21.07.1969

JUGEND / BURG WALDECKKönig Oelb

Kurz vor dem Einschlafen, an einem Freitag im Juni, hörte Alt-Wandervogel Karl Oelbermann, 73, "einen Buff". Tags darauf hörte er "noch mal 'nen Buff" und wetterte gegen "die bösen Düsenjäger -- von wegen Schallmauer und so".
Doch die Buffs kamen nicht vom Himmel: Unbekannte hatten auf der Burg Waldeck bei Dorweiler (Rhein-Hunsrück-Kreis) eine Freilichtbühne aus Beton mit Sprengstoff in die Luft gebufft -- hundert Meter von Oelbermanns Kemenate entfernt. Als das Attentat abends entdeckt wurde, sprach Oelbermann, auf Lebenszeit gewählter Bundesführer des "Nerother Wandervogel" (1500 Mitglieder), in melodischem Rheinisch zu seinen Jungs: "Dat dat Scheißding endlich wech is, da bin isch froh."
Das Ding (Baukosten: 8000 Mark) war ein Symbol: Fünfmal seit 1964, jeweils um Pfingsten, hatten linksengagierte Protest- und Folklore-Sänger auf der Waldeck-Bühne gegen griechische Folter und Napalm in Vietnam, gegen Apartheid" Papst Paul und "die Banalität des Alltags" ("FAZ") gesungen. Nerother Wandervögel, denen derlei Lieder zu rot waren, schrammelten nach Noten aus dem Zupfgeigenhansl dagegen an.
Seit langem schüren unbekannte Guerillas den Sängerkrieg mit gezielten Aktionen: Sie legten Feuer, kapp-~ ten Starkstromleitungen und Mikrophonkabel, zerstörten die Benzinleitung zu einem Notstrom-Aggregat, ließen das Trinkwasserbecken leerlaufen und zerstachen Autoreifen. Die Täter wurden nie gefaßt, doch stets im Lager der rechten Hansl vermutet.
Denn "Chansons Folklore International", das Waldeck-Festival linker Protestler, paßt nicht in Oelbermanns heile Welt. "Was mein Bruder Robert und ich geschaffen haben", so jammerte der Wandervogel-Patriarch, "das wollen diese Folklore-Menschen, diese Gammler mit ihren Mädchen, entweihen."
Karl Oelbermann ist gegen lange Haare, gleich bei welchem Geschlecht. Er hat etwas gegen Mädchen in seinem Jungmännerbund ("Die verderben die Stimmung"), gegen Blue jeans ("Diese Mode-Erscheinung") und gegen das Rauchen. Von Farbigen hält er nicht viel, denn: "Die haben wegen der Sonne eine ganz dicke Hirnschale und wenig Gehirn."
Der bejahrte Wandervogel -- meist bekleidet mit rotem Barett, Halstuch und Kniebundhosen lebt in der herzigen Vorstellung, Herr eines "Jungenreiches" zu sein, in dem Ritter dem König und Knappen den Rittern dienen.
Auslandsfahrten seiner Orden und Fähnlein sind laut Nerother Rundbrief "Kreuzzüge im alten Stil", und bei Bundestagen blickt "Oelb", der Führer, "vom Sattel eines Pferdes auf seine Scharen herab". Ein "sauberes Jungenleben" und "frischer, froher Geist" festigen laut Vereinszeitschrift "Herold" die Gemeinschaft, und "Liebe zu den Führern heiligt den Bund".
Die Treuesten der Getreuen gehen alljährlich für König Oelb "unter die Gralssucher": Ritter und Knappen schleppen verwitterte Felsbrocken in den Hunsrück -- "Steine", so Oelbermann, "vom sagenumwobenen Gral auf dem Berge Montségur in Südfrankreich". Mit diesen Steinen errichten sie auf dem Burggelände "unserem unvergeßlichen Robert ein Zeichen der Erinnerung".
Robert, Karl Oelbermanns Zwillingsbruder, ist laut "Herold" der "Märtyrer unserer Idee". Und Karl, des Märtyrers größter Apostel, empfängt noch immer Losungen: Er "horcht innerlich auf die Stimme seines Bruders, die in der Ferne des Jenseits kaum mehr zu vernehmen ist".
Alt-Wandervogel und Weltkrieg-I-Teilnehmer Robert Oelbermann hatte einst in den Bünden der Jugendbewegung "Adelsherrschaft" statt Demokratie gefordert, und "die oberste Macht in den Gauen" sollte "nur in den Händen eines Gau-Adels liegen".
In der Neujahrsnacht 1919/20 gründeten Robert und Karl Oelbermann einen autoritär gegliederten "Nerothenbund"; in einer Höhle nahe dem Dorf Neroth in der Eifel schworen sich die Zwillinge und sechs Anhänger "ewige Treue".
Auf Streifzügen durch den Hunsrück stieß die Oelbermann-Schar wenig später auf die mittelalterliche Burgruine Waldeck im Baybachtal bei Kastellaun. Die Nerother -- wie sich Roberts Jünger nannten -- erwarben das alte Gemäuer, das einstmals dem Bosso von Waldeck gehört hatte, für wenig Geld und beschlossen, auf dem Gelände eine gigantische "rheinische Jugendburg" zu errichten. In einem guterhaltenen spätmittelalterlichen Trutzturm baute sich "Robert, der Nerother-König" ("Herold"), seinen Horst.
Doch hart bedrängt von der Hitler-Jugend, löste sich der Nerother Wandervogel
Am 19. September 1936 wurde der Nerother-König Robert Oelbermann wegen gleichgeschlechtlicher Unzucht zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt; 1941 starb er im Konzentrationslager Dachau Zwillingsbruder Karl, gegen den im Rahmen der NS-"Aktion zur Vernichtung der bündischen Reste" ebenfalls ein Haftbefehl vorlag, zog zu dieser Zeit mit einem Wanderkino durch Südafrika -- und blieb dort.
Als Karl Oelbermann 1950 in die Bundesrepublik zurückkehrte, tat er so, als habe sich seit 1933 nichts geändert. Andere alte Nerother hatten inzwischen die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW) wiederaufleben lassen und das Burggelände wieder in Besitz genommen. Karl Oelbermann dankte "der ABW von ganzem Herzen" für "die Treue zu Robert", trat dem Verein bei und gründete in der Neujahrsnacht 1950/51 den Nerother Wandervogel neu. Oelbs Motto: "Als Männer wollen wir gestalten, was wir als Jugendtraum geschaut,"
Den meisten Wandervögeln von einst freilich war solcherlei Romantik inzwischen abhanden gekommen; Klampfe, Hordenpott und Barett erschienen ihnen nicht mehr zeitgemäß. 1959 wurde Oelb aus der ABW ausgeschlossen -- auf der Burg aber hatte er Wohnrecht" und dort durfte er auch neue Anhänger um sich scharen, Als Bundesführer schlug er -- wie einstmals Robert -- Knappen in Silvesternächten zu Rittern.
Die ideologischen Gegensätze zwischen ABW und Oelbermanns Nerothern sind seither unüberbrückbar: Oelb ließ Ideengut und Organisationsformen der alten Jugendbewegung in seinen Horden neu aufleben, während die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck "das romantische Rittergetue" für unzeitgemäß und lächerlich hält. Oelbs Wandervögel schwärmen von einer "aristokratischen Lebensform" als einer "Herrschaft der Besten" -- für die ABW ist das "eine dumme Herausforderung" der Demokraten.
Ein Burgfriede auf der Waldeck ist nicht mehr möglich. Als ein studentischer Kreis in der ABW 1964 zum erstenmal Folklore-Sänger einlud, meinten Oelbs Klampfen-Kämpfer, sie könnten noch mitmusizieren. Schockiert vom engagierten Lied der Degenhardts, Hüschs und Süverkrüps, zogen sich die Nerother dann aber bald in die Wälder zurück.
Fortan kam es zu Sabotage-Akten gegen das Festival. Die zunächst provisorische Holzbühne gegenüber Oelbs Domizil, dem Waldecker Säulenhaus, wurde demoliert und in Brand gesteckt. Eine Metallplastik im Gelände wurde umgestürzt und durch ein Klosett-Becken ersetzt. Karl Oelbermann 1967: "Jetzt geht es erst richtig los, jetzt werden die Klingen gekreuzt."
Doch dann hatten die Linken mit sich selbst zu tun: Durchs stille Baybachtal zog ein Hauch von Revolution. 1968, beim fünften Festival "Chansons Folklore International", wehten rote Fahnen von den Firsten, Mao-Bibeln wurden gehandelt, und eine dreitausendköpfige Menge in Gammelkluft skandierte "Ho-Tschi minh". Eine "Basisgruppe Waldeck" attackierte per Flugblatt die "singenden Fachidioten" auf der Bühne.
Als Folkloristen, Chansonniers und Protestler im Matsch eines Dauerregens zu klären versuchten, ob das Waldeck-Festival noch eine politische Bedeutung habe oder nicht (Flugblatt-Text: "Sänger werden bei revolutionären Aktionen nicht mehr benötigt"), steckten Nerother (Oelb: "Unsere jungen Löwen") vier erbeutete rote Fahnen in Brand. Die Menge stimmte darauf die Internationale an.
"Danach", so erinnert sich ABW-Vorsitzender Rudolf Schmaltz" "war der ganze Hunsrück in Aufruhr," Manch alter ABW-Mann -- noch eben für linke Lieder, doch nicht mehr für die Revolution zu haben -- war schockiert. Hinzu kamen in der ABW materielle Sorgen. Schmaltz: "Letztes Jahr haben wir 9000 Mark Defizit gemacht," In einem langwierigen Rechtsstreit um die Besitzrechte auf Waldeck entschied die vierte Zivilkammer des Landgerichts Koblenz unlängst zuungunsten der ABW. "Und jetzt", sagt Schmaltz" "ist auch die Bühne noch kaputt."
Wie bestellt sank das Podium der Linken am 7. Juni in Trümmer. Seither fahndet die Kripo von Bad Kreuznach nach den Attentätern; das Bundeskriminalamt entsandte zwei Sprengstoffexperten in den Hunsrück. Doch für ABW-Präses Schmaltz ist die Sache längst klar: "Das können nur die Nerother gewesen sein." Karl Oelbermann freilich ("Keiner weiß was, keiner sah was") verdächtigt Schmaltzens eigene Leute: "Wenn man sich selber sabotiert, macht man sich interessant." Und in den Kneipen rund um die Burg geht die Kunde von einem großen Unbekannten, der auf eine preisgünstige Zwangsversteigerung des Burggeländes aus sei.
In dem Sängerkreis kündigt sich inzwischen eine Art Endkampf an. Während die ABW noch zögert, ob sie dieses Jahr überhaupt ein Festival veranstalten soll, hat die "Projektgruppe Waldeck" bereits Vertreter von 1400 westdeutschen Apo-Gruppen für die Zelt vom 10. bis 15. September auf die Burg eingeladen.
Bereitschaftspolizei in den Wäldern rundum soll notfalls die Linken vor den Rechten und die Rechten vor den Linken schützen. König Oelb erwartet die welschen Apo-Haufen grimmig: "Als die Hitler-Jugend 1933 aus allen Büschen kam, um Burg und Hütten zu besetzen, da habe Ich einen Moment überlegt, ob ich nicht einfach alles anzünden soll."

DER SPIEGEL 30/1969
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