22.09.1969

KUNST / RICKEYReine Bewegung

Ich wäre glücklich, eine Kunst so -- stumpf wie Poussin, so konventionell wie Duccio, so neutral wie Maillol und so mechanisch wie ein aufsteigender Strebepfeiler in Chartres zu machen", wünschte sich der amerikanische Kinetik-Bildhauer George Rickey, 62, und dieses Glück ist ihm wirklich beschieden.
Aufstrebend, mechanisch, in den Formen neutral, stumpf, doch gar nicht so konventionell wie der Künstler meint, pendeln, wippen, schwanken, zittern und kreisen Rickeys Werke, vom Winde bewegt, auf öffentlichen Plätzen und in den grollen Kunstausstellungen der westlichen Welt.
Rickeys pfeilspitze Kompaßnadeln, wie die meisten seiner Arbeiten aus rostfreiem Stahl, seine rechteckigen Plattenpaare, Dreiecks-Kombinationen und rotierenden Würfel, die der Bildhauer stets beweglich auf Stahlposten montiert, waren schon in New York zu sehen und in Stockholm, in London, Brüssel, Paris und San Francisco. Zweimal schaukelten die eleganten Konstruktionen, riesigen Kornhalmen gleich, in der Kasseler "Documenta", einmal auch in den Biennale-Gärten von Venedig.
Große Stücke bestellten sich der Düsseldorfer Waschmittelkonzern Henkel ("Vier schräg rotierende Linien"), Banken in Kalifornien und Nebraska, und auch im niederländischen Rotterdam rotiert Rickeys Edelstahl, eine Leihgabe des Künstlers. unter freiem Himmel. Die Neue Nationalgalerie in Berlin hat Rickeys "Vier Vierecke im Geviert" (Handelswert) rund 120 000 Mark) aufgestellt.
* "Vier Vierecke im Geviert" in der Neuen Nationalgalerie Berlin.
Bescheidener dokumentiert der Münchner Kunstverein derzeit an kleinen und mittelgroßen Skulpturen (Preisskala: 8000 bis 40 000 Mark), an Großphotos und Werkzeichnungen Rickeys Weg zum Glück einer kühlen. versachlichten, dabei immer poetischen Maschinen-Kunst. Die Ausstellung beweist: Mit der Natur hat Rickey, der frühere Kinetik-Werke verwirrend naturalistisch etwa "Baum", "Astern", "Welle" oder "Landschaft" nannte" nun nichts mehr im Sinn.
Statt dessen spricht er nur noch von "Instabilen Säulen", "Labilen Würfeln", "Unterbrochenen Linien", und das ist ein Programm: Denn nicht mehr Natur-Analogien sollen seine Pendel-Spiele verdeutlichen, sondern "Naturgesetze" -- "Newtons Bewegungsgesetze" beispielsweise, "die Gesetze, welche die Bewegung eines Schiffes oder das Erdbeben verursachen", kurz: "nichts als die reine Bewegung" (Rickey).
Doch so sicher hat der kurzsichtige Künstler im gefleckten Arbeitshemd" der wie ein Heimwerker aussieht und in keinem Interview zu erwähnen vergißt, daß "mein Großvater Uhrmacher" war, nicht immer gewußt, was er mit seiner Kunst sein wollte:
Der Ingenieurssohn aus Indiana, der es im englischen Oxford mit einer Arbeit über britische Verfassungsgeschichte immerhin zum "Master of Arts" gebracht hatte, malte nach Studien in Paris zunächst "wie Cézanne", dann "akademisch kubistisch" und auch mal expressionistisch. Er lehrte, wieder in den USA, dann doch lieber Geschichte an einer Art Gymnasium", und erst 1945, als Sergeant der Air Force, gab ihm ein Mechanikerposten -- Wartung von Bordkanonen der B 29 -- Gelegenheit, mit mobilen Plastiken zu experimentieren.
Aber diese Versuche mit klingenden Glas-Mobiles a la Calder, gefärbten Oberflächen und komplizierten Formen führten den Bildhauer, der mittlerweile ("Ich war 30 Jahre Lehrer und habe nun die Nase voll") an US-Universitäten Kunstgeschichte unterrichtete, nicht weiter.
Erst als Rickey auf Klang und Farbe, auf Formenprunk und Oberflächenreize verzichtete, kam er seinem Ideal nahe: einer "Choreographie" (Rickey) sacht im Luftstrom sich bewegender Elementarformen -- Linie, Dreieck, Kreis, Quadrat.
Neuerdings jedoch quälen ihn technische Probleme: Wie sich die graziösen Schwebe-Balken, seine Wipp-Stelen und "Raumschleudern" mit verborgenen Metallgewichten austarieren und mit Kugellagern und Stoßdämpfern mobil machen lassen, das kann er nur durch Werkstatt-Tüftelei oder kuriose Testfahrten herauskriegen.
So hält der Künstler bisweilen auf Autoreisen seine Werke in den Fahrtwind, um die Bewegung zu studieren; bisweilen, wenn es um Großplastiken geht, beschäftigt er, mit dubiosem Erfolg freilich, auch einen Ingenieur. Bei der Installation seiner Berliner "Vierecke" etwa ignorierten örtliche Baufachleute den Rotations-Effekt der kinetischen Plastik und verlangten für die geforderte Windstabilität (120 Stundenkilometer) eine fünffach solidere Fundamentierung, als sie Rickeys Gehilfe berechnet hatte.
Solche Werkstattprobleme lassen dem Künstler gleichwohl genügend Zelt zu ertragreichen Nebenbeschäftigungen: Rickeys Buch über "Ursprünge und Evolution des Konstruktivismus" ist heute bereits ein Standardwerk, das der jüngst abgelaufenen Nürnberger Biennale ("Konstruktive Kunst") als Programmschrift nützlich war.
Auch seine deutschen Kunsthandeis-Interessen nimmt Rickey, der ein Jahr als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin lebte, nunmehr selber wahr: Er trennt sich vom Galeristen Rudolf Springer und besorgte sich seine jüngsten deutschen Großaufträge -- Auftraggeber: Neue Heimat München, Klinikum Berlin -- auf eigene Faust.

DER SPIEGEL 39/1969
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