09.01.1967

HOCHSCHULEN / PROMOTION

Gustav Gustav

Wer in Deutschland seinen Namen verzieren will, braucht einen zweiten Vater -- den Doktorvater.

Ohne ihn geschieht nichts auf dem Weg zu des deutschen Bürgers liebstem Titel: Er schlägt das Thema der Doktorarbeit, der Dissertation, vor; er kann -- Anregungen geben oder versagen, Vorschläge akzeptieren oder verwerfen; er begutachtet das wissenschaftliche Erstlingswerk, lehnt es ab oder reicht es weiter an die Fakultät.

Der akademische Lehrherr -- in der Regel Professor, in Ausnahmefällen Dozent an einer wissenschaftlichen Hochschule -- ist noch heute so mächtig wie im Mittelalter der Zunftmeister: Niemand kann ihn zwingen, einem Studenten oder anderen Bewerber doktorväterliche Hilfe zu leisten.

Dieses Pflicht-Patriarchat und die Tatsache, daß selbst nach abgeschlossenem Hochschulstudium kein Kandidat Anspruch auf Zulassung zur Promotion hat, hält Dr. jur. Wilhelm Karl Geck, 43, Professor der Rechte an der Universität Saarbrücken, für verfassungswidrig. In seiner Studie "Promotionsordnungen und Grundgesetz"** argumentiert der Jurist, die gängige Praxis verstoße gegen die Artikel 5 (Freiheit der Forschung) und 12 (freie Berufswahl) des Bonner Grundgesetzes.

Geck gesteht seinen Kollegen zwar das Recht zu, die Zahl der eigenen Doktoranden auch weiterhin zu beschränken, um sich vor zu großem Zulauf zu wehren. Aber kein Professor soll sich künftig weigern dürfen, eine Doktorarbeit, die Fragen seines Fachbereichs behandelt, zu begutachten. Diese Reform soll sicherstellen, daß auch Bewerber, die keinen Doktor-Vater finden, promovieren können.

Tatsächlich engt die von dem Rechtsgelehrten angeprangerte Professoren-Macht Berufswahl und Karriere ein, zumal zahlreiche akademische Positionen in Deutschland nicht ohne Doktortitel zu erreichen sind. So kann kaum jemand Dozent oder Professor an wissenschaftlichen Hochschulen, Beamter im

* Im Mai 1966 nach der Verleihung der Ehren-Doktor-würde durch das Weizmann-Institut in Israel.

** Wilhelm K. Geck: "Promotionsordnungen und Grundgesetz". Carl Heymanns Verlag, Köln; 60 Seiten; 5,90 Mark.

höheren Bibliotheksdienst, Museumsdirektor oder Archivar im öffentlichen Dienst werden, der nicht promoviert hat.

Und: Ein promovierter Chemiker hat größere berufliche Chancen als ein Kollege ohne Doktorgrad. Denn der Titel, der ein Bestandteil des Namens ist, gilt, wie der Münchner Soziologie-Professor Dr. Emerich Francis konstatiert, als "Adelsprädikat des Bürgerlichen" und prägt das Image der Intelligenz.

Es ist nicht ungewöhnlich, mehrfach am Namen herumzudoktern. Bundesjustizminister Dr. rer. pol. Dr. jur. Gustav Heinemann wird von Freunden "Dr. Gustav Gustav Heinemann" genannt. Den Völkerrechtler und bayrischen Nationalisten Dr. oec. publ. Docteur en Droit Dr. jur. Hans K. E. L. Keller nannte der Münchner SPD-Stadtrat Anton Aschauer, der nur die Volksschule besuchte, 1958: "Dreifacher Doktor, depperter."

Und Dr. jur. Josef Müller ("Ochsensepp"), früherer bayrischer Justizminister, 1956 über Keller: "Einen Doktor kann jeder machen; wenn aber einer drei Doktorhüte hat, muß man ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen, bevor man ihn auf die Politik losläßt."

Völkerrechtler Keller erwarb alle drei Titel durch gelehrte Arbeit -- im Gegensatz etwa zu Altbundeskanzler Konrad Adenauer, der in 91 Jahren 24 Doktorhüte sammelte: Alle wurden ihm ehrenhalber verliehen. Ludwig Erhard brachte es auf einen echten (Dr. rer. pol.) und 14 geschenkte Hüte.

Während Politiker immer leichter zu Doktor-Ehren kommen, muß für den erworbenen Grad immer länger gearbeitet werden. Von 1924 bis 1933 beispielsweise brauchten Studenten durchschnittlich 2,1 Jahre für eine Dissertation; an den von 1961 bis 1965 eingereichten Arbeiten war im, Schnitt 4,9 Jahre geschrieben worden.

Schriftliche und mündliche Prüfungen sind allerdings nicht immer die einzigen Voraussetzungen für eine Promotion. Nach Universität und Fakultät verschieden, müssen oft weitere Anforderungen erfüllt werden -- was Kritiker Geck jedoch nicht beanstandet.

So läßt die Juristische Fakultät der Universität Göttingen nur Bewerber zu, die zuvor das Erste Juristische Staatsexamen mit "gehobenem Prädikat" (mindestens "befriedigend") bestanden haben. Die Würzburger Rechtsgelehrten verlangen dagegen nur ein "ausreichend".

Immerhin verteilten die 36 Universitäten und Hochschulen (die evangelische Kirchliche Hochschule und das Bischöfliche Priesterseminar in Trier eingeschlossen) alljährlich mehr als 5000 Bundesbürgern den Doktor-Titel, den es in mannigfacher Ausführung gibt (siehe Kasten Seite 43). Dabei wird die begehrte Namens-Partikel an den einzelnen Fakultäten unterschiedlich oft erworben:

Den größten Anteil haben die Mediziner. Von 100 angebenden Ärzten können sich 97 Dr. med. nennen. Bei den Juristen promoviert jeder fünfte, bei den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern jeder sechste und bei den Theologen nur jeder zwanzigste.

Weit mehr jedoch als die 5000 akademischen Bürger, die jährlich zu Doktor-Würden kommen, suchen in jedem Jahr einen zweiten Vater. Und bei dem Run auf den akademischen Zunftmeister sind wissenschaftliche Originale studentischen Managertypen häufig unterlegen -- für Professor Geck ein weiteres Argument für Chancengleichheit und Rechtsanspruch auf Zulassung zur Promotion.

Demjenigen Bewerber, der, juristisch gewitzt durch das Geck-Plädoyer, seine Zulassung zur Promotion einklagen würde, prophezeit der Rechtsgelehrte von der Saar schon jetzt Erfolg. Geck: "Er wird durchkommen."

"Nur ist mißlich", so Geck weiter, "gegen die Fakultät zu klagen, von der er dann geprüft wird."


DER SPIEGEL 3/1967
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