30.01.1967

PARTEIEN / SPDHart auf den Kopf

Mit Kirche und Kommiß versöhnt, empfiehlt sich die SPD aufs neue als Partei für jedermann. Deutschlands Sozis haben sich mit einem Kerntrupp der Bourgeoisie arrangiert: Korporationsstudenten samt Band und Schläger.
Am 20. Januar hob der SPD-Vorstand einen Parteitagsbeschluß aus dem Jahre 1954 auf, wonach "die Mitgliedschaft in akademischen Korporationen, die dem Karteilverband Deutscher Korporationsverbände angehören ... mit der Mitgliedschaft in der SPD unvereinbar" ist.
Für die Sozialdemokraten war es eine "psychologische Vorfeldbereinigung" -- so Parteisprecher Frank Sommer. Den Korporierten erscheint es als natürliche Folge "gegenläufiger soziologischer Prozesse, der Nivellierung und Entschärfung sowohl bei den ehedem sozialistenfremden schlagenden Verbindungen als auch bei der vormals klassenbewußten SPD" -- so Dr. Hans-Heinrich Strobel vom "Hohen Kösener Senioren-Convents-Verband", der Dachorganisation aller Universitäts-Corps.
Manchen Genossen aber kommt es vor wie "eine weitere Demonstration der SPD in Richtung rechts und der Versuch, salonfähig zu werden" (Reimut Reiche, Bundesvorsitzender im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, SDS). Und das mißfiel: Der Erlanger Professor Erich Lange, der ehemalige bayrische Staatssekretär Eduard Brenner sowie der frühere Ulmer Oberbürgermeister Robert Scholl, Vater der 1943 wegen Hochverrats hingerichteten Geschwister Scholl, protestierten in einem Brief an Willy Brandt dagegen, daß die SPD das "Relikt der Mensur" sanktioniere.
"Mit Erstaunen und Unverständnis" registrierte Berlins Bezirksstadtrat und SPD-Linksaußen Harry Ristock das Phänomen. Und in Reimut Reiches radikalem SDS, von dem sich die SPD 1960 distanziert hatte, regte sich angeblich Heiterkeit Als wir von der Aufhebung des Unvereinbarkeitsbeschlusses hörten, haben wir bloß gelacht."
Ernst nahm es der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB), den die Partei als SDS-Ersatz bislang mit Geld und guten Worten förderte. Vorletzten Sonnabend setzten die SPD-Studenten auf einer außerordentlichen Bundesversammlung in Duisburg dem Bonner SPD-Parlamentarier Gerhard Jahn, 39, derart zu, daß der sein Redemanuskript zerriß und die Fetzen auf den Tisch schleuderte.
Student Rainer Jendis hatte vor dem Partei-Gesandten gespottet: "Wir fordern alle männlichen, deutschblütigen SHB-Mitglieder auf, in schlagende Verbindungen einzutreten. Dort ist ihnen die Aufgabe gestellt, renitente Studenten bei Pflichtmensuren hart auf den Kopf zu hauen. Nur so können sie sich wieder
Gnade beim Parteivorstand und ihre Karriere sichern."
Robert Scholl und Harry Ristock, SDS und SHB lieferten das letzte Gefecht in einer Auseinandersetzung, die ein Jahrhundert währte. Seit sich die Sozialdemokraten 1863 im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein formierten, standen Korporierte und Genossen in Feindschaft zueinander -- die einen feudalistisch und völkisch gestimmt, die anderen allem Herrschaftlichen und aller Deutschtümelei abhold. Die Elite-Allüren der Waffenstudenten, dargeboten in einem an Karnevalsbräuche gemahnenden Ritual, waren den Sozialisten ebenso zuwider wie den Korporierten Gedanken an eine Ballonmützen-Herrschaft. Noch 1954 versuchten Marburger Corpsstudenten, den SDS-Vorsitzenden Albert Pfuhl nächtens in den Marktbrunnen zu kippen.
Und doch zeichnete sich in dieser Zeit. da die SPD den Boykott-Beschluß gegen die Korporierten faßte, schon ein Wandel durch Annäherung ab. Zaghaft begann sich die SPD zur· Volkspartei zu läutern, was schließlich mit dem Godesberger Programm 1959 offenkundig wurde. Und die schlagenden Studenten schliffen mählich ihre zackigen Manieren an der Demokratie ab.
Zwar droschen sie noch immer mit Säbeln aufeinander, aber oft nur in einer einzigen Pflichtmensur, während ihre Alten Herren meist erst bei zehn oder mehr Partien zufrieden gewesen waren. Und auch die Burschenherrlichkeit hatte gelitten: Waren die Alten Herren während des Studiums vierspännig zum Frühschoppen ausgefahren, so wurde nun morgendliches Bummeln oder Ausschlafen unter Strafe gestellt, um die Aktiven zum Studium anzuhalten.
Und bei der SPD etablierten sich etliche Alte Herren, die mit Schmiß und Couleur politische Spitzenpositionen hielten. So
* Dr. Georg Diederichs, niedersächsischer Ministerpräsident und Angehöriger des Corps Hercynia Göttingen, > Dr. Friedrich Schäfer, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und korporiert in der Turnerschaft Hohenstaufia Tübingen, > die SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Gerhard Koch (Corps Borussia Tübingen), Dr. Gerhard Reischl (Burschenschaft Cimbria München) und Reinhold Rehs (Burschenschaft Gothia Königsberg),
* die Oberbürgermeister von Freiburg, Dr. Eugen Keidel (Corps Rhenania Freiburg), und Kaiserslautern, Dr. Walter Sommer (Corps Makaria München),
* die Ministerialbeamten Werner Groß, Staatssekretär in Niedersachsen (Landsmannschaft Hammonia-Marko Natangia Hamburg), und Erich Pfeil, Ministerialdirigent in Hessen (Landsmannschaft Chattia Gießen). Die Corpsbrüder übten, wie SPD-Kulturfachmann Waldemar von Knoeringen
versichert, "in der Partei keinen nachteiligen Einfluß aus. Wir hätten ja Hunderte "rausschmeißen müssen".
So waren es die von Partei-Vize Herbert Wehner auf Reformkurs getrimmten Sozialdemokraten, die eine Aussöhnung anbahnten. Erich Ollenhauer schickte zur Berliner Tagung der Burschenschaften 1963 ein Grußtelegramm. Und Willy Brandt hieß in der Hauptstadt anläßlich ihres 150. Gründungstages "die deutschen Burschenschaften herzlich willkommen".
Schließlich rührten sich auch die Korporierten, für die "der Beschluß von 1954 überhaupt keine Auswirkungen hatte", wie Helmuth Herzog, Vorstandsmitglied des Vereins Alter Corpsstudenten (VAC) erläuterte, und die ihn mithin "schon vorher gar nicht als störend" empfunden hatten (VAC-Vorsitzender Kurt Wiechert).
Dennoch plädierte der Chefredakteur der "Burschenschaftlichen Blätter", Ernst Wilhelm Wreden (Allemannia Heidelberg), für den Friedensschluß mit der SPD; der Convent Deutscher Korporationsverbände und der Convent Deutscher Akademiker (die Altherren-Organisation) schlossen sich an.
Am 29. und 30. April letzten Jahres tagten Verbindungs-Vertreter und sozialdemokratische Parteiführung in der Bonner SPD-Baracke und steckten die weltanschaulichen Standorte ab. Im Vorsitz wechselten SPD-Vize Fritz Erler und der damalige Bundestagsvizepräsident Carlo Schmid. Wortführer der Sozialdemokraten: MdB Gerhard Jahn.
Beim kalten Büfett schmeichelte Schmid den schmissigen Gästen: Die Kösener Corps hätten zum Beispiel im Dritten Reich Rückgrat bewiesen. In der Tat waren 1934 die Corps Suevia München, Suevia Tübingen, Vandalia Heidelberg, Rhenania Straßburg zu Marburg und Borussia Halle aufgelöst worden weil sie den NS-Befehl" ihre "jüdisch Versippten" Mitglieder auszuschließen, mißachtet halten.
Die Korporierten revanchierten sich mit artigen Bemerkungen: Schon die Väter des Sozialismus hätten sich auf dem Paukboden bewährt, zum Beispiel > Karl Marx, der einst in der Landsmannschaft Trevirana focht und noch in seinem Londoner Exil Band, Mütze und Schläger über dem Schreibtisch hängen hatte;
* Wilhelm Liebknecht, ehedem Führer der SPD, der gleich in drei Corps aktiv gewesen war: Rhenania Gießen, Hasso-Borussia Marburg und Rhenania Marburg;
* Dr. Rudolf Breitscheid, Preußischer Innenminister und SPD-Reichstagsabgeordneter, der sich bei der Burschenschaft Arminia Marburg geschlagen hatte und in der Fraktion "Lord Breitscheid" genannt worden war.
Im Juni letzten Jahres schließlich empfahl in Dortmund der SPD-Parteitag, den Unvereinbarkeitsbeschluß gegen die rund 22 000 Korporierten aufzuheben; vorletzte Woche parierte der Vorstand.
Deutschlands Sozialdemokraten sind wieder satisfaktionsfähig -- wie einst ihr Gründer Ferdinand Lassalle, der bei der Breslauer Burschenschaft der Raczeks aktiv war. Am 31. August 1864 wurde Lassalle im Duell um eine Liebesaffäre mit dem Adelsfräulein Helene von Dönniges so schwer verletzt, daß er starb.

DER SPIEGEL 6/1967
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