30.01.1967

ALPHONSE JUIN

Der 339. Marschall von Frankreich zertrat seinen Lorbeer mit afrikanischer Grausamkeit und starb, Jahre vor seinem physischen Tod, mit dem französischen Weltreich dahin: der letzte große, tumbe Kolonialsoldat des alten Europa.
Er hatte der Heros der "Grande Nation" sein wollen, aber er proklamierte sich frühzeitig zum Gefangenen seiner algerischen Abkunft und schließlich zum trauernden Guignol der auf Frankreich zurückgeworfenen Franzosen. Der Marschallstab vollends ermutigte ihn, wieder zu sein, was er war: Schwarzfuß, Sohn eines Gendarmen aus dem ostalgerischen Bône, Freiwilliger im 1. Zuavenregiment.
Mit Europa hielt er zeitlebens nur soviel Kontakt, wie man brauchte, um als Kolonialfranzose halbwegs kultiviert zu erscheinen. Auf der Kriegsschule von St. Cyr focht der robuste Fähnrich mit den Söhnen der feinen, alten Geschlechter um den Ruhm, Bester des Jahrgangs zu sein. Er wurde es. Dann focht er in Flandern gegen die Deutschen und entschwand wieder in seine Heimat Afrika.
Dort lehrte der legendäre Marschall Lyautey, der Eroberer Marokkos, seinen Stabschef Juin, Afrikaner zu behandeln. Der Mann aus Bône warf die Rifkabylen nieder und glaubte damals schon mit dem Hochmut des ewigen Eroberers, die Hoheit Frankreichs müsse auch dem letzten Berber-Hirten in der Kabylei lebenslanges Wohlbehagen schenken.
verspätete, machte der Marschall auf dem Absatz kehrt.
Die Politiker der Vierten Republik hofften, den Haudegen durch Ehrungen zu domestizieren. Sie ernannten ihn zum Marschall; sie erhoben ihn zu den Unsterblichen in die Académie Française, denen er, taktlos wie er war, als Entrée eine Rede zur Rechtfertigung seiner gescheiterten Marokko-Politik servierte.
Dieser Glaube half ihm, ein glänzender Troupier zu werden. Beim Sturm auf den Monte Cassino erstritt er 1944 an der Spitze des französischen Expeditionskorps den bedeutendsten Sieg des Zweiten Weltkriegs für Frankreich. Er brachte ihm das Großkreuz der Ehrenlegion und die Ernennung zum Generalstabschef.
Aber Europa war nicht alle Tage von Afrika her zu erobern. Als Juin 1947 Generalresident von Marokko wurde, hatte er seit den Rifkabylen nichts gelernt. Er bezwang den Sultan nach dem Rezept des großen, doch lange toten Lyautey, und er begriff nie, daß er den ersten Schritt tat, Frankreich aus Nordafrika zu vertreiben.
François Mauriac fragte ihn damals: "Dieser Gedanke, Herr Marschall, weckt er Sie nachts nicht aus dem Schlaf?" Nicht Gedanken, nur Trompeten konnten den Mann wecken, der 45 seiner 78 Lebensjahre in Afrika verbrachte und stets mit der Linken grüßte, weil die Rechte in Flandern zerschossen worden war. Selbst der Papst war nichts für ihn: Als Plus XII. sich bei einer Audienz Den Politikern dankte der Geehrte mit Verachtung. Als er 1954 offen gegen die Regierung auftrat, bestellte ihn Regierungschef Laniel dreimal zum Rapport. Dreimal weigerte sich der Marschall zu erscheinen. Während in Paris nächtens ein Ministerrat gegen ihn zusammentrat, tafelte Juin in catonischer Selbstsicherheit mit alten Kameraden und verhöhnte beim Wein die Repräsentanten der Zivilgewalt: "Bloße Buchhalter!"
Er hatte zwar recht, aber die Buchhalter der Regierung Laniel rafften sich auf; sie feuerten den Widerspenstigen aus dem obersten Kriegsrat. Den Marschallstab, auf Lebenszeit verliehen, mußten sie ihm lassen, aber der Hinauswurf brach dem Marschall von Frankreich das Kreuz.
Als der Nordfranzose de Gaulle an die Liquidation der afrikanischen Erbschaft ging, stellte sich der Algerier Juin zum Kampf gegen den Kameraden von St. Cyr. Er kündigte dem Duzfreund die Gefolgschaft mit den Worten: "Du bist verrückt. Du solltest endlich alt genug sein. Vernunft anzunehmen."
Die Vernunft war bei de Gaulle, und zum letzten Mittel, der Rebellion, konnte sich der greise Marschall nicht entschließen. So unterstützte er den Hochverräter Salan in Algier nur per Brief und wünschte Gottes Segen auf dessen "tapfere Anstrengungen".
Andere Waffen aus der Zeit der Kolonialsoldaten hatte er nicht: weder den bösen Scharfsinn des Briten Kitchener, noch die Treuherzigkeit des Deutschen Lettow-Vorbeck, noch die Armee des Lehrmeisters Lyautey. Der Kolonialismus war tot.
Um augenfällig darzutun, wie überflüssig dessen letzter Repräsentant geworden war, strich ihm der gereizte de Gaulle den persönlichen Stab von acht auf einen Mann zusammen, kassierte Dienstwagen und Dienstwohnung, verhängte Hausarrest und Redeverbot, besuchte ihn aber am Krankenbett.
Der vorläufig letzte Marschall von Frankreich schwieg fortan. Er, der kein Sentiment außer seinem eigenen anerkannte, hatte von Algerien geschwärmt: "Ich liebe mein kleines Vaterland vielleicht noch mehr als mein großes." Aber François Mauriac hatte kalt erwidert: "Nein, Herr Marschall, Ihr zerrissenes Herz zählt nicht."

DER SPIEGEL 6/1967
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