21.07.1969

MITTELAMERIKA / FUSSBALLKRIEGFeld der Ehre

Durch die nächtlichen Straßen von Tegucigalpa lärmten Trommeln und Trompeten. In der Hauptstadt des mittelamerikanischen Bananenstaats Honduras zogen Fußballfans lärmend vor das Hotel, in dem die Gegner wohnten: die Nationalelf des benachbarten Kaffeestaates El Salvador.
Zwei Nächte währte der Krawall. Dann trat die müde Mannschaft von El Salvador am 8. Juni zum Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft gegen Honduras an und verlor 0:1.
Der Abpfiff des bösen Spiels war das Signal zu einem Konflikt, der den Rat der "Organisation Amerikanischer Staaten" (OAS) zu Dauersitzungen zwang und die Grollen der Welt zu Mäßigungsappellen veranlaßte -- so Uno-Generalsekretär U Thant und Papst Paul VI.
Denn seit Montag letzter Woche fallen wegen der Bälle Bomben. Zwischen El Salvador und Honduras wurde wegen Fußball Krieg geführt.
Nach dem Rückspiel in El Salvador (Ergebnis: 3:0 für die Gastgeber; zwei Tote unter den Schlachtenbummlern) trieben die geschlagenen Honduraner die in ihrem Land ansässigen Bürger El Salvadors zu Tausenden über die Grenze. Die Regierung von El Salvador zieh den Nachbarstaat des "Völkermords": In Honduras lebende Salvadorianer hätten Folterungen und Kastration erdulden müssen. "Diese unerhörten Geschehnisse", befand El Salvadors Unesco-Beauftragter Gallardo, "gleichen denen in Vietnam und Biafra."
Nach dem Endspiel auf neutralem mexikanischem Boden am 26. Juni (3:2 für El Salvador) brachen beide Regierungen die Beziehungen zueinander ab. Vorigen Montag flogen salvadorianische F-51 "Mustang"-Bomber einen Angriff auf die Städte des Fußball-Feindes Honduras (zwölf Tote, 35 Verwundete). Tags darauf bombardierte Honduras mit Corsair-Maschinen aus dem Zweiten Weltkrieg den Flugplatz der gegnerischen Hauptstadt San Salvador sowie Erdöltanks und -raffinerien -- darunter eine von Esso und Shell betriebene Anlage in Acajutla. Die salvadorianische dritte Infanterie-Brigade setzte sich nach Nordosten in Marsch.
In das nur dünn besiedelte Honduras waren seit Jahren friedliche Bürger des übervölkerten El Salvador ausgewandert -- auf der Suche nach Land. Honduras (2,5 Millionen Einwohner) hat fünfmal soviel Bodenfläche wie El Salvador (3,1 Millionen Einwohner), der mit 21 393 Quadratkilometern kleinste Staat Zentralamerikas.
Rund 300 000 Salvadorianer leben in der Nachbarrepublik, Oft haben sie brachliegenden Boden in Besitz genommen, der den Herren riesiger Latifundien gehört. Seit Honduras jedoch eine Landreform vorbereitet, sehen die Honduraner in den Eindringlingen Landräuber.
Erst der Fußball-Nationalismus steigerte den Streit zum Schießkrieg. Bei Kämpfen um die Grenzstadt Nueva Ocotepeque, die von Salvador-Truppen erobert wurde, haben die honduranischen Streitkräfte angeblich 400 Mann verloren. Fünf Klosterschülerinnen blieben in der Stadt Choluteca auf dem Feld der Fußball-Ehre. Über tausend Honduraner flohen vor den Truppen der Salvadorianer in das benachbarte Nicaragua.
Unterdessen suchte die Schlichtungskommission der OAS die streitenden Parteien zum Waffenstillstand zu bewegen -- doch weder El-Salvador-Präsident Sánchez Hernández noch Honduras-Staatschef López Arellano waren Ende der Woche bereit, das Feuer einzustellen. Allmählich jedoch gehen den Kriegern die Geräte aus: Beide Seiten brüsteten sich letzte Woche, die gegnerische Luftwaffe so gut wie vernichtet zu haben. Nur zu Lande schossen sie noch weiter.
Moralische Mitschuld an den Querelen entdeckte US-Senator Fulbright, Vorsitzender des Außenpolitischen Senatsausschusses: Militärhilfe der USA (1968: 800 000 Dollar an Honduras, 500 000 Dollar an El Salvador) habe den Krieg erst möglich gemacht.
"Sie hätten vielleicht mit Fäusten und Füßen gekämpft", überlegte Fulbright, "wenn wir sie nicht mit Waffen versorgt hätten."

DER SPIEGEL 30/1969
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MITTELAMERIKA / FUSSBALLKRIEG:
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