15.09.1969

„VIELLEICHT MUSS ICH ES JA MACHEN“

Willy Brandt ist etwas geworden -- aber nicht bloß Außenminister. Er ist überhaupt nicht geblieben, was er war -- nämlich immer zweierlei: Opponent und Regierender, Frontstädter und Koexistentialist, Räuber und Gendarm. Er ist Willy Brandt geworden, nichts weiter.
Das heißt: Jenen Willy Brandt, den die Christdemokraten als "bewährten Verlierer" zum Pappkameraden der Konfrontation mit Kiesinger erwählt haben -- den gibt es gar nicht mehr.
Der Mann, der sich heute in den Wahlversammlungen seiner Partei unwidersprochen als künftigen Kanzler einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung apostrophieren läßt, ist in der Tat ein anderer als jener Mann, der im September vor vier Jahren zum zweitenmal eine Niederlage der von ihm repräsentierten SPD gegen die CDU Konrad Adenauers und Ludwig Erhards eingestand und daran die Kundmachung knüpfte, er sei kein Anwärter auf das Amt des Kanzlerkandidaten für 1969.
Der Wandel, den Willy Brandt seither durchgemacht hat, ist kein Wandel durch Annäherung an des deutschen Menschen Mentalität. Er ist auch keine Image-Korrektur, wie die Public-Relations-Berater sie planen mögen, um einen Verlierer wie einen Gewinner aussehen zu lassen. Er geht viel weiter; denn er beginnt gewissermaßen bei Null.
Dieser Wandel beginnt in einem Augenblick, in dem Willy Brandts Karriere als Politiker vermeintlich zu Ende gewesen ist: eben nach der Wahlniederlage der SPD vom 19. September 1965, nach der zweiten Niederlage des Kanzlerkandidaten Brandt. Willy Brandt beschönigte damals nichts -- nicht die Niederlage: "Ich will um die Dinge überhaupt nicht herumreden. Die SPD hat ihr Wahlziel nicht erreicht"; auch nicht die Verletzungen, die er in einer untergrundig wieder in Gang gebrachten "Dreckkampagne" gegen den Emigranten Brandt, den "Landesverräter", davongetragen hatte: "Und ich gebe es zu: Ich bin nicht unversehrt aus dieser Kampagne herausgekommen."
In jenem Herbst 1965 wurde für Willy Brandt endgültig zur Einsicht, was bislang doch nur ein Verdacht gewesen war: daß es ihm also nicht gegeben sei, die Zustimmung einer breiten Mehrheit dieses Volkes zu seiner Person und zu seinem Lebensweg zu gewinnen. Jetzt zog er daraus die Konsequenz. Allein und zeitweilig unerreichbar sowohl für den Zuspruch wie für die Einreden seiner Freunde, faßte er den Vorsatz, in Zukunft ohne das Verständnis oder gar den Beifall der Mehrheit dieses Volkes auszukommen, jedenfalls nicht mehr darum zu werben, mindestens nicht für seine Person.
Dies war ein schmerzlicher, aber auch ein befreiender Entschluß. Indem er Ihn faßte, befreite sich Willy Brandt von dem Zwang, gefallen zu müssen auch um den Preis der Verstellung; heilte er sich von dem Lampenfieber, auf alle Fälle eine Attraktion sein zu müssen für seine Partei, eine Zugnummer, eine rücksichtslos retuschierte Titelblatt-Figur, die geheime Wählerwünsche weckt.
Denn auch das verband sich für Willy Brandt damals mit dem Etikett des ewigen Kandidaten -- diese von der Parteiräson erzwungene Charakter-Kosmetik" die ihn verschweigen hieß, wozu er sich bekennen wollte (zum Beispiel zu den Jahren in der Emigration), die ihn versprechen hieß, woran er selber nicht so recht glauben konnte (zum Beispiel an die Wahlstrategie des "blauen Himmels über der Ruhr"), und die ihn schließlich sogar dazu verleitete, schon im Schlafanzug und beim Rasieren für die Photographen bereit zu sein -- bereit zu sein für alles. Davon befreite er sich nun.
Willy Brandt ging zurück nach Berlin -- und noch ein Stück weiter. Er unternahm eine Reise in seine Vergangenheit. Am Ende des Jahres 1965 und in den Monaten danach sah er so gut wie alles noch einmal durch, was er in der Emigration zu Papier gebracht hatte. Anlaß dazu bot ihm einer der jungen Leute aus der "norddeutschen Mafia", seiner ehemaligen Wahlkampf-Organisation: Günter Struve, damals 26 Jahre alt. Der nämlich hatte sich darangemacht, Willy Brandts "Schriften während der Emigration" unter dessen Mitwirkung und unter dem Titel "Draußen" zu einem Buch zusammenzufassen.
Das Unternehmen wurde für den Autor dieser Schriften unversehens zu einer Art Gewissensforschung" zur Do-it-yourself-Psychoanalyse. Und die hatte den zwar nicht unerwarteten, aber doch heilsamen Effekt, Willy Brandt in der Überzeugung zu bestärken, "daß man das alles vorzeigen kann, daß nichts davon wegerklärt zu werden braucht".
Es war nicht der einzige Effekt, wie sich bald erweisen sollte. In seiner Rede auf dem Dortmunder Parteitag der SPD im Juni 1966 näherte sich Willy Brandt dem Thema Volk und Vaterland mit Formulierungen, die man aus seinem Munde zuvor so nicht gehört hatte: "Kein Volk kann auf die Dauer leben, ohne sein inneres Gleichgewicht zu verlieren, ohne in Stunden der inneren und äußeren Anfechtung zu stolpern, wenn es nicht ja sagen kann zum Vaterland, Wir Deutsche dürfen nicht die Geschichte vergessen. Aber wir können auch nicht ständig mit Schuldbekenntnissen herumlaufen ..."
Dieser Dortmunder Parteitag war zumindest für den Sozialdemokraten, den Parteimann Brandt die Wende zur Wiederkehr. Die Genossen bestätigten den Vorsitzenden Willy mit 324 von 326 abgegebenen Stimmen in seinem Amt; bestätigten ihm, daß er auch als zweimal gescheiterter Kanzleranwärter noch immer der einzige Mann an der Spitze der Partei war, auf den sie alle sich einigen konnten: ein Mann ohne Alternative. Sie nahmen ihn in die Pflicht -- und befreiten ihn eben dadurch von seinem hartnäckigen Zweifel, ob die Partei ihm wohl nachsehen könne, daß er Ihr als Spitzenkandidat zweier Bundestagswahlkämpfe nicht bloß nicht genutzt, sondern womöglich sogar geschadet hatte. Die Partei brauchte ihn also. Und deshalb war Willy wieder wer.
Dann kam der 23. Oktober 1966. ein Sonntag; Willy Brandt war in Berlin. Der Anfall traf ihn unvorbereitet und allein -- ein Hustenanfall zunächst, dann Erstickungszustände, schließlich Herzbeklemmungen. Eine nervöse Herz-Magen-Störung, gastrokardial, den Medizinern geläufig als Roemheldscher Symptomenkomplex: Der geblähte Magen druckt das Zwerchfell hoch, und dieses wiederum verschiebt das Herz nach oben. Und wem das passiert, der mag denken: Jetzt stirbst du.
Willy Brandt dachte das. Und nur das ist ihm geblieben von der ganzen Geschichte, die längst behoben ist und auch leicht zu beheben war (es gibt viel schlimmere Herz-Geschichten) -- nur diese Erfahrung: "Ich habe dem Tod ins Auge gesehen." Das heißt ein paar Sekunden lang, vielleicht waren es auch Minuten, hat Willy Brandt sein Leben in der Perspektive des Endgültigen gesehen, unter dem Aspekt des Unwiderruflichen. Und ein solcher Einblick relativiert jede andere Betrachtungsweise -- man sieht sich, sieht die Welt hernach wirklich "mit anderen Augen".
