15.09.1969

FERNSEHENDIESE WOCHE

Zuerst kommt die Gasse ins Bild, "deren Gemäuer ein Sarg ist", dann ist das Fin-de-siècle-Zimmer zu sehen, in dem sie für 45 Zloty Monatsmiete gemeinsam hausen: zwei Literaten, die noch nichts Rechtes veröffentlicht haben, ein Student, ein junger Kommunist und zwei einfache Mädchen.
"Wir sind doch nichts als Gewichte an den Füßen unseres Herrgotts", sprechen die Dichter; "Kaffee trinkt ihr, damit euch was einfällt, und ihr haltet euch für Götter", spottet der Kommunist, und die Mädchen geben sich den gebrochenen Existenzen bisweilen mehr aus Mitleid hin.
Düsterer und beklemmender als In diesem Spielfilm des Polen Wojeiech Has, 44, Ist die Resignation einer kleinbürgerlichen Boheme wohl selten in makabren Gelagen, degoutanten Amouren und niederträchtigen Streitereien gezeigt worden:
Die jungen Leute haben keine Ideen, "aber daß wir es wissen, das ist schon was"; sie erheben ihr Versagen zum "Mythos" und enden fürchterlich: Einer der Poeten (Mieczyslaw Gadja, Photo, 1l) stirbt -- nach einem Blutsturz beim Sektbesäufnis -- an der Schwindsucht, den Kommunisten holt die Polizei, und der Student erhängt sich nach dem mißglückten Examen.
Das naturalistische Modell mag den Neigungen des Regisseurs Has entsprechen, dessen "Handschrift von Saragossa" schon vom deutschen Fernsehen gezeigt worden ist, es läßt sich jedoch auch als verschlüsseltes Zustandsbild der polnischen Intellektuellen deuten. Dabei ist freilich das Entstehungsjahr des Films bedeutsam: Er wurde 1959 gedreht.
Nur einmal, als Jüngling, hat Viktor Leu den "Atem eines großen Ereignisses" verspürt, als er hei einem Streik Arbeiterführer aus dem Gefängnis befreien half. Jetzt schlurft der Gymnasialprofessor (Martin Held, Photo, l.) durch die Wohnung, tyrannisiert seine Tochter und quält seine Frau (Paula Wessely, Photo, r.>.
Denn Leu ist besessen "von einem Kobold wie Rumpelstilz": Er wähnt sich von Krebs befallen und von den Ärzten oberflächlich behandelt, weil er "keine Beziehungen hat". Mit eingebildeten Symptomen erpreßt er seine Familie zu dauernder Rücksichtnahme, steht mitten in der Nacht auf. um sein Testament zu machen ("Ein Gebot der Vernunft">, und malt dann doch nur Männchen aufs Papier. Die geplante Verlobung der Tochter (Cordula Trantow) platzt, weil der Alte ihren jungen Mediziner ständig mit hypochondrischen Fragen traktiert: "Was hat es zu bedeuten, wenn man plötzlich nicht mehr schlucken kann?"
Diese "Erpressungsmechanismen. Ambivalenzen, heimlichen Lustgewinne und bösen Schadenfreuden" (Autor Muschg) hat der Schweizer Romancier im letzten Jahr für die Bühne dramatisiert. In der Züricher Aufführung hatte der Muschg-Theatererstling keinen rechten Erfolg. Erst in der Fernsehfassung. die Regisseur Beauvais ohne naive Schnittgags, aufdringliche Naheinstellungen und grelle Lichteffekte hergestellt hat, wird nun aus der handlungsarmen Psycho-Studie das. was Muschg wollte: ein suggestives "kleinbürgerliches Trauerspiel". Aus Protest gegen die Massenentlassungen beim französischen Fernsehen nach den Pariser Mai-Unruhen im vergangenen Jahr verließ der TV-Regisseur Marcel Ophüls. 41, Sohn des "Reigen"-Cinéasten Max Ophüls, die ORTF. Jetzt berichtet er für den Norddeutschen Rundfunk in einem monumentalen zweiteiligen Dokumentarfilm über das Versagen des französischen Bürgertums im Zweiten Weltkrieg. Seine Hauptzeugen sind die Einwohner der Stadt Clermont-Ferrand, deren Erinnerungen an alle Heldentaten. Verirrungen und Vorurteile er kommentarlos aneinanderreiht.
"Für die Franzosen', sagt Cphüls (Photo), "wird unser Bericht ein Schock sein." Denn mit den Aussagen einstiger SS-Männer, Besatzungssoldaten. Partisanen und Kollaborateure, mit deutschen und französischen Wochenschauaufnahmen sowie Interviews mit Anthony Eden und Pierre Mendès-France kann er nachweisen, daß vorwiegend "Schizophrenie, Größenwahn, Schwachsinn ... vor allem viel Schwachsinn" (Ophüls) den raschen Zusammenbruch der Dritten Republik bewirkt haben.
Zwar fanden sich Pariser Damen bereit, die Maginot-Linie mit Rosenrabauen "ästhetisch zu verschönern", für den Kampf gegen die Okkupanten aber war die feine Gesellschaft nicht zu begeistern. "In der Bourgeoisie sagte man", so Mendès-France, "lieber Hitler als Léon Blum."
Während die Besatzer für die Franzosen -- laut "Deutsche Wochenschau"
