30.01.1967

ZEITSCHRIFTEN / DER MONATDrei mit Lust

"Eine Zeitschrift wie die unsere", so erklärt die Zeitschrift im 220. Monat ihr Programm charaktervoller Liberalität, "hat nicht einmal ein Programm."
Was sie aber hat: einen neuen Verlag und einen neuen Mitherausgeber, das alte Defizit und den alten Mäzen.
Seit dem 1. Januar 1967, in ihrem 19. Jahrgang, mit Heft 220 und graphisch belebtem Titelblatt, erscheint Deutschlands anregendste politisch-kulturelle Monatszeitschrift, "Der Monat", nicht mehr als Publikation einer "Gesellschaft für internationale Publizistik m. b. H.", sondern -- so meldet das neue Impressum -- "mit Unterstützung des Kongresses für die Freiheit der Kultur im 5. Fischer Verlag, Berlin und Frankfurt! Main".
Neuer, dritter Mann im Herausgeber-Kollegium, neben Helimut Jaesrich, 58, und Peter Härtling, 33, ist 5.-Fischer-Verlagsdirektor Klaus Harpprecht, 39, schon lange "Monat"-Mitarbeiter und -- so Jaesrich über Harpprecht -- ein "Mitweltanschauungsstifter" der weltläufigen Zeitschrift.
Das seit einem Jahr von Harpprecht geführte Haus S. Fischer ist des "Monats" dritte Station.
Das lesbare Highbrow-Blatt war Oktober 1948 im blockierten Berlin zum erstenmal erschienen -- eine Gründung des spitzbärtigen, kecken US-Journalisten Melvin Lasky mit antikommunistischer Tendenz und besten Beiträgern (Russell, Toynbee, Orwell, Camus, Silone), finanziert von der US-Militärregierung. Startauflage: 50 000; Einzelpreis: eine Mark.
Nach 50 Monaten, 1952, lobte der Schweizer Historiker Walther Hofer des "Monats" "geistigen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus", tadelte aber auch, daß die Zeitschrift "dem Typus des Exkommunisten" zeitweilig zuviel Raum gegeben habe -- dem intellektuellmilitanten Renegaten vom Typ Arthur Koestler etwa.
Nach 72 Monaten, 1954 -- der Antikommunismus begann zu verschleißen-, stellten die US-Besatzer ihre Zahlungen ein. Lasky und Jaesrich gründeten ihre private "Publizistik"-GmbH; die nötigen Subventionen spendeten von nun an die amerikanische "Ford Foundation" und deren internationaler Intellektuellen"Kongreß für die Freiheit der Kultur", der 65 Prozent der Gesellschafter-Anteile des "Monats" hält und -- der Freiheit eine Kasse! -- ähnliche Zeitschriften in Frankreich ("Preuves"), England ("Encounter"), Italien ("Tempo presente"). und anderen Ländern finanziert.
Und dabei bleibt es vorerst auch. Das Defizit des nur mit wenigen Anzeigen versehenen "Monats" -- heutige Auflage: 17 000; Einzelpreis: 2,50 Mark -- wird nach wie vor durch Ford-Geld gedeckt. Jährlicher Zuschuß: rund 200 000 Mark. Mit S. Fischer besteht nur ein Dienstleistungsvertrag: Der Frankfurter Verlag macht dem Berliner Blatt die Buchhaltung und den Vertrieb, Besitzanteile erwarb 5. Fischer nicht. "Die Redaktion", verkündete die Redaktion, "wird die Zeitschrift in völliger Unabhängigkeit weiterführen."
Aus Sorge um ihre redaktionelle Unabhängigkeit waren die "Monat"-Herausgeber im letzten Jahrzehnt mehrmals vor namhaften Angeboten zurückgeschreckt.
Der in Paris residierende "Kongreß für die Freiheit der Kultur", bei dem der "Preuves"-Chef und "Monat"-Mitarbeiter François Bondy für die aus dem Ford-Fonds gespeisten Zeitschriften zuständig ist, hatte den Blättern Anlehnung an einheimische Verlage empfohlen. Für Deutschlands "Monat" interessierten sich unter anderen die Verleger Gottfried Bermann-Fischer, Joseph Caspar Witsch und Klaus Piper, die Häuser Kohlhammer und Rütten & Loening sowie Axel Springers Propyläen-Verlag. Zu Abschlüssen kam es nicht. "Monat"-Herausgeber Jaesrich: "Im Springer-Konzern wären wir so eine Art Wein-Abteilung geworden."
Das Herausgeber-Kollegium hatte sich inzwischen zweimal verändert: 1960 war Gründer Lasky ausgeschieden, 1964 trat Laskys Nachfolger, der Schweizer Journalist Fritz René Allemann, wieder ab und der junge Romancier ("Janek") und ehemalige Feuilleton-Redakteur der "Deutschen Zeitung" Peter Härtling an seine Stelle.
Zur S.-Fischer-Bindung, 1966 im Haus des verstorbenen Friedrich Sieburg in Gärtringen bei Stuttgart geknüpft, kam es schließlich, laut Jaesrich, "nur Harpprechts wegen". Der Berliner "Monat"-Senior und die beiden Schwaben-Sprößlinge aus Nürtingen, Härtling und Harpprecht, sind sich einfach sympathisch: "Drei Männer, die die Lust haben, zusammenzuarbeiten" (Jaesrich).
Und diese Lust wird bilateral gewonnen. Denn nicht nur steigt Harpprecht in den "Monat" ein -- Härtling und Jaesrich machen sich nun auch bei 5. Fischer nützlich: Härtling als Cheflektor (monatlich drei Wochen in Frankfurt, eine Woche in Berlin), Jaesrich als Berater (pro Monat einen Tag in Frankfurt).
Am toleranten Un-"Programm" der Zeitschrift, die sich in den letzten Jahren stärker deutschen Themen zugewandt und an kosmopolitischem Glanz etwas verloren hat, soll sich in der neuen Ära nichts ändern. Jaesrich: "Harpprecht ist mehr Gaullist, ich bin wohl eher Atlantiker."
Daß die Auflage steigen und das Defizit schwinden könnte, wagen die "Monat"-Männer nicht zu hoffen. Resignierend beneiden sie ihr englisches Schwesterblatt "Encounter", das eine Auflage von 38 000 erreicht hat und allerdings auch mit mehr intellektuellem Pfiff gemacht ist -- vom Ex-"Monat"-Mann Lasky.
Seufzt Hellmut Jaesrich: "In Deutschland fehlt eben, was es in England gibt -- eine literarische Café-Society, in der man sich schämen müßte, einen bestimmten Artikel in einer bestimmten Zeitschrift noch nicht gelesen zu haben."

DER SPIEGEL 6/1967
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