09.01.1967

PROFESSOREN / PASCUAL JORDANÜberall Front

Schweizer Theologen halten den Hamburger Professor für Theoretische Physik, Pascual Jordan, 64, eher für kompetent, nationalistische Parolen abzuhandeln, als über Gott und die Physik zu sprechen.
Ende November vergangenen Jahres sollte Jordan, der mit Nobelpreisträger Werner Heisenberg und dem Göttinger Physiker Max Born zu den Vätern der Quantenmechanik gehört, auf Einladung des Evangelisch-Kirchlichen Vereins der Schweiz in Zürich einen Vortrag über "Naturwissenschaften und christlicher Glaube" halten. Jordans vor drei Jahren erschienenes Buch "Der Naturwissenschaftler vor der religiösen Frage" hatte die Kirchenmänner auf ihn aufmerksam gemacht.
Bevor freilich der Physiker die Reise in die Schweiz antreten konnte, luden die Gottesdiener den Professor wieder aus.
Kaum hatten nämlich die Pastoren den Quantenmechaniker als Referenten angekündigt, brachte ihnen die Post neben Protestschreiben auch Photokopien von Artikeln Schweizer und deutscher Zeitungen ins Haus, die den Professor als Vertreter eines militanten Nationalismus auswiesen.
So fanden die Kirchenmänner, daß Jordan
* im Jahre 1957 das "Göttinger Manifest" 18 bekannter Atomwissenschaftler, wie Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, gegen eine Atombewaffnung der Bundeswehr als Ausdruck schlichter "Unkenntnis der weitpolitischen Lage" verworfen hatte;
* auf dem Bundestag des "Stahlhelm" im Jahre 1959 in Oldenburg gegen "weinerliche Entspannungsjournalisten und pazifistische Theologen" gewettert und dem deutschen Volk "echten Frontsoldatengeist" empfohlen hatte, denn im Kalten Krieg sei schlechthin "überall Front".
Da beauftragten die eidgenössischen Pfarrer auch noch den Züricher Naturwissenschaftler Heini Gränicher, frühere Jordan-Werke nach der nazistischen Vergangenheit des Physikers zu durchforschen.
Naturwissenschaftler Gränicher erkundete. daß Jordan bereits als 33jähriger, zwei Jahre nach der NS-Machtergreifung, eine "tiefe Verwandtschaft" zwischen der "seelischen Haltung" des Gelehrten und dem Nationalsozialismus entdeckt hatte. Beide würden vom "Willen zur Macht" geleitet.
Sechs Jahre später, 1941, rühmte Jordan "Vierjahresplan, Aufrüstung und Krieg", weil sie "der naturwissenschaftlichen Arbeit ihren festen Platz im völkischen Leben angewiesen" haben. Und dem Nationalsozialismus bestätigte er, "wie sehr die Naturforschung in ihrer gegenwärtigen Aufgabenlage auf das Eingreifen des Nationalsozialismus geradezu wartet und angewiesen ist".
1943 entdeckte er in seinem Buch "Die Physik des 20. Jahrhunderts" -- im Exemplar der Hamburger Staatsbibliothek sind zahlreiche Seiten überklebt -- den Führer Adolf Hitler in der Natur. Im mikrophysikalischen Steuerungszentrum der Zellen sah Jordan das Prinzip "der autoritären Führung" in der gesamten Natur verwirklicht.
Vereinspräsident Pfarrer Robert Gagg: Wir haben uns "an Hand schlüssiger Dokumentationen von der unseren demokratischen Traditionen zuwiderlaufenden, rechtsradikal orientierten Denkweise Professor Jordans überzeugen" müssen.
Physiker Jordan hingegen möchte seine Kalte-Kriegs-Parole vor dem Stahlhelm als Experiment betrachtet wissen. Jordan zum SPIEGEL: "Ich habe die Leute an die Demokratie heranführen wollen, um dem Entstehen einer NPD vorzubeugen. Leider ist das Experiment gescheitert." Seine NS-Vergangenheit ist für ihn bereits prähistorisch: "Mich interessiert es nicht, wenn Archäologen in der Vergangenheit graben."
Professor Hugo Neuert, Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Hamburg: "Folgerungen aus der Schweizer Affäre sind von der Fakultät nicht in Erwägung gezogen worden. Professor Jordan hat das Recht einer freien Meinungsäußerung."

DER SPIEGEL 3/1967
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