25.08.1969

LITERATUR / TOLKIEN

Ash nazg gimbatul

Die Invasion ist vorbereitet, die Hobbits kommen. Und in ihrem Gefolge fallen noch andere seltsame Horden übers hiesige Lesepublikum her -- Zwerge, Trolle, Elben, wandelnde und sprechende Bäume, Drachen und der große Zauberer Gandalf der Graue.

Denn John Ronald Reuel Tolkien, 77, emeritierter Professor zu Oxford und Erfinder einer gewaltigen Phantasiewelt mit Namen "Mittelerde", wird nun endlich auch für die Bundesrepublik entdeckt: Im nächsten Monat veröffentlicht der Ernst Klett Verlag unter dem Titel "Die Gefährten" den ersten Band von Tolkiens 1300-Seiten-Trilogie "Der Herr der Ringe"*.

Also dürfen, 15 Jahre nach der Originalausgabe dieses "prähistorischen Science-fiction-Romans" -- und sechs Millionen "Ring"-Bücher sind mittlerweile in aller Welt verkauft worden -, die Deutschen doch noch erfahren, was ein Hobbit ist:

Der Hobbit, ein menschenähnliches Wesen, doch kleiner als ein Zwerg und nicht zu verwechseln mit einem Rabbit, einem Kaninchen, ist ein Höhlenbewohner im Lande Shire am Flusse Brandywein, Er ist flink, gutmütig, ohne allen Ehrgeiz und ohne erotische Neigungen. Ein feines Gehör hat er und scharfe Augen, er lacht und trinkt gern und ißt, wenn möglich, sechsmal am Tag und wird leicht fett.

Der Hobbit liebt den Frieden, die Behaglichkeit, einen gut bestellten Boden, die Ahnenforschung und verabscheut "Maschinen, die komplizierter sind als ein Schmiede-Blasebalg". Schuhe braucht er nicht -- seine Fußsohlen sind lederartig und dicht behaart.

Hobbits wie Frodo oder Bilbo Baggins sind demnach die reichlich kindischen Geschöpfe einer abstrusen Privat-Mythologie ohne zeitgemäßen Appeal -- so jedenfalls scheint es. Und dennoch haben diese Kreaturen des Professors Tolkien in angelsächsischen Ländern und zumal auf dem Campus amerikanischer Universitäten in den letzten Jahren einen fabelhaften Hobbit-Kult hervorgebracht.

"Frodo lebt" und "Gandalf for President" verkünden amerikanische Studenten auf ihren Ansteckknöpfen und entbieten einander den Hobbit-Gruß: "Möge das Haar auf deinen Zehen nie schütter werden!"

Es gibt eine "Tolkien Society of America", es gibt "Tolkien-Konferenzen", und es gibt ein "Tolkien Journal", das sich so fromm und emsig um die Exegese des "Herrn der Ringe" sorgt, als handle es sich um das Buch des Herrn.

"Die Tolkien-Jünger", so schrieb die inzwischen verblichene "Saturday

* J. R. R. Tolkien: "Der Herr der Ringe. Band I: Die Gefährten". Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 492 Seiten; 36,90 Mark.

Evening Post", "mögen vielleicht weniger Lärm schlagen als die LSD-Köpfe, aber sie sind viel zahlreicher."

Und so huldigen denn die Zahlreichen, unbekümmert um die Wirklichkeiten des 20. Jahrhunderts, einem jener skurrilen Hirngespinste, die an den englischen Universitäten Oxford und Cambridge seit je am besten gedeihen -- dort, wo schon der Mathematiker Dodgson alias Lewis Carroll seine "Alice im Wunderland" schrieb und der anglikanische Literaturprofessor C. S. Lewis auch mit phantastischen Kinderbüchern Ruhm gewann.

Der katholische Oxford-Professor und Lewis-Freund Tolkien, 1892 im südafrikanischen Bloemfontein geboren -- seine Vorfahren waren im 18. Jahrhundert aus Sachsen nach England eingewandert -, setzte die würdige Tradition fort:

1938 veröffentlichte der Professor, der 34 Jahre lang altenglische Philologie lehrte und besonders als Kenner des Beowulf-Epos zu Ehren kam, "Der kleine Hobbit" -- ein Kinderbuch von den Abenteuern des Bilbo Baggins, der mit dem Zauberer Gandalf und 13 Zwergen auf große Fahrt geht und nach gefährlichen Kämpfen mit Trollen und Riesenspinnen dem bösen Drachen Smaug einen geraubten Schatz entreißt. Das Werk wurde in fast alle Kultursprachen übersetzt, auch für Deutsche, und von ihnen kaum zur Kenntnis genommen.