Willy Brandt hat diese Erfahrung gemacht. Er sieht sein Leben seither anders, sieht alles "viel gelassener vielleicht auch gerechter -- das, was gewesen ist, ebenso wie das, was noch sein könnte.
In einer Rede vor dem SPD-Parteitag zu Hannover 1960 hat Willy Brandt sein Herkommen noch so beschrieben: "Mit meinem Geburtsnamen und dem meiner damals unverheirateten Mutter verband mich, als ich nach Deutschland zurückkehrte, wenig mehr als die Erinnerung an eine nicht ganz leichte Kindheit." Seither, seit jenem Oktober 1966, formuliert er das ganz anders: "Gelegentlich habe ich darauf hingewiesen, daß mir keine ganz leichte Kindheit beschieden war. Eigentlich muß das heißen, daß meine Mutter und ich -- sie war neunzehn und allein, als ich geboren wurde -- es nicht ganz leicht hatten. Deshalb ist mir das Verständnis für die Schwierigkeiten und Sorgen anderer auch nicht schwergefallen. Soziale Verantwortung und Gerechtigkeitssinn können noch fester sitzen, wenn sie aus dem eigenen Erleben kommen."
In Brandts Nachwort zu dem Buch "Draußen", erschienen August 1966, stehen die bemerkenswerten Sätze: "Ich habe mich oft gefragt: Mußt du nicht Verständnis für diejenigen aufbringen, die es offensichtlich so schwer haben, dich zu begreifen, obwohl sie nicht gerade sanft mit dir umgehen? Vielleicht fällt mir das seit dem September 1965, den Ich als eine gewisse Zäsur empfinde, leichter."
Und seither kümmert ihn auch wieder des öfteren die Frage, warum es wohl nicht gelungen sei, über die Emigration hinweg eine Brücke zu schlagen zu jenen, die damals, bei der Heraufkunft des Nationalsozialismus, als junge Leute "wirklich etwas gewollt" haben, sich idealistisch engagiert haben -- so wie er damals ja auch, nur eben auf der anderen, auf der linkssozialistischen Seite. Waren ihm diese Leute denn nicht immer viel näher als die Herde der Mitläufer und Opportunisten?
"Die damals wirklich etwas gewollt haben -- die haben ja nicht gewollt, daß Verbrechen verübt werden, daß Menschen ausgerottet werden sollen wie Ungeziefer." Und wenn Willy Brandt für die Männer des 20. Juli auch in der Emigration ein Patriot geblieben ist -- war es da wirklich unvermeidlich, daß er denen, "die damals etwas gewollt haben", bei seiner Wiederkehr wie ein fremder Okkupant erschien? Das jedenfalls kümmert ihn seither: daß er auch von sich aus einen "anderen approach" nicht gefunden, mindestens nicht durchgehalten hat.
Aber auch sein zukünftiges Leben -- das, was noch sein könnte -- sieht Willy Brandt seither anders: gelassener, vielleicht auch kritischer. Er habe: sagt er ohne jeden Anflug von Koketterie, seit jenem September 1965 "keinen persönlichen Ehrgeiz mehr". Aber das soll nicht heißen, daß er gar keinen Ehrgeiz mehr hätte -- sein Ehrgeiz ist jetzt nur anders gepolt: Es geht ihm nicht mehr in erster Linie darum, "etwas werden zu wollen, sondern es geht darum, etwas tun zu können, etwas Gescheites tun zu können; wenn man dabei dann auch noch was werden kann, oder muß -- na gut". Aber viel Zeit für Garnierungen hat er nicht mehr.
