22.09.1969

Diese Woche

Die deutsche Stadt Münster wurde im Zweiten Weltkrieg in drei schweren Luftangriffen ruiniert. Das französische Reims galt seit der Zerstörung durch deutsche Granaten 1914 als "Symbol deutsch-französischer Erbfeindschaft". Auf Portsmouth warfen deutsche Stukas mehr Bomben als auf jede andere englische Stadt.
Jetzt rekonstruieren Reporter der ARD mit Wochenschau-Schnitzeln" Amateurfilmen, Bildern aus privaten Photoalben und vielen Zeugenaussagen Verwüstung und Chaos in den drei Städten. Sie fragen, ob die alten Wunden verheilt sind, und forschen nach verborgenen Ressentiments. Die geschlagene Bevölkerung, so zeigt sich, hegt keinen Groll mehr gegen die Kriegsgegner von einst, doch ganz bewältigt ist die Vergangenheit nun auch wieder nicht.
In Münster, der Stadt "zwischen Kreuz und Hakenkreuz" (Untertitel), bewahrt der Autoverkäufer Hermann Hogeback, dem Hitler in der Wolfsschanze einmal die Hand gedrückt hat, noch immer alle Orden in einer Zigarrenkiste auf. Und auch der Pg. und die Jüdin, die Kirchgänger, BDM-Mädel und Flakhelfer von damals reden nicht ohne Emotionen über Münsters großdeutsche Zeit.
Autor Breckoff (Photo) berichtet vom ersten großen Tagesangriff auf eine deutsche Großstadt im Jahr 1943, vom Reitturnier zugunsten des Winterhilfswerks, vom Lokaiblatt, das noch in der letzten Ausgabe 1945 Tips für Imker druckte, und von der Stange Ami-Zigaretten, die damals auf dem schwarzen Markt 1000 Mark kostete.
Mitten in der Stadt läßt Breckoff 1969 noch einmal Hitler vom Tonband aus dem Lautsprecher brüllen; nur ein Münsteraner protestiert -- Westfälischer Frieden.
"Er wurde geboren, arbeitete uno starb. So sprach Martin Heidegger (Photo), der am Freitag dieser Woche 80 Jahre alt wird, über das Leben des Aristoleles. Heidegger mißachtet das Biographische. Er war immer nur am Denken, an der Philosophie interessiert.
Heideggers Denken, seine Philosophie in Bilder umzusetzen, diesen waghalsigen Versuch unternimmt das Deutsche Fernsehen in dieser Woche. "Was heißt denken" nennt Erasmus Schäfer seine SWF-Sendung und scheitert am Bild. Während Schäfer Heideggers bedeutendste Schrift "Sein und Zeit" deutet, wird der Zuschauer minutenlang mit Mondbildern von Apollo 7 strapaziert, und den Heidegger-Begriff "Geworfensein" illustriert im Negativfilm -- ein schwarzgekleideter Jüngling, der durch eine Sandgrube läuft. Heideggers pessimistische Aussagen über die Technik werden schließlich zu rollenden Zahnrädern und flackernden Computersignalen zitiert.
Das ZDF, das zwei Tage später den Jubilar feiert, entzieht sich derart brüsker Illumination. Was Schäfer nicht gelang und was auch als ausgeschlossen galt, erreichte der Wormser Autor Richard Wisser: ein Fernsehinterview mit Heidegger. 20 Minuten lang gab der Denker Antwort
freilich nicht auf biographisch-politische, sondern nur auf Fragen zu seinem Werk und zu Zeitproblemen; einen gesellschaftlichen Auftrag will er der Philosophie auch heute noch nicht zugestehen.
Zehn von Heidegger beeinflußte Gelehrte -- darunter der Philosoph Karl Löwith und der Theologe Karl Rahner -- ergänzen das Gespräch; in ihren Studierstuben geben sie monologisch Auskunft über den Denker und ihre Begegnungen mit ihm. Nur einer ist kritisch: Dolf Sternberger, der in Heideggers Denk-Versuch einen "erschreckenden, hochfahrend-übermenschlichen Anspruch", gleichwohl etwas "titanisch Vergebliches" sieht.