"schöne und gesunde Heimstätten" bauten und das Vichy-Regime antisemitische Gesetze erließ, vergnügten sich die Pariser beim Pferderennen in Auteuil und feierten auch dann noch "Im verrückten Paris grandiose Nächte". als sich die Résistance schon formierte. "Je mehr wir uns in die Probleme dieser unglücklichen Zeit vertieften", erklärt der Autor, "desto mehr hatten wir das Gefühl, wir bewegten uns in einem Irrenhaus."
Die Reporurin Ingeborg Euler ist mit der jungen Kunst schon weit gekommen: Sie filmte experimentierende Schauspieler in Krakau, Maler in Zakopane, Underground-Künstler in Amsterdam, und jetzt filmt sie westdeutsche Kunststudenten. die gegen antiquierte Lehrmethoden und vermuffte Professoren revoltieren.
Denn noch immer wollen Kunsterzieher. wie der Bildhauer Bernhard Heiliger (Photo), "das Talent zum Klingen bringen" oder glauben, wie der Maler Mac Zimmermann, ihre Schüler "möchten nichts als Bilder malen".
Die Studenten aber halten wenig von subjektiver Bildkritik, von "Beseelung", "Tiefenwärme" oder "Glut". Statt dessen malen sie Kampfparolen an die Akademiemauern: "Die heilige Scheiße beginnt zu dampfen." Sie streiten mit ihren beamteten Kunstvermittlern, verbrennen Prüfungsarbeiten und fordern "wissenschaftliche Kriterien, für das. was Kunst ist". "Sie wollen", kommentiert Frau Euler, "nicht das Weltbild der Professoren, sondern Informationen über die neue Kunstrichtung."
Doch bis dahin, zeigt die Sendung. ist der Weg noch weit. Selbst an Hamburgs Kunsthochschule konnte die Autorin dieser dank Richtmikrophon und bewegter Kamera lebendigen Dokumentation "nur Ansätze" für eine Modernisierung des Studienprogramms erkennen. Ansonsten "liegt zwischen Lehrer und Schülern ein Bewußtseinsabstand von Jahrzeknten".
Mit 14 entdeckt Henry Hutchins an seiner Hüfte eine Schwellung und hält sich für geschlechtskrank. Doch als die Beule immer größer und härter wird, diagnostizieren die Ärzte eine "metalloide Induration" -- Henry wird langsam zu einer stählernen Statue.
30 Jahre später schildert der "eiserne Henry" -- der Panzer reicht mittlerweile vom Gürtel bis zum Kragen -- im Fernsehstudio sein hartes Los, angefangen von seiner Ehe, die nach zwei Nächten am Metalleib zerschellte, bis hin zum Plan des britischen Geheimdienstes, Hitler vom unverwundbaren Henry kidnappen zu lassen; eine Zeitlang diente der "Eisenmensch" auch als Schießbudenfigur, drei Wurf eine Mark.
Den Fernseh-Regisseuren ist diese Geschichte immer noch nicht bunt genug. Sie wollen Henrys Leben "verdeutlichen, transparent machen, zu Kunst machen"; deshalb fälschen sie skrupellos. Selbst Henrys Erstickungstod haben die Kameramänner schon vor dem Ende des eisernen Menschen in einer ergreifenden Sterbeszene gefilmt. Henry (Horst Bollmann, Photo, r.) ist entsetzt: "Beim Fernsehen ist niemand an der Wahrheit interessiert."
Die Satire, die der britische Fernseh-Autor, Ex-Kellner und ehemalige Hundekuchenhersteller Clive Exton, 39, auf die Sensationsgier und Geschmackmanipulation der sogenannten Massenmedien schrieb, ist für einen Fernsehsender eine harte Herausforderung. Im deutschen Fernsehen wird die TV-Groteske mit erfreulicher Selbstironie dargeboten.
Als Impressionist und behutsamer Psychologe hat sich der Ungar Imre Feher, 43, schon in seinem Erstling aus dem Vorkriegs-Milieu vor 1914 (Titel: "Sonntagsromanze". 1957) als Regie-Talent bewährt: Von René Clair und Max Ophüls beeinflußt, berichtete der Absolvent der Budapester Filmhochschule von einem Kleinstadtjournalisten, der ein Dienstmädchen liebt und aus Dünkel dann doch die Tochter der reichen Herrschaft heiratet.
Im Film "Himmelreich" (1961) jedoch hat Feher, wie die ZDF-Ausstrahlung erweist, seinen Hang zu Romantik und sachter Ironie zu einer sozialistischen Pflichtübung stilisiert, und das ist dem Werk nicht bekommen. Ansehnlich wirkt das Private, die Geschichte von einem Jung-Chemiker, der sich dem sozialistischen Dienst in der Provinz entzieht, statt dessen eine ehrgeizige Nachwuchsschauspielerin heiratet und sie ("Wir haben uns falsch geliebt") an eine Theatergruppe verliert.
Aber wenn dann der haltlos gewordene Ehemann (Zoltán Latinovits, Photo, l.) bei seinem alten Professor Trost sucht und sich als "tragisches Rindvieh" schließlich doch zu staatserhaltender Arbeit aufs Land delegieren läßt. kann von Geschlossenheit der Handlung nicht mehr die Rede sein: Fehers Lösung bleibt ohne Logik.

DER SPIEGEL 38/1969
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