09.01.1967

Literatur / HESSE7 M oder Revolver

Sehr geehrter Herr", schrieb der 15jährige Schüler Hermann Hesse 1892 an -seinen Vater Johannes da Sie sich so auffällig opferwillig zeigen, darf ich Sie vielleicht um 7 M oder gleich um den Revolver. bitten. Nachdem Sie mich zur Verzweiflung gebracht, sind Sie doch wohl bereit, mich dieser und sich meiner rasch zu entledigen." --
Der Brief -- nach Calw, Hesses Vaterstadt -- kam aus einer Heilanstalt für Schwachsinnige und Epileptiker; der Absender gab als Adresse an: "Zuchthaus zu Stetten".
Drei Monate zuvor hatte sich der frühreife Jüngling "zur Anschaffung eines Revolvers" Geld geborgt: "Seit einigen· Tagen bin ich entschlossen, mich zu erschießen." Und im März des unheilvollen Jahres hatte Mutter Marie Hesse ihrem Tagebuch anvertraut, was "die Professoren" von ihrem Sorgensohn hielten: "Sie fürchten partielle Geistesverwirrung, etwas Krankhaftes" -- das "Hermännle" war aus dem Studienseminar in Maulbronn entlaufen.
Die Leiden des jungen Hermann Hesse und der Kummer der Eltern mit ihrem schwierigsten Kind sind das Hauptthema von Briefen, Postkarten, Tagebuchblättern und Notizzetteln, die jetzt, vier Jahre hach dem Tod des Literatur-Nobelpreisträgers von 1946, größtenteils zum erstenmal veröffentlicht werden -- in einem Buch, das die Witwe Hesses noch kurz vor ihrem eigenen Tod im vergangenen September zusammen- und fertigstellen konnte: "Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert"**
Ninon Hesse hatte die umfangreiche Korrespondenz zwischen Hermann und seinen Eltern und zwischen mehreren anderen Familienmitgliedern, hatte Briefe, Rechnungen und -- Mahnschreiben von Lehrern und Mitschülern wohlgeordnet und gebündelt im Nachlaß ihres 1962 verstorbenen Gatfen gefunden.
Dem Suhrkamp-Verleger Dr. Siegfried Unseld, der mit einer Arbeit über den einst hochberühmten Dichter promoviert hat und mit Hesse-Büchern ("Narziß und Goldmund", "Knulp", "Das Glasperlenspiel") immer noch sein bestes Geschäft macht, erscheint der Fund als "einmaliges kulturgeschichtliches Gut".
Für die Herausgeberin Ninon Hesse demonstrieren die Nachlaß-Papiere noch
* "Eltern Johannes und Marie Hesse, Geschwister Marulla, Adele, Hans.
** "Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert. Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 18-77 -- 1695". Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main; 660 Seiten; 25 Mark. einmal authentisch und im Detail, was aus Hesses Biographie an sich bekannt ist und was Hesse-Werke wie "Unterm Rad" und "Demian" dichterisch verarbeiteten: "Sie zeigen, wie ein vielversprechender, hochbegabter Knabe durch Erziehung und nicht zu ihm passende Gemeinschaftsatmosphäre in der schwierigen Zeit der Entwicklung gequält und bei nahe gebrochen wird -- und wie er sich aus eigener Kraft herausarbeitet und seine Erziehung selbst in die Hand nimmt."
So vielversprechend war der Anfang gewesen: "Ein Prachtexemplar von -einem gesunden, kräftigen Burschen", jubelte Mutter Hesse nach Hermanne Geburt 1877 in ihrem Tagebuch. Doch schon über den Vierjährigen notierte die in Indien geborene Missionarstochter, Witwe eines Missionars Isenberg und Gattin des Missionars Johannes Hesse: "Sein Leftiges Temperament macht uns viel Not"
Sorgen macht der pietistischen Familie der poetische Sinn des Heranwachsenden. Und in der weitläufigen, unerhört emsig briefschreibenden Verwandtschaft werden harmlose Untaten des Knaben durchgehechelt: ein Bootsunfall, ein kleiner Diebstahl, das Umstoßen einer Petroleumlampe.
1890 kommt der "abnorme Bube" (Marie Hesse) in die Göppinger Lateinschule. Hermann fühlt -- sich zunächst wohl, lernt "kolossal", wie er den Eltern schreibt, und verfaßt Gedichte und ein Theaterstück. Immerhin, so berichtet der 13jährige auch, "ein bedeutender Schlauch ist es, Schillers Wallenstein ins Lateinische zu übersetzen".
Sein chronisches Kopfweh, ein vom Vater ererbtes Leiden, kann er noch mit Hoffmannstropfen bekämpfen, und für die Sommerferien -wünscht er sich: "1. Möglichst viel Krawatten zu Stehkragen. 2. Womöglich, um die Augen zu schonen, ein einfaches Lorgnett. 3. Eine Sordine auf -- meine Geige. 4. Kirschen." Aber obwohl er 1891 das Landesexamen besteht, klagt Mutter Marie, er sei ein "gern groß sprechender und wenig leistender Bursche" geworden.
Nächste Station ist -- das evangelische Seminar in Maulbronn. Dort werden Hermanns Bitten um Schreibpapier, Wäsche, Hosenträger, Obst, Wurst und auch Geld ("ich habe jetzt gerade noch 1 Pf.") in den Briefen an die "lieben Eltern" immer dringlicher. Die Eltern jedoch trauen ihrem für das Theologie-Studium bestimmten Sohn nicht immer -- zum Beispiel haben sie erfahren, daß er- sich hat hypnotisieren lassen, und der Vater wettert·. "Unser Leib soll sein ein Tempel des heiligen Geistes, unsere Seele ein Werkzeug seines
Ende 1891 berichtet der Seminar-Zögling über seine Leistungen: "Arithmetik (Au!), Geschichte (nett!), Aufsatz (Ah!!!)". Drei Monate später zerbricht das Mailbronner Schein-Idyll. Am 7. März 1892 telegraphiert Seminar-Professor Paulus an Missionar Hesse: "Hermann fehlt seit 2 Uhr. Bitte um etwaige Auskunft." In einem langen Brief über das "beklagenswerte Entweichen" des Zöglings Hesse erklärt der Professor, Hermann habe sich schon seit längerer Zeit "öfters in einem Zustand größter Erregtheit" befunden, "in welchem er überschwengliche, zum Teil überspannte Gedichte zu verfassen pflegte".
23 Stunden nach seiner Flucht wird Hermann -- er war über Land gewandert und hatte im Stroh übernachtet -- von einem Landjäger -- aufgegriffen.
In ihrem Tagebuch notiert die Mutter, "daß Weltschmerz und Geistesverwirrung im Spiel sind, aber keine geplante Bosheit". Der Vater beschuldigt den dichtenden Sohn, "so viel privatim gelesen" zu haben.
Hermann sitzt in Maulbronn eine achtstündige Karzerstrafe ab. "Ich bekomme Wasser -- und Brot", meldet er den Eltern. "Ich vertiefte -mich eben in Homer." -- Elf Tage später jedoch, er leidet unter Schlaflosigkeit, schickt ihn der Arzt nach Hause, und auch die Schule will ihn abschieben, weil "sein Aufenthalt im Seminar für seine Mitschüler eine Gefahr werden könnte".
Daheim in Calw verbrennt sich Hermann an einem selbstgebastelten Feuerwerk so schwer, daß er 140 Stunden im Ganzverband verbringen muß. Ein letzter Versuch mit dem Seminar in Maulbronn scheitert: Der Theologensohn, der sich nun endgültig weigert, Theologie zu studieren, bedroht seine Mitschüler, redet seine Eltern plötzlich per "Sie" an und wird -- für geisteskrank gehalten -- von der Mutter eiligst in eine Anstalt nach Bad Boll gebracht.
Dort findet der 14jährige überraschenderweise Geschmack an Tanz und Billardspiel. "Es wird viel gesungen", schreibt er nach Hause, "hie und da sogar schön gesungen. Man bekommt sehr viel Spargeln." Er verliebt sich in ein Fräulein Eugenie Kolb aus Cannstatt, dichtet sie an, will sich umbringen und wird in die Anstalt Stetten verbracht.
Sein Flehen um Befreiung ist vergeblich. Er beginnt zu spotten: "Ihr seid Christen", schreibt er an die Eltern, "und ich -- nur ein Mensch." Mit seinen Predigten von Geduld und Gehorsam treibt der Vater den verkannten Jungpoeten zu einer neuen Selbstmorddrohung. Ostern 1893 höhnt Hermann in einem Brief nach Calw: "Ihr dauert mich! So fromme, ehrbare Leute -- und der Filius ein Lump ... Aus mir hätte schon was werden können, wenn ich dümmer gewesen wäre."
Inzwischen ist der frühreife Filius auf das Lyzeum in Cannstatt übergewechselt. Aber auf der neuen Schule bleibt alles beim alten: "Ich interessiere mich für nichts." Und Hermanns Canstätter Pensionswirt beschwert sich bald bei den Eltern, der junge Hesse benehme sich anmaßend und liederlich, er komme manchmal betrunken heim, gelegentlich sogar nach Mitternacht. Als die Eltern ihn daraufhin noch einmal und "dringlich nach seinen "Wünschen" fragen, antwortet Hermann: "Mein Ideal wäre 1. Ein Millionär als Vater, auch etliche Erbonkel. 2. Mehr praktische Begabung. 3. Nach Belieben Wohnen und Reisen."
Nach Calw kommt der verlorene Sohn auch an den Feiertagen nicht mehr gern. Empört sich die Mama: "Er hat sich Goethe, Lenau, Heine und. einen Haufen Belletristisches angeschafft ... Da kann "nur Herzensänderung -- wahre Bekehrung -- Wandel schaffen."
Im Herbst 1893 bittet Hermann die Eltern, aus der Schule austreten zu dürfen. Grund: "Dumpfer Kopf und wenig Kraft" Ein Buchhändler in Eßlingen nimmt ihn in die Lehre, aber schon nach fünf Tagen läuft der Lehrling fort. "Darf ich es", fragt er zu Hause an, "ehe ich ins Irrenhaus gehe oder Gärtner "oder Schreiner werde, nicht doch einmal mit meinen Plänen versuchen?" Er will von den Eltern nichts als Freiheit und ein Startgeld. Über ein Jahr lang praktiziert er dann bei einem Turmuhren-Fabrikanten. Im Oktober 1895 tritt er in Tübingen wiederum in eine Buchhandlung ein.
Die deutsche Literatur kannte der junge Hesse damals schon eh -- in Briefen an Freunde und frühere Klassenkameraden beklagte er ihren Zustand als den einer zügellosen "Walpurgisnacht": "Für zwei Mark ist schon eine· hübsche Reihe von Bordellszenen zu bekommen, ein solenner Ehebruch ist meist schon teurer!" Er wünschte sich: "In unseren Literaturjahrmarkt sollte ein lustiger, vernichtender Blitz schlagen, ein "Don Quijote'."
Warum er dann selbst keiner geworden ist, keiner werden konnte, das, unter anderem, zeigen die Dokumente seiner "Kindheit und Jugend vor Neunzehnhundert".

DER SPIEGEL 3/1967
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