14.07.1969

GESELLSCHAFT / SOLIDARISERUNGMit Lustgewinn

Unter einem roten Mao-Poster lehnte Niedersachsens Justizminister Gustav Bosselmann (CDU) an der Theke des hannoverschen "Club Voltaire", ließ sich ein Glas "Gilde"-Bier einschenken und sagte dann, er sei gekommen, weil er wisse, daß hier "ein gutes Publikum" weile.
Das Publikum im verräucherten Clubraum stellten etwa 150 Antiautoritäre. Sie hatten jenen Elf-Tage-Feldzug gegen die hohen Straßenbahntarife ausgerufen, vor dem die Stadt, die Polizei und die hannoverschen Verkehrsbetriebe schließlich kapitulierten.
Zweieinhalb Stunden lang diskutierte Christdemokrat Bosselmann, 54, mit jenen Linken, die der Christdemokrat Heinz Müller, 49, im niedersächsischen Landtag gerade als "gelernte Revoluzzer" eingestuft hatte, deren Ziel es sei, "Unsauberkeit, Unmoral und Unordnung in dieses Land hineinzutragen".
Bosselmann dagegen ("Es war eine erstaunlich sachliche Diskussion, und ich würde gern einmal wiederkommen") fand im Club Voltaire zu einem anderen Urteil und erklärte sich mit der These einverstanden, Politiker und Behörden müßten sich um "ein neues Demokratieverständnis" bemühen.
Verständnis des einen Christdemokraten und Unvermögen eines anderen, das Geschehen zu begreifen, illustrieren die Ratlosigkeit, die der Verbrüderungsakt zwischen Bürgern und Bürgerschrecks allenthalben hinterlassen hat.
Und wie Gustav Bosselmann in der Union, kollidierte Soziologie-Professor Peter von Oertzen mit seinen Sozialdemokraten, als er vor dem niedersächsischen Landtag Positives an der "politischen Bewegung" entdeckte, die eine Woche lang den bislang unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Opas und Apos aufhob.
Freilich: Bei den Empfindungen, die der erfolgreiche Boykott bei der Obrigkeit erweckt hat, dominiert Wochen nach jener schier unerklärlichen Solidarisierung die Angst, der Fall könne zum Modell werden.
In Bonn hielt CDU-Generalsekretär Bruno Heck die hannoversche Volksherrschaft für ein Beispiel, wie leicht "die Autorität der Demokratie an immer neuen Stellen zu zerstören und zu ... überspielen" sei.
Und die "Frankfurter Allgemeine" sorgte sich: "Was heute mit den Straßenbahntarifen geschieht, könnte morgen den Mieten, den Rundfunkgebühren, den Tarifen von Bahn und Post, den Preisen für Bier, Fleisch, Strom, Wasser, Benzin, Milch und Obst widerfahren." Daher: "Ein Präzedenzfall Ist geschaffen worden, der jenen revolutionären Kräften beträchtlichen Auftrieb geben wird."
Ob die Volksfrontbewegung wirklich ein Musterfall war und wie sie zustande gekommen ist, erforschte nun eine Arbeitsgruppe von Soziologen der Technischen Universität und der Medizinischen Hochschule Hannover.
Vorab kamen die Wissenschaftler zu dem Schluß, daß der Tarifstreit von der Außerparlamentarischen Opposition weder "besonders organisiert" noch "bewußt geplant" gewesen ist. Dr. Michael Vester, 29, Assistent am TU-Seminar für Wissenschaft von der Politik: "Die Vorbereitungen der Apo beschränkten sich auf reine Meinungsbildung. Was dann geschah, hat sich ihr mehr oder minder aufgezwungen."
Es hatte ganz beiläufig begonnen: In dem nicht mehr als 25 Mitglieder zählenden "Marxismus-Arbeitskreis" des hannoverschen SDS war das Thema erst am 1. Juni -- dem Tag der Tariferhöhung -- auf die Tagesordnung gesetzt worden, nachdem die Stadtverwaltung eines ihrer Freizeitheime für eine öffentliche Diskussion nicht hergeben wollte.
Die Genossen beschäftigten sich mit der Vorbereitung von Protestversammlungen, beratschlagten, was zu tun wäre, "wenn wir von der Polizei zerschlagen werden", und beschlossen, dann eben die Straßenbahn umsonst zu benutzen: "Schwarzfahren statt gehen kommt billig zu stehen."
Dieser Plan erwies sich schon am zweiten Protesttag als nebensächlich. Denn als die Polizei mit Knüppel und Tränengas anrückte, um 500 Demonstrierer von den Straßenbahngleisen am Steintor zu verjagen, wurde der Apo unversehens klar, "daß wir mehr werden würden" (Hannovers SDS-Chef Alfred Krovoza, 29).
Und so rekonstruierten es auch die TU-Soziologen: "Der Polizei gelang es nicht, die Passanten auf ihre Seite zu bringen." Schlimmer: Als die Polizisten die Zuschauer aufforderten, nach Hause zu gehen und damit zu zeigen, daß sie mit der Demonstration nichts zu schaffen haben wollten, reagierten die Bürger antiautoritär: Sie johlten.