Dieser Willy Brandt also, der Mann, der sein Rendezvous mit der Endgültigkeit gehabt hat -- der stand kaum vier Wochen später, nach dem Sturz der Regierung Erhard, zum erstenmal in seinem Leben ernstlich vor der Chance, das zu werden, worum er bislang immer bloß "kandidiert" hatte: Bundeskanzler beziehungsweise Bundesminister und Vizekanzler.
Der Entscheidung, Bundeskanzler einer knappen Koalition mit der FDP zu werden, überhob ihn Adam Riese. Anders ausgedrückt: Die verbreiteten Zweifel seiner Genossen an der Standfestigkeit der Freidemokraten, verstärkt durch die geheime Verführung der christlich genannten Staatspartei, verhinderte diese Koalition. Damals hielt noch kaum einer sechs Mandate Mehrheit für genug. So kam es zum Schwur mit der CDU.
Willy Brandt fehlte, als die SPD-Spitze am 24. November 1966, einem Nebeltag, unter Vorantritt Herbert Wehners und mit der Regierungsbeteiligung vor Augen, in Bonn zum Beschluß zusammentrat. Er hielt in Berlin eine keineswegs CDU-konforme Rede. Dann fuhr er zum Flugplatz und fand, daß der Nebel alle Flugpläne zunichte gemacht hatte. Als er, um Stunden verspätet, im Auto bei den Bonner Genossen anlangte, war dort das Rennen gelaufen, der schwarz-rote Bund sozialdemokratisch konsekriert. "Also gut, dann macht es eben", sagte Willy Brandt, "aber ohne mich."
Daß das nicht ging, litt freilich keinen Zweifel; und es dauerte auch nicht allzulange, bis Willy Brandt von den Genossen neuerlich in die Pflicht genommen war: Der Parteivorsitzende mußte mit an Kiesingers Kabinettstisch.
Die Idee allerdings, er könne mit Rücksicht auf die Belastung der Baracken-Arbeit beispielsweise bloß Gesundheitsminister werden -- die gehörte ersichtlich noch zu den Accessoires des Kandidaten Brandt, der mit dieser Idee während der Wahlkampagne des Jahres 1965 zum Exempel eine zuvor durch das Los ermittelte Wöchnerin besucht und wohl auch beeindruckt hatte. Dem Vorsitzenden Brandt aber, der nun in die Regierung sollte, dem stand der Gesundheitsminister ungefähr so gut zu Gesicht wie der helle Homburg, mit dem man ihn weiland als Wahlkämpfer hatte winken heißen.
Wenn der Vorsitzende Brandt in dieser Regierung "etwas tun können, etwas Gescheites tun können" sollte, dann mußte er Vizekanzler und Außenminister werden. Und das wurde er auch.
Es klingt wie die Ironie der Geschichte von Willy Brandt, aber es liegt in Wahrheit in der Logik ihrer Entwicklung: daß genau das, was dem Kandidaten Brandt geschadet hat, dem Außenminister Brandt zugute kommt -- nämlich Emigrant gewesen zu sein. Den moralischen Kredit, den der Außenminister Brandt gerade in solchen Ländern genießt, die unter den Nazis gelitten haben (und das ist fast unsere ganze Nachbarschaft), den kann auch der "Bayernkurier" nicht wegargumentieren. Und selbst wenn unter deutschen Menschen gemeinhin nicht unbedingt als Empfehlung gilt, es gut mit den Ausländern zu können -- einem Außenminister, für den dergleichen die Geschäftsgrundlage ist, muß man das nolens volens gutschreiben.
"Die deutsche Außenpolitik", hat Willy Brandt im September 1968 auf der Genfer Konferenz der Nichtkernwaffenstaaten gesagt, "die deutsche Außenpolitik ist manchen Entstellungen und sogar Verleumdungen ausgesetzt. Entstellungen kann niemand ganz entgehen, Verleumdungen weise ich mit Nachdruck zurück. Ich tue dies als jemand, den keiner mit den Verbrechen Hitlers in Verbindung bringen kann und der trotzdem seinen Teil der nationalen Gesamthaftung trägt." Welcher andere deutsche Außenminister hätte so reden können?