Ernst Jünger, Experte für Soldatentum und Natur-Inspektion, registrierte bei der ersten Begegnung mit seinem Freund Heidegger einen "Eros", der "stärker war als Worte und Begriffe", und "das Listige des Fallenstellers": "Heideggers Vaterland ist der Wald, sein Bruder ist der Baum."
Was Jünger im ZDF nur sagt -- Schöfer zeigt es im Südwestfunk wirklich. Bei der Erwähnung von Heideggers Buch "Holzwege" erscheint ein Waldpfad mit knorrigen Wurzeln im Bild und illustriert: Schäfer ist auf dem Holzweg.
Der Boß ist pleite, sein Büro leer, die Frau ibm davongelaufen, der Freund will nichts mehr mit ihm zu tun haben -- Paul Berwald will Schluß machen.
Die Direktion des Palace-Hotels ist ihm dabei behilflich. Sie offeriert dem. Lebensmüden einen Vier-Wochen-Aufenthalt für 10 000 Mark in den Luxus-Räumen von Schloß Tremsbüttel bei Hamburg, gepflegter, schmerzloser Selbstmord inbegriffen, Rücktritt vom Vertrag ebenfalls Berwald (Peter Pasetti, Photo. l.) akzeptiert.
Aber an Todes Statt findet er im holsteinischen Schloßhotel zwischen kauzigen Komtessen, smarten Versagern und nörgelnden Snobs die strenge, stille Silvia (Luitgard Im, Photo, r.). auch sie fest entschlossen, sich auf feine Art das Leben zu nehmen. Es kommt, wie"s kommen muß: Sie lieben sich, kündigen ihre Selbstmord-Verträge und wollen -- Palace verhindert es schließlich -- zurück in die Wohlstandsgesellschaft, die der Dramatiker Herbert Asmodi mit dieser Satire zu verhöhnen vorgibt.
Asmodis utopisch-ironische Farce gegen den hemmungslosen Konsum. wo alles, selbst die Agonie, käuflich ist, verflacht auf dem Velours der Tremsbüttler Salons zur reinen Kolportage.
Mit blanken Fäusten, Stöcken und Rudern, zu Lande und zu Wasser, dreschen chinesische Fischer auf "die frechen Banden von Sozial-Imperialisten. Gangstern und Piraten" ein. Sie prügeln sowjetische Soldaten, die nächtlich am Ussuri Wache fürs Vaterland halten.
Mit zitternder Teleoptik verfolgen Maos Kameramänner mit "der roten Sonne im rotesten Herzen" den Kampf zwischen den feindlichen Brüdern. Sie filmten "Faschisten-Stiefel" der Sowjet-Soldaten, die das Gras "unseres heiligen Vaterlandes niedertrampeln", zwei "sowjetisch-revisionistische Kanonenboote", die ihre Wasserwerfer auf chinesische Kutter richten, und russische Rotarmisten, die chinesische Fischer kidnappen. "Doch der Sieg ist unser!" kommentiert die Stimme Pekings diese Bilder von Amur und Us-Suri.
Die Parole wird jetzt auch im Deutschen Fernsehen ausgegeben. Bei grünem Tee, per Handschlag und ohne Lizenzen haben Maos Nachrichtenhändler dem WDR-Redakteur Jürgen Rühle, der kürzlich ein Mao-Porträt gesendet hatte, den Film offeriert.
Um die Sowjets nicht zu vergällen, will Ruhle jetzt -- entgegen den Erstankündigungen -- dem Film aus Peking eine Anfang April bereits gesendete WDR-Dokumentation aus russischer Perspektive folgen lassen, die der Moskauer ARD-Korrespondent Lothar Loewe aus sowjetischem Bildmaterial montiert hat.
Manchmal zeigen beide Streifen die gleichen Szenen, auch die Kommentare sagen dasselbe: Die Hölle, das sind die anderen.
Er nahm an fast jedem Massaker der Jahrhundertwende teil -- auf seine Weise. Er bewaffnete die Griechen gegen die Türken, die Türken gegen die Serben, die Serben gegen die Österreicher. Er verdiente am Salpeterkrieg zwischen Chile und Bolivien (1884), am Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898), am Burenkrieg (1899), am Russisch-Japanischen Krieg (1904 bis 1905).
lind auch im Ersten Weltkrieg bewährte er sich als Lieferant für alle Fronten: Mit seinen türkischen Kanonen schossen zum Beispiel an den Dardanellen deutsche Artilleristen britische Bataillone mit englischen Granaten zusammen.
