25.08.1969

DDR / SPORTLER-FLUCHTDu mußt Siegen

Fährschiff "Nordland" lief mit Kurs auf Travemünde durch die Lübecker Bucht. Da machte der Wachoffizier gegen 6.30 Uhr am letzten Montag im diesigen Morgengrauen an Steuerbord etwas Unglaubliches aus: Auf der Leuchttonne A, 10,8 Seemeilen von der DDR-Küste entfernt, kauerte ein Schwimmer.
Die aus Bornholm kommende Fähre drehte bei und nahm über die Lotsenleiter den Schwimmer an Bord; der DDR-Meister im 400-Meter-Kraulschwimmen, Axel Mitbauer, 19, war als erster Sportler dem Ulbricht-Staat davongekrault.
Mitbauer ist der vorerst letzte eines Sportler-Regiments, der ein Leben in der Bundesrepublik dem im ersten deutschen Arbeiter-und-Bauernstaat vorzog. In den ersten Nachkriegsjahren hatten im Flüchtlingsstrom ganze Sportmannschaften die DDR verlassen. Fußball-Nationalspieler Helmut Schön zog 1950 noch mit Familie und Möbelwagen von Dresden nach Berlin. Seine Mannschaft von der SG Friedrichstadt folgte. Der frühere DDR-Trainer ist inzwischen Bundestrainer.
Auch der Leipziger Professor Dr. Josef Nöcker stand am Beginn einer DDR-Karriere. 1956 nähte er als einer der ersten eine zerrissene Achillessehne so geschickt, daß er den Patienten, DDR-Rekordler Siegfried Herrmann, anschließend zu Welt- und Europarekorden instand setzte. Weil er sich in seiner Entfaltung eingeengt fühlte, wechselte Nöcker nach Leverkusen, wurde dort Chefarzt und betreute die bundesdeutschen Olympia-Teilnehmer 1964 als Mannschaftsarzt (und 1968 als Chef de Mission).
Als DDR-Funktionäre erfuhren, daß Herrmann in Tokio Nöcker besucht hatte, schickten sie den Läufer vorzeitig in die Heimat zurück. Den DDR-Trainer Walter Richter verurteilte die Ulbricht-Justiz 1958 sogar zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis. weil er die Fluchtabsicht des Sprinters Manfred Steinbach verschwiegen hatte. Neu-Bundesbürger Steinbach sprang 1960 bei der Olympiade in Rom als erster Deutscher acht Meter weit, er habilitierte sich 1967 und wurde jüngster Professor in Mainz.
Nach dem Berliner Mauerbau 1961 verhalfen oft nur abenteuerliche Umwege DDR-müden Sportlern in die Bundesrepublik. Der neunmalige DDR-Ringermeister Fred Kämmerer ließ sich von westdeutschen Sportfreunden im Doppelboden eines Kleinbusses ausfahren. Meistergeher Johannes Koch wechselte 1962 von Belgrad aus über die österreichische Grenze. Weltrekordler Jürgen May ließ sich von Fluchthelfern über Budapest ausschleusen.
Einige DDR-Stars nutzten gesamtdeutsche Olympia-Ausscheidungen zum Absprung. Das war "neben dem Souveränitätsstreben einer der Hauptgründe für die DDR-Funktionäre, die gesamtdeutsche Olympiamannschaft zu sprengen", schrieb der Berliner Journalist Willi Knecht in seinem demnächst erscheinenden Buch "Verschenkter Lorbeer" über die Sportlerflucht aus der DDR und ihre Hintergründe*.
Das größte Aufsehen erregte das Mitglied des DDR-Radvierers, Jürgen Kissner: Er setzte sich 1964 in Köln vor
* Willi Knecht "Verschenkter Lorbeer". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 159 Seiten; 9,80 Mark.
der Olympia-Ausscheidung ab. Sofort schafften die Politruks seine Mutter herbei; Kissner ließ sich nicht umstimmen, Staatstrainer Gallinge durfte nur noch in der Provinz arbeiten.
Vier Jahre später stieß Kissner, wie er es bei Gallinge geübt hatte, im olympischen Finale den vor ihm einscherenden Mannschaftsgefährten des führenden bundesdeutschen Radvierers mit der Hand ab. Das war kurz vorher als unerlaubte Hilfe verboten worden. Die Jury mit DDR-Trainer Jürgen Gallinge junior disqualifizierte die Bundesradler. Einige Wochen später legalisierte der Weltverband das Schubmanöver neuerdings durch eine Regeländerung. Doch die um ihre Goldmedaille geprellte Mannschaft schnitt Kissner. Er gab den Amateursport auf und wurde Verbandstrainer in Nordrhein-Westfalen.
Fluchtforscher Knecht schilderte auch andere Anpassungsschwierigkeiten der Sport-Emigranten: "Kontaktarmut ist die zwangsläufige Folge des Lebens im Kollektiv. So sind die geflüchteten Sportler in der Bundesrepublik vielfach Einzelgänger." Wie die DDR-Basketball-Nationalspielerin Adelheid Nentwig, die sich in Mainz verlassen fühlte, war auch die spätere Olympiasiegerin und Hürden-Weltrekordlerin Karin Balzer in die DDR zurückgekehrt.
Aber unaufhörlicher Leistungsdruck und Existenzangst drängten ständig weitere Sportler dazu, bessere Chancen in der Bundesrepublik zu suchen. Als May in Ungnade fiel, sperrten ihn die Funktionäre nicht nur von Training, Wettkampf und staatlicher Förderung aus; sie nahmen ihm auch seinen Redakteursposten in Erfurt. Inzwischen arbeitet er als Sportreferent im hessischen Landkreis Hanau und startete jüngst beim Erdteilkampf für Europa gegen Amerika.
"Ich sollte 1963/64 fünf Minuten glatt fahren", erklärte der DDR-Radverfolgungsmeister Hartmut Scholz. Er strampelte eine Sekunde zu langsam. "Wenn du es jetzt nicht schaffst, müssen wir uns leider von dir trennen", drohte der Staatstrainer. Scholz sollte -- neben den Erfolgsprämien -- seine Planstelle verlieren, die ihm im "VEB 7. Oktober" 850 Mark monatlich ohne nennenswerte Arbeitsleistung einbrachte und anschließend zur Volksarmee eingezogen werden. Vom nächsten Auslandsstart kehrte Scholz nicht in die DDR zurück.
"Dieter, du mußt siegen, damit du deine Förderung behältst", beschrieb DDR-Gewichtheber Dieter Rauscher den Leistungsdruck vor der Flucht. "Heute sage ich zu mir: du kannst", begründete er seine Leistungssteigerung nach dem Auszug aus der DDR. Auch Wintersportler Ralph Pöhland -- Mitglied des Zentralrats der FDJ -- nannte als ein Fluchtmotiv die erzwungene Selbstverpflichtung, 1968 in Grenoble eine Olympiamedaille zu erkämpfen.
Die DDR-Politruks begründeten dagegen jeden Stellungswechsel gleich: mit Abwerbung. Im Sommer 1968 stießen sie tatsächlich auf eine heiße Spur. Am Berliner Sektorenübergang Heinestraße entdeckten Kontrolleure bei dem Essener Schwimmtrainer Werner Ufer einen unfrankierten Brief. Er enthielt Fluchttips für den Leipziger Schwimmer Mitbauer. Ufer blieb neun Monate in DDR-Haft.
Der Staatssicherheitsdienst verhörte Mitbauer; der Verband strich ihn aus der Liste seiner Olympia-Kandidaten und sperrte ihn von Training und Wettkampf. Außerdem durfte der Meisterkrauler nicht studieren.
Im August campte er mit seiner Mutter am Strand bei Boltenhagen, um seinen Fluchtplan zu verwirklichen. Am vorletzten Sonntag fettete er sich ein, schnallte Schwimmflossen an und schwamm auf das Leuchtfeuer Pelzerhaken zu. Alls er die Tonne A erspähte, legte er nach 20 Kilometern eine Atempause ein.
Den Matrosen, die ihm auf die "Nordland" halfen, versicherte Freischwimmer Mitbauer: "Ich hätte es auch bis Pelzerhaken geschafft."

DER SPIEGEL 35/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 35/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DDR / SPORTLER-FLUCHT:
Du mußt Siegen

Video 01:03

Orcas rammen Anglerboot "Kommt der etwa zurück?"

  • Video "Entlaufen: Zebra galoppiert durch Dresden" Video 00:35
    Entlaufen: Zebra galoppiert durch Dresden
  • Video "Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?" Video 21:57
    Verhaltensforschung: Kann ein Quiz die Straße säubern?
  • Video "Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor" Video 01:07
    Gesunkene norwegische Fregatte: Taucher bereiten Bergung vor
  • Video "Hauptsache billig: Was wirklich in der Supermarkt-Wurst steckt" Video 07:07
    Hauptsache billig: Was wirklich in der Supermarkt-Wurst steckt
  • Video "Verblüffendes Video: So bedrohlich bellt ein Alligator" Video 00:58
    Verblüffendes Video: So bedrohlich bellt ein Alligator
  • Video "Ein Jahr ÖVP/FPÖ-Regierung: Die Grenzen des Sagbaren wurden verschoben" Video 04:00
    Ein Jahr ÖVP/FPÖ-Regierung: "Die Grenzen des Sagbaren wurden verschoben"
  • Video "Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft" Video 00:25
    Neulich in Finnland: Der übers Wasser läuft
  • Video "Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch" Video 07:25
    Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Video "Weihnachtsbraten: Kann ich selber eine Gans schlachten?" Video 08:30
    Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Video "Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!" Video 44:28
    Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!
  • Video "Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet" Video 02:28
    Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet
  • Video "Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen" Video 01:26
    Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Video "Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen" Video 01:17
    Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen
  • Video "Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause" Video 03:06
    Webvideos der Woche: Mini-Oktopus findet neues Zuhause
  • Video "Orcas rammen Anglerboot: Kommt der etwa zurück?" Video 01:03
    Orcas rammen Anglerboot: "Kommt der etwa zurück?"