Aber auch der Emigrant Willy Brandt kann so erst reden, seit er Außenminister ist. Das hat, was ihn persönlich betrifft, im wesentlichen zwei Gründe: Erstens ist er nun nicht mehr bloß herausgefordert, sondern wirklich in den Stand gesetzt, Leistungen für das ganze deutsche Gemeinwesen zu erbringen. Zweitens hat er sich endlich frei machen können nicht nur von der Beschränkung, sondern auch von dem Klischee "Berlin".
Die Fehleinschätzung der politischen Werbewirksamkeit von Berlin ist immer schon ein schwer begreiflicher Irrtum der Wahlhelfer Willy Brandts gewesen -- und das keineswegs nur deshalb, weil Berlin in der Bundesrepublik vornehmlich mit Unruhe und Gefahr assoziiert wird.
Der Mann, der Berlin regiert, muß eher ein Rastelli als ein Rathenau sein. Er muß mit den Alliierten zurechtkommen, die für die Sicherheit seiner Stadt verantwortlich, aber untereinander oft nicht einig sind; er muß mit der Bundesregierung zurechtkommen, die seine Stadt außenpolitisch vertritt (und zu Willy Brandts Zeiten noch eindeutig von der Gegenpartei geführt wurde); und er muß mit der Opposition in Berlin (von der CDU bis zu den Studenten) sowie mit den verkrachten Flügeln in der eigenen Partei zurechtkommen. Aber entscheiden kann er eigentlich gar nichts und ändern sowieso nichts, er kann noch nicht einmal eine Konzeption entwickeln; und wenn er redet, dann doch nur darüber, "wo uns der Schuh drückt".
Gewiß war auch schon der Regierende Bürgermeister Brandt im Ausland populär, zumindest im westlichen, zumal in Amerika -- aber wie: als eine Mischung aus Festungskommandant und Filmheld, Moralfestiger und Maskottchen, Und jenseits des Eisernen Vorhangs war er, wennschon Sozialdemokrat, sozusagen von Amts wegen eine Symbolfigur des Kalten Krieges,
Der Außenminister Brandt dagegen macht nun am eigenen Leibe die Erfahrung: "Man kann das -- man kann mit den Leuten reden"; will sagen: Er kann es, auch drüben, auf der anderen Seite -- fünfeinhalb Stunden mit Ceaucescu in Rumänien zum Beispiel; und nach einer Pressekonferenz mit Warschauer-Pakt-Leuten in Belgrad haben die Reporter sogar applaudiert. Das wäre im Westen nichts Neues. Im Ostblock hat das noch kein deutscher Außenminister erlebt.
Den Verstand für die Außenpolitik hat der Herr dem Willy Brandt nicht erst mit dem Amt gegeben. Aber Verständnis für eben dieses Auswärtige Amt -- nicht sosehr als Behörde, sondern vielmehr als way of life -- war bei einem "Mann meiner Überzeugungen" (Brandt) nicht ohne weiteres vorauszusetzen. Daß er es ge-
* Als Regierender Bürgermeister bei der Taufe eines "Berliner Meilensteins" mit Spreewasser (in Hannover 1959).
funden hat -- und was noch bemerkenswerter ist: daß dieses Amt Verständnis für ihn gefunden hat -, verdankt er drei Eigenschaften, die auch bei der konservativen Kernmannschaft des AA ihren Eindruck nicht verfehlt haben.
Erstens: Er ist fleißig. Er liest, was er gelesen haben muß, um Bescheid zu wissen; liest auch noch das, was ihm seine Helfer bei internationalen Konferenzen auf den Nachttisch packen. Zweitens: Er ist formulierungsstark; das heißt, er ist jederzeit bereit und (ohne nennenswerte Qualitätsschwankungen) auch in der Lage, einen vorgelegten Text zu bearbeiten oder eine Rede fertigzuschreiben, sogar wenn er vorher gefeiert hat, sogar nachts, zur Not sogar frühmorgens. Drittens: Er ist fair. Das geht in der Personalpolitik manchmal so weit, daß er aus menschlicher Rücksichtnahme sachlich falsche Entscheidungen fällt. Aber es nimmt ebenso für ihn ein wie seine Art, Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft namhaft zu machen; zum Beispiel folgendermaßen: "Diese Erkenntnis, die ich Herrn von Soundso -- da drüben sitzt er -- verdanke ..."
Aber natürlich hat auch das Amt seinen Inhaber verändert -- vielleicht nicht den Menschen, doch immerhin den Stil. Derselbe Willy Brandt, der früher nach eigenem Bekenntnis alle Sätze möglichst nur zwischen zwei Punkten haben wollte, ohne jede weitere Interpunktion, der ein Hackbrett als Schreibunterlage zu benutzen schien und die "Bild-Zeitung" als Vorlage in puncto Melodramatik -- derselbe Willy Brandt schreibt heute (in seiner Rede zum hundertsten Geburtstag Walther Rathenaus) diesen Satz:
"Denn der Mangel an Maß und das erstaunliche Vermögen, die Wirklichkeit zu verkennen, die Begeisterung, mit der wir wieder erwecken wollen, was zur Geschichte geworden ist, unsere Schwierigkeit, Tradition zu pflegen, ohne zu ihrem Popanz zu werden, und schließlich auch patriotisch zu sein mit einem Stolz ohne Überheblichkeit -- alle diese Eigenschaften, Gefahren und Möglichkeiten sind, weder in den Schlachten des Zweiten Weltkrieges zugrunde gegangen, noch haben sie durch das Wirtschaftswunder einen Herzinfarkt erlitten."
Nun sind dies freilich Wandlungen, die im Verborgenen geschehen. Die Wähler jedenfalls merken nichts davon, und selbst wenn sie etwas davon merken, sind sie nicht sonderlich beeindruckt. Die Wähler beeindruckt vielmehr väterliche Autorität, und da hapert es scheinbar bei dem Außenminister Brandt. Mit der Meinung, daß man "die Überzeugungen seines Sohnes nicht deswegen weniger respektieren kann, weil er jung ist", gewinnt man hierzulande allenfalls den Respekt einer Minderheit, aber nicht die Wahl.
Immerhin ist auch da einiges in Bewegung geraten. Es gibt eine interessante Umfrage (von "Infratest") nach der Einstellung Willy Brandts zur Jugend im allgemeinen und zu seinem früher gelegentlich in Berliner Demonstrationen verwickelten Sohn Peter im besonderen. Demnach hält eine Mehrheit der Befragten (58 Prozent) Brandts Einstellung für richtig -- aber diese Mehrheit hält sich selber für eine Minderheit. Mit anderen Worten: Eine Mehrheit unterstützt Brandts Einstellung, glaubt aber zugleich, daß er sich damit schade.
Man muß also schon genauer hinsehen, wenn man den Veränderungen der Wählermeinung über Willy Brandt auf die Spur kommen will. Während er, nach einer für die CDU angefertigten (vertraulichen) Untersuchung, vor sechs Jahren noch mit den Begriffen "Rotte, Gartenlokal, Plankenzaun, Blitz, Kinderwagen, Teer" in Verbindung gebracht wurde, assoziieren ihn die entsprechenden Befragten dieses Jahr immerhin mit "Heimkino, Margarine, Fahrrad".
