15.09.1969

GESTORBENLUDWIG HEILMEYER

LUDWIG HEILMEYER, 70. Er war ein unorthodoxer Pontifex, urig lärmend, Weltmann aus dem Jugendstil-München, betriebsam und ein Boß -- der deutsche Papst der Inneren Medizin. Im Trümmer-Deutschland, als andere Ordinarien Notbaracken bauten, ließ der Experte für Blut und Blutkrankheiten moderne Kliniken errichten und verschaffte der medizinischen Fakultät in Freiburg internationales Renommee. Als er im Pensionsalter zum Gründungsrektor der Ulmer Universität berufen wurde, machte sich der als Klinik-Chef alten Schlages gefürchtete Heilmeyer mit Vehemenz stark für Studienreform, Kollegialsystem und gegen die Pfründen-Wirtschaft. Burschikos noch als Präsident des Internistenkongresses, gab er -- mit quicken Blicken durch eine knorrig schwarze Brille jedes Auditorium bezwingend -- seine Losung aus: "Medizin wird Naturwissenschaft sein, oder sie wird nicht sein."
KONRAD PRINZ VON BAYERN, 85. Der Neffe des letzten bayerischen Königs Ludwig III. und Enkel der österreichischen Kaiserin Elisabeth ("Sissy") zehrte vom Ruhm der Vorfahren und lebte von Mitteln aus dem "Wittelsbacher Ausgleichsfonds", den die königlich-bayerischen Republikaner 1923 für ihr Königshaus errichtet haben. Wie ein Zugvogel pendelte der gelernte Ornithologe zwischen seinem Palais in Florenz und seinem Allgäuer Jagdhaus. Im schwäbischen Hinterstein, wo er gern Zwanzigender erlegte, starb er vorletzte Woche an einem Herzschlag.
EVERETT ("EV") MCKINLEY DIRK-SEN, 73. "Ich bin ein Mann von Prinzipien", versicherte er, "und eines meiner ersten Prinzipien ist Flexibilität." Mit Schlauheit gepaarte Geschmeidigkeit kennzeichnete auch die langjährige politische Arbeit dieses einflußreichsten republikanischen US-Parlamentariers. Der Farmerssohn aus Illinois und studierte Rechtsanwalt zog 1932 in den Kongreß ein. In den folgenden 16 Jahren, so errechnete die "Chicago Sun-Times", änderte er seine Meinung zu außenpolitischen Fragen 62mal, zu Militärproblemen 31mal und zu Landwirtschafts-Themen 70mal. Auch als Senator von Illinais, als republikanischer "Einpeitscher" und schließlich seit 1959 als Fraktionschef im Senat erwies sich "Ev" Dirksen als Virtuose einer pragmatischen, mit Tauschgeschäften operierenden Politik: Obgleich Oppositionsführer, half er dem demokratischen Präsidenten Johnson, das wichtige Bürgerrechtsgesetz von 1964 durchzupauken. Zumeist freilich vertrat der "Riese in der Geschichte des Kongresses" (Nixon) konservative Ansichten. Wegen seines Witzes und seiner glänzenden Rhetorik war der Senator außerordentlich populär. Seine Stimme ist bereits verewigt: auf Dirksen-Schallplatten, die Dirksen mit patriotischen Texten und Weihnachtsgedichten besprochen hat. JAMES ALBERT PIKE, 56. Er begann seine geistliche Laufbahn als katholischer Meßdiener und Student in einer Jesuiten-Universität, wurde später Bischof der Episkopal-Kirche von Kalifornien -- und endete als geistergläubiger Sonderling. Der eigenwillige Liberale erlangte als Fernsehpfarrer nationale US-Berühmtheit; er attackierte den Kommunisten-Jäger Joseph McCarthy, focht für die Bürgerrechte, zeigte Verständnis für Hippies und verhöhnte die von Rom einzig erlaubte Methode der Empfängnisverhütung als "römisches Roulette". 1966 mußte der umstrittene Oberhirte, dessen Eifer bei der "Entmythologisierung" des Glaubens vielen Kirchenmännern ketzerisch vorkam, sein Bischofsamt aufgeben. Bald darauf begann er durch spiritistische Medien Gespräche mit seinem Sohn Jimmy, der 1966 Selbstmord begangen hatte. Pike starb in biblischer Landschaft: in der Wüste Judäa stürzte er von einer Felskante.
JOSH WHITE, 61. Siebenjährig verließ der Sohn eines farbigen Predigers in South Carolina das Elternhaus und geleitete blinde Bluessänger durch die USA. Mit 16 hatte er so viele Spirituals, Work Songs, Blues und Gefängnislieder auswendig gelernt, daß er nun selbst -- alsbald auch in New York -- unter dem Pseudonym "Kiefernwald-Tom" und "Der singende Christ" die Stimme erhob. Doch die vorwiegend sozialkritischen Folklore-Gesänge, die der Freund Roosevelts mit sanfter Stimme und stets offenem Hemdkragen zur Gitarre im Weißen Haus, in Konzerten, Colleges, Bars, Nachtklubs und auf US-Goodwill-Tourneen im Ausland vo~trug, hatten mit dem harschen Stil seiner einstigen Vorbilder nur noch wenig gemein. Er hat viele Melodien erfunden und die Negerfolklore popularisiert -- ein authentischer Bluesinterpret war er nicht.

DER SPIEGEL 38/1969
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