22.09.1969

„AUCH DER ONKEL HO GEHT NICHT MEHR AUFS KLO“

Ein launiger Altweibersommer lag überm Wandervogel-Horst Burg Waldeck im romantischen Hunsrück. Hippies quinquillierten und trommelten im Grase selig vor sich hin; aus ihren Joints stieg würzig der Duft von Marihuana.
Derweil erwogen tiefernste Diskutanten, ob man den Menschen sexuell frustriert halten solle, damit er Revolution macht, oder ob nur sexuell Befreite zu Revoluzzern werden; besorgt gab einer zu bedenken, eine sexuell enthemmte Gesellschaft könne auch in Apathie verfallen, wie etwa jene bekannten Hopi-Indianer.
Vier Tage lang fand auf den Wiesen, in den Hütten und Zelten an der mürben Burg-Ruine das Waldeck-Festival 1969 statt. Ein paar hundert junge Leute von meist malerischem Habit sangen, stritten, rauchten Kif und Hasch, nährten sich von heißen Würstchen und gossen Fremdlingen etwa mir -- Rotwein über die Hose.
Ursprünglich (1964) war das Waldeck-Fest ein harmloser Sängerkrieg, vornehmlich mit Folklore und Gitarre ausgetragen. Im Lauf der Jahre freilich politisierte sich das Treffen und gewann Bedeutung. Im vergangenen Jahr wurde dann die Internationale angestimmt, und ein Störtrupp militarisierte das liebliche Gefilde zur "Kernzelle des europäischen Widerstandes".
Die Zeit der knatternden Parolen ist vorbei. Die "Projektgruppe Waldeck", gemischt aus Mitgliedern des "Republikanischen Clubs" Mainz und den Redakteuren der Zeitschrift ("für progressive Subkultur") "Song", stellte dem diesjährigen Festival eine seriöse Aufgabe: "Gegenkultur" hieß das Arbeitsmotto.
Denn Gegenkultur, auch Subkultur, Untergrund. Gegenmilieu (>der Gegenöffentlichkeit genannt, ist ein Schlüsselthema der linken Diskussion.
Die einen definieren Gegenkultur als "antiautoritäre Gegenkonzentration"" als eine Art Wartesaal der Revolution" in dem jeder Platz nimmt, der in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft keinen mehr hat oder will -- sei er Linker, Rocker, Hippie, Maler oder Polit-Beat-Drummer; andere denunzieren Gegenkultur als ein integriertes Freigehege, ein Serengeti für wilde Tiere, als eine Ideologie für Leute, die auf der grünen Gegenwiese kapitalistischen Klee fressen".
Der Gegenkultur-Theoretiker der Projektgruppe Waldeck ist der ambulante, füllige Wiener Rolf Schwendter, 31, ein ungemein gelehrtes Haus. Er hat, um das "fachwissenschaftliche Idiotentum zu überwinden", bislang drei Doktorwürden erworben er hängt, darin Sokrates ähnlich, wenig an irdischem Gut, hält sich in Wien nur eine Abstellkammer und trägt alles Wichtige mit sich.
Gelegentlich greift er, darin Grassens Oskar Matzerath ähnlich, nach einer Kindertrommel und singt, gleichfalls mit fenstersprengendem Organ, selbstverfertigte Lieder, etwa "Repressionsballaden" ("konkrete Beschreibung sexueller Repressionen"). Eine hat den Kehrreim: "Denn die meisten Maturantinnen (Abiturientinnen) sind leider meistens Masturbantinnen." Die Ballade ist, sagt Schwendter, auf wissenschaftliche Untersuchungen begründet.
Schwendters Gegenkultur-Themen -- etwa Arbeiterlied, Polit-Beat, Straßentheater, Kunst überhaupt, Gegenkultur überhaupt -- wurden in sogenannten Workshops diskutiert; leider meist in der Art, die Insider "Maosturbation" nennen, also in unfruchtbaren Fraktionskämpfen.
Denn Deutschlands Linke sind einander nicht gut. Zwischen den Breschnewiken der DKP und den Mao-Sozialisten fluktuiert rund ein Dutzend Splittergruppen, die sich, komischerweise, gegenseitig Revisionisten schimpfen, wenn nicht gar, wie auf Waldeck, "revisionistische Halunken". Und das Phantom Arbeiter umwerben sie wie eine frigide Geliebte.
Solche Maosturbation war der "First Vienna Working Group: Motion" alsbald ein Greuel. Die Happening-Truppe besteht aus zwei leicht vampirischen Wienern, dem einstigen "Lackingenieur" Joe Berger, 30, und dem gewesenen Kohlen träger und Schauspieler Otto Kobalek, 38; ihre Einlagen waren von ruchlosem Witz.
Kobalek etwa, stets in Begleitung einer Rutweinpulle, heftete, des Sex& Revolutions-Geredes überdrüssig, eine Suchanzeige ans schwarze Waldeck-Brett: "Welche Genossin", so schrieb er, "möchte noch vor der Revolution den Geschlechtsverkehr vollziehen? Interessenten bitte melden bei 0. Kobalek." Sein Kompagnon Berger, er macht Proletarier beim Kartenspiel zu Sozialisten, brachte die apostolische Linke mit einem Happening zum Glühen.
Im grollen Festzeit, wo gewöhnlich nach Mitternacht blocksbergmäßige Free-Rock-Orgien anhoben, ließen sich die Wiener ein kapitales Menü auf die Bühne servieren (Krabben etc.) und spielten "Waldeck: Diskussion" will sagen: Berger provozierte mit gotteslästerlichen Sprüchen ("Auch der Onkel Re geht nicht mehr aufs Klo"), wurde als "Faschist" von der Bühne gedrängt und fand, am letzten Tag. sein Automobil demoliert vor.
So unfreundlich wie zu ihren eigenen Linken waren die rechten Linken auch zum "linken Sumpf" -- zu den Beat- und Hippie-Kommunen, die, statt politischen Explosionen, sich psychischen Implosionen hingaben, mit ihren Kalumets die Waldeck in amen Kif-Häuser verwandelten und mit LSD, dem Trampolin zum Transzendenten, auf Reisen gingen.
Ein Schweizer Soziologen-Team. Spezialisten für Untergrund-Kulturen, versuchte, den Waldeck-Linken die Hippie-Welt zu erschließen: Sie sei eine notwendige Reaktion auf Europas Cartesianismus und Rauschfeindlichkeit, öffne neue Wahrnehmungsfelder, produziere äußerst komplizierte Mythen und sehr lebensfähige Gesellschaftsformen.
Von denen da die Rede war, die saßen derweil abseits, trommelten und quinquillierten vor sich hin und sorgten sich nicht um die Gegenkultur; sie stellten sie dar.
Der Guru einer Berliner Hippie-Kommune erzählte mir, wie er dahin gekommen war. Er hatte studiert und sich politisch engagiert, aber als er ein "turner" wurde (sprich: törner, von englisch turn-on: sich mit Drogen ankurbeln), ließ er das bürgerliche Leben fahren und gründete mit andern "turnern", darunter einer fesselnden Knef-Blondine, eine Hippie-Sippe.
LSD-Trips bescherten ihnen "alle Weisheit der Welt", alle Aggressivität fiel von ihnen ab, und alle Lust am Lesen verging ihnen auch. Sie wollen sich nun auf die Musik legen und damit Geld verdienen. Noch lebten sie vom Haschisch-Handel, auch bestünde die Möglichkeit, bei großen Kauf häusern Lebensmittelpakete zu bestellen (und nicht zu bezahlen>.
Hippie sein, sagt der Guru" "heißt: nicht leiden". Er ißt gern gut, und der "turner"-Sippe ist er ein guter Vater. Es hatte ein paar schlimme Trips auf der Waldeck gegeben. Ein Mädchen etwa, unterm schwarzen Mantel nackt und bloß, begann plötzlich, wie ein Derwisch schrill zu toben. Mit einem "O-Schuß" (einer Opium-Injektion), sagt der Guru, habe er ihr Frieden geschenkt.
Einen solchen, dazu "Harmonie, Energie, Intelligenz" versprach eine mütterliche Blondine, die soeben aus Indien heimgekehrt war und nun in einem Zwei-Mann-Zelt am Rand des Festes " transzendentale Meditation" nach Art des Maharischi Mahesch Jogi lehrte -- ganz ohne Pot und Hasch; nur ein paar Blümchen müsse man mitbringen, riet sie, auch 35 Mark.
So saßen alle auf der grünen Gegenwiese und lebten tatsächlich ein wenig vom kapitalistischen Klee. Denn die Waldeck-Kosten (34 000 Mark) wurden fast ganz mit Geldern bestritten, die westdeutsche Rundfunk- und TV-Anstalten für Waldeck-Aufnahmen zahlten.
Und alle waren nett zum stets gegenwärtigen Geldgeber, auch die "Nerother Wandervögel", die von ihrem Hochsitz aus das linke Leben um die Stammburg scheel verfolgten: Als sie eine rote Fahne entzünden wollten und dem TV-Kameramann just der Film ausgegangen war, hielten sie das Feuer-Werk so lange an, bis der Mann wieder konnte.

DER SPIEGEL 39/1969
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