30.01.1967

Der Orden unter dem Totenkopf

16. Fortsetzung Die Waffen-SS im Krieg
Gruppenführer Gottlob Berger war entschlossen, die Waffen-SS zur Gegen-Wehrmacht auszubauen. Mochte er auch das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und sogar Hitler gegen sich haben -- Berger hielt an seinen Erweiterungsplänen fest.
Er hatte inzwischen eine zentrale Position erlangt: Seit dem 1. Juni 1940 leitete er das 55-Hauptamt und war damit der für die Expansion der Waffen-SS entscheidende Mann.
Nach dem Westfeldzug war die Führung der Waffen-SS auf zwei Hauptämter verteilt worden. Aus der Inspektion der SS-Verfügungstruppe (VT) hatte Himmler am 15. August das Führungshauptamt als -- so der Gründungsbefehl -- "Kommandostelle zur militärischen Führung der Waffen-SS" gebildet, während das SS-Hauptamt für die weltanschauliche Erziehung, die Werbung und vor allem für die Ergänzung der Waffen-SS zuständig sein sollte.
Berger sann auf neue Mittel zur Vergröllerung seiner Heerscharen. Die Wehrmacht verweigerte ihm weitere Ersatzeinheiten für die Waffen-SS, er mußte seine Rekruten auf einem Feld finden, das dem Zugriff der OKW-Generale entzogen war.
Und er fand es. Jenseits der Reichsgrenzen, namentlich auf dem Balkan, lebten Hunderttausende von Volksdeutschen -- Bürger fremder Staaten, und dennoch aufgepeitscht durch Hitlers Eroberungszüge und die Lockrufe der großdeutschen Heim-ins-Reich-Propaganda. Diese Volksdeutschen galt es in die Waffen-SS zu ziehen, hier konnte kein General der Wehrmacht die Heranbildung einer Riesenreserve für Himmlers militärische Legionen verhindern.
Berger fing in seiner eigenen Familie an. Er hatte einen Schwiegersohn namens Andreas Schmidt, der die deutsche Volksgruppe in Rumänien leitete. Der Ultra-Nazi Schmidt, Urtyp des unreifen, vom Hitler-Kult trunkenen Jungfanatikers, versprach seinem Schwiegervater. der Waffen-SS die Tore des Rumänien-Deutschtums zu öffnen.
Im Frühjahr 1940 konnten Schmidt und Bergers Beauftragte 1000 Rumänien-Deutsche illegal außer Landes bringen, obgleich die rumänischen Behörden darüber wächten, daß keiner ihrer wehrpflichtigen Bürger zu fremden Armeen desertierte. Der rumänische Erfolg begeisterte Berger derart, daß er Himmler im August 1940 vorschlug, die Wehrdienstfähigen der anderthalb Millionen Volksdeutschen Südosteuropas in die Waffen-SS zu lenken -- mit oder ohne Hilfe der zuständigen Regierungen.
Schier unerschöpflich war Bergers Phantasie, wenn es galt, Volksdeutsche in die Reihen der Waffen-SS zu schmuggeln. Die SS-Freiwilligen wurden als Wanderarbeiter getarnt, sie versteckten sich in deutschen Lazarettzügen, sie schlüpften im Troß der Südosteuropa durchquerenden SS-Divisionen unter.
* Letztes Photo des SS-Kriegsberichters Gottschmann, der wenige Minuten später fiel.
Später schloß Bergers SS-Hauptamt mit den ausländischen Regierungen Verträge, die es Volksdeutschen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubten, sich freiwillig zur Waffen-SS zu melden und ihr Gastland offiziell zu verlassen.
Mit solchen Mitteln fiel es Berger leicht, immer mehr Volksdeutsche in die Waffen-SS zu pressen. Ende 1943 stellten sie bereits ein Viertel des Mannschaftsbestandes der Waffen-SS, bei Kriegsende dienten 310 000 Volksdeutsche aus ganz Europa in den SS-Einheiten.
Inzwischen war Berger auf ein neues großes Rekrutenreservoir gestoßen: auf das, was man in der SS die germanischen Länder nannte. Die deutschen Anfangs-Blitzsiege hatten in Nord- und Westeuropa eine Jugend elektrisiert, vor deren Augen binnen weniger Wochen eine Welt zusammengebrochen war, die Welt der bürgerlichen Demokratien. Manchem einfältigen Gemüt erschienen die Eroberer, die durch die Straßen Oslos, Brüssels oder Den Haags marschierten. wie federnd-jugendliche Sendboten eines neuen Zeitalters.
In manchem jungen Belgier oder Holländer oder Norweger erwachte der Wunsch nach Anpassung, stieg die Sehnsucht auf, den Anschluß an die neue Zeit nicht zu verpassen. Sie waren freilich nicht immer die blauäugigen Idealisten, als die sie in die Legende der Waffen-SS eingegangen sind. Der Drang nach dem Abenteuer trieb sie ebenso wie die Aussicht, Karriere zu machen und dereinst als Wehrbauern über Millionen slawischer "Untermenschen" zu gebieten.
Nur eine Minderheit folgte politischen Ideen; ein knappes Drittel jener 125 000 Westeuropäer, die in der Waffen-SS kämpften, mag pronazistischen oder nationalistischen Parteien angehört hahen, in denen die Anpassung an die neuen deutschen Herren ihren krassesten Ausdruck fand.
Im Frühjahr 1941 entstand die erste große Ausländer-Einheit, die Division "Wiking", zusammengesetzt aus flämischen, niederländischen, dänischen und norwegischen Freiwilligen sowie deutschem Rahmen- und Führungspersonal.
Die germanische Waffen-SS häutete sich bald zur europäischen Truppe, denn immer neue Völkerschaften sickerten in sie ein und verwässerten ihre NS-Ideologie. Selbst im Osten rekrutierte Berger für die Waffen-SS. der orientalische Fes und die Kosakenmütze brachten zusehends eine bizarre Note in das weltanschaulich einst stromlinienförmige Puritanerheer Himmlers.
Von Jahr zu Jahr wurden Bergers Rekrutierungslisten länger, von Jahr zu Jahr schwoll das Heer der Waffen-SS explosiver an:
* Mitte 1940: 100 000 Mann
* Ende 1941 220 000 Mann,
* Ende 1942: 330 000 Mann,
* Ende 1943: 540 000 Mann,
* Ende 1944: 910 000 Mann.
Gottlob Berger führte dem Kommando der Waffen-SS ein Rekrutenheer zu, das den Offizieren des Führungshauptamts endlich erlaubte, das ungeliebte Kleid der Staatstruppenpolizei abzuwerfen. Die Waffen-SS trat an zu einem ungewöhnlichen Siegeszug durch die Kriegsgeschichte.
Schon im Westfeldzug von 1940 hatte die Waffen-SS demonstriert, daß sie sich mit den Elitedivisionen des Heeres messen konnte. Die Militärathleten der Schutzstaffel brachen los und stürmten durch Holland, Belgien und Frankreich -- ohne Rücksicht auf eigene Verluste und getrieben von einer blinden Angriffswut, die Himmlers Armee von allen anderen Einheiten der deutschen Wehrmacht unterschied.
Dem SS-Obersturmführer Kraas von der Leibstandarte wurde nach dem Bericht des Waffen-SS-Chronisten Stein das erste Eiserne Kreuz I. Klasse des Feldzugs verliehen, und das war nicht ohne Symbolik: Immer wieder traten SS-Einheiten an die Spitze der Angriffsverbände und trieben die Invasion voran.
Beeindruckt und erschreckt zugleich beobachteten die
Generale des Heeres die Kampfbesessenheit der 55-Grenadiere, die manchen Traditionalisten Vorboten eines neuen Kriegertums dünkten, das der Rationalität einer sinnvollen und noch kalkulierbaren Kampfführung hohnsprach. Vielen erschien die SS-Truppe, wie der Soziologe Werner Picht bemerkt, "nicht als neue Form des Frontkämpfertums, sondern als verschworene Gemeinschaft, die für jeden Führerauftrag zur Verfügung" stehe.
Der Panzergeneral Erich Hoepner brachte den Widerwillen der konservativen Militärs auf eine einfache Formel. Als der ihm unterstellte Totenkopf-Kommandeur Eicke meldete, ein bestimmter Angriffsbefehl sei ausgeführt worden, Menschenleben hätten dabei keine Rolle gespielt, da wurde der alte Reiteroffizier Hoepner ärgerlich. Er fuhr Eiche an: "Das ist die Mentalität eines Schlächters!"
Die Heeresoffiziere stießen sich daran, daß die Führer der Waffen-SS offensichtlich nie gelernt hatten, die ihnen anvertrauten Menschen umsichtig einzusetzen. Die SS-Führer praktizierten im Felde, was sie sich auf den Junkerschulen einst eingeprägt hatten: die Parole, den Tod zu geben und den Tod zu nehmen, sei höchstes Gebot der Truppe.
Auf den Schlachtfeldern Westeuropas war der Wehrmacht ein erfolgreicher Nebenbuhler erstanden, dessen Elan den Diktator im Führerhauptquartier beeindrucken mußte. Hitler machte denn auch in einer Reichstagsrede am 19. Juli 1940 den Einsatz "der tapferen Divisionen und Standarten der Waffen-SS" publik. Das Lob des Diktators, die eigenen Erfolge und nicht zuletzt die Zurückhaltung des militärischen Nebenbuhlers festigten Arroganz und Korpsgeist einer Truppe, die mit der traditionellen Verachtung eines Gardisten für den gewöhnlichen Soldaten auf die militärische Umwelt herabblickte.
Von Schlacht zu Schlacht gerierte sich die Waffen-SS zusehends als die militärische Elite der Nation. Mochten die SS-Soldaten auch gelernt haben, besonders gläubige, kompromißlose Kämpfer für den Nationalsozialismus zu sein in ihrer Mentalität unterschieden sie sich kaum von Amerikas Ledernacken oder Frankreichs späteren Paras: Sie alle umhüllte ein Mythos der Härte und Mannhaftigkeit, sie alle elektrisierte das Bewußtsein, Mitglieder einer aristokratischen Minderheit zu sein eines Sonderkollektivs mit eigenen Gesetzen und eigenen Loyalitäten.
SS-Gruppenführer- Hans Jüttner, Stabschef und später Chef des Führungshauptamts, wachte streng darüber, daß die Verbände der Waffen-SS den militärischen Normen und Anforderungen der Wehrmacht genügten. Immer stärker drängte er alle Erinnerungen an den einstigen Polizei-Charakter der SS-Truppe zurück. Das sollte auch Theodor Eicke zu spüren bekommen, dessen pseudorevolutionärer Antimilitarismus nicht mehr in das Konzept der militärischen Garde paßte. Jüttner hielt es im Interesse des militärischen Renommees der Waffen-SS für dringend geboten, dem dilettantischen
* Bosnische Freiwillige der 13. Waffen-Gebirgs-Division-ss "Handschar" beim Gottesdienst mit ihrem Imam (r.).
Ex-Zahlmeister das Kommando über die Division zu nehmen.
Zuviel Sprengstoff hatte sich angesammelt: In der Totenkopf -Division war es zu dem ersten großen Kriegsverbrechen im Westen gekommen (ein Kompaniechef des 2. Regiments hatte am 26. Mai 1940 bei den Kämpfen in Nordwestfrankreich 100 britische Kriegsgefangene erschießen lassen), in manchen Einheiten der Division grassierten die barbarischen Sitten der alten KZ-Garde, Eicke ließ heimlich aus den Konzentrationslagern Dachau und Oranienburg Waffen zu seiner Division schaffen, weil er sich von der Wehrmacht benachteiligt wähnte.
Als Eicke im August 1940 den zur Entlassung vorgesehenen Soldaten seiner Division einen Revers aufnötigte, der sie verpflichtete, sich niemals über die internen Verhältnisse der Division zu beschweren, rief Jüttner den gefürchteten Grobian zur Ordnung. Eicke bekam vom Kommando der Waffen-SS den Befehl, die Verpflichtungsschreiben sofort zu kassieren.
Wutentbrannt gab der Gruppenführer zurück, er habe bisher grundsätzlich nur Befehle des Reichsführers entgegengenommen, daher könne es sich Jüttner zur Ehre anrechnen, daß er ihm seine Mitarbeit zugesagt habe. Eicke: "Der Ton, der einem höheren SS-Führer und Kommandeur einer Division in Schreiben (des Führungshauptamtes) angeschlagen wurde, ist nicht einmal unter eingefleischten Militärs üblich."
Zuweilen beteiligte sich sogar Himmler am Anti-Eicke-Feldzug. Als er einmal in einem Divisionsbefehl "zum Gaudium aller" (Himmler) las, Eicke lasse auch seine Regimentskommandeure wegen Kleinigkeiten bestrafen und die Geschlechtskrankheiten hoher Führer öffentlich bekanntgeben, brauste Himmler auf: "Lieber Eicke, wenn ich so etwas lese, zweifle ich an Ihrem Verstand. Und hier sind die Augenblicke, in denen ich zweifle, ob Sie wirklich eine Division führen können."
Dennoch erlaubte Himmler, der offiziell (bis Anfang 1943) Chef des Führungshauptamtes war, dem Stabschef Jüttner nicht, den einstigen KZ-Herrn aus dem Divisionskommando zu vertreiben. Eicke steckte einen Verweis ein und blieb Kommandeur der Division.
Das Führungshauptamt trieb inzwischen den militärischen Ausbau der Gardetruppen weiter voran. Das Kommando der Waffen-SS verfügte im Frühjahr 1941 bereits über vier Divisionen und eine Brigade (die Leibstandarte), als sich der Krieg gen Osten kehrte und die SS-Verbände zunächst auf den Kriegsschauplatz Balkan rief. Wieder bewährten sich die Einheiten der Waffen-SS als Angriffsspitze der deutschen Invasionsarmeen.
Kaum aber hatten die SS-Verbände ihre Ruhequartiere bezogen, da tickten die Fernschreiber des Führerhauptquartiers neue Befehle für die Armee der doppelten Sig-Rune. Adolf Hitler hatte den Überfall auf die Sowjet-Union beschlossen.
Doch ehe noch die Waffen-SS am 22. Juni 1941 um 3.15 Uhr das Kampffeld ihrer größten Bewährung betrat und die eigentliche Saga des Sig-Runen-Heeres begann, legte sich auf die Truppe ein Schatten, dem die Waffen-SS nie mehr ganz entrinnen konnte. Heinrich Himmler hatte eine Verfügung erlassen, die alle Truppen der Waffen-SS mit dem düstersten Winkel des schwarzen Ordens lose verband: mit den Konzentrationslagern.
Am 22. April 1941 legte Himmler fest, was er unter Waffen-SS verstanden wissen wollte. In einer Direktive des Führungshauptamtes ließ er 179 Einheiten und Dienststellen der Schutzstaffel aufführen, die sämtlich zu Bestandteilen der Waffen-SS erklärt wurden -- darunter auch die Konzentrationslager. deren Verwaltungsstäbe sowie die Totenkopf-Wachsturmbanne, also jene Einheiten, die 1939 nach dem Ausscheiden von Eickes Totenkopfverbänden aus dem KZ-Dienst aus nicht kriegsverwendungsfähigen Angehörigen der Allgemeinen SS, des Kyffhäuserbundes und der SA gebildet worden waren.
Auch die KZ-Wächter galten von nun an als Angehörige der Waffen-SS. Sie trugen die gleichen Soldbücher und Uniformen wie die eigentliche Waffen-SS, deren Kampfverbände an der Front standen und in das Terrorsystem des KZ-Imperiums nicht eingeschaltet waren.
Gleichwohl hatten die Schergen mit den Soldaten einiges gemeinsam: Das Führungshauptamt war auch zuständig für Bewaffnung und militärische Ausbildung der Wachsturmbanne, jede Versetzung von einem KZ in ein anderes mußte über das Kommando der Waffen-SS laufen. Schlimmer noch: Die Inspektion KL, das Führungsorgan der Konzentrationslager, gehörte zeitweilig (vom Herbst 1940 bis zum Frühjahr 1942) formell zum Führungshauptamt. bevor sie zum Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt überwechselte.
Die Waffen-SS mußte Truppen (etwa 1500 Mann) an die mordenden Einsatzgruppen abgeben, einige ihrer Ersatzeinheiten nahmen an grausigsten Unternehmen des Himmler-Ordens wie der Niederschlagung des Warschauer Getto-Aufstandes teil, und die Truppe mußte auch hinnehmen, daß die aus Wilddieben, Berufsverbrechern und kriegsgerichtlich Verurteilten zusammengesetzte Kriminellen-Brigade des Berger-Intimus Dr. Oskar Dirlewanger den offiziellen Status einer Einheit der Waffen-SS erhielt.
Die SS-Militärs glaubten dennoch, ihren Schild rein halten zu können. Sie sahen sich in dieser Annahme sogar von Himmler bestärkt, der mit einer Geste zu erkennen gab, daß die Kampfverbände der Waffen-SS von dem Terrorapparat getrennt sein sollten.
Anfang April 1941 schuf sich Himmler eine Art Waffen-SS innerhalb der Waffen-SS, eine Privattruppe, die er für seine eigene politische Kriegführung einsetzen wollte. Im Gegensatz zu den Kampfverbänden der Waffen-SS, die sofort nach Eintreffen im Frontgebiet unter die Befehlsgewalt des Heeres fielen, war diese Spezialtruppe ausschließlich Himmler unterstellt; er konnte sie zwar dem Heer zur Verfügung stellen, sie aber ebenso nach Beliehen dem Heer wieder entziehen.
Das Gros dieser Himmler-Armee bildeten die Totenkopfstandarten, die das OKW anfangs nicht als Einheiten der Waffen-SS anerkannt hatte. Himmler gliederte den größten Teil der Standarten zu Infanterie- und Kavallerie-Brigaden um, die allein auf das Kommando des Reichsführers hörten.
Er wählte den SS-Brigadeführer Knoblauch zum Generalstabschef, der im Mai 1941 den "Kommandostab Reichsführer-SS" aufstellte, und ließ seine Truppen marschieren -- hinter der Front, gegen Partisanen und Juden.
Gleichwohl verstärkte die Gründung des Kommandostabes RFSS die Entfremdung zwischen Himmler und den professionellen Führern der Waffen-SS. Je weiter die SS-Divisionen in die schier unendlichen Räume Rußlands vorstürmten, desto deutlicher entfernten sich die 55-Militärs von den Befehlen und Phantasien ihres Reichsführers.
Eine neue Welt umfing den SS-Soldaten -- grausam, unerbittlich, den weltanschaulichen Parolen des schwarzen Ordens sternenweit entrückt. Im Glauben an ihren Führer und den Endsieg jagten die SS-Verbände durch Rußlands Steppen, Sümpfe und Wälder, Helden und Opfer eines schauerlichen Kapitels menschlicher Irrungen und Wahnideen.
Als jedoch die Sowjets Ende 1941 zu den ersten großen Gegenstößen antraten, da wurde die Waffen-SS zu einem Inbegriff soldatischer Standhaftigkeit ohne Beispiel. Unter den Mammutschlägen sowjetischer Stalin-Orgeln, Panzer und Infanteriemassen härtete sich das Renommee der 55-Soldaten, die Feuerwehr des deutschen Ostheeres zu sein.
Nach dem Durchbruch starker sowjetischer Kräfte westlich Moskaus, die im Januar 1942 bis in den Rücken der Heeresgruppe Mitte vorgestoßen waren, warf der Oberbefehlshaber der 9. Armee, General Model, das SS-Regiment "Der Führer" unter Obersturmbannführer Otto Kumm an den Wolgabogen bei Rshew.
Das Regiment sollte die dünne Barriere, die eine Verbindung mit benachbarten Heeresverbänden sicherte, gegen die anrennenden Sowjets halten, bis Model im Süden genügend Truppen konzentriert hatte, um einen vernichtenden Gegenschlag führen zu können. Bei 52 Grad Kälte hielten die SS-Männer aus und wehrten den Gegner Stunde um Stunde, Tag um Tag ab. Am 18. Februar hatte Model die Russen geschlagen. Als Kumm mit seinem Regiment abgelöst wurde, traf er den Oberbefehlshaber der Armee. Model: "Ich weiß, was Ihr Regiment durchmachen mußte, Kumm. Aber ich kann es noch nicht entbehren. Wie stark ist es noch?" Kumm wies zum Fenster hinaus: "Mein Regiment ist draußen angetreten!" Da stand es: 35 Mann stark, der Rest von 2000 Mann.
Selbst Theodor Eicke bewies jetzt, daß er sich militärischer Mentalität anpassen konnte. Als sowjetische Verbände am 8. Februar 1942 südöstlich des limensees die Division Totenkopf und fünf weitere Divisionen des Heeres im Kessel von Demjansk einschlossen, fanden sie unter den deutschen Generalen in dem Divisionskommandeur Eicke einen umsichtigen und harten Gegner. Es war nicht zuletzt "der energischen Führung des Obergruppenführers Eicke" (so Generalfeldmarschall Busch) zuzuschreiben, daß sich die Eingeschlossenen von Demjansk monatelang halten konnten.
Andere SS-Soldaten zeigten wiederum ihren Angriffselan: Zusammen mit Einheiten des Heeres erzwangen sie die Öffnung des Kessels und befreiten die Verteidiger der Festung Demjansk aus dem Griff der Sowjets.
Demjansk, Rshew, Abwehrkämpfe am Mius, Ladogasee, Wolchow -- jeder dieser Namen signalisierte militärische Höchstleistungen einer Truppe, die bald hüben und drüben einen legendären Ruf genoß, angesiedelt zwischen abergläubischer Furcht und neidvoller Bewunderung. Freund und Feind waren sich einig: In der Waffen-SS kämpfte ein Kriegertum, das von keiner anderen militärischen Einheit erreicht oder gar übertroffen wurde.
Der sowjetische Generalmajor Artemenko, Kommandierender General des XXVII. Armeekorps, sagte bei seiner Gefangennahme im Herbst 1941 aus, die SS-Division "Wiking" habe an Kampfkraft alle bis dahin bestehenden Normen übertroffen; auf russischer Seite habe man aufgeatmet, nachdem die Division durch Heereseinheiten abgelöst worden sei.
Und General von Mackensen, Kommandierender General des III. Panzerkorps, feierte begeistert in einem Brief an Himmler der Leibstandarte "innere Disziplin, ihr frisches Draufgängertum, ihre fröhliche Unternehmungslust, ihre durch nichts zu erschütternde Krisenfestigkeit". Mackensen: "Eine wahre Elitetruppe."
Nicht alle Heeresoffiziere waren bereit, derartige Pauschalhuldigungen zu unterstützen. Mancher traditionelle Soldat vermochte Gefühle der Rivalität und des Neids nicht zu unterdrücken, als er sah, daß die Waffen-SS immer mehr in den Vordergrund trat und offensichtlich von der Staatsführung bevorzugt wurde.
Die Abneigung gegen die Sig-Runen-Truppe war ein offenes Geheimnis. Die Führer der Waffen-SS wähnten schon, das Heer habe es darauf abgesehen, die Waffen-SS an die gefährlichsten Brennpunkte des Krieges zu werfen und den lästigen Rivalen zu "verheizen".
"Die SS soll aus diesem Kampfe so geschwächt herauskommen, daß sie nicht wieder auf die Beine kommt", unterstellte Eicke den Heeresbefehlshabern, und auch Himmler wollte später "bei manchen Böswilligen" die Absicht erkannt haben, "diese unangenehme Truppe zu schlachten und aus dem Weg zu räumen für eine etwaige zukünftige Entwicklung".
Mit Neidkomplexen allein ließ sich freilich die kühle Reserve vieler Heeres-Offiziere nicht erklären. In der neuen Truppe witterten die Militärs eine artfremde Besessenheit, die sich gegen den kämpfenden Gegner ebenso entlud wie gegen wehrlose Gefangene und eine apathische Zivilbevölkerung.
Nicht selten verletzten Einheiten der Waffen-SS das militärische Sittengesetz, das die soldatischen Traditionalisten trotz aller Bestialisierung des Krieges noch einzuhalten versuchten. Die Tapferkeit der SS-Truppe sprach sich genauso schnell herum wie die barbarische Art, in der manche Einheiten der Waffen-SS mit Kriegsgefangenen und Zivilpersonen umsprang.
Verteidiger der Waffen-SS wandten später ein, die Truppe habe nur auf die inhumane Kriegführung der Sowjets reagiert. Tatsächlich hatten deutsche Truppen in erbeuteten Akten sowjetischer Armeen und Korps Befehle gefunden, aus denen hervorging, daß gefangengenommene deutsche Soldaten von den Sowjets erschossen wurden.
Meldung des Stabes der sowjetischen 26. Division vom 13. Juli 1941: "Der Feind ließ ungefähr 400 Tote auf dem Schlachtfeld; ungefähr 80 Mann ergaben sich und wurden erschossen." Meldung der 33. Roten Armee vom 1. Dezember 1941: "100 Kriegsgefangene, die von der 1. "GM'-Infanterie-Division gefangengenommen worden waren, wurden im Hinblick auf die schwierige Lage auf Befehl des Divisionskommissars erschossen."
Die Liquidierung deutscher Kriegsgefangener nahm so große Ausmaße an, daß der Stabschef der sowjetischen Küstenarmee Sewastopol am 2. Dezember 1941 im Befehl Nr. 0068 rügen mußte: "Die Truppenverbände töten in der Regel Gefangene, ohne sie zu vernehmen und dem Divisionsstab zuzuführen. Gefangene dürfen nur getötet werden. wenn sie Widerstand leisten oder fliehen. Außerdem wirkt die Erschießung von Gefangenen am Platz der Gefangennahme oder an der Front, wie dies vielfach geschieht, abschreckend auf feindliche Soldaten, die zu uns überlaufen wollen."
Dennoch ignorieren die SS-Apologeten. daß die grausame Kriegsgefangenen-Praxis auf beiden Seiten gehandhabt wurde und der Angreifer eher als der verstörte Verteidiger Gelegenheit hatte. seine Gefangenen abzutransportieren. Zudem ahndeten die Soldaten der Waffen-SS sowjetische Roheiten mit einer brutalen Vergeltung, die jedes Maß verlor und selbst viele Landser abstieß.
Am 29. März 1942 meldete der Gräberoffizier der Leibstandarte (LAH), im Hof des ehemaligen GPU-Hauptquartiers in Taganrog seien sechs Angehörige der 3. LAH-Kompanie ermordet aufgefunden worden, sämtlich in einen Brunnenschacht gestürzt. Aus dem ärztlichen Befund: "4 Finger der rechten Hand fehlen (vermutlich abgehackt). Zertrümmerung des Schadeis (vermutl. durch das Hinabwerfen in den Schacht) ... Bruch der Halswirbelsäule ... Zertrümmerung des Brustkorbes."
Sepp Dietrich ordnete blutige Rache an: Drei Tage lang mordeten die Soldaten der LAH jeden sowjetischen Gefangenen, der ihnen in die Hände fiel. 4000 Russen starben als Racheopfer für sechs ermordete SS-Männer.
Das Einsickern truppenfremder, aus den Niederungen eines politischen Fanatismus kommender Elemente wie die ehemaligen Mitglieder der Totenkopfverbände oder das Austauschpersonal der Konzentrationslager, dazu die Kampfbesessenheit und eine gelockerte Manneszucht machten die Waffen-SS für viele Arten inhumaner Kriegführung anfällig. Verbrechen durchlöcherten immer wieder den militärischen Ehrenschild der Truppe:
* Zwei Wochen nach Beginn des Rußlandfeldzuges ermordeten Soldaten. der Division "Wiking" 600 galizische Juden in "Vergeltung sowjetischer Grausamkeiten", wie der britische Historiker Reitlinger formuliert.
* Im Sommer 1943 erschossen Soldaten der Division "Prinz Eugen" die Bewohner des serbischen Ortes Kosutica, weil aus der dortigen Kirche "angeblich" (so das Einsalzkommando 2 in einem Bericht) auf die Truppe geschossen worden war.
* Im Frühjahr 1944 vernichtete die SS-Polizei-Division nach einem Feuerüberfall auf eine ihrer Einheiten den nordgriechischen Ort Klissura.
* Im Juni 1944 zerstörte ein Bataillon der SS-Divison "Das Reich" wegen eines Schußwechsels, dem ein SS-Führer zum Opfer gefallen war, den südfranzösischen Ort Oradour-sur-Olane und tötete dessen gesamte Bevölkerung.
* Zwei Monate später ermordeten Soldaten der SS-Panzerdivision "Hitlerjugend" bei den Abwehrkämpfen in der Normandie 64 kanadische und britische Kriegsgefangene.
Später versuchten die Verteidiger der Waffen-SS solche Brutalitäten mit unglücklichen Zufälligkeiten und militärischen Notlagen zu erklären -- bemerkenswert und bezeichnend blieb doch, daß solche Verbrechen bei der Wehrmacht kaum vorkamen. Die vom Allgemeinen Wehrmachtamt (AW) des OKW gesammelten Berichte über Vergeben der Wehrmacht und der Waffen-SS machten den Unterschied deutlich.
"In dem Berichtszeitraum", hielt das AW am 2. August 1943 fest, "gelangten 151 einschlägige Fälle zur Meldung. In 19 Fällen gehörten die Täter dem Heere, in 53 Fällen der Waffen-SS an,
während in 79 Fällen die Einheit der Täter nicht ermittelt werden konnte.
"Die Zahl von Vergewaltigungen ist groß. Durch die G.F.P. (Geheime Feld-Polizei) und in einigen Fällen durch Angehörige des Streifendienstes wurden 18 Fälle von Vergewaltigungen nach Vernehmung der Betroffenen und Zeugen einwandfrei festgestellt. In 12 Fällen waren Angehörige der Waffen-SS die Täter, während in 6 weiteren Fällen die Truppenzugehörigkeit nicht einwandfrei ermittelt werden konnte."
In Teilen der Ukraine hausten Soldaten der Waffen-SS so rabiat, daß die Ukrainer ihre Dörfer verließen und zur Sowjetarmee überliefen. Das AW registrierte: "Viehdiebstähle, Verprügeln der Einwohner, Vergewaltigung der Frauen und Mädchen halten die ... Ukrainer in Aufregung."
Auch aus anderen Gebieten liefen Meldungen über Grausamkeiten und Herrenmensch-Allüren der Waffen-SS ein. Selbst die Einsatzkommandos des Reichssicherheitshauptamts protestierten gegen die inhumane Kriegführung der auf dem Balkan eingesetzten SS-Divisionen. Deren Kampfmethoden hätten "sich zum Nachteil der deutschen Interessen in diesem Raum auszuwirken begonnen", notierte SS-Sturmbannführer Reinholz vom Einsatzkommando 2 am 15. Juli 1943.
Als der 55-Brigadeführer Reichsritter von Oberkamp, Kommandeur der Division "Prinz Eugen", in einer Aussprache mit einem kroatischen Minister einen Übergriff seiner Einheit als Panne bagatellisieren wollte, fuhr ihm der anwesende 55-Oberführer Fromm dazwischen: "Seitdem ihr hier seid, passiert leider eine Panne nach der anderen!"
Manche dieser "Pannen" waren offensichtlich die Folge mangelhafter Manneszucht, die immer problematischer wurde, je mehr sich die Waffen-SS aufblähte und ihrem Heerbann Division auf Division einverleibte. * In Rußland.
Denn: Die Erfolge der SS-Verbände und das nachlassende Kriegsglück des großdeutschen Diktators hatten inzwischen Adolf Hitler bewogen, alle der Waffen-SS gesetzten Wachstumsschranken niederzureißen.
Schon im Frühjahr 1942 hatte Hitler der Aufstellung einer neuen SS-Division ("Prinz Eugen") zugestimmt, kurz darauf entstand aus der Kavallerie-Brigade die Division "Florian Geyer", und vom Herbst 1942 an ließ Hitler der Waffen-SS volle Freiheit: Es folgten die Panzergrenadier-Division "Hohenstaufen" (erster SS-Verband, der sich auch -- zu 70 Prozent -- aus Gezogenen zusammensetzte), dann die "Frundsberg", eine neue Germanen-Division namens "Nordland", die "Hitlerjugend", eine Bosniaken-Division -- die Waffen-SS wuchs und wuchs.
Endlich gelang es der Truppe auch, den Krebsschaden zu beseitigen, auf den sie ihre schweren Verluste an Menschen und Material zurückführte: den Mangel an Panzern. " Schaffen Sie uns Panzer, ohne sie geht diese herrliche Truppe zugrunde", hatte Ende 1941 der Siebenbürgener Arthur Phleps, ehemaliger rumänischer General und damals Regimentskommandeur der "Wiking", dem Militärreformer und späteren "Wiking"-Kommandeur Felix Steiner zugerufen.
Gegen den hinhaltenden Widerstand der Wehrmacht wurden nun allmählich die drei Stammdivisionen der Waffen-SS (Leibstandarte, "Das Reich", "Totenkopf") zu Panzerverbänden umgerüstet und unter Paul Haussers Führung zum ersten SS-Panzerkorps zusammengefügt. Später folgten weitere Panzerkorps.
Ein Jahr später waren die Panzer-Divisionen der Waffen-SS zur Kerntruppe der deutschen Ostfront geworden. Zweimal "verhinderten SS-Verbände ein neues Stalingrad", wie der US-Historiker Stein urteilt: Sie zerschlugen die gefährlichen Sowjet-Kessel von Tscherkassy und Kamenez-Podolsk.
In dem einen Kessel hatten sowjetische Truppen im Januar 1944 zwei deutsche Korps eingeschlossen, in dem anderen einen Monat danach eine ganze deutsche Panzerarmee. Den Kessel von Tscherkassy öffnete, unterstützt von Heeresverbänden, die miteingeschlossene "Wiking", den Kessel von Kamenez-Podolsk zerbrach das (inzwischen nach Frankreich verlegte und wieder herbeigerufene) Hausser-Korps.
Die militärischen Triumphe der Waffen-SS konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Truppe längst "zu Schlacke ausgebrannt" war -- so der "Wiking"-Kommandeur Steiner. Die Ausrüstung mit Panzern hatte zu spät eingesetzt. 1943 lag bereits ein Drittel der klassischen Waffen-SS-Divisionen in russischer Erde.
Die Waffen-SS mußte Verluste hinnehmen, die jeder anderen Truppe das Rückgrat gebrochen hätten. Allein vom 22. Juni bis zum 19. November 1941 fielen 1239 Führer und 35 377 Mann aus, darunter 13 037 Tote. Die "Wiking" verlor bei dem Ausbruch in Tscherkassy alle Panzer, die gesamte Ausrüstung und die Hälfte der Mannschaften.
Am Beispiel der Totenkopf-Division, deren Kommandeur Kicke im Februar 1943 im Raum Charkow fiel, ließ sich erkennen, wie solche Ausfälle die Kampfbereitschaft der Waffen-SS beeinträchtigten. Die Division stellte am 15. November 1941 fest: "Die im Kampf bisher erlittenen Verluste haben das tragende Führer- und Unterführergerippe des Kampfverbandes nahezu (zu) 60 Prozent aufgezehrt. Katastrophal wirkt sich der Blutverlust beim Unterführerkorps aus."
Die Hilferufe der von wachsenden Mannschaftsverlusten bedrohten SS-Divisionen wurden zusehends lauter. zumal ihnen ein Ersatz geliefert wurde, der Elitecharakter und Kampfniveau der Truppe arg verändern mußte.
Einst waren die Soldaten der Waffen-SS begeistert in den Krieg gezogen, entflammt vom Hitler-Kult und in der Überzeugung, sie dienten einem neuen. sozialeren Deutschland. Diesen jungen Idealisten erschien nichts selbstverständlicher, als sich dem zu weihen und zu opfern, was sie Führer und Reich nannten. Die Gräber und Holzkreuze in den Weiten Rußlands besiegelten ihren tragischen Irrtum, den sie mit einer ganzen Generation teilten.
Den SS-Grenadieren der -ersten und zweiten Stunde folgte eine neue Welle tatsächlicher oder angeblicher Freiwilliger, denen die naive Gläubigkeit ihrer toten Vorgänger fehlte. Manche dieser in die Waffen-SS Gepreßten oder Hineingelockten dienten nur widerwillig.
Das Führungshauptamt notierte im Frühjahr 1943 mit NS-konformer Entrüstung: "Geistige Haltung ist schlecht. Unverkennbare Einflüsse durch das Elternhaus, Kirche usw. machen sich bemerkbar. Grundsatz: Wenn ich gezogen werde, kann ich es nicht ändern, freiwillig gehe ich nicht ... Aber auch Angst vor einem Einsatz."
Chefwerber Berger aber konnte den von den Militärs gewünschten Ersatz nicht mehr stellen, da er längst die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht hatte. Das Reservoir der Freiwilligen war ebenso schnell ausgetrocknet wie jenes der Wehrmacht. Seit Ende 1942 mußte die Waffen-SS auf Wehrpflichtige zurückgreifen: Jede neue Meldung der Ergänzungsstellen bestätigte, daß sich die Deutschen -- erschreckt über die Be-
* Der SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, Kommandeur der SS-Panzerdivision "Totenkopf", wurde im Februar 1943 heim Erkundungsflug in einem Fieseler Storch dicht hinter den russischen Linien abgeschossen. Ein schnell gebildeter Stoßtrupp bekam Befehl -- und führte ihn aus -- die Leiche Eickes zu bergen.
richte von den rabiaten Kampfmethoden und hohen Blutverlusten der Truppe -- gegen die Waffen-SS stellten.
Im Februar 1943 registrierte die Führung der Waffen-SS in 13 Berichten aus Ergänzungsstellen Fehlschlag auf Fehlschlag der Werbung:
* Ergänzungsstelle Südost (Breslau): "Aufnahmebereitschaft nicht gut. Es fehlt Begeisterung am Wehrdienst. Die Jungen wollen sich nicht freiwillig melden. Teilweise waren sie ausgesprochen gegen die Waffen-SS eingestellt."
* Ergänzungsstelle Main (Nürnberg): "Aufnahmebereitschaft ... gering, zum Teil sogar katastrophal. Jungen sind nicht nur gegen die Waffen-SS, sondern grundsätzlich gegen jede Art von Wehrdienst."
Auf die Waffen-SS schlug jetzt auch die antichristliche Propaganda zurück, die in der Truppe jahrelang betrieben worden war. Elternhaus und Kirche legten die Werbung für die Waffen-SS lahm -- selbst die Furcht vor der Gestapo hinderte den Bürger nicht, gegen die Truppe Heinrich Himmlers zu votieren. "Elternhaus und Kirche üben negativen Einfluß aus", registrierte die SS-Ergänzungsstelle Nordost. "Einfluß des Elternhauses ungünstig" (Ostsee II). "Verschiedenen Jungen war die Meldung zur Waffen-SS von den Eltern verboten" (München). "Elternhaus meist gegen die Waffen-SS eingestellt" (Hamburg). "Einfluß der Kirche sehr stark. Es kam zu der Äußerung: "Der Pfarrer hat uns gesagt, die SS wäre gottlos, und wenn wir in die 55 eintreten, kämen wir in die Hölle'" (Wien).
Doch Berger wollte nicht ap das Ende aller Werbung glauben. Er fand zwei Bundesgenossen, die bereit waren, ihm Freiwillige zuzutreiben: In den sogenannten Wehrertüchtigungslagern der Hitlerjugend (HJ) und den Ausbildungslagern des Reichsarbeitsdienstes (RAD) durfte er mit allen Mitteln werben.
Um bei der Jagd nach neuen Rekruten einen Vorsprung vor den Musterungskommissionen der Wehrmacht zu gewinnen, ließ Berger Angehörige bestimmter HJ-Jahrgänge für die SS-Truppe vormustern.
In einer Landwirtschaftsschule des RAD in Halle drohte, so hielt ein Bericht des Arbeitsdienstes fest, ein SS-Führer am 24. Februar 1943 jungen Arbeitsmännern, die sich nach einem Vortrag über die Waffen-SS versteckt hatten: "Wenn diese Leute zur SS kämen, so würden sie sofort erschossen, denn das ist nichts anderes als Sabotage und Fahnenflucht!"
Den übrigen Schülern überreichte er vorgedruckte Formulare, durch die sich jeder zum Eintritt in die Waffen-SS verpflichten sollte. Als ein Schüler einwandte, er müsse darüber erst mit seinem Vater sprechen, raunzte der SS-Führer: "Auf diese alten Kamellen lassen wir uns nicht mehr ein. Ihr habt alle zu unterschreiben oder ich lasse niemanden hier fort."
"Lieber Papa! Heute habe ich die größte Gemeinheit meines Lebens erlebt", klagte ein RAD-Mann seinem Vater, der den Brief seines Sohnes später Himmler vorlegen ließ. In einem Lager waren drei SS-Männer mit einem Polizisten und der Forderung erschienen, alle Anwesenden hätten sich in die Bewerbungslisten der Waffen-SS einzutragen.
Der RAD-Mann erzählte seinem Vater: "Ungefähr 60 Mann mußten unterschreiben oder sie bekamen Schelte oder 3 Tage Haft. Es wurde gedroht auf alle Arten. Alle Mann waren furchtbar erregt. Einige gingen los, andere sogar durchs Fenster. Der Polizist stand an der Tür und ließ niemand hinaus.
Das ganze Lager ist empört. Mir langt's, ich bin ein anderer Mensch geworden."
Das Stellvertretende Generalkommando des V. Armeekorps verzeichnete am 30. März 1943 "wieder zahlreiche Klagen, daß die Waffen-SS mit unerlaubten Mitteln für ihre Verbände wirbt". Meldung aus Saßbach/Achern: "Als sich trotz 5maliger Aufforderung niemand meldete, wurde erklärt, daß niemand den Saal verlassen dürfe, der sich nicht freiwillig zu einem der Verbände gemeldet habe." In Mülhausen drohten SS-Führer den von ihnen umworbenen Lehrlingen eines Betriebes "für den Fall der Weigerung mit der Ausweisung ihrer Eltern aus dem Elsaß".
Die Truppe aber erschrak, als sie sah. mit welchem Ersatz sie gegen den immer härter werdenden Gegner kämpfen sollte. Schon im August 1941 und im März 1942 hatte Stabschef Jüttner bei Berger gegen den "völlig untragbaren Ersatz" protestiert, den das SS-Hauptamt der Truppe zur Verfügung stelle.
Im September 1942 verschärfte Jüttner seine Kritik. Er wandte sich gegen die rüden Werbemethoden des SS-Hauptamts, das der Truppe Menschen zuführe, die unter Vorspiegelungen oder gar unter Druck angeworben worden seien. Ständig werde auch die Truppe mit den Beschwerden der Familien behelligt, die ihre in die Waffen-SS gepreßten Angehörigen zurückverlangten.
Vermochte schon der reichsdeutsche Ersatz die Frontkommandeure nicht zu befriedigen, so glaubten sie ihre Verbände durch Bergers Schützlinge, die volksdeutschen Freiwilligen, noch stärker behindert. Der Stab der SS-Kavallerie-Division "Florian Geyer" beobachtete 1943 bei den Volksdeutschen "eine auffallende Gleichgültigkeit und Sturheit", die den Geist der Truppe lähme.
Dabei hatten sich zunächst die volksdeutschen Freiwilligen aus Rumänien und Krostien (im Gegensatz zu ihren Schicksalsgenossen aus Ungarn) gern in die Waffen-SS eingereiht, zeigten sich jedoch bald von der Truppe enttäuscht. Der Stab der "Florian Geyer" hielt es für "durchaus möglich, daß der eine oder andere der volksdeutschen Freiwilligen diesen Krieg nicht als den seinen betrachtet und seinen Dienst hier in der Waffen-SS nicht als Pflicht dem deutschen Volke gegenüber ansieht".
Angesichts eines so irritierenden Ersatzes mußte es die Kommandeure freuen, mit welchem Elan nichtdeutsche Europäer in die Waffen-SS eintraten. Die 200 000 nichtdeutschen Freiwilligen der Waffen-SS stempelten die Truppe zu einem Vielvölkerheer und brachten wieder etwas von jenem Idealismus zurück, den die Kommandeure vermißten.
Doch der Alltag des Krieges ernüchterte die Truppe schnell. Auch die gemeinsame Parole des antibolschewistischen Kreuzzuges konnte nicht verbergen, daß die Waffen-SS dem politischen und militärischen Phänomen der europäischen Freiwilligenbewegung keineswegs gerecht wurde.
Die aus verschiedenen Ländern und Ideologien zusammengeströmten SS-Freiwilligen sollten plötzlich von einer Truppe ausgebildet werden, die im schärfsten Preußen-Drill und im engsten Scheuklappen-Blickfeld einer totalitären Weltanschauung aufgewachsen war. In der Waffen-SS prallten die Ausländer mit Menschen zusammen, die nie gelernt hatten, mit Angehörigen anderer Völker und Bekenntnisse umzugehen.
Bald häuften sich die Klagen, daß Unterführer und Führer der Waffen-SS ihre ausländischen Freiwilligen im rabiaten Herrenmensch-Stil behandelten. Vor allem unter Flamen, Norwegern und Holländern bildete sich in der Truppe ein Widerstand gegen die allzu deutschen Ausbildungsmethoden der Waffen-SS.
Selbst Himmler bemängelte die "ungerechte und psychologisch so falsche Behandlung" seiner ausländischen Germanen und drohte, es müßten "die Führer und Unterführer, die sich an dieser germanischen Zukunft versündigen, rücksichtslos degradiert und ausgestoßen werden".
In Norwegen rotteten sich ehemalige Soldaten der Waffen-SS zusammen und sagten Bergers SS-Werbern den Kampf an; ab Anfang 1943 mehrten sich die Anträge germanischer Freiwilliger aus Holland, Dänemark und Belgien, die um ihre Entlassung baten.
"Es ist geradezu unverständlich, wie negativ sich in manchen Fällen die Behandlung der Männer bei der Waffen-SS auf ihre weltanschauliche Haltung ausgewirkt hat", hatte das Amt VI des SS-Hauptamts bereits Ende 1942 geklagt.
Der europäische Freiwillige der Waffen-SS begann zu spüren, daß er Versprechungen gefolgt war, die von der Truppe nicht erfüllt werden konnten. Manche von ihnen waren in die Waffen-SS eingetreten, weil sie dem (von Bergers Werbern geförderten) Glauben anhingen, durch Kriegsdienst für die Deutschen ihren Heimatländern die Unabhängigkeit im neuen Europa Adolf Hitlers sichern zu können.
Die Führer der Waffen-SS stellten sich hinter die Unabhängigkeits-Forderungen ihrer europäischen Grenadiere, aber Hitler verschloß sich den Vorstellungen seiner Garde. Der germanische Führer lehnte die Bittgesuche seiner Kultdiener verächtlich ab.
In den Führern der Waffen-SS zerbrach eine Welt, an die sie einmal geglaubt hatten. Die Nabelschnur der Ideologie, die das Heer der Steiner und Hausser und Bittrich und Dietrich mit dem schwarzen Orden verband, zerriß -- nicht auf einen Schlag, aber sie wurde allmählich, Monat um Monat, dünner und schadhafter.
In ihrem Glauben an Hitler unsicher geworden, am Sieg verzweifelnd, mit einem fragwürdigen Ersatz belastet, dem Gewissenskonflikt in der Frage der europäischen Freiwilligen konfrontiert -- so schwankte das Heer der SS-Divisionen zwischen den ideologischen Fronten des Krieges und wußte im Grunde nicht, ob es noch zur Schutzstaffel gehörte.
Die Waffen-SS wurde den Freikorps immer ähnlicher: Wie diese Landsknechte des 20. Jahrhunderts, so folgten auch die Marschkolonnen der SS-Verbände nur noch einem eigenen Fähnlein, geführt von Feldherren, die in ihrem Verhältnis zur Staatsführung schwankend geworden waren.
Die stereotypen Formeln von Führer und Reich und Treue und Endsieg flossen ihnen weiterhin über die Lippen, aber in ihrem Inneren krampfte sich die Truppe zusammen, wurde sie eine Macht eigenen Gepräges -- nicht mehr SS und noch nicht Wehrmacht.
Sie teilte damit das Schicksal mancher Gardetruppen, die nach den Worten des Schweizer Soziologen Rolf Bigler stets "eine sonderartige Beziehung zur staatlichen Autorität, mithin zur Regierung" auszeichnet. Auch für die Waffen-SS wurde in den Schlachten und Enttäuschungen des Krieges die Truppe zum eigentlichen Vaterland, formierten sich die Feldzeichen, das bittere Kampferlebnis und die Erinnerungen an gefallene Kameraden zu einem mystischen Band, das die Truppe zusammenhielt und das kein Fremder zu durchbrechen vermochte.
Und wie die Männer, so ihre Führer: Selten hatte eine deutsche Truppe selbstbewußtere und hochmütigere Generale an ihrer Spitze gesehen. Manches Beispiel zeugte von der knorrigen Eigenwilligkeit der SS-Generale. Paul Rausser hatte im Februar 1943 den Befehl bekommen, mit seinem 11. SS-Panzerkorps den gegen Charkow massiert vorstoßenden Gegner zu stoppen und die Stadt auf jeden Fall zu halten. Am 12. Februar war es jedoch den Russen gelungen, im Rücken der deutschen Verbände Fuß zu fassen.
Jeden Augenblick konnte sich der sowjetische Einkreisungsring um Haussers Korps schließen. Hausser ersuchte daraufhin die ihm übergeordnete Armeeabteilung Lanz, die Räumung Charkows und eine Absetzbewegung zu erlauben. Doch der Stab Lanz lehnte ab mit dem Hinweis, Hitler habe jedweden Rückzug verboten.
Am 13. Februar jagte das Oberkommando des Heeres einen Funkspruch nach Charkow. in dem -- abermals unter Berufung auf einen Führerbefehl -- Hausser die Räumung Charkows untersagt wurde. Hausser traf seine eigene Entscheidung. Am 15. Februar gegen 12.50 Uhr gab er den Befehl zum Rückzug -- gegen die ausdrückliche Order seines Führers.
Ergebnis: Das Panzerkorps wurde vor der Vernichtung bewahrt und ermöglichte später dem Generalfeldmarschall von Manstein, zu einer Gegenoffensive auszuholen. Hitler murrte über den ungehorsamen SS-General, aber er ließ ihn unangetastet.
Besonders arg aber bekam Heinrich Himmler den Unabhängigkeitssinn seiner Generale zu spüren. Mißtrauisch beobachtete er die wachsende Zurückhaltung der Waffen-SS, für die insgesamt galt, was der SS-Personalchef Maximilian von Herff am 23. November 1942 über die maßgeblichen Männer des Führungshauptamtes notiert hatte.
Herff: "Um Jüttner ist ein Kreis, der beobachtet werden muß, da er einmal gefährlich werden kann. Es ist dies die Liäson Gruf. Petri, Brif. v. Jena und Hansen. Vom SS-mäßigen Denken und Wollen sind sie weit entfernt. Sie wollen nur Gardesoldaten sein, das andere ist für sie Nebensache."
Der Reichsführer SS hatte nie ein inniges Verhältnis zur Truppe gehabt, aber er war sensibel genug, die immer größer werdende Distanz zwischen der Truppe und dem Orden der Schutzstaffel zu erkennen.
Sie kündigte sich in kleinen Details an. Als sich bei einem Luftangriff in Berlin 600 SS-Soldaten der dortigen Wehrmachtkommandantur unterstellten, zürnte Himmler: "Wenn einmal noch ein Mann der Waffen-SS unter dem Kommando der Wehrmacht eingesetzt wird und damit die Waffen-SS mir als dem Reichsführer-SS damit in den Rücken fällt, werde ich den Standortkommandanten Berlin innerhalb weniger Stunden nicht nur entsetzen, sondern festnehmen lassen."
Die Führer der Waffen-SS ließen sich freilich kaum bewegen, das aufzugeben, was ihr Reichsführer den "Wehrmachtstandpunkt" nannte. So lehnte es der Standortkommandant der Waffen-SS in Nürnberg, SS-Sturmbannführer Lob, grundsätzlich ab, Kontakt zu Dienststellen der Allgemeinen SS und des SD aufzunehmen.
Meldung des SD-Abschnitts Nürnberg vom 10. Oktober 1941: "SS-Brigadeführer Dr. Martin hat als SS-Oberabschnittsführer persönlich alles daran gesetzt, die gesamte SS in einem Block zusammenzuhalten ... Seine Versuche, die Waffen-SS einzubeziehen, scheiterten an der sturen und unverständlichen Einstellung des ... Sturmbannführers Loh."
Vergebens mahnte Himmler seine Militärs, die wahre Heimat der Waffen-SS sei die Schutzstaffel. Im August 1941 forderte er, in den SS-Divisionen seien nur Dienstgradbezeichnungen der Schutzstaffel zu verwenden.
Schon zuvor hatte Himmler allerdings vor seinen Militärs einen ersten Schritt zurückweichen müssen: Er genehmigte, daß höhere Führer der Waffen-SS vom Brigadeführer an zusätzlich zu ihrem SS-Dienstgrad auch den entsprechenden Wehrmachts-Dienstgrad führen dürften. Mancher SS-General strich daraufhin seinen SS-Rang.
Desto lautstärker begehrte Himmler gegen die weltanschauliche Laxheit seiner Generale auf. Er drohte: "Die Fähigkeit, eine Truppe zu führen, werde ich nicht nur nach dem Vermögen, eine gute waffenmäßige Ausbildung zu vermitteln ... bemessen, sondern ebensosehr nach dem Vermögen, jeden einzelnen Führer, Unterführer und Mann zu einem überzeugten, weltanschaulich in jeder Lage krisenfesten Kämpfer zu erziehen."
Kaum ein SS-General beachtete den Ukas. Gottlob Berger stöhnte, Himmlers "Befehle und seine Anweisungen gehen einfach nicht durch". Fast in jeder Division wurde der von Himmler befohlene weltanschauliche Unterricht abgelehnt; beflissene SS-Führer aber, die den Unterricht abhalten wollten, waren dem Spott der Truppe ausgesetzt.
Der weltanschauliche Ausrichter der 13. SS-Division klagte 1944, er sei in seiner "Ehre als SS-Führer und Offizier angegriffen" worden, weil seine politische Arbeit "weitgehend Ablehnung seitens einiger Herren des Div-Stabes" gefunden habe.
Drastischer formulierte ein geheimer Informant des SS-Hauptamtes am 2. Oktober 1943: "Es ist zum Kotzen, ich höre immer SS-Geist, ein Scheißdreck, nichts ist davon zu sehen."
Je öfter Himmler solche Meldungen las, desto stärker überkam ihn der Verdacht, daß seine Generale bereits im anderen Lager -- dem der Wehrmacht -- stünden. Der Obergruppenführer Höfle verstimmte Himmler durch sein wehrmachtfrommes Gebaren derartig, daß der SS-Chef dem alten Kampfgefährten aus den Tagen des Novemberputsches von 1923 die Duzbrüderschaft aufkündigte und ihm schärfste Repressalien androhte.
Himmler diktierte: "Herr Höfle! Mit diesem Brief warne ich Sie zum letzten Male, bevor ich Sie absetze. Sie sind ein ebenso ungehorsamer Untergebener wie schwach in der Durchsetzung der Ihnen gegebenen Befehle ... Ich habe den Eindruck, daß Sie völlig Wachs in den Händen Ihres Stabes sind. Sie wollen mir kurz und bündig -- ohne jede Entschuldigung oder Erklärung -- schriftlich mitteilen, ob Sie nunmehr gewillt sind, auf das Wort zu gehorchen und Befehle von mir höher zu achten, als Einflüsterungen Ihres Stabes oder Anweisungen der örtlichen Heeresstellen."
Den Zornesausbruch seines Reichsführers überstand Höfle ebenso wie der mit der Führung des II. SS-Panzerkorps beauftragte Obergruppenführer Bittrich, den Himmler nach der Invasionsschlacht wegen kritischer Äußerungen absetzte, der sich jedoch weigerte, seinen Posten zu verlassen .-. gedeckt durch den Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Model.
Besonders aber mußte es Himmler verdrießen, daß auch sein einstiger Favorit, der SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Felix Steiner, zu den härtesten Kritikern des Reichsführers gestoßen war. --
"Sie sind mein ungehorsamster General!" rief Himmler ihm einmal zu, nachdem er von dritter Seite erfahren hatte, Steiner habe ihn, Himmler, einen "schlampigen Romantiker" genannt. Argwöhnisch beobachtete er fortan den eigenwilligen Ostpreußen.
Schon frühzeitig war es Himmler aufgefallen, daß sich Steiner mit SS-Führern umgab, die nicht nur die spinnenbeinige Uniformgestalt des "Reichsheini" bespöttelten. Himmler war bereits schockiert, als Steiner 1940 -- damals noch Kommandeur des VT-Regiments "Deutschland" -- Hitlers Westfeldzugs-Strategie in Kasinoreden kritisiert hatte -- so laut, daß Himmler eigens Hausser in Marsch gesetzt hatte, den Hitler-Kritiker zum Schweigen zu bringen.
Himmler nahm auch Anstoß an kritischen Äußerungen des Ersten Generalstabsoffiziers der Steiner-Division "Wiking", SS-Sturmbannführer Reichel, der laut Himmler "einen außergewöhnlich unseligen Einfluß auf die Stimmung im Führerkorps der Division" ausübte.
Warum, erläuterte Himmler dem General Steiner im August 1942: "Insbesondere halte ich es auf die Dauer für unmöglich, daß sich Reichel mit seinem undisziplinierten Mund Kritik an den Maßnahmen nicht nur der Führung insgesamt, sondern sogar des Führers selbst oder auch von mir erlaubt.
Himmler versuchte, seinen einstigen Lieblingsgeneral Steiner zu disziplinieren. Er drohte. Er schmeichelte. Er bat. Er erinnerte an Steiners Dankesschuld. Er schickte Sendboten aus, den General zu überreden.
Er glaube doch, vertraute Himmler dem Intimus Berger an, "dafür bekannt zu sein, daß ich für die nun einmal vorhandene Eitelkeit, die den Soldaten und insbesondere den typischen General ziert, weiteste Großzügigkeit immer bewiesen habe".
Appell an das Dankbarkeitsgefühl: Er, Steiner, solle "sich doch im klaren sein, daß er in der SS zwar Obergruppenführer und Kommandierender General der Waffen-SS im Alter von 47 Jahren werden konnte, in der Armee bezweifle ich, ob er überhaupt General geworden wäre. Also soll er so anstän-Olg sein und von der SS nicht den Obergruppenführer und General annehmen, sondern soll sich so heißen, wie er als revolutionärer General befördert worden ist: "Gruppenführer bzw. Obergruppenführer
Drohung: Der Reichsführer "wünsche, daß er (Steiner) den lästerlichen Ton, den immer noch manche Männer in der Division "Wiking" mir als dem Reichsführer-SS gegenüber sich in ihren Gesprächen in Kasinos usw. erlauben, ein für allemal abschafft. Ich sehe diesen Dingen nicht mehr zu".
Indes, die Pressionen Himmlers stießen ins Leere. Berger resignierte und erkannte, daß man Steiner "einfach nicht erziehen kann. Er tut, was er will. und läßt sich auch nichts sagen".
Als Steiner seine Soldaten nur mit "Heil!" statt dem obligaten "Heil Hitler!" begrüßte und gar noch die SSeigene "Untermenschen"-Politik in Rußland kritisierte, erhielt Berger von seinem Chef den Auftrag, "festzustellen, ob es bei Steiner an der Treue zum Reichsführer-SS fehlt", wie Berger in einem Brief formulierte. Berger beruhigte Himmler.
Treue wurde in der Waffen-SS ein dehnbarer Begriff. Himmler und Berger wußten nicht, daß Felix Steiner wenige Tage zuvor -- im Juni 1943 -- in einem Berliner Café einen alten Freund getroffen hatte, den einstigen Nationalsozialisten und jetzigen NS-Gegner Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, ehedem Vizepolizeipräsident von Berlin.
Mit dem Grafen war Steiner befreundet. seit beide im Königsberger Infanterie-Regiment 1 gedient hatten. Der Freund vertraute dem Freund gefährliche Gedanken an. Schulenburg: Wir werden Hitler totschlagen müssen, bevor er Deutschland völlig zugrunde richtet
Nachdenklich verließ der SS-Obergruppenführer Steiner den Widerstands-Grafen. Die Waffen-SS steuerte ihrer größten Entscheidung zu. Nur noch ein Jahr trennte die Truppe von der Stunde der Wahrheit: dem 20. Juli 1944.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die SS und der Hitler-Mythos: Himmler liquidiert die Canaris-Abwehr -- Heydrich wird ermordet -- SS-Führer Best widerspricht Hitler -- Das Untermenschen-Dogma zerbricht
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 6/1967
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