09.01.1967

Der Orden unter dem Totenkopf

13. Fortsetzung.
Macht und Ohnmacht der SS Die Zerstörung des europäischen letzten Zweifler, welche furchtbare Macht die SS über schutzlose Menschen im Deutschland Adolf Hitlers ausübte. Wie ein vielarmiger Polyp umspannte die SS mit ihren unzähligen Organisationen das Reich.
Sicherheitsdienst und Gestapo, Waffen-SS und Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums, Ahnenerbe und Lebensborn, Konzentrationslager und Wirtschaftsunternehmen -- es gab kaum einen Lebensbereich der Nation, in den Ämter und Gefolgsleute Heinrich Himmlers nicht vordrangen. Immer labyrinthischer wurde das Gefüge der SS-Organisationen, immer verwirrender und verschachtelter das System des SS-Imperiums.
Ein steter Wechsel in den Bereichen der Mammutorganisation verschleierte nicht selten das Ausmaß des SS-Einflusses. Die Urzelle des schwarzen Ordens, die Allgemeine SS, war längst zur bedeutungslosen Kulisse erstarrt; rund 60 Prozent (Stand 1944) ihrer Mitglieder hatte die Wehrmacht aufgenommen, der Rest traf sich lustlos zum Kriegseinsatz in der Heimat und war kaum von den Veteranen in SA oder NS-Kraftfahr-Korps zu unterscheiden. An die Stelle der Allgemeinen SS waren die Sonderformationen der SS getreten, unauffälliger und weit einflußreicher.
In der beklemmenden Erfolgsgeschichte des Reichssicherheitshauptamts ließ sich deutlich ablesen, wie weit die SS deutsches Leben schon beherrschte. Mit jedem weiteren Kriegsjahr wußten die Staatsschützer des RSHA den ohnehin schmalen Rechtsraum der Deutschen mehr und mehr einzuengen.
Gleich nach Kriegsausbruch hatte sich das RSHA zusehends das Recht angemaßt, die Urteile der ordentlichen Justiz durch willkürliche Hinrichtung zu "korrigieren". Protesten des Reichsjustizministeriums hielt das RSHA entgegen, der Reichsführer SS habe laut Führerbefehl die Sicherheit des Reiches mit allen Mitteln zu garantieren und dieser Auftrag schließe bei Vergehen gegen die Kriegsgesetze auch sofortige Exekutionen ein.
Die Macht des Reichssicherheitshauptamts hielt sich jedoch noch in Grenzen, solange der von Hitler mit einem gewissen scheuen Respekt behandelte Deutschnationale Dr. Franz Gürtner an der Spitze des Reichsjustizministeriums stand. Nach dem Tod Gürtners im Januar 1941 aber nutzte das RSHA das Vakuum im Justizministerium -- statt eines neuen Ministers verwaltete der schwächliche Staatssekretär Franz Schlegelberger den Chefposten kommissarisch -- zu einem Schlag, von dem sich die Justiz nie wieder erholen sollte.
RSHA-Chef Reinhard Heydrich wurde im Herbst 1941 zusätzlich zu seinen bisherigen Ämtern zum Geschäftsführenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt. Da ihn Hitler beauftragt hatte, gegen die unruhigen Tschechen rücksichtslos durchzugreifen, wollte er sein Regime mit einem Schauprozeß eröffnen, dazu bestimmt, den tschechischen Untertanen die Strenge des neuen Zwingherrn zu demonstrieren.
Zum Opfer des Schauprozesses erwählte sich Protektor Heydrich den tschechischen Divisionsgeneral Alois Elias, der die einheimische Protektoratsregierung in Prag leitete. Er wurde seit langem vom SD verdächtigt, mit tschechischen Widerständlern und der tschechoslowakischen Exilregierung in London heimlich zusammenzuarbeiten. Seit April 1940 hatte das RSHA gefordert, Elias abzusetzen und vor ein
* Mit dem sudetendeutschen Höheren SS- und Polizeiführer Karl-Hermann Frank, September 1941.
Standgericht zu stellen. Die Forderungen des Hauses Heydrich waren jedoch an dem Widerstand des maßvollen Reichsprotektors Freiherrn von Neurath gescheitert, der sich weigerte, ein Verfahren gegen Elias einzuleiten. Selbst der NS-Jurist Ernst Lautz, Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof, hielt das Elias-Material des RSHA für zu dürftig, einen Prozeß zu rechtfertigen.
Der neue Tschechen-Protektor Heydrich wußte jedoch, wie man Elias zu Fall bringen konnte. Heydrich wußte, daß der ehrgeizige Volksgerichtshofs-Präsident Dr. Otto Thierack, ein Alter Kämpfer und ehedem Sachsens erster nationalsozialistischer Justizminister, nach dem Chefposten im Reichsjustizministerium gierte; er animierte daher Thierack zu einer Intrige, die den Sachsen unfehlbar an die Spitze des RJM katapultieren mußte.
Heydrich und Thierack vereinbarten am 27. September 1941, den Ministerpräsidenten Elias zu verhaften und vor den Volksgerichtshof zu stellen; der skeptische Oberreichsanwalt Lautz aber sollte aus dem Verfahren ausgeschaltet, die Anklagevertretung der Sicherheitspolizei überlassen werden.
Das RSHA war mit einem Schlag der Verwirklichung eines alten Traums nahe: Der künftige Reichsjustizminister stimmte der totalen Ausschaltung der noch immer an normative Maßstäbe gebundenen Staatsanwaltschaften zu, sagte ja zur uferlosen Willkür einer Polizei, die nun auch im Gerichtssaal in der Maske des Staatsanwalts auftreten wollte.
Thierack war zum Ausverkauf der Justiz bereit, erzählte er doch später seinem Staatssekretär Rothenberger, er habe damals mit Heydrich vereinbart, "im Falle seiner Ernennung zum Reichsjustizminister" werde er, Thierack, "die Staatsanwaltschaften dem Reichsführer abtreten" -- so Rothenberger in einer Notiz.
Wie in Berlin verabredet, so spielte sich in Prag das Drama Elias ab. Thierack ließ seinen ahnungslosen Oberreichsanwalt ins Wochenende reisen, derweil Heydrich in Prag den Tschechen-Premier verhaftete und der Chef der Gestapo-Leitstelle Prag, SS-Obersturmbannführer Dr. Hans Geschke, die Vertretung der Anklage gegen Elias übernahm.
Noch ehe die Berliner Justiz-Spitze begriffen hatte, was in Prag geschehen war, hatte Heydrich die grausame Justizkomödie durchgepeitscht: am 28. September Verhaftung des Elias, einen Tag später Anklageerhebung durch SS-Geschke, am 30. September Übersiedlung des Ersten Volksgerichtshofs-Senats nach Prag, am 1. Oktober pünktlich uni zehn Uhr Eröffnung der Hauptverhandlung gegen Elias, vier Stunden danach Urteilsverkündung. Das Verdikt lautete: Tod wegen versuchten Hochverrats in Tateinheit mit einem Unternehmen der Feindbegünstigung.
Otto Thierack hatte gute Arbeit geleistet, Otto Thierack durfte seines Lohnes sicher sein: Der dankbare Hitler ernannte ihn am 20. August 1942 zum Reichsjustizminister.
Der neue Minister lehnte sich auch später eng an die SS an. Zwar hinderte Ihn der Widerstand im Fußvolk der Justiz daran, die Staatsanwaltschaften dem schwarzen Orden vollends auszuliefern, dennoch trat der· Justizminister ein Rechts-Reservat nach dem anderen an den Reichsführer SS ab:
* Am 18. September 1942 billigte Thierack in einem Abkommen mit Himmler dem RSHA das Privileg zu, Gerichtsurteile durch die Geheime Staatspolizei mittels "Sonderbehandlung" korrigieren zu dürfen; er gestattete auch, daß Häftlinge der ordentlichen Justiz mit einer Gefängnisstrafe von mehr als acht Jahren an die Polizei ausgeliefert wurden.
* Anfang November 1942 überließ Thierack der Sicherheitspolizei die gesamte Strafrechtspflege gegenüber Polen und Juden in den eingegliederten Ostgebieten.
* Im Sommer 1943 erklärte er sich einverstanden daß sämtliche Juden im Hoheitsgebiet des Deutschen Reiches der Strafjustiz des Reichssicherheitshauptamts unterstellt wurden. Die Macht des RSHA dehnte sich immer weiter aus. Eine Gruppe altgedienter Bürokraten des Reichsinnenministeriums (RMdI) hatte noch versucht, den formell dem RMdI unterstellten Polizeiapparat des RSHA zu disziplinieren. Ab August 1943 war auch dieser internen Opposition der Mund gestopft: Heinrich Himmler wurde als Nachfolger des gestürzten SS-Kritikers Dr. Wilhelm Frick Reichsminister des Inneren.
Wichtige Befugnisse des Reichsinnenministeriums gingen auf das RSHA über. Die Abteilung I des Ministeriums verlor fast alle wesentlichen Sachgebiete aus dem Komplex Verfassung-Gesetzgebung-Verwaltung an den Konkurrenten in der Prinz-Albrecht-Straße.
Von Himmlers Revirement wurde besonders arg das Hauptamt Ordnungspolizei getroffen, dessen traditionsbewußte Beamten, Juristen und Offiziere zuweilen Distanz zur Sicherheitspolizei des RSHA gehalten hatten. In einer internen Säuberungsaktion, euphemistisch "Bereinigung der Geschäftsbereiche" geheißen, mußte das Orpo-Hauptamt dem RSHA die totale Kontrolle der Kriminalpolizei überlassen.
Mehr noch: Das polizeiliche Melde- und Registerwesen, das allgemeine Polizeirecht, Fragen der allgemeinen Polizeiorganisation, bis dahin Domänen der Orpo, wurden vorn Reichssicherheitshauptamt annektiert. Nahezu jede politische Zuständigkeit war der Orpo genommen, das Hauptamt vom politischen Übergewicht des RSHA erdrückt.
Triumphierend ließ Innenminister Himmler das Orpo-Amt "Verwaltung und Recht" auflösen, über dessen nonkonformistischen Leiter, Ministerialdirektor Werner Bracht, der SS-Chef sich oft genug hatte ärgern müssen. Aus dem lästigen Rechtsressort wurde ein Wirtschaftsverwaltungsamt an die Stelle des alten Beamten Bracht trat der Alte Kämpfer und SS-Gruppenführer August Frank.
Da fast zur selben Zeit der Orpo-Chef und Himmler-Rivale Kurt Daluege schwer erkrankte, konnte der Reichsführer auch den letzten Rest Orpoeigener Selbstbehauptung abtöten. Im Sommer 1944 gingen die Fürsorgefragen der Ordnungspolizei an die SS über; auch das materielle Polizeirecht wurde der Orpo genommen und dem RSHA einverleibt.
Das Vordringen des Reichssicherheitshauptamtes war freilich nur ein Indiz für die wachsende Macht der Schutzstaffel. Eine weitere Kreation Himmlerscher Organisationsgabe verriet ebenfalls, wie tief sich die SS in die Herrschaftsstruktur des NS-Regimes hineingebohrt hatte: das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA).
Das WVHA ging aus dem Verwaltungsamt der SS hervor, das -- eingebaut in das SS-Hauptamt -- seit 1934 administrative Fragen der Allgemeinen SS bearbeitete. An seine Spitze hatte Himmler einen ehemaligen Marineoberzahlmeister namens Oswald Pohl berufen, einen ebenso rechthaberischen wie beweglichen Schreibtisch-Tyrannen, der äußerlich an Mussolini erinnerte und mit dem Italiener auch den gewissenlosen Ehrgeiz teilte.
Der Brigadeführer Pohl erwies sich als ideenreicher Organisator und konnte bald seinen Bereich erweitern: Er dehnte sein Verwaltungsamt auf Totenkopfverbände und Verfügungstruppe aus, avancierte zum Reichskassenverwalter der SS und. übernahm als Ministerialdirektor das (staatliche) Hauptamt "Haushalt und Bauten" beim Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsinnenministerium.
1939 verfügte Finanzier Pohl, inzwischen SS-Gruppenführer, über eine solche Machtfülle, daß ihn Himmler aus dem Korsett des SS-Hauptamtes befreite und ihm ein eigenes Hauptamt zugestand, das Hauptamt Verwaltung und Wirtschaft. Drei Jahre später, als auch die KZ-Verwaltung Pohl unterstellt wurde, vereinigte er das V- und W-Hauptamt mit dem Hauptamt Haushalt und Bauten zum WVHA, dem Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt.
In kurzer Zeit hatte sich Pohl eine Position erkämpft, die ihn neben dem RSHA-Chef zum mächtigsten Mann unter den SS-Hauptamtschefs machte.
Vier derbe Stränge verbanden ihn mit den wichtigsten Kraftquellen des SS-Imperiums: Er beaufsichtigte die gesamte Truppenverwaltung und Truppenwirtschaft der Waffen-SS, er kontrollierte die 20 Konzentrations- und 165 Arbeitslager, er lenkte alle Bauvorhaben von SS und Polizei, er dirigierte die Wirtschaftsunternehmen der Schutzstaffel.
Vor allem in der Kopplung von KZ-Häftlingsreservoir und SS-Betrieben sah WVHA-Chef Pohl eine Potenz, die sein Hauptamt zu einem der stärksten Machtfaktoren des deutschen Wirtschaftslebens erheben konnte.
Schon früh hatten sich Diplom-Kaufleute wie die Brüder Georg und Hans Lörner und Bauleiter wie der Hauptsturmlührer Franz Eirenschmalz mit SS-eigenen Betrieben auf das Gebiet der Wirtschaft gewagt. Bei Kriegsausbruch verfügte die SS über vier große Firmen:
* die "Deutschen Erd- und Steinwerke GmbH", ein Unternehmen zur Gewinnung von Baumaterialien; dessen 14 Granit-, Ziegel- und Klinkerwerke 1943 einen Gesamtumsatz von 14 622 000 Reichsmark erzielten;
* die "Deutschen Ausrüstungwerke GmbH", ein Unternehmen, das sämtliche Werkstätten in den Konzentrationslagern von Brotfabriken und Schwertschmieden bis zu holz- und eisenverarbeitenden Betrieben vereinigte und 1943 einen Umsatz von 23 294 032 Reichsmark verbuchte;
* die "Deutsche Versuchsanstalt für Ernähring und Verpflegung GmbH", ein Lieblingsbetrieb des heilkräuternärrischen Himmler, der allerlei Gewürzgärten am Rande der KZ anlegen ließ, später aber auch dem Unternehmen landwirtschaftliche Güter, Forstbetriebe, Imkereien und Fischzuchtanstalten zuschlug, in denen experimentell nach neuen Nahrungsmitteln gefahndet wurde;
* die "Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung GmbH", ein Betrieb im Frauen-KZ Ravensbrück, der vorwiegend für die Waffen-SS Truppenbekleidung herstellte und im Geschäftsjahr 1943 einen Umsatz von neun Millionen Reichsmark auswies. Pohl faßte die vier Gesellschaften zu einem Konzern ("Deutsche Wirtschaftsbetriebe", DWB) zusammen, der als Hoi-ding-Gesellschaft die Geschäftsanteile der SS-Firmen übernahm. Die Gründung der DWB war typisch für die großkapitalistische Infiltrationstechnik, mit der sich das WVHA manches Randgebiet der deutschen Wirtschaft einverleibte.
Nach außen trat die SS als Firmenbesitzer kaum hervor -- im Falle der DWB traten als Gesellschafter ein gewisser Ministerialdirektor Oswald Pohl und ein gewisser Diplomkaufmann Georg Lörner in Erscheinung. Man mußte schon die SS-Rangliste kennen, um zu wissen, daß der SS-Obergruppenführer Pohl Chef und der SS-Gruppenführer Lörner stellvertretender Chef des WVHA waren.
"Mit Hilfe der Kasuistik des Handelsrechts", so urteilt der Historiker Enno Georg, dem die Geschichtsschreibung wesentliche Aufschlüsse über Himmlers Wirtschaftsunternehmen verdankt, habe sich das SS-Imperium "auf ideale Weise verschleiern" lassen und das öffentlichrechtliche Behördengefüge dieses privatwirtschaftlich organisierten Kartells aufgelöst "in die Formen eines opportunistischen Groß-Unternehmertums".
Der Superkapitalist Pohl war freilich nüchtern genug, um es sich zu versagen, gleich alle Bereiche der Wirtschaft. zu durchdringen. Er entwarf ein Schwerpunkt-Programm, das einzelne Produktionsbranchen dem Monopolstreben der SS öffnen sollte.
Pohls erster Vorstoß richtete sich auf einen Industriezweig, der die kapitalistische Raffgier des WVHA ebenso anlockte wie den antialkoholischen Feuereifer des Lebensreformers Himmler. Im Sudetenland lag das Gros der meist in jüdischem oder britischem Besitz befindlichen tschechischen Mineralwasserfabriken; im Schutze der Arisierungs-Dekrete übernahmen Pohls Beauftragte viele Getränkefirmen.
Das WVHA erwarb den Mineralwasserbrunnen Grün, später in "Sudetenquell" umbenannt, hinzu kam die Heinrich Mattoni AG, gefolgt von dem Getränke-Unternehmen des Deutschen Ritterordens in Freudenthal. Kaum ein nennenswertes Werk der nichtalkoholischen Getränkeindustrie entging dem Zugriff der SS.
Auch im Reich füllte Pohl Mineralwasser in SS-Behälter ab: Der Brunnen Niederselters bei Limburg wurde vom WVHA gepachtet, die deutsche Apollinaris Brunnen AG in Besitz genommen. 1944 kontrollierte Pohl 75 Prozent des deutschen Mineralwassermarktes.
Das Sudetenland war ebenfalls der Schauplatz eines zweiten, nicht weniger erfolgreichen Beutezuges der WVHA-Kapitalisten. Ihnen fiel eine der größten Möbelfabriken der. Tschechoslowakei, das ehemals jüdische Unternehmen Emil Gerstel, in die Hand; das Beutestück wurde zum Stammhaus einer SSeigenen Möbelindustrie.
Allerdings mußte das WVHA dieses Manöver besonders vorsichtig tarnen. Da das Reichswirtschaftsministerium gefordert hatte, die Firma Gerstel dürfe nicht in den Besitz der SS übergehen, sondern nur von einer aus Möbelfachleuten zu bildenden GmbH übernommen werden, gründeten der Stuttgarter Möbelfabrikant Dr. Kurt May und zwei Mitgesellschafter die Firma "Deutsche Meisterwerkstätten GmbH", künftige Besitzerin des Gerstel-Unternehmens.
Dem Reichswirtschaftsministerium blieb zunächst verborgen, daß Dr. May nebenberuflich SS-Untersturmführer und Leiter des Amtes W IV im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt war. May und seine beiden -- Strohmänner übereigneten dem SS-Konzern (DWB) auch sofort ihre Geschäftsanteile an der Deutsche Meisterwerkstätten GmbH.
Stück um Stück fraß sich der SS-Wurm in das Gebälk der Holz- und Möbelindustrie ein. Das Säge-Werk Bachmanning bei Linz (Donau), die Sperrholzfabrik Jirat Richard, die Betriebe der jüdischen Möbel-Dynastie Drucker begründeten ebenso eine Vormachtstellung der SS auf dem Möbelmarkt wie der WVHA-Verein "Deutsche Heimgestaltung e. V.", der besonders billige Wohnungseinrichtungen propagierte und ein Produktionsprogramm entwarf, dem sich auch private Möbelfabriken anschlossen.
Ein dritter Vorstoß der SS-Industriebarone galt den Baustoffunternehmen der deutschbesetzten Ostgebiete und den Werkstätten der Gettos in Polen.
In Posen etablierte sich die Betriebsgesellschaft "Ostdeutsche Baustoffwerke GmbH". Sie verwaltete als Treuhänderin 313 ehemals polnische oder jüdische Ziegeleien der eingegliederten Ostgebiete (Jahresumsatz 1943: über elf Millionen Reichsmark), während eine andere Pohl-Gründung, die "Klinker-Zement GmbH", in Ostoberschlesien und im Generalgouvernement Ziegeleien, Kalkwerke, Zementbetriebe und Keramik-Firmen pachtete.
Es gab kaum noch ein Gebiet wirtschaftlicher Betätigung, auf dem sich Pohls Sendboten nicht versuchten. Ob es um Beteiligung an der Schieferölgewinnung ging oder um Betriebe mit neuen Buchbindeverfahren, um landwirtschaftliche Güter in Rußland oder um Konservenfabriken -- Oswald Pohls Hauptamt war immer dabei.
Nicht weniger erfolgreich als die WVHA-Amtsgruppe W (Wirtschaftsunternehmen) erwies sich die Amtsgruppe C, die zur Keimzelle einer SS-Rüstungsindustrie wurde. Der Amtsgruppe C unterstand das Bauwesen von SS und Polizei, ihr Chef galt als einer der skrupellosesten Karrieremacher in der Totenkopf-Uniform.
Er hieß Hans Kammler, war Dr.-Ing. und von einem selbst in der SS selten großen Ehrgeiz besessen, der ihn Gaskammern für Auschwitz ebenso sorgfältig bauen ließ wie Abschußrampen für die Raketenwaffe V 1. Trotz seines hohen SS-Ranges (er tauchte 1945 als Gruppenführer spurlos unter) blieb er in der Schutzstaffel ein Fremder, weil für ihn die SS nichts weiter war als ein Transmissionsriemen eigenen Vorwärtsdranges.
Das störte Pohl nicht; er verstand es, auch der SS noch so fernstehende Männer für das WVHA zu engagieren und zu halten, solange sie ihm nützlich schienen. Wie die Amtsgruppe W von dem unpolitischen Wirtschaftsprüfer Dr. Hans Hohberg geleitet wurde, der niemals Mitglied einer NS-Formation und nie Träger einer SS-Uniform war, so kam auch Dr.-Ing. Hans Kammler aus einem anderen Lager: Der Oberregierungsrat hatte bis dahin als Baudirektor dem Reichsluftfahrtministerium gedient.
Der Talent-Jäger Himmler animierte den Baudirektor 1941, mit einem Stab von Bauexperten der Luftwaffe in die Dienste der SS zu treten. Kammler, mit dem Anfangsrang eines SS-Standartenführers ausgestattet, übernahm die Amtsgruppe C im WVHA und arbeitete ein ambitiöses Bauprogramm aus, für das er bereits 1942 etwa 175 000 KZ- und Kriegsgefangene anforderte.
Kammier begnügte sich jedoch nicht damit, Verpflegungsdepots und Mordkammern in Konzentrationslagern, Munitionsbunker und Kasernen für die Waffen-SS zu bauen, sein Ehrgeiz war höherer Art. Rüstungsminister Speer: "Als Kammler seine Aufgabe übernahm, erkannte ich nicht, daß er als mein Nachfolger vorgesehen war."
Himmlers und Kammlers Ambitionen wiesen in die gleiche Richtung: Der SS-Chef erträumte sich den Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie,- die alle Einheiten der Schutzstaffel von den Waffenzuteilungen der mißtrauischen Wehrmacht unabhängig machen sollte, und Kammler sehnte sich an die Spitze eines Super-Rüstungsministeriums.
Ab 1943 hatte Kammler Order, noch stärker als bisher neue Waffenbetriebe zu bauen und wichtige Rüstungsfabriken unter die Erde zu verlagern. Mit seinen Bautrupps, den ihm teilweise unterstellten Sklavenarmeen aus den KZ und
* Auf einem von der SS verwalteten Gut im Osten.
den weiträumigen Übungsplätzen der SS im Osten wurde Amtsgruppenchef Kammler zu einem unentbehrlichen Helfer bei allen Rüstungsanstrengungen.
Er gründete einen "Sonderstab Kammler", der allmählich die Amtsgruppe C der Jurisdiktion Pohls entzog und nur noch den Reichsführer als einzigen Vorgesetzten anerkannte. Gruppenführer Kammler nannte sich ab 1944 offiziell "Beauftragter des Reichsführers SS". Seine Baupioniere sprengten Himmler immer größere Schneisen in das Herzstück der Rüstungspolitik.
Ungezählt -- waren die Sonderaufträge für Kammler: Bau eines unterirdischen Führerhauptquartiers in Thüringen, Konstruktion unterirdischer Hallen für die Herstellung von Flugzeugen und Flugbomben; Einschaltung in den Fertigungsprozeß des Düsenjägers Me 262 und schließlich Kontrolle der geheimsten Zauberwaffen großdeutscher Wundergläubigkeit, der Raketen V 1 und V 2.
Da Himmler nach ·dem 20. Juli 1944 Befehlshaber des Ersatzheeres geworden war, fiel es ihm nicht schwer, Kammler die technische Leitung der (vom Heer entwickelten) V 2-Waffen zu übertragen; im September 1944 fiel dem SS-General auch das taktische Kommando über die beiden Heeres-Raketeneinheiten "Gruppe Nord" und "Gruppe Süd" zu. Einsatzergebnis bis zum 31. Dezember 1944: 1561 V -Raketen auf London und Antwerpen abgefeuert.
Anfang 1945 trat die Luftwaffe auch die 5. Flakdivision (W) und damit die Kontrolle über die V 1 an Kammler ab; der SS-Gruppenführer durfte sich Kommandierender General eines Armeekorps zur besonderen Verfügung nennen und einen für SS-Männer einzigartigen Prestigeerfolg verzeichnen: Er war nur noch Hitler persönlich unterstellt.
So dokumentierte auch die raketenartige Karriere des Dr.-Ing. Hans Kammler, zu welch zentraler Position die Schutzstaffel und ihre Führer in der Machtgruppe des Dritten Reiches aufgestiegen waren. Jede einzelne SS-Organisation wies Erfolgsbilanzen wie jene des RSHA oder des WVHA auf -- der Gedanke mußte sich aufdrängen, daß der Tag nicht mehr fern sei, an dem die SS Heinrich Himmlers den ganzen Staat übernehmen werde.
Die Akkumulation von Prestige, Positionen und Persönlichkeiten verleitete später Historiker dazu, in die Schutzstaffel eine Allmacht hineinzudeuten, die gleichsam das Dritte Reich als eine Dependence des schwarzen Ordens erscheinen ließ. Eine solche Vorstellung beruht jedoch auf einem weitverbreiteten Mißverstehen totalitärer Führungspraxis.
Die meisten Historiker schreiben dem Herrschaftssystem des Dritten Reiches ein Maß an Planung, Struktur und Hierarchie, kurz: ein Maß an Ordnung zu, das den Machthabern Hitler-Deutschlands völlig unbekannt war. Denn: Nicht Autorität und Ordnung, sondern die absolute Hierarchie- und Strukturlosigkeit machten das bewegende Prinzip der Führerdiktatur aus.
Nichts scheute Adolf Hitler mehr als das Entstehen neuer Ordnungsstrukturen, die das hätten hemmen müssen, was man den dynamischen Willen der Führung nannte. Aus Überlegung und Instinkt ließ Hitler zwischen sich und den Massen keine neue hierarchische Zwischenschicht entstehen, die nur die Allein-Position des Diktators geschmälert hätte.
Was das NS-System auszeichnete, war die "Abwesenheit jedes Systems", wie einmal der CSR-Präsident Thomas Masaryh das Stalin-Regime charakterisiert hat: die ständige Verschiebung der Machtgewichte unter den Paladinen, das Abkappen jeglicher Querverbindungen zwischen den Unterführern des Regimes, das Wachhalten der Rivalitäten unter den NS-Hierarchen.
"Der Wille des Führers", hat Hannah Arendt gesagt, "kann sich jederzeit überall verkörpern, und er selbst ist an keinerlei Hierarchie, auch nicht an die von ihm etwa selbst etablierte, gebunden."
Die Autoritätlosigkeit der Instanzen konnte geradezu als ein Mittel gelten, die Alleinherrschaft des nur der eigenen Dynamik ausgelieferten Hitler zu sichern. Nicht einmal die einer Hierarchie ähnliche Machtpyramide des Funktionärskorps der Partei begründete eine eigene Autorität; wie die Totalitarismus-Expertin Arendt feststellte, entschied über die Rechtmäßigkeit einer Handlung "nicht der Vollzug von Befehlen, die von dieser oder jener Instanz erlassen sein mochten, sondern das Vollziehen des Willens der Führung".
In diesem System der Systemlosigkeit konnte zwar die SS mit ihren unzähligen Organisationen machtvolle Stellungen okkupieren, die Autoritätlosigkeit aber produzierte immer wieder Gegenkräfte, die der Schutzstaffel das totale Übergewicht im Staat verwehrten.
Ob Partei, ob SA, ob Wehrmacht -- stets formierten sich Rivalen, die wie bleierne Gewichte den Höhenflug der machtgierigen SS bremsten. Selbst die Wehrmacht, seit der Blomberg-Fritsch-Krise von 1938 politisch entmannt, fand immer noch Mittel und Wege, sich dem Führungsanspruch der SS zu entziehen.
Die Besatzungspolitik Im deutschbesetzten Europa spiegelte den latenten Krieg zwischen SS und Heer wider. Er hatte sofort eingesetzt, nachdem die deutschen Armeen zum Polenfeldzug angetreten waren.
Das Heer forderte von Anfang an, die vollziehende Gewalt im polnischen Besatzungsgebiet müsse ihm überlassen und jede dort operierende Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei (zumindest während der Kämpfe) dem Heer unterstellt werden. Die Soldaten bildeten tatsächlich eine Militärverwaltung, doch verwickelte sich das Heer in so hektische Auseinandersetzungen mit Himmlers Mordkommandos, daß sich die leitenden Militärs nur allzu gerne von Hitler aus der Verantwortung für die Besatzungspolitik herausdrängen ließen.
Gleichwohl erhöhte der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walter von Brauchitsch, seine Forderungen. Vor dem nächsten Feldzug, dem Krieg gegen Norwegen, verlangte der Heeres-OB von Hitler, die vollziehende Gewalt müsse abermals dem Heer zugebilligt und die Tätigkeit von Einsatzgruppen in Norwegen unterbunden werden.
Hitler ging scheinbar auf die Forderungen der Militärs ein: Vom Norwegen-Feldzug wurden Heydrichs Spürtrupps ausgeschlossen. Doch schon zehn Tage nach Beendigung der Kämpfe brach der Diktator sein Wort. Er setzte in Norwegen einen Reichskommissar ein, den scharfmacherischen Gauleiter Josef Terboven, der allerdings zu den parteiinternen Gegnern der SS zählte; gleichzeitig zog in Oslo ein Höherer SS- und Polizeiführer ein, der sofort Einsatzkommandos ins Land rief.
Das Spiel wiederholte sich bei dem Überfall auf Holland. Einsatzkommandos waren erst zugelassen, nachdem Hitler einen Reichskommissar ernannt hatte. Diesmal bedeutete der Regimewechsel einen echten Machtgewinn für die SS: Der Reichskommissar Dr. Arthur Seyß-Inquart trug die Uniform eines SS-Gruppenführers.
Dagegen vermochte die Wehrmacht ihre Besatzer-Positionen in Belgien und Frankreich zu behaupten. Auch in diesen Ländern duldeten die Militärs während der Kampfhandlungen keine Einsatzkommandos; erst nach Intervention Hermann Görings hatte das Oberkommando des Heeres genehmigt, daß ein Zehn-Mann-Trupp der Sicherheitspolizei unter dem Kommando des damaligen SS-Obersturmbannführers Dr. Helmut Knochen nach Frankreich mitziehen durfte -- in Wehrmachtsuniform.
Knochen schlug im Pariser "Hôtel du Louvre" sein Hauptquartier auf, aber der Militärbefehlshaber Frankreich (bis Januar 1942), General Otto von Stülpnagel, und die 2500 Mann seiner Geheimen Feldpolizei engten das Tätigkeitsfeld der Knochen-Männer ein.
RSHA-Chef Heydrich graute vor der Aussicht, das Heer könne "unter Führung der zum Teil politisch nicht immer zuverlässigen, reaktivierten und Reserve-Offiziere der Abwehrstellen" einen eigenen, vom RSHA unabhängigen Polizeiapparat aufbauen. Er verlangte daher, was das RSHA für alle Besatzungsgebiete forderte: Einsetzung eines Höheren SS- und Polizeiführers, der die örtlichen Polizeieinheiten ausschließlich nach Weisungen Himmlers befehligte.
Die Militärs lehnten ab, sie wollten allenfalls einen "Beauftragten der Sicherheitspolizei und des SD" hinnehmen und bekamen den SS-Brigadeführer Dr. Max Thomas. Als dann Himmlers Aufpasser allzu aktiv wurde, booteten ihn die Offiziere wieder aus.
Thomas hatte den französischen Antisemitenführer Eugène Deloncle kennengelernt, der ihm einen phantastischen Plan unterbreitete: Um die Endlösung der Judenfrage in Frankreich anzuheizen, wollte Deloncle mit ein paar Kumpanen mehrere Pariser Synagogen in die Luft sprengen. Thomas schlug ein und beauftragte einen seiner Mitarbeiter. den SS-Obersturmführer Hans Sommer vom Ausland-SD. Sprengstoff zu beschaffen.
In der Nacht zum 3. Oktober 1941 erzitterte gegen 2.30 Uhr die Synagoge in der Pariser Rue des Tournelles durch die Detonation einer Bombe. Sechs weitere Synagogen wurden ebenfalls durch Sprengstoffanschläge beschädigt.
Knochen trat pflichtgemäß in Aktion: Ein paar Tage später meldete er dem Militärbefehlshaber Frankreich, es habe sich um ein Unternehmen französischer Rechtsextremisten gehandelt, die nach Informationen der Pariser Polizei von einem gewissen Deloncle angeführt wurden.
Doch Dr. Knochen hatte nicht mit dem Alkoholdurst des Sprengstoff-Beschaffers Sommer gerechnet. Bei einem Trinkgelage in der Bar des "Cabaret Chantilly" laute der Obersturmführer zwei V-Männern der Militärverwaltung vor, Knochen selber habe die Attentate inszeniert.
"Den Sprengstoff", so hielt das Oberkommando des Heeres Heydrich am 21. Oktober 1941 vor, "hat der SS-Ostuf. Sommer aus Berlin beschafft und den Tätern geliefert. SS-Ostuf. Sommer war über den Zeitpunkt der Anschläge und die Art ihrer Ausführung unterrichtet und ist mit den Tätern unmittelbar vor Ausübung der Anschläge zusammengewesen. SS-Ostuf. Sommer hat auf Befehl des Leiters der Dienststelle Paris der Sicherheitspolizei und. des SD, SS-Ostubaf. Dr. Knochen, gehandelt."
Die Militärs beuteten die SD-Panne wider ihre SS-Gegenspieler aus. Am 22. Oktober verlangte Generalfeldmarschall Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, die Abberufung von Knochen, Sommer und Thomas. Begründung: Durch die Verschleierungspolitik Knochens sei der Militärbefehlshaber Frankreich in die unmögliche Lage geraten, Franzosen für Attentate zu bestrafen, die in Wirklichkeit vom SD angestiftet worden seien.
Heydrich mußte nachgeben. Thomas und Sommer wurden abberufen, nur Knochen blieb auf seinem Posten. Die Militärs engten daraufhin Knochens Aktionsbereich noch mehr ein. Zeitweilig wurden ihm alle Nachrichtenverbindungen mit Berlin abgeschnitten und eigenmächtige Fahndungen verboten.
Erst im Mai 1942 konnte Heydrich durchsetzen, daß für Frankreich ein Höherer SS- und Polizeiführer ernannt wurde, der nun Knochen und dessen Leute aus den Fesseln der Wehrmachtskontrolle befreite. Dennoch war der HSSPF Carl-Albrecht Oberg, ein alter Kriegskamerad des neuen Militärbefehlshabers Frankreich (ab Februar 1942), General Carl-Heinrich von Stülpnagel, sichtlich bemüht, gute Beziehungen zum Heer zu unterhalten.
Zu vorsichtigem Taktieren gegenüber dem Militär hatten die SS-Führer auch deshalb Anlaß, weil die Wehrmacht inzwischen über weitere Besatzungsgebiete gebot. Nach dem Südost-Feldzug waren auch in Griechenland und Jugoslawien Militärregierungen entstanden, die der SS kaum Einfluß einräumten.
Argwöhnisch beobachtete die SS-Führung alle Versuche der Wehrmacht, sich gegen das Vordringen der Schutzstaffel abzukapseln. Himmler glaubte, über eine zuverlässige Fünfte Kolonne in den Reihen der Militärs zu verfügen: In einigen Militärverwaltungen West- und Südosteuropas saßen hohe SS-Führer als Kriegsverwaltungsräte, von denen sich aber kaum jemand als wertvoller Helfer erwies. Den größten Kummer hatte Himmler mit dem SS-Brigadeführer Eggert Reeder, der als Militärverwaltungschef im Stab des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich diente.
Der ehemalige Regierungspräsident Reeder, kompromißloser Verfechter altpreußisch-deutschnationaler Bürokratentradition, mußte immer wieder von Himmler daran erinnert werden, daß er auch Ehrenführer der SS sei und folglich eine SS-gemäße Politik zu betreiben habe. Vor allem schockierte Reeders relativ maßvolle Besatzungspolitik, die der NS-feindliche Militärbefehlshaber von Falkenhausen unterstützte,
* In der Rue des Tournelles.
die SS-Herren in der Prinz-Albrecht-Straße.
Ständig hatte Himmler "Dinge zu beanstanden, die ich bei SS-Führern nicht gewohnt bin", wie er Reeder am 16. Februar 1943 belehrte, und SS-Gruppenführer Gottlob Berger, Chef des SS-Hauptamts und Himmlers zuverlässigstes Sprachrohr, erklärte: Reeder sei sich wohl "nicht darüber im klaren, daß er die Politik der Belgier macht", statt "seine Politik zu ändern und sie zu einer "Politik des Reiches' zu machen".
Reeder ließ Himmlers Ermahnungen gelassen über. sich ergehen, zumal er auf einen rechtskatholischen, antinazistischen Ratgeber hörte, der nicht nur durch seine demonstrativen Kirchenbesuche in Wehrmachtsuniform die SS-Herren aufbrachte: den Oberkriegsverwaltungsrat Franz Thedieck, den späteren Staatssekretär im Gesamtdeutschen Ministerium zu Bonn.
Der Reichsführer forderte abermals: "Sie hatten dem SS-Gruppenführer Berger versprochen, daß Ihr Referent Tediek, der von uns als wenig wünschenswerter, um nicht zu sagen: als unseliger Ratgeber auf politischem Gebiet in Belgien angesehen wird, zum 31. 12. 1942 entfernt wird. Dieses Versprechen wurde nicht eingelöst." Reeder löste es nie ein. --
Nicht glücklicher erwies sich Himmlers Zusammenarbeit mit dem SS-Brigadeführer Dr. Werner Best, Leiter der Abteilung Verwaltung im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich. Der Mitbegründer des RSHA sympathisierte allzu oft mit der behutsameren Besatzungspolitik der Militärs, die ihn dennoch im Juli 1942 mit einem eleganten Organisationstrick vor die Tür setzten.
Nach dem Einzug des HSSPF Oberg in Frankreich hatten die Militärs beschlossen, sich den Rücken von SS-Männern freizuhalten. Der Verwaltungsstab in Paris wurde derart verkleinert, daß der ehemalige Ministerialrat Best auf den kümmerlichen Posten eines Referenten abgerutscht wäre Werner Best wich freiwillig.
Ein ähnliches Manöver inszenierten Serbiens Militärherren gegen den SS-Gruppenführer Dr. Harald Turner, einen fanatischen Nationalsozialisten und Antisemiten, der als Kriegsverwaltungschef im Stab des Bevollmächtigten Kommandierenden Generals in Belgrad amtierte.
"Es besteht kein Zweifel", meldete Turners Mitarbeiter, SS-Sturmbannführer Dr. Georg Kiesel, am 31. März 1942 nach Berlin, "daß von Seiten der Wehrmacht nunmehr versucht wird, Gruf. Turner mit allen Mitteln zu zwingen, aus der Militärverwaltung auszuscheiden, weil er ihr einfach nicht paßt, da er als SS-Führer zu gefährlich erscheint."
Durch einen Spitzel beim Wehrmachtsbefehlshaber Südost hatte Kiesel erfahren, wie in Paris wolle man den Verwaltungsstab in eine Verwaltungsabteilung umwandeln und dadurch den SS-Mann Turner aus Serbien hinausgraulen. Anlaß des Manövers war -- wie in Paris -- die Einsetzung eines Höheren SS- und Polizeiführers.
Die Militärs eröffneten gegen den SS-Kriegsverwaltungschef eine Kampagne der "persönlichen Kränkungen", die laut Kiesel das Ziel verfolgten, "Gruf. Turner nervlich zu zermürben", Der Wehrmachtsbefehlshaber Südost wollte Turner aus dessen Dienstwohnung vertreiben, verbot ihm, Verwaltungsberichte selbst zu unterzeichnen, und lehnte die Weitergabe eines Turner-Exposés ab, weil er -- wie er mitteilen ließ -- "in dem Bericht eine gewisse Kritik an der Truppenführung ... als störend empfunden" habe.
Doch Turner alarmierte den Reichsführer, und Himmler gelang es, die von den Militärs geplante Reorganisation des Serbien-Stabes zu verhindern. Die Offiziere glaubten ihre Sache schon verloren, da kam ihnen ein unerwarteter Bundesgenosse zu Hilfe: Der Höhere SS- und Polizeiführer Serbien, Gruppenführer August Meyszner, hielt es eher mit den Militärs als mit dem SS-Kameraden Turner.
Die beiden SS-Führer verhedderten sich in einen so erbitterten Kampf um Zuständigkeiten und Prestigefragen, daß -- so Turner -- "interessierte Beigrader Herren die Schadenfreude hierüber kaum verbergen" konnten.
Ob es um die Kontrolle der serbischen Landespolizei ging, um die Verwaltung des Vermögens der ermordeten Juden oder um Prioritäten im Kampf gegen Partisanen -- stets intervenierte HSSPF Meyszner bei den Militärs, sie möchten "ihren" Kriegsverwaltungschef zur Ordnung rufen.
August Meyszner zählte offenbar zu jenen SS-Führern, die -- meist ehemalige Polizei- oder Armeeoffiziere -- eine gewisse heimliche Sehnsucht nach den alten feldgrauen Waffenkameraden nie überwunden hatten. Auch der Uniformen- und Elitekult der Schutzstaffel konnte den verdeckten Glauben der Ehemaligen nicht töten, im Grunde sei doch wohl die Wehrmacht der einzig legitime Waffenträger der Nation.
Von dem Höchsten SS- und Polizeiführer Karl Wolff hat der ehemalige Hitler-Adjutant Generalleutnant Engel erzählt, er habe "als ehemaliger aktiver Gardeoffizier immer zwischen der Pflicht gegenüber der SS und der Zuneigung zur Wehrmacht" gestanden. Nicht viel anders erging es dem einstigen Pionieroberleutnant Arthur Nebe, der als Chef der Einsatzgruppe B zuweilen mehr auf die Ratschläge oppositioneller Offiziere der Heeresgruppe Mitte hörte als auf RSHA-Befehle. Selbst der Höhere SS- und Polizeiführer in Frankreich, Gruppenführer Oberg, konnte nie die Verehrung verbergen, die er für seinen Kriegskameraden, den antinazistischen General Carl-Heinrich von Stülpnagel, empfand; nach dem 20. Juli 1944 bewahrte er manchen gefährdeten Verschwörer vor dem Zugriff der Gestapo. Stülpnagel: "Wenn Oberg könnte, wie er wollte -- ich glaube, er wäre auf unserer Seite."
Manchen SS-Führern war die militärische Präponderanz der Wehrmacht noch eine solche Selbstverständlichkeit, daß sie sich nicht selten dem fachmännischen Urteil der Generale unterwarfen. Der Höhere SS- und Polizeiführer Rußland-Mitte, Gruppenführer Gerret Korsemann, enthüllte diese schleichende Krankheit in dem sonst so hochmütig zur Schau getragenen Selbstbewußtsein der SS-Führer auf eine Weise, die Himmler die Schamröte ins Gesicht trieb.
Als SS-Führer im Sommer 1943 Korsemann vorwarfen, er habe sich bei dem -Rückzug aus dem Kaukasus etwas allzu eilig davongemacht und sich als "ein Angsthase oder gar ein Feigling" (Korsemann) erwiesen, erschien dem Beleidigten nichts selbstverständlicher als die Wehrmacht um einen Persilschein zu bitten. Am 30. Juni 1943 ging er in einem länglichen Brief den ihm vorgesetzten Generalfeldmarschall Ewald von Kleist an.
"Hochzuverehrender Herr Feldmarschall!" begann Korsemann und bat "gehorsamst", ihm "unterbreiten zu dürfen", der Herr Feldmarschall möge "mir einen kurzen Brief schreiben, aus dem hervorgeht, daß ich nicht nur so lange als notwendig, sondern zeitmäßig noch darüber hinaus auf meinem Platz verblieben bin und daß ich im Einverständnis mit Herrn Feldmarschall erst abflog, als faktisch überhaupt keine Aufgabe mehr für mich vorlag".
"Ein Brief von Dummheit und Anbiederung, der die SS im allgemeinen und den Reichsführer SS im besonderen belastet", brauste SS-Hauptamt-Chef Berger auf, und Himmler war so erregt, daß er Korsemann als HSSPF
* Nach dem Amtsantritt Heydrichs als Reichsprotektor in Böhmen und Mähren.
ablöste und zur Waffen-SS strafversetzte.
Himmler verfolgte jede "Anbiederung" an die Wehrmacht um so rücksichtsloser, als er die Generale verdächtigte, über gewisse Querverbindungen aus früheren Jahren den Einflußbereich der Wehrmacht erweitern und die Expansion der SS stoppen zu wollen.
Zudem sah der Reichsführer an der Seite der Wehrmacht einen zweiten SS-Gegner auftauchen, der seit Jahren nicht müde würde, Bundesgenossen für einen Schlag gegen den schwarzen Orden zu werben: die SA.
Röhms trauernde Hinterbliebene waren auf den Stand eines Kriegervereins herabgedrückt worden, aber der Haß gegen die Mörder des 30. Juni 1934 schwelte in der SA weiter.
Auch der SA-Stabschef Viktor Lutze vergaß nie den heißen Sommer von 1934, da er aus verblendeter Treue zu Hitler und blinder Karrieresucht den Rivalen Röhm denunziert hatte. Er wollte Rache nehmen an den SS-Mördern, die SA-Männer reihenweise in den Kellern SS-eigener Folterwerkstätten gemeuchelt hatten. Aber die SA war zu schwach, die SS herauszufordern. Lutze kannte nur einen sicheren Bundesgenossen: die Wehrmacht.
Schon nach dem Sturz Blombergs und Fritschs wollte Lutze gemeinsam mit der Wehrmacht gegen die SS marschieren. Bei der Grundsteinlegung des Wolfsburger Volkswagenwerks im Mai 1938 nahm der Stabschef den als Parteigegner bekannten General Ulex beiseite und erklärte ihm, man müsse den Fall Fritsch benutzen, um Himmler zu stürzen; der SS-Chef schaffe sich bereits eine Hausmacht, um die Nachfolge Hitlers antreten zu können.
Als der General fragte, wie sich die SA im Falle eines Vorgehens der Wehrmacht gegen die SS verhalten werde, brach es aus Lutze heraus: "Bedingungslos auf. seiten der Wehrmacht!" Und wenn sich Hitler hinter den SS-Chef stelle? Lutze: "Nach Möglichkeit muß der Führer natürlich geschont werden." Ulex übersetzte sich die Lutze-Antwort so: "Wenn er nicht will, muß er eben mitfallen."
-- Ulex erklärte sich bereit, Lutzes Plan an Generaloberst Freiherrn von Fritsch und dessen Nachfolger, Generaloberst Walter von Brauchitsch, heranzutragen -- allerdings nur dann, wenn ihm Lutze den Beweis liefern könne, daß der Homosexuellen-Erpresser Schmidt von der Gestapo gewaltsam zu seinen Aussagen gegen Fritsch getrieben worden sei.
"Acht oder vierzehn Tage später", so erinnert sich Ulex, "meldete sich bei mir der Führer der SA-Standarte Feldherrnhalle, Reinecke. Er käme im Auftrage des Stabschefs Lutze, um mir mitzuteilen, daß der Stabschef nunmehr auch den Beweis erbringen könnte, daß der Verbrecher Schmidt durch Himmlers Zwangsmaßnahmen zu seinen Aussagen gebracht wäre."
General Ulex fuhr daraufhin zu Fritsch und Brauchitsch, aber die beiden Militärs wollten sich auf Lutzes Putschplan nicht einlassen. Brauchitsch: "Wenn die Herren das wollen, sollen sie es doch alleine machen."
Der Oberbefehlshaber des Heeres, zwischen regimekritischer Einstellung und militärischem Gehorsam hin und her schwankend, hatte wieder einmal zu Hitler Vertrauen gefaßt. Seine Gläubigkeit hielt freilich nie lange an. Später erinnerte er sich wieder dessen, was er früher zu Ulex gesagt hatte: "Ich versichere Ihnen, daß ich nicht eher nachgebe, als bis ich diesen Saustall Himmler ausgemistet habe."
Lutze versuchte immer wieder, den schwankenden Heeres-OB für das -Unternehmen gegen die SS zu gewinnen. Da er ohnedies über seine Frau mit dem Generalobersten verwandt war, umwarb er ihn unentwegt und putschte ihn gegen die Schwarzen auf. Je bedrohlicher die Kriegslage wurde und je gefährlicher die Macht der SS anwuchs, desto dringlicher wurden die Mahnungen des SA-Mannes.
Den hohen Parteigenossen blieb das Zusammenspiel Lutzes mit den Militärs nicht verborgen. "Lutze hat sich hier leider durch seine Frau und durch den dadurch hochgekommenen Familienverkehr mit Brauchitsch in eine allzu scharfe Stellungnahme gegen die SS hineinmanövrieren lassen" notierte sich Promi-Chef Goebbels. "Überall kritisiert und meckert er ... Überall glaubt er, daß die SA zurückgesetzt werde ... Er ist in die falschen Hände geraten."
Am 12. März 1940 hielt SS-Gruppenführer Berger fest: "Das Verhalten des Stabschefs Lutze wird allmählich eine Gefahr für die SS, wenn nicht für die Partei. Die von ihm veranstalteten Kameradschaftsabende, insbesondere bei der Wehrmacht, werden immer dazu benutzt, gegen ... die SS ... Propaganda zu machen, und zwar in einer Form, die jedes anständigen Mannes unwürdig ist."
Lutze machte bei öffentlichen Zusammenkünften mit Offizieren der Wehrmacht "in unerhörter Weise gegen den Reichsführer Stimmung" (Berger), so sehr, daß der Himmler-Paladin schließlich vorschlug: "Es wäre meiner Ansicht nach notwendig, Stabschef Lutze zu überwachen."
Himmlers Beauftragte beobachteten jeden Winkelzug ihres Gegners. Ließ sich Lutze die Bemerkung des Reichskirchenministers Kern gefallen, Hitler habe sein Toleranz-Versprechen gebrochen, hielt sich Lutze übermäßig viele Pferde im Reitstall, warf Lutze ("Wir wollen Ideenträger, nicht Degenträger") der degenfreudigen SS Ideenlosigkeit vor -- alles wurde registriert und der Parteikanzlei gemeldet:
Der SS-Führung fiel auch auf, daß der SA-Chef inzwischen einen neuen Bundesgenossen gefunden hatte, den Polen-Zwingherrn und SS-Feind Hans Frank, der nicht übel Lust hatte, die SA gegen die ihn bedrängenden SS- und Polizeiverbände im Generalgouvernement auszuspielen.
Frank hatte sich zunächst einen sogenannten Sonderdienst geschaffen, eine Art Privatpolizei, die nur ihm unterstellt war und dem jeweiligen Kreishauptmann zur Verfügung stand. Dem Krakauer HSSPF Krüger, Franks heftigstem Rivalen, war es jedoch nach zweijährigem Kampf gelungen, dem Generalgouverneur die Herrschaft über den- Sonderdienst zu entreißen. --
In diesem Augenblick -- Ende 1942 bot -- sich die SA dem SS-Gegner Frank als neue Schutztruppe an. Der für den Osten zuständige SA-Oberführer Pelz versuchte sogar, Krügers Polizeiapparat zu unterwandern: Er schlug dem HSSPF Krüger vor, die SA im Generalgouvernement in geschlossenen Einheiten als Hilfspolizei zu akzeptieren -- offenbar wollte Pelz so ein Gegengewicht gegen die SS- und Polizeiverbände bilden.
Krüger lehnte) auf Himmlers Weisung sofort ab, und prompt suchte sich die SA eine neue Rückendeckung: Pelz stellte -seine Truppe dem in Krakau residierenden Luftgaukommando VIII zu Verfügung. Der Schachzug hätte die Pelz-SA in den Besitz der ersehnten -Waffen (MG, Flak) gebracht -- Krüger -wußte noch in letzter Minute die bereits erteilte Zusage des Luftgaukommandos rückgängig zu machen.
Die- SA machte einen neuen Anlauf: Sie beantragte bei dem Reichsministerium für die besetzten- Ostgebiete die Genehmigung, einen Aufbaudienst in -allen besetzten Ostterritorien einrichten zu dürfen. Aufpasser Berger beschaffte sich den Antrag "illegal", wie er es nannte, und wieder konnte Himmler eine Intrige des Gegners durchkreuzen.
Als er aber im Februar 1943 erfuhr, Lutze sei zu "König" Frank gereist und habe sogar in der Frank-Villa in Bad Kryniza Quartier genommen, da bemächtigte sich Himmlers beinahe eine Panik. Er schrieb sofort -- einen Beschwerdebrief an den Parteikanzlei-Chef Martin Bormann.
"Ich halte den Aufenthalt des Stabschefs Lutze dort in einem Bade des Generalgouvernements", so Himmler am 26. Februar 1943, "nicht für glücklich und hielte es für besser, wenn Stabschef Lutze ... diesen Kuraufenthalt in irgendeinem reichsdeutschen Badeort nehmen würde."
Ein paar Monate später war Lutze -- nach einem Autounfall -- tot. Die SS hatte einen gefährlichen Feind verloren, gleichwohl blieb die SA ein Reservoir von SS-Gegnern, auf das nicht ungern zurückgriff, wer Helfer -- im Kampf gegen die Schutzstaffel benötigte.
Auch der Reichs-Ostminister Alfred Rosenberg liierte sich mit SA-Führern und prominenten Parteimännern, um sich des übermächtigen Einflusses der SS im deutschbesetzten Osten erwehren zu können. Himmler-Späher Berger
* Bei einem Morgenritt im Berliner Grunewald.
witterte eine gefährliche Anti-SS-Fronde.
"Ich stellte zu meinem Erstaunen fest", meldete Berger seinem Reichsführer, "daß sich um Rosenberg eine ganze Reihe von Gauleitern gesammelt hat und daß er auch von der SA als letzter "Verteidiger der Rechte' angesehen wird. Es gibt viele hohe Führer in der Partei, denen die Stellung von RF-SS zu hoch ist und die mit neidischen Augen auf die Entwicklung der Staffel sehen."
Die Reihen der braunen Neokolonialisten in· Rußland waren dicht gegen die SS abgeriegelt: Unter den zehn Generalkommissaren der Ostverwaltung zählte man zwei Gauleiter, zwei SA- und einen Obergruppenführer des NS-Kraftfahr-Korps, einen NS-Reichsamtsleiter, zwei Funktionäre der Deutschen Arbeitsfront und zwei Beamte, aber keinen SS-Mann. Die SS-Gegner waren unter sich.
Auch die höchsten Ränge waren in der Hand fanatischer SS-Feinde. In der Ukraine saß Reichskommissar Erich Koch, den die SS schon Mitte der dreißiger Jahre hatte abhalftern wollen, im Reichskommissariat Ostland befehligte Gauleiter Hinrich Lohse, laut Beobachter. Berger "ein Mann ohne den geringsten Anstand" und getrieben von einem "abgrundtiefen Haß auf die Schutzstaffel", während für das (nie gebildete) Reichskommissariat Moskau der SA-Obergruppenführer Siegfried Kasche vorgesehen war, ein Überlebender der -- Röhmmord-Nacht,- der die SS sabotierte, wo immer er konnte.
Die Motive ihres Kampfes gegen die SS waren so buntscheckig wie die Reihen der braunen Ost-Feudalisten. Der rüde Neo-Imperialist Koch, grausamer Unterdrücker slawischer "Untermenschen", befehdete die SS, weil er sie verdächtigte, seine Herrenmenschen-Moral nicht zu goutieren, und Amtsbruder Lohse bekämpfte die SS, weil deren Methoden allzu arge Ähnlichkeit mit den Gebräuchen der GPU aufwiesen.
* Im Gespräch mit einem sowjetischen Kommissar während der Inspektion eines Gefangenenlagers.
Den HSSPF Ostland, der baltische Kinder zur Eindeutschung entführen wollte, rüffelte Lohse wegen Amtsanmaßung und politischer Torheit, erschien es ihm doch als "erschwerend" und "fragwürdig", daß "diese Kindeserfassung durch die Polizei durchgeführt werden sollte, da auch der Bolschewismus eine Verschickung von Kindern auf polizeilichem Wege zur bolschewistischen Erziehung gekannt hat" -- so Lohse am 13. April 1942.
Der Ukraine-Zar Koch wiederum fühlte sich von· seinem Höheren SS- und Polizeiführer, Obergruppenführer Prützmann, bespitzelt und versuchte immer wieder, ihn zu entmachten; er verbot ihm sogar, Befehle Himmlers entgegenzunehmen. Oft kam es zu Brüll-Szenen, die Kochs' Mitarbeiter zusammenlaufen ließen.
"Koch erwiderte", rapportierte Prützmann über einen Zusammenstoß mit dem Gauleiter am 27. September 1942, "ich sei sein Untergebener und hätte lediglich von ihm die Weisungen entgegenzunehmen. Im übrigen müsse er mich abschießen; denn er brauche einen gefügigen Höheren SS- und Polizeiführer ... Außer den sachlichen Vorwürfen erhob Koch noch eine Reihe verletzender persönlicher Vorwürfe, offenbar von Koch bewußt, so daß das Gespräch dauernd an Schärfe zunahm ... Zum Schluß mußte ich mich in aller Form abmelden, da Roch im lautesten Brüllen mir wieder erklärte, er glaube mir kein Wort."
Die Heckenschützen-Kämpfe zwischen Koch und SS zeigten freilich, daß es in den NS-internen Auseinandersetzungen im Osten nicht nur um die rohen Machtgelüste der Schutzstaffel ging. In den Streit mischte sich auch ein Element SS-eigener Kritik an Korruption und Herrenwahn brauner Bonzen, das den schwarzen Orden in eine immer schärfere Frontstellung gegen die Partei treiben mußte.
Die Wendung des Krieges im Osten hatte einige maßvollere SS-Führer veranlaßt, von dem Konzept der Herrenmenschen-Politik abzurücken und die Ostvölker etwas behutsamer zu behandeln. Im Sommer 1943 erwies sich sogar Berger als Anhänger einer differenzierteren Ostpolitik: Er trat als Leiter des Führungsstabes Politik in das Ostministerium ein und wurde zu Rosenbergs stärkstem Helfer gegen den selbstherrlichen Koch.
Je mehr sich die Ostpolitiker der SS zur. weicheren Welle bekehrten, desto stärker gerieten sie mit Koch und dem ihn deckenden Parteikanzlei-Chef Bormann in Konflikt. Der SD begann, Detail um Detail der Kochsehen Schreckensherrschaft festzuhalten.
Die SD-Berichte wurden so kritisch und Kochs Proteste bei Himmler so laut, daß der aus Frankreich vertriebene SS-Gruppenführer Thomas, Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in der Ukraine, den ihm Unterstellten SD-Referenten verbot, weiterhin über den Reichskommissar · zu berichten. Als der SD seine Berichterstattung über Koch fortsetzte, griff Himmler ein.
Standartenführer Dr. Hans Ehlich, Gruppenleiter im SD-Amt des RSHA, konnte sich später noch daran erinnern, von Himmler sei die Weisung gekommen, "der SD habe nun endlich seine Berichte einzustellen, andernfalls er aufgelöst werde und der verantwortliche Amtschef eingesperrt werden würde". Die Koch-Berichte hörten auf.
Heinrich Himmler hatte plötzlich in einen Abgrund geblickt und war zurückgeschreckt. Der Reichsführer hatte etwas kommen sehen, was ihn beunruhigen mußte: den Zusammenprall zwischen SS und Partei.
IM NÄCHSTEN HEFT
Der Konflikt zwischen Partei und SS: Die NS-Führung sabotiert den SD -- Der Machtkampf zwischen Himmler und Bormann -- Himmlers Freundin Hedwig Potthast -- Rivalitäten in der Schutzstaffel

DER SPIEGEL 3/1967
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