Wesentlich deutlicher wird die Wendung zum Besseren, wenn man nach Brandts Eigenschaften fragt. Die von der CDU in Auftrag gegebene Untersuchung ermittelt hier "Fleiß, Redlichkeit, Erfahrung" als für Brandt typische verhaltensspezifische Begriffe. Und eine im Auftrag der SPD angestellte Befragung nennt als die dem Außenminister am häufigsten zugeschriebenen Eigenschaften vor allem "Zähigkeit, Durchhaltevermögen, Diplomatie, Gesprächsbereitschaft, politische Intelligenz, Aufgeschlossenheit".
Immer aber sind es weniger persönliche, weniger emotional aufgeladene Begriffe, die Brandt zugeschrieben werden, als vielmehr solche, die sich auf Arbeit, Beruf und Leistung reimen. An seinem Fleiß, an seiner moralischen Lauterkeit wird heute nicht mehr gezweifelt; seine "Vergangenheit" spielt kaum noch eine negative Rolle. Aber sein Image hat nun mal "keine Glücksverheißung, keinen Glanz", es läßt nicht an Lebensgenuß denken, sondern an Mühsal -- und "unter dem Gesichtspunkt der Werbewirkung ist das ein großer Mangel" (so meinen jedenfalls die von der CDU bestellten Volksbefrager).
Gegen einen Mann wie Kiesinger, der vierblättrige Kleeblätter sucht und zuweilen auch findet, kann Willy Brandt in puncto Popularität also noch immer nicht konkurrieren. Nur versucht er es jetzt auch gar nicht mehr.
Der Willy Brandt, der jetzt auf Wahlreise ist, will ja nicht mehr um jeden Preis gefallen. Er treibt auch keine Sympathiewerbung, mindestens nicht für seine Person. Die Gags muß man suchen in seiner Kampagne. Und wenn örtliche Parteifreunde ihm unterwegs einmal publizitätsbewußte Schauspieler wie Thomas Fritsch und Hartmut Reck als freiwillige Wahlhelfer andienen, so zeigt er sich zwar mit diesen bei den Versammlungen; aber hernach reicht es höchstens auf einen gemeinsamen Schluck bei mühsam hingequältem small talk. Hier reist nicht mehr der Show-Mann, sondern der Staatsmann.
Vormittags ist Brandt demonstrativ in Bonn -- um dort zu regieren. Nachmittags erst geht er auf Tournee -- um dann vorwiegend von den Aufgaben der Zukunft und von der Sicherung des Friedens in der Welt zu sprechen. Er tut dies immer ohne Aggressivität und häufig mit Sätzen, deren effektfeindlicher Aufbau selbst überzeugten Anhängern das Jubeln hart werden läßt. Hier reist nicht mehr der gedrillte Kandidat, hier reist der Außenminister.
Und zu dessen Wahlwerbung gehört ein orangefarbenes Flugblatt, das mit dem Zeitungszitat endet: "Die Vorstellung, die Bonner Außenpolitik übers Jahr vielleicht nicht mehr durch diesen Mann vertreten zu wissen, ist deprimierend."
Dennoch sagt dieser Mann (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 39), er könne sich nun keine Koalition mehr denken, in der für einen Außenminister Brandt noch Platz wäre, auch keine Große Koalition.
Bloß: Das ist nicht Resignation, das ist Provokation. Natürlich bliebe Willy Brandt gern Außenminister -- nicht als Leichtmatrose auf einem Panzerkreuzer Potemkin", dessen Kommandant Kiesinger heißt; nicht als "Galionsfigur" einer Außenpolitik, die eher von den Rücksichten des Kanzlers bestimmt wird als von den Richtlinien des Außenministers.
Tatsächlich ist der außenpolitische Konsensus -- den es durchaus gegeben hat -- weniger am Prinzipiellen gescheitert als am Prozeduralen; ein wenig auch daran, daß Kiesinger und Brandt eben konträre Typen sind. Man kann sich die Vier-Augen-Gespräche zwischen Kanzler und Außenminister nicht quälend genug vorstellen: Kiesinger monologisiert, Brandt schweigt, beide leiden. Und das bei jedem Verfahrensstreit durchzumachen -- dazu hat Brandt nun "keine Lust mehr".