Doch bei diesem Kindermärchen blieb es nicht. In 14 Jahren, durch den Zweiten Weltkrieg hindurch, schrieb Tolkien, Vater von drei Söhnen, diesmal ganz und gar für Erwachsene, die Fortsetzung zum "Hobbit" -- den "Herrn der Ringe", dessen erster Teil jetzt vom Klett-Verlag in einer eigens dafür gegründeten Verlagsabteilung "Hobbit Presse" und mit einem Buchumschlag vom "Yellow Submarine"-Filmzeichner Heinz Edelmann auf den Markt gebracht wird.

Er spielt im "Dritten Zeitalter" und erzählt die pedantisch konstruierte, detailgewaltige Geschichte vom "Krieg um den Ring", den Frodo zusammen mit seinen Bundesgenossen führt. Vor mächtigen Heerscharen ziehen sie, die Guten im Kampf wider das Böse, in unendlichen Episoden, über Gebirge und Einöden und dringen in unterirdischen Gängen ins Reich Mordor ein, wo der böse Sauron regiert. Er hat den Ring einst geschmiedet, und dieser Ring ist von Übel: Er verleiht seinem Träger nicht nur Unsichtbarkeit, sondern verführt ihn auch zu entsetzlicher Machtgier.

Verzweifelt setzen sich Hobbits, Zwerge, Elben gegen fliegende Pferde und andere gräßliche Unwesen zur Wehr, bis sich spät am Schluß doch alles zum Besten wendet: Der Ring des Verderbens versinkt im Schlund eines Vulkans, die gute alte Ordnung ist wieder erste Hobbit-Pflicht, ein goldenes Zeitalter bricht an.

Professor Tolkien, der seinen Namen vom deutschen Wort "tollkühn" ableitet, hat, befeuert von einem guten Schuß akademischer Verschrobenheit, diesem mit keltischen und nordischen Mythologemen versetzten Heldenepos aus eigenem Kopf einen gigantischen Apparat von Fußnoten, Stammbäumen, Zeittafeln, grammatischen, phonetischen und etymologischen Exkursen, Abhandlungen über die Sprache der Elben und Zwerge sowie minuziös gezeichnete Landkarten beigegeben.

Er erklärt, was Mordor bedeutet und was Moria, was Erebur, Mirkwood, Isengard, was Anarion und Aragorn und Arriven, Baramir, Bombadil und Butterbur, was Fallohide und Findulais und die Inschrift des schlimmen Rings: "Ash nazg durbatuluk, ash nazg gimbatul, ash nazg thrakatuluk agh burzum-ishi krimpatul" -- das heißt: "Ein Ring, der alle beherrscht, ein Ring, der sie findet, ein Ring, der sie alle heranschafft und in Dunkelheit bindet."

Tolkiens selbsterfundenes Reich, ein schrulliges Reich der Sprache, ist nicht von dieser Welt. Es bietet nicht einmal Allegorie. "Meine Geschichte", versichert Tolkien, "sagt über nichts anderes etwas aus als über sich selbst." Und -- selbstredend -- über Tolkien und dessen Mentalität, die von einigen Kritikern mit der eines Richard Wagner, von anderen mit der eines Pfadfinders verglichen wurde.

Edwin Muir, Rezensent des "Observer", fand: Alle Tolkien-Figuren "sind Knaben, die sich als erwachsene Helden verkleiden. Die guten Jungen kämpfen einen Kampf um Leben und Tod und gehen siegreich und fröhlich daraus hervor, genau wie es Jungen als selbstverständlich annehmen".

Und das alles paßt so gut zum Jugend-Kult dieser Jahre, daß sich inzwischen bereits mehrere Gesellschaften um die Film-Rechte am "Herrn der Ringe" bemüht haben. Zwar haben die Beatles, auch sie Interessenten eines Tolkientopps, ihr Vorhaben wieder aufgegeben, doch eines ist sicher: Frodo, der Filmheld, wird kommen.


DER SPIEGEL 35/1969
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