Sir Basil Zaharoff, der "Makler des Todes", ehedem Bordell-Schlepper in Konstantinopel, zuletzt Besitzer des Spielkasinos von Monte Carlo, war eben ein wahrer Kosmopolit -- ein Weltbürger mit schwarzer Vergangenheit, von dem niemand weiß, wann und wo er nun wirklich geboren wurde, ob 1849 oder 1851, ob als Russe, Pole oder Grieche, als Sohn einer reichen türkischen Mutter oder eines armen jüdischen Vaters in Odessa, Anatolien, Albanien, Bulgarien oder in den Londoner Whitechapel-Slums.
Auch Autor Mansfeld ("Der Reichstagsbrand-Prozeß) gibt darüber keine Auskunft. Ihn interessiert in seiner aufwendig besetzten Szenenfolge
Richard Münch als Zaharoff (Photo), Antje Weisgerber, Siegfried Wischnewski -- nur der große Drahtzieher, der skrupellose, zynische, geniale Waffenhändler mit dem Knebelbart, der betrügt, erpreßt, spioniert und morden läßt und dabei zu hohen Ehren gelangt.
Zaharoffs Fazit im Mansfeld-Spiel: "Am Geld klebt Dummheit", und "Blut ist nur eine Farbe".
Rund 423 000 Finnen, so zeigt der ZDF-Abteilungsleiter Nielsen-Stockeby, 49 ("Ost-West-Runde"), mit authentischem Filmmaterial, wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg mit Sack und Pack, mit Hundeschlitten, Rentieren und Rinderherden übers Eis. Sie verließen Karelien (ein Achtel des finnischen Staatsgebietes) das Finnland an die Sowjet-Union abtreten mußte.
Ein "Vertriebenenproblem" freilich, beteuert der Bauer Kähönen, Sprecher der karelischen Landsmannschaft" kennt Suomi nicht. Die finnischen Flüchtlingsverbände, die eigene Zeitungen herausgeben und Sonnwendfeiern veranstalten, nehmen Rücksicht auf die Außenpolitik des von Moskaus Wohlwollen abhängigen Staates. "Wir wissen ganz gut", sagt eine nackte Krankenschwester vor der Sauna, "daß wir haben keine Realität, nach Karelien zurückzukehren."
Auch die Politiker, Bauern, Lappen und Hirten, die Nielsen-Stokkeby (Photo) befragte, verlangen weder Rückgewinnung noch Heimatrecht. "Finnland", meint der Vize-Premier Virolainen bei der Ernte auf einem Traktor, "hat keine politischen Probleme mit den karelischen Leuten."
Die Dokumentation wird vom ZDF in der Reihe "Alternativen" gesendet. Sie bietet den Berufsflüchtlingen in Deutschland einen hervorragenden politischen Nachhilfeunterricht.
Die Stiege knarrt, Gardinen wehen. die Telephonleitung ist tot, die Tür von außen verriegelt. Im Garten gräbt bei Nacht und Nebel ein Fremder, den Schädel mit einem Nylonstrumpf umspannt, nach einer Leiche.
Wer hat vor zwei Jahren das Schweizer Au-pair-Mädchen Karin mit acht Schlaftabletten umgebracht? Das Ehepaar, er ein Geschäftsmann, sie eine welke Enddreißigerin mit Drang zur Flasche, will es im Kreuzverhör beim Morgengrauen unbedingt klären; vorm Haus steht ein schwarzer Sarg.
Munck hat diesen Psycho-Thriller vom guten alten englischen Schlag mit viel Grusel inszeniert. Günther Neutze zieht seinen bewährten Flunsch zum Understatement, Rosel Schäfer (Photo> zeigt schönste Hysterie, und bis zum Schluß bleibt unklar: Wem gehört die Hand, die zum Hörer greift?
PS: Sie gehört der Übersetzerin des Stückes, Ursula Lyn.

DER SPIEGEL 39/1969
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