Das heißt, daß der Außenminister Brandt, wenn er es bleiben soll, nicht mehr zulassen will, daß seine diplomatischen Noten -- oder gar seine Politik -- von den Herren im Kanzleramt korrigiert werden. "Die sollen sich auf das Auswärtige Amt verlassen", sagt er böse. Und dann fügt er, gar nicht mehr böse, hinzu: "Hoffentlich sage ich das auch noch, wenn ich Kanzler werden sollte."
Will er es denn werden? Kann ein Mann, der nach zwei vergeblichen Anläufen von sich sagt, er habe nun keinen persönlichen Ehrgeiz mehr, überhaupt noch Kanzler werden wollen?
Mit Ja oder Nein ist die Frage gar nicht zu beantworten. Denn Willy Brandt ist ja nicht mehr jener Kanzlerkandidat, für den es nur das Palais Schaumburg gibt oder den Rückzug nach Berlin. Wenn die SPD diese Wahl verliert, wenn sie in die Opposition gerät, dann wird Willy Brandt der Oppositionsführer sein -- vielleicht nicht als Fraktionsvorsitzender, aber jedenfalls im Bundestag. Und wenn eine Koalition unter Beteiligung der SPD gebildet wird -- dann kommt es wiederum eher auf Adam Riese und auf den Mut der Genossen an. Dann ist es nicht nur Brandts Problem, ob er Kanzler werden will.
"Vielleicht muß er es ja werden", sagt Willy Brandt, "vielleicht wird er ja in die Pflicht genommen." Und das ist nun nicht mehr Resignation, im Gegenteil: "Das kann ja auch eine Form von Eitelkeit sein -- ich hoffe, daß es das bei mir nicht ist -- zu sagen: Vielleicht werde ich ja in die Pflicht genommen. Vielleicht muß ich es ja machen."
Willy Brandt will nicht mehr Kanzler werden wollen, er will es werden müssen.
Denn er ist ja etwas geworden -- nicht bloß Außenminister. Er ist Willy Brandt geworden.
* In seiner Heimatstadt Lübeck, zwölf Jahre alt.
** Auf einem Schülerkongreß in Frankfurt. 1967.

DER SPIEGEL 38/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„VIELLEICHT MUSS ICH ES JA MACHEN“

Video 01:03

Orcas rammen Anglerboot "Kommt der etwa zurück?"

  • Video "Entlaufen: Zebra galoppiert durch Dresden" Video 00:35
    Entlaufen: Zebra galoppiert durch Dresden
  • Video "Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?" Video 21:57
    Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?
  • Video "Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor" Video 01:07
    Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor
  • Video "Hauptsache billig: Was wirklich in der Supermarkt-Wurst steckt" Video 07:07
    Hauptsache billig: Was wirklich in der Supermarkt-Wurst steckt
  • Video "Verblüffendes Video: So bedrohlich bellt ein Alligator" Video 00:58
    Verblüffendes Video: So bedrohlich bellt ein Alligator
  • Video "Ein Jahr ÖVP/FPÖ-Regierung: Die Grenzen des Sagbaren wurden verschoben" Video 04:00
    Ein Jahr ÖVP/FPÖ-Regierung: "Die Grenzen des Sagbaren wurden verschoben"
  • Video "Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft" Video 00:25
    Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft
  • Video "Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch" Video 07:25
    Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Video "Weihnachtsbraten: Kann ich selber eine Gans schlachten?" Video 08:30
    Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Video "Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!" Video 44:28
    Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!
  • Video "Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet" Video 02:28
    Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet
  • Video "Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen" Video 01:26
    Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Video "Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen" Video 01:17
    Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen
  • Video "Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause" Video 03:06
    Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause
  • Video "Orcas rammen Anglerboot: Kommt der etwa zurück?" Video 01:03
    Orcas rammen Anglerboot: "Kommt der etwa zurück?"