01.01.1968

PRESSE / SAARLANDNur Negatives

Wo Deutschland am frömmsten und am ärmsten ist, sind seine Journalisten am lahmsten und am zahmsten -- an der Saar: In dem zurückgebliebenen Zwergstaat im Südwesten haben Bischof und CDU-Regierung das Gros der Presse fest in ihren Händen.
Kritische Tageszeitungen gibt es nicht: Die "Saarbrücker Zeitung" (Auflage: 163 000) gehört dem Land, die "Saarbrücker Landeszeitung" (Auflage: 38 000) wird vom Bischöflichen Ordinariat zu Trier verlegt. Der "Rhein-Saar-Spiegel", ein Provinz-Pressedienst, ist der Regierung für einen monatlichen Zuschuß von 2000 Mark dankbar.
Auch die Redakteure des Saarländischen Rundfunks mögen kein offenes Wort zur Landespolitik riskieren: Das CDU-Regime hat demnächst darüber zu entscheiden, ob der ärmliche Mini-Sender mit dem Südwestfunk zusammengelegt wird oder nicht. Und das einzige SPD-Blatt des Landes, die Saarbrücker "Allgemeine Zeitung", ist im letzten Frühjahr an Leserschwund dahingegangen.
Wenn einmal Kritisches und Kurioses von der zu 74 Prozent katholischen Saar nach draußen dringt, wurde es von zwei Nicht-Katholiken gemeldet: dem Moslem Muhammad Abdullah, 37. Saar-Korrespondent der US-Agentur United Press International (UPI) und dem Protestanten Wolfgang Rahner, 40, Saar-Korrespondent der US-Agentur Associated Press (AP) und des Evangelischen Pressedienstes (epd) sowie Mitarbeiter des evangelischen Saar-Wochenblattes "Sonntagsgruß" (Auflage: 22 000).
In Abdullahs und Rahners vielgedruckten Meldungen erscheint das Saarland oft als das Schilda der Republik. Und häufig haben die beiden Journalisten zu spüren bekommen, daß in der Kohlen-Provinz "kein Pressemann am Image des Landes kratzen darf" (Rahner).
Die beiden Agentur-Reporter verfolgt vor allem der Zorn von Deutschlands einzigem durchs Abitur gefallenen Kultusminister, dem Katholiken Werner Scherer, 39. Pannen in Scherers Amtsbereich bieten Rahner und Abdullah immer wieder Stoff:
* Im Frühjahr berichtete Abdullah über den Kultus-Beamten Josef Quack, 60; der Ministerialrat hatte 13 evangelischen Junglehrerinnen, die wegen des Konfessionsproporzes stellungslos waren, geraten, doch "die Konfession zu wechseln".
* Im Herbst verbreitete Rahner, daß an den höheren Schulen im Saarland eine "Schülersatzung" verteilt werde, die Schülern etwa den Besuch von Versammlungen und Gerichtsverhandlungen sowie "das Tragen von Abzeichen jeder Art im Bereich der Schule" verbot.
* Vor ein paar Wochen meldete Rahner, ein evangelischer Saar-Schulrat habe von der Auflösung seines Amtes erst durch die Putzfrau erfahren.
In November war es Minister Scherer leid, aus Rahners Feder "über die Arbeit meines Hauses immer nur Negatives zu lesen". Vor der Landespressekonferenz, der Vereinigung der bei Regierung und Landtag akkreditierten Journalisten, verbat er sich weitere Kritik: "Solche aufgebauschten Sachen beeinträchtigen in unverantwortlicher Weise das Ansehen unseres Landes."
Der Wink genügte: Unverzüglich erteilte der regierungstreue Journalisten-Klüngel dem Kollegen Rahner in einer Geheimsitzung per Abstimmung eine Rüge. Bei Rückfall droht Rahner Ausschluß aus der Pressekonferenz -- also Vertreibung von der am stärksten sprudelnden Nachrichtenquelle des Landes.
Und als "nichts weiter als Versuche, an der Saar den Konfessionsfrieden zu stören", schalt Kultusminister Scherer Leitartikel, in denen Rahner im "Sonntagsgruß" die Konfessionsschul-Politik des Röder-Kabinetts kritisiert. Der regierungsfromme "Rhein-Saar-Spiegel" über den "Sonntagsgruß", der dank Rahners Mitarbeit zum einzigen Oppositionsblatt an der Saar geworden ist: ein "Agitprop-Organ, das sich in Stil und Wortschatz nur noch millimeterbreit von SED-Publikationen abhebt".
Gemaßregelt werden zuweilen sogar linientreue Saar-Journalisten. Als die "Saarbrücker Zeitung" unlängst über eine Rede des Regierungschefs Franz Josef Röder, 58, zum St.-Barbara-Tag, nicht auf Seite 1, sondern erst auf Seite 9 berichtete, erteilte der Landesvater dem Vertreter des Blattes bei der nächsten Pressekonferenz einen öffentlichen Tadel. Röder: "Das hätte nun wirklich nach vorne gemußt."

DER SPIEGEL 1/1968
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