22.09.1969

MODE / MIEDER

Rundum ohne

Hans Hasler, persönlich haftender Gesellschafter der Schweizer Leibwäschefabrik Hasler & Co. zu Frauenfeld, hat sein Auge inzwischen "daran gewöhnt, daß eine Brust dorthin gehört, wo sie in Wirklichkeit ist".

"Die moderne Frau rüstet sich nicht", so lautet auch die Maxime des deutschen Maschen-Industriellen Franz Falke aus Schmallenberg. Beide, der Schweizer und der Sauerländer, befürworten eine Abrüstung, die letzte Woche anläßlich des Wäsche- und Miedersalons in Köln von der Textilpresse als "Durchbruch des Soft- und Transparent-Stils" gefeiert wurde.

Tatsächlich scheinen neuerdings alle in der Unterbekleidungs-Branche Schaffenden einig in ihrer Zielsetzung: die "Weg mit dem BH"-Bewegung (SPIEGEL 35/1969) -- mittels behutsam stützender Synthetics -- vor ihrem Tiefpunkt abzufangen. Hauchzarte Körperstrümpfe, welche die Figur von Fuß bis Schlüsselbein umhüllen, durchsichtige Büstenhalter ohne Gestänge und trikotartige "bodyslips" waren Schlager der galanten Kölner Messe.

Doch die Eintracht, mit der jetzt Strumpf- und Miederleute weibliche Rundungen in naturgewollte Formen zurechtrücken, täuscht. Für den Wäschesalon, so berichtete der "textil schnell report", sei zwischen den Branchen nur ein "Burgfrieden" geschlossen worden.

Zankäpfel sind Po und Busen der bundesdeutschen Verbraucherin: Die Miederindustrie wünscht nicht, daß jene Polster -- gleichsam als ihr Hoheitsgebiet -- auch von der Strumpfindustrie figurformend umgarnt werden. Die erste Schlappe mußten die Mieder-Macher freilich schon hinnehmen. Nach Einführung der Strumpfhosen fanden, wie Feinstrumpfwirker Falke kundtat, viele Frauen "den Hüfthalter ... plötzlich im wahrsten Sinne unerträglich". Mit dem Boom in Strumpfhosen sank der Miederabsatz.

Dr. Herbert Braun, Chef von Triumph International und mit 50 Prozent Mieder-Marktanteil ungekrönter König unter den Figurkrönern Deutschlands, verklagte unlängst die Strumpfwirkerfirma Ergee, weil sie ihre Ware als "Miederstrumpfhose" feilbot. Nun, da rundum entfesselnde Bodystockings aus den Strumpffabriken kommen, muß er auch um Marktanteile auf dem gehobeneren Stütz-Sektor bangen.

Nach ersten Revierabsprachen trafen die einstmals durch die Strumpfhalter-Strapse so eng miteinander verknüpften Parteien Ende vorletzter Woche eine Art Gentlemen's Agreement: Die Großen der Strumpfbranche kamen mit einigen der Miederfabrikanten überein, Strumpf- und Miederhosen in der Werbung als ideale Ergänzung anzupreisen. Triumph-Chef Braun wollte sich dem Haut-Kartell noch nicht" anschließen.

Denn Triumph war zu dem Zeitpunkt bereits erfolgreich artikelfremd gegangen: Seit wenigen Monaten produziert die Miederfirma Strumpf hosen. Triumph-Absatz im ersten Vierteljahr: sieben Millionen Stück. Ob er sich aus dem lukrativen Strumpfhosengeschäft wieder zurückziehen wird, will der Triