01.01.1968

WERBUNG / AGENTUREN

Flirt mit Fremden

Was sich da schrägen Blicks und kußbereiten Mundes räkelt, ist offenkundig nicht Frau Saubermann oder die Frau, die weißer wäscht. Mit der Langhaarigen, die auf Anzeigen für Creme Mouson schwärmt, erholt sich eine der größten, ältesten und eigenartigsten Werbeagenturen Deutschlands von allzu langer Waschpulver-Ehe: Lintas in Hamburg.

Der Seitensprung hat die Lintas-Werber "begeistert und beglückt". Denn bisher wurden sie in ihrem Hauptquartier, einer ehemaligen Polizeikaserne an der Hamburger Burchardstraße, streng gehalten. Sie mußten zumeist für Waschmittel werben

* 3. v. l.: Geschäftsführer Christiansen.

(Omo, Sunil), viel für Margarine (Rama, Sanella) oder Speiseeis (Langnese). Und sie hatten nur einen Auftraggeber, der zugleich ihr oberster Chef war: den Unilever-Konzern.

Lintas ist die Abkürzung für Levers International Advertising Service, eine weltweite Werbeagentur, die der Riesenkonzern schon vor mehr als 40 Jahren gründete. Die deutsche Filiale datiert von 1929 und gehörte bis zum Zweiten Weltkrieg zu den fünf einzigen Agenturen, die in Deutschland nach amerikanischem Vorbild warben (die anderen: Mosse, J. W. Thompson, Erwin Wasey, McCann).

Mit der hauseigenen Großwerberei (Vorkriegs-Slogan: "Halb so schlimm, nimm Vim"), die 300 Angestellte beschäftigte, verschaffte der Konzern seinen Produkten wichtige Wettbewerbsvorteile. Deutsche Firmen stellten damals ihre Werbung noch überwiegend in Heimarbeit her oder beschäftigten einzelne Werbeberater.

Auch nach dem Krieg förderte Lintas den Unilever-Umsatz zunächst noch befriedigend. Allmählich aber überlebte sich die Konstruktion.

Die Agentur brauchte sich nicht um Aufträge zu bemühen und auch keine Gewinne zu machen. Wohlversehen mit den Riesenetats der Mutter (etwa: Omo 30 Millionen Mark; Rama 13 Millionen), gedieh Lintas mühelos zu Mammut-Größe. Mit 133 Millionen Mark Umsatz wurde sie die zweitgrößte westdeutsche Werbefirma, aber sie

geriet in die Gefahr, die langweiligste zu werden.

Lintas-Leute hatten quasi Beamtenstatus. Einmal in der Obhut des Konzerns, war ihr Arbeitsplatz so gut wie gesichert. Lintas-Werbern winkten Pensionen, wie sie Unilever seinen alten Mitarbeitern zahlt. Jede Werbeidee mußte durch einen Test-Apparat, der immer weiter perfektioniert wurde. Das verlangte Unilever, weil der Konzern bei seinen Super-Etats keine Risiken eingehen mochte.

Mehr als jede andere deutsche Agentur, zwei Millionen Mark jährlich, gibt Lintas für Tests von Werbekampagnen aus, und dabei werden gewagte Einfälle zuverlässig ausgeschieden. Übrig blieben "das strahlendste Weiß meines Lebens" (Sunil), "die Frau, die weißer wäscht" (Sunil), Ramas Vierländerin oder Omos Familie Saubermann.

Der Konzernleitung von. Unilever dämmerte, daß längst andere Agenturen mit gleicher Leistungsfähigkeit. aber mit mehr Pfiff entstanden waren. Zunächst erlegte sie der Lintas auf, mit Gewinn zu arbeiten, dann fing sie an, die Konkurrenz ins Haus zu holen. Lintas verlor unter anderen die Etats für Lux-Seife und das Feinwaschmittel Korall an die Agentur J. W. Thompson, für Sunlicht-Seife an Foote, Cone & Belding, für Sanella und Palmin an Heumann, Ogilvy & Mather.

Heute muß und darf sich die Konzernagentur erstmals in den fast 40 Jahren ihres Bestehens "im rauhen Wind des Wettbewerbs tummeln", so Lintas-Manager Konrad Hirte.

Der rauhe Wind gefiel den Hamburger Werbern. " Gewinne stärken die Moral", sagt Lintas-Chef Carl Friedrich Christiansen, und seine Jagd nach gewinnbringender Kundschaft hatte Erfolg. Er wirbt heute für Springers "Bravo", für die Produkte After Eight und Smarties des Süßwarenkonzerns Stockmann-Rowntree und gewann in diesem Jahr Creme Mouson und die Allianz-Versicherung in München hinzu. Zehn Prozent des Umsatzes sind schon Fremdgeschäft.

Der Personaltausch mit Unilever hat aufgehört, die Zeit der müden Werbebeamten ist vorbei. Hirte: "Wer nicht gut ist, fliegt "raus. Ein Pensionsdenken gibt es nicht mehr."

Ehrgeizige Jungwerber werden einer US-Partner-Agentur zum Training übersteht. Mehr als 30 sind schon im Madison-Avenue-Stil geschult, und die Lintas-Manager behaupten: "Wir sind amerikanischer als die amerikanischen Agenturen in Deutschland."

Jedenfalls sind Unilevers Werber keine Unilever-Werber mehr. Gelegentlich muß Lintas-Chef Christiansen die Begeisterung seiner jungen Leute für den Flirt mit fremden Kunden bereits zügeln: "Es darf bei uns natürlich niemand vergessen, daß Butter und Brot nach wie vor von Unilever kommen."


DER SPIEGEL 1/1968
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