Die "Stellvertretungsthese" linker Soziologen erwies sich als zutreffend: Arbeiter wie Hausfrauen, Rentner und Jugendliche erkannten ohne langes Nachdenken, daß für ihre Interessen demonstriert wurde. Und der Versuch der Staatsgewalt, "ein soziales Problem militärisch zu lösen", so die Arbeitsgruppe, ließ "eine antiobrigkeitliche Stimmung" aufkommen, die von Tag zu Tag populärer wurde.
SDS-Krovoza: "Dieses Maß der Solidarisierung hatten wir nicht eingeschätzt. Wir waren zwar agitatorisch die Spitze dieser Bewegung, aber organisiert hatten wir gar nichts. Es gab nicht einmal ein Komitee." Soziologe Vester dazu: "Der SDS war wortführend, er war der Formulierer, aber er dominierte nicht."
Niemand hatte etwa geplant, durch die Stadt zu ziehen, die blockierten Straßenbahnen abzukuppeln und mit Spezialgerät die Luft aus den Busreifen zu lassen. Vester: "Ganz sicher waren das kleine Gruppen von Facharbeitern, die sich aus freien Stücken zusammengetan hatten. Studenten waren es bestimmt nicht, die wissen nicht einmal, wie man im Audimax das Licht an knipst."
Das Erfolgserlebnis der demonstrierenden Menge war komplett, als die Polizei sich zurückzog, die Straßenbahnen in den Depots blieben, die Stadtverwaltung schließlich selber 50 000 "Rote Punkte" drucken ließ.
Die Rote-Punkte-Aktion wurde, so die Soziologengruppe, "Gemeineigentum" in Hannover. Es entstanden "neue Organisationsformen, neue kulturelle Muster, eine fröhliche Toleranz, die sich auf die ganze Stadt übertrug". Der SDS konstatierte ein "Musterbeispiel für die Fähigkeit der Massen, sich selbst zu organisieren
Nichts galt mehr: Ohne Polizeiaufsicht fuhren die Hannoveraner auf ihren Straßen mit 90, wo es möglich, und mit 30, wenn es nötig war. Wie selbstverständlich überfuhren sie Leitlinien, parkten "mit Lustgewinn" (SDS) im Halteverbot, hielten auf den geheiligten Grünflächen der Verkehrskreisel, regelten selber den Verkehr.
Die Soziologen registrierten eine "unbekümmerte Inbesitznahme zuvor verbotener Zonen. Die Öde der City war aufgehoben, Hannover eine Kette von Dorfplätzen, die Leute betrachteten die Stadt wieder als ihre Stadt, sie waren nicht mehr isoliert, nicht mehr allein, und alle haben das empfunden".
Mehr noch: Die Bürger entwickelten "neue Rituale, neue Sitten und neue Gebräuche". Unsicher und deshalb überschwenglich wurden sie von Verhaltensweisen jenseits der gewohnten Gleichgültigkeit ergriffen. Es gab "übertriebene Höflichkeit", Geschenke an Unbekannte, Verbrüderungen auf offener Straße.
Wissenschaftler Vester: "Die neuen Verhaltensmuster enthielten einerseits Momente einer Volksgemeinschaft, andererseits aber auch utopische Strukturen einer neuen Kommunikations- und Lebensweise, einer neuen solidarischen Kultur. Soziologisch: Elemente einer Kulturrevolution."
Es war "ein enormes Lernmotiv" für die Soziologen, die zeitweilig sogar "Vorformen von Rätestrukturen" zu erkennen glaubten, die "Existenz einer vorpolitischen, noch unstrukturierten Jugendbewegung" wahrnahmen und, alles in allem, eine überraschende "Aufnahmebereitschaft für eine neue Art des Sozialismus" notierten, denn: "Kapitalistisch war das bestimmt nicht."
Fazit der Forschergruppe: Das Ereignis von Hannover habe in der Bevölkerung die Ahnung einer "neuen Lebensqualität" geweckt und zugleich den Politikern einen "nachhaltigen Schock" versetzt.
Darüber, wie lange der Schock und das Bewußtsein einer neuen Lebensqualität die alltägliche Trägheit überdecken werden, gehen derweil die Meinungen der Soziologen auseinander. Für den Kölner Ordinarius Professor Erwin K. Scheuch zum Beispiel ist in Hannover lediglich ein "Solidaritätsgefühl in Notsituationen" remobilisiert worden, Teil eines "Alternativsystems, das wir mit uns herumtragen, so, wie wenn der Strom ausfällt und man greift aufs Notaggregat zurück" -- fernab aller ideologischen Motivation.
"Wenn man den erfolgreichen Kampf um billigere Straßenbahntarife feiert", sagt Scheuch, dann müsse man auch die ungewöhnliche Solidarität in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs preisen und "genausogut einen Hymnus auf die Hamburger während der Flutkatastrophe singen". Und schließlich, so meint der einstige Harvard-Dozent, sei es auch anderswo nicht anders: "Jedes Jahr, wenn in den USA die Zeit der Wirbelstürme gekommen ist, beginnen die Leute ganz spontan, den Verkehr zu regeln, einander zu helfen."
Danach "funktioniert wieder der gewöhnliche Alltag".

DER SPIEGEL 29/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESELLSCHAFT / SOLIDARISERUNG:
Mit Lustgewinn

Video 00:38

Skifahrer filmt Lawinenabgang Plötzlich bricht der Schnee weg

  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg