30.01.1967

ENGLAND / EWG-BEITRITTGroßes Vergnügen

Er kam barhäuptig, ohne Mantel und zu Fuß, aber er ging nicht nach Canossa. Er nahm gerade noch die Hände aus den Taschen und steckte die Pfeife weg, aber er trabte unbefangen dem Ziel entgegen, als sei de Gaulles Elysée-Palast ein Londoner Pub. Er wurde ungnädig aufgenommen.
45 Minuten lang explizierte Englands Harold Wilson dann Frankreichs de Gaulle, wie er sich den Anschluß der Briten-Insel an die EWG vorstellt. De Gaulle sagte weder ja noch nein.
Denn Taktiker Wilson zupfte im feingesponnenen Garn der französischen EWG-Diplomatie so nonchalant herum, daß de Gaulle neu häkeln mußte, um sein ewiges Nein zu Englands Beitritt der veränderten Lage anzupassen.
Im Januar 1963 hatte er England die EWG-Tür zugeschlagen, weil Wilson-Vorgänger Macmillan die Römischen Verträge nur mit Vorbehalten und Sonderregelungen unterzeichnen wollte.
Am 15. Januar 1963 stellte de Gaulle das Ultimatum: "Entweder die Engländer unterzeichnen jetzt, oder sie ziehen aus Brüssel ab. Dann werden sie nachdenken. Sie werden eines Tages dem Gemeinsamen Markt beitreten. Aber dann werde ich sicher nicht mehr da sein.
Harold Macmillan unterzeichnete nicht, wollte aber auch nicht auf de Gaulles Todestag warten. Ausdauernd und würdevoll wie ein echter Tory klopfte er immer wieder an, so daß de Gaulle sein Nein mehrmals wiederholen mußte. De Gaulle: "England läuft Gefahr, sich wie ein Handlungsreisender zu benehmen."
Unter den Handlungsreisenden aller Länder müssen dem in Jahrhunderten denkenden de Gaulle die britischen am widerwärtigsten erscheinen. Denn die Engländer verbrannten 1431 Frankreichs Nationalheldin Johanna von Orleans. Die Engländer verbannten 1815 Frankreichs Nationalhelden Napoleon. Die Engländer flüchteten 1940 bei Dünkirchen auf ihre Schiffe und nahmen den heimatvertriebenen Brigadegeneral "à titre provisoire" de Gaulle in seinem Londoner Hotelzimmer nicht ernst.
Die englisch-französische " Entente cordiale" von 1904 und die Waffenbrüderschaft in zwei Weltkriegen konnten de Gaulles Ressentiment gegen die Insulaner nicht mildern. Die EWG ist für ihn zwar in erster Linie ein Mi
zur Einigung Europas, aber auch die Gelegenheit, jene Kontinentalsperre gegen Großbritannien zu verhängen, die Napoleon dem von ihm beherrschten Europa -- ohne Erfolg -- verordnet hatte.
Joe Grimond, der frühere Chef der englischen Liberalen, stellte fest, dem Franzosen sei geglückt, was Ludwig XIV., Napoleon, dem Kaiser und Hitler nicht geglückt sei: "Er hat Großbritannien einem Block der Völker von Italien bis zum Kanal, von den Pyrenäen bis zur Ostsee konfrontiert."
Der Idee nach reicht de Gaulles Europa bis zum Ural, schließt aber das Land Shakespeares aus, der in Frankreich ohnehin als "mittleres Genie" gilt. Verständnisvoll lesen französische Schulkinder, wie selbst Cäsars abgebrühte Legionäre erschauderten, als sie an die kalten, tristen Gestade Britanniens verschifft werden sollten.
Und de Gaulle sagte: "England ist insular, maritim ..., mit den verschiedenartigsten und häufig entferntesten Ländern verbunden."
Vor allem verband sich England mit den USA, was de Gaulle nicht ungern sah. Als er dem neuen, auf die angelsächsische Allianz eingeschworenen Premier Wilson bei Churchills Begräbnis das erstemal begegnete, stellte er zufrieden fest: "England beginnt wieder, es selbst zu werden" -- das heißt für de Gaulle: nicht mehr nach Europa zu streben. Seinen Mitarbeitern vertraute der Franzose damals an: Wilson habe noch wenig Erfahrung, aber ein so intelligenter Mann lerne schnell.
Wilson lernte sehr schnell. Monatelang ließ er seine Pläne in Sachen EWG so sehr im unklaren, daß de Gaulle und Bonns Kanzler Kiesinger ihre entgegengesetzten Ansichten über Englands Beitritt -- Bonn ist im Grunde dafür, Paris dagegen -- in einer Übergangsformel verdecken konnten. Sie beschlossen bei dem deutsch-französischen Januar-Treffen in Paris, zunächst abzuwarten, was Wilson auf seiner bevorstehenden Europa-Tournee überhaupt vorschlage.
Dann sickerte aus dem Foreign Office des extravaganten Außenministers Brown durch, Wilson werde seine Bereitschaft erklären, die Römischen Verträge bedingungslos zu unterzeichnen. Sogleich bauten die Franzosen eine Auffangstellung auf: Bisher hatten sie gesagt, England könne beitreten wenn es die Verträge so akzeptiere, wie sie sind -- wobei sie darauf vertrauten, daß England nicht bedingungslos unterzeichnen könne. Wenn sich die Briten jetzt entgegen dieser Vermutung wirtschaftlich unterwerfen würden, mußte man sie politisch abfangen. Englands Beitritt, so sagte de Gaulle zu Kiesinger, stelle die EWG vor schwerwiegende politische Fragen.
In der Tat: Mit England würde ein Industriestaat in die EWG einziehen, dessen politisches Gewicht -- gestützt auf eine ungebrochene nationale Tradition, eine intakte Gesellschaftsordnung und die Verbindung mit den USA -- sogleich das Gewicht Frankreichs mindern würde. Hierin liegt -- neben historischen Ressentiments -- der eigentliche Grund für de Gaulles Nein.
Harold Wilson überbrachte jedoch keineswegs Englands uneingeschränktes Ja zur EWG. "Änderungen", so sagte er vor dem Straßburger Europarat, werde es "selbstverständlich" geben. Und tatsächlich kann England die Vereinbarungen über den gemeinsamen Agrarmarkt und seine Marktordnungen nicht einfach hinnehmen. Da es den größten Teil seiner landwirtschaftlichen Güter aus EWG-fremden Ländern bezieht, müßte es allein den gemeinsamen Agrarfonds zu 50 Prozent füllen und damit seine Zahlungsbilanz für alle Zeit im Defizit lassen.
Wilson griff deshalb politisch an. Er legte ein glühendes Bekenntnis zu Europa ab, das nur vereinigt "von einer Position der Stärke aus zu unseren atlantischen Partnern" sprechen könne. Wer diese Entwicklung verhindern wolle, sei ein "Architekt des Verfalls".
Damit konnte nur de Gaulle gemeint sein -- einen Tag vor Wilsons Reise nach Paris. An der Seine sanken die Temperaturen, an der Seine wurden aber auch neue Stellungen bezogen: Da sich Wilson in Straßburg von den Amerikanern mit fast gaullistisch klingenden Worten abgesetzt hatte, konnte er mit dem Einwand, England sei der Interessenvertreter der USA in Europa, nicht mehr abgewehrt werden.
Als Wilson und sein Außenminister Brown de Gaulle gegenübersaßen, hielt der Staatsfranzose den Gästen einen Vortrag über das Thema, ein wie empfindliches, schwer im Gleichgewicht zu haltendes Wirtschaftsgebäude die EWG sei: "Der Gemeinsame Markt hat seine eigenen Regeln und sein eigenes Leben."
Am Nachmittag präzisierte Premier Pompidou, was de Gaulle gemeint hatte: Englands Pfund dürfe nicht mehr Leitwährung der Sterlingzone bleiben. Außerdem könne England schwerlich ohne eine ausgeglichene Zahlungsbilanz in die EWG aufgenommen werden, sonst werde alles Bisherige gefährdet.
Wilsons Wirtschaft ist indessen auf einen Beitritt zur EWG angewiesen. Nur mit deflatorischen Maßnahmen, das heißt Arbeitslosigkeit und Verringerung des Wirtschaftswachstums, kann England seine Zahlungsbilanz in Ordnung bringen -- falls es nicht der EWG beitritt. Innerhalb des großen EWG-Marktes, der ein Markt hochtechnisierter Länder ist, würde die Industrienation England schnell jene Überschüsse in ihrer Zahlungsbilanz erwirtschaften, mit denen es seine Schulden gegenüber den USA und dem Internationalen Währungsfonds begleichen könnte.
Wenn de Gaulle jetzt die umgekehrte Prozedur vorschreibt -- erst Ausgleich der Zahlungsbilanz, dann Aufnahme in die EWG -, verbannt er die Briten erneut vom Kontinent.
Beim Staatsdiner im Elysée-Palast war de Gaulle bester Laune. Süffisant erkannte er an, daß die Art, wie Englands Außenminister Brown seine Ideen ausdrücke, "unsere volle Sympathie" verdiene. Und: "Es war auf jeden Fall (de toute façon) ein großes Vergnügen und ein großer Vorzug, Sie gesehen und gesprochen zu haben."
Das "de toute façon" klang wie die Kurzform für "das Bedauern: auch wenn ich Ihnen leider nicht helfen kann."

DER SPIEGEL 6/1967
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