30.01.1967

Felix RexhausenPLISCH UND PLUM

Kratzt sich Plisch, kratzt sich Plum. Wedelt Plum, wedelt Plisch. Soll der eine schönmachen, machen beide schön. Gibt Plisch Laut, nickt Plum. Gibt Plum Laut, nickt Plisch.
Warum ist dieses Verhalten sofort ganz besonders eindrucksvoll?
Mancher in unserem Lande hat bei der Bildung der Bonner Grollen Koalition befürchtet, es werde zwischen der CDU und dem neuen Partner, der ihre Politik fast zwanzig Jahre lang bekämpft hat, Differenzen geben. Plisch und Plum beweisen das Gegenteil!
Gewiß: Das war nicht von vornherein zu ahnen. Noch Ende November wollte Plum statt des bloßen Finanzministeriums ein Überministerium haben, das auch über "Geld und Kredit" bestimmen sollte. Plisch widersprach: Er wolle nicht nur "Gewerbeminister" sein. Plum mußte nachgeben. Unter sich gar nannten die Sozialdemokraten Plum eine "Kröte, die eben geschluckt werden muß", Andererseits gaben sie nun aber auch ihr jahrelang negatives Urteil über den Bundeshaushalt auf -- sie waren sogar bereit, bei Steuererhöhungen mitzuhelfen.
So ging alles gut. Anfang Dezember konnten sich die Minister des neuen Kabinetts zum Eid versammeln, und Wilhelm Busch hatte in seinem Comic strip über das reizende Hundepaar richtig vorausgesehen: Freudig eilen sie ins Haus, Plisch und Plum geschwind voraus.
Diese beiden freuten sich besonders -- beide hatten ihr hohes Amt erst für später erhofft. Schon durch ihre Aufgabe sind sie aufeinander angewiesen: Sie sollen die deutsche Wirtschaft wieder nach oben bringen. "Alleh, Plisch und Plum, apport!" Tönte das Kommandowort.
Wie verschiedenartig sind sie! Dennoch sind sie ein Herz und eine Seele. Plisch ist leicht, Plum schwer; Plisch ist eine eher überzüchtete, Plum eine eher urige Rasse; die Stimme des einen tönt mehr aus der Nase, die des anderen mehr aus der Brust; der eine hat mehr Theorien, der andere mehr Kräfte; Plisch ist aus Hamburg, Plum aus Bayern; Plisch ist mehr Professor, Plum mehr Musterschüler; Plisch ist voll Wohlwollen, Plum voll Eifer.
Oftmals wirken sie nun gemeinsam bei Pressekonferenzen oder im Fernsehen mit:
Dieses ist für Plisch und Plum Ein erwünschtes Gaudium.
Aber auch für den Bürger ist das Fernsehen eine Freude, seit Plisch und Plum im Kabinett sind. Wer vorigen Montag Kurt Wessels Spätschoppen "Unter uns gesagt" gesehen hat, möchte die beiden wiedersehen. Sie sind großartig.
Plisch und Plum treten auf, als seien sie ein einziges Geschöpf. Stets sind sie "einer Meinung". Wenn Plisch oder Plum spricht, dann nickt Plum oder Plisch dazu und ruft dazwischen "Ja, genau!". Sagt Plisch: "Das Wachstum des Sozialprodukts wirft Plum ein: "Real!", und Plisch wiederholt: "Real. Ja, real." Fordert Plum "wirtschaftliches Normalverhalten" von den Leuten, wünscht gleich auch Plisch das "Normalverhalten". Plisch zitiert Plum, Plum zitiert Plisch, Plisch betont, wie sehr ihn Plums Worte freuen.
Plisch ist etwas unsicher, weil er so lange in der Opposition war -- um so netter zu Plum. Plum ist etwas unsicher, weil er so kurz erst Volkswirtschaftslehre übt -- um so netter zu Plisch. Beide sagen stets "Wir", "Wir", "Unser Weg der konzertierten Aktion", "Unser Paket von Maßnahmen", "Wir". Plisch bittet höflich, die erste Frage doch an Plum zu richten -- Plum bringt stets wieder wissenschaftliche Klärungen zu Sätzen von Plisch.
Der Bürger ist glücklich. Plisch, der fachmännisch kühle Professor, und Plum, der staatsmännisch bedächtige Adept -- so lieb, so herzlich, so brüderlich zueinander! Solches Zusammenspiel ist noch von keinem Bonner Kabinett vorgeführt worden. Wie Plisch so fragend zu Plum, Plum so fragend zu Plisch hinsieht!
Doch sie wissen sehr gut: Der Ruhm ihrer restlosen Harmonie gehört keinem von ihnen allein. Damit kommen auf beide schwere seelische Zerreißproben zu. Denn ob sie auch in den nächsten Wahlkämpfen immer gemeinsam auftreten können, muß fraglich erscheinen. Ja, beglückende Momente wie die folgenden zu erleben, wird dem deutschen Volke versagt bleiben:
Plisch klärt eine Wählerschar auf: "Die CDU/CSU ist ein lahmer Verein!", und Plum ruft dazwischen: "Strukturell!". Oder Plum entsetzt sich auf einer Kundgebung: "Die SPD ist erschreckend linksradikal!", und Plisch nickt dazu: "Ja, ganz genau!".
Traumbilder. Schade.
Von Felix Rexhausen

DER SPIEGEL 6/1967
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