30.09.1969

MÄRKTE / HYGIENE-ARTIKELPrächtig durch Kolle & Co.

Dr. Franz Burda, 66, starrte auf die erste Nackte in seiner "Bunten Illustrierten".
Mit dem blanken Körper wollte das Hygiene-Unternehmen Dr. Carl Hahn KG in Burdas Familienblatt (Auflage: 1,75 Millionen) unter der Schlagzeile "Tampons sind unsichtbar" für sein Watteprodukt o.b. werben. Die Textzeile nahm Senator Burda wörtlich, ließ die Auflage stoppen und das freizügige Mädchenbildnis mit einem Hauch jugendschützender Druckerschwärze abdunkeln.
Der Eingriff des Zensors beeinträchtigte den Erfolg der Werbung nicht. Seit dem Sommer vergangenen Jahres verkaufte die Düsseldorfer Hahn KG fast 50 Prozent o.b.-Tampons mehr als zwölf Monate zuvor. Mit dem modernen Hygiene-Artikel für die Frau schuf sich Hahn auf dem Tampon-Markt (Gesamtumsatz: 28 Millionen Mark) nahezu eine Monopolstellung. Auf sein Produkt o.b. entfällt bereits ein Anteil von 77 Prozent, auf das Konkurrenzprodukt Tampax von Henkel nur 22 Prozent.
Beunruhigt beobachten Versandhändler Gustav Schickedanz ("Quelle") und die Manager seiner Vereinigten Papierwerke in Nürnberg (Camelia, Tempo, Lavex) die o. b.-Erfolge. Denn der plötzliche Boom bedroht den traditionellen Bindenmarkt (140 Millionen Mark), den Schickedanz seit Jahrzehnten mit Camelia beherrscht.
Der Nürnberger Traditions-Ware hatten Deutschlands Luftwaffenhelferinnen im Zweiten Weltkrieg zu Markenartikel-Ruhm verholfen. Sie mußten das Schickedanz-Produkt auf Anordnung der Sanitätsbeamten verwenden. Die blaue Camelia-Packung wurde so zum Symbol für Hygiene und Bequemlichkeit. Nach dem Krieg waren die Nürnberger Papier-Manager auch im zivilen Bereich erfolgreich und gewannen bis 1967 einen Marktanteil von 85 Prozent.
Noch im gleichen Jahr indes brachte die Düsseldorfer Hahn KG einen verbesserten Bindentyp unter dem Markennamen Mimosept heraus. Das Produkt gewann bis 1969 einen Anteil von 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum ging die Marke Camelia, die zudem noch einem wachsenden Wettbewerb mit markenloser Billig-Ware ausgesetzt war, auf einen Anteil von nur 57 Prozent zurück.
Völlig unerwartet für die Marktstrategen von Schickedanz forcierte dann im vergangenen Jahr Konkurrent Hahn den Verkauf seiner o. b.-Tampons und unterzog in ganzseitigen Anzeigen die "hygienischen Vorstellungen des Mittelalters" einer Revision: "Vor 4000 Jahren benutzten die Ägypterinnen bereits ... Tampons."
Hahn-Geschäftsführer Dr. Heinz Schmidt bemüht freilich nicht nur die Antike. "40 Prozent aller Schwedinnen", so Schmidt, "benutzen heute bereits Tampons." In Westdeutschland seien es nur 15 Prozent.
Einer weiteren Absatzsteigerung seines Hygiene-Artikels standen bislang noch "fast unüberwindliche Barrieren" (Schmidt) entgegen. In einer Auftragsstudie für das Düsseldorfer Unternehmen fand der Heidelberger Psychologe Professor Dr. Peter Brückner heraus, daß viele deutsche Frauen Tampons als "wider die Natur" einstuften. Die Unkenntnis der anatomischen Gegebenheiten hinderte sie daran, den Fortschritt der Hygiene zu nutzen. Hahns medizinische Abteilung suchte nach Motivationen und erkundete: "Beim Tampon treten Gedankenverbindungen mit im Körper wandernden Gegenständen, Geschossen, verschluckten Stecknadeln auf."
Dennoch nahm der Gebrauch von Tampons in den letzten Monaten rasch zu. Hahns Dr. Schmidt deutet den Trend als Zeichen zunehmender Emanzipation der Frauen, ausgelöst durch die Aufklärungs- und Sexwelle. Schmidt: "Kolle & Co. haben uns prächtig geholfen."
Für den Hahn-Geschäftsführer ist die "moderne Tampon-Frau" "berufstätig und besitzt ein bewußteres und rechenhafteres Verhältnis zur Umwelt und zum eigenen Ich"; die traditionelle "Camelia-Dame" hingegen sei "eine Frau in häuslicher Arbeit, die eher vegetativ lebt".

DER SPIEGEL 40/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 40/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MÄRKTE / HYGIENE-ARTIKEL:
Prächtig durch Kolle & Co.

  • ISS: "Astro-Alex" übergibt das Kommando
  • Entlaufenes Zirkustier: Zebra streift durch Dresden
  • Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?
  • Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor