächtig "Freue dich, o Christenheit". SDS-Studenten, die an dem go-in nicht teilgenommen hatten, beklebten später Wände und Türen des Gotteshauses mit dem Konterfei eines gefolterten Vietcong.
Noch in der Christnacht verbreitete die Deutsche Presse-Agentur die ihr von der Polizei übermittelte Behauptung, Dutschke habe "unter Alkoholeinfluß" gestanden und Krückenschwinger Wachau habe sich von Dutschke bedroht gefühlt.
Gestützt auf diese -- wie sich später herausstellte falsche -- Version, wertete die Junge Union der Christdemokraten "das Auftreten der kommunistischen Störenfriede und Radaubrüder" als "Terror". Und die "Welt" fand die Selbstjustiz der Kirchgänger "nur zu begreiflich". Das gesunde Volksempfinden war sich einmal mehr einig.
Im Auftrag der Kirchengemeinde will der Berliner Rechtsanwalt Dr. Klaus Finkelnburg, Anwalt der "Jubelperser", gegen Dutschke und die Vietnam-Demonstranten Strafanzeige wegen "Hausfriedensbruchs", "beschimpfenden Unfugs" und "Störung des Gottesdienstes" stellen. Dutschke wiederum ließ durch seinen Anwalt Horst Mahler gegen einen Kirchenbeamten wegen unterlassener Hilfeleistung und gegen die verantwortlichen Polizisten wegen übler Nachrede Anzeige erstatten.
Öffentliche Kritik am Verhalten der Kaiser-Wilhelm-Gemeinde übten hingegen Kirchenmänner aus Berlin und Bremen. Theologie-Professor Helmut Gollwitzer von der Freien Universität, den die Nazis einst mit Redeverbot belegt hatten und der aus seiner Sympathie für linke Studenten kein Hehl macht, predigte in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche:
"Das Schlimmste scheint mir zu sein, daß eine christliche Gemeinde ihre Weihnachtsruhe und Weihnachtsstimmung verteidigt gegen alles, was sie dabei stören will ... und sei es gegen Jesus selbst." Denn wer "mit Christus zu tun haben will, darf am Grauen des Krieges in Vietnam nicht vorbeigehen
31 Bremer Pastoren forderten den Gemeindekirchenrat der Gedächtniskirche auf, sich bei Revoluzzer Dutschke zu entschuldigen. In einem Telegramm an ihre Berliner Glaubensbrüder protestierten sie: "Der Studenten Sorge über den Krieg in Vietnam ist auch die Sorge unserer Kirche." Und: "Es geht nicht an, daß die Sache der Elenden und Entmachteten, von Studenten vorgetragen " in unseren Gottesdiensten mit Feindseligkeit und gefährlichen Schlägen beantwortet wird."

DER SPIEGEL 1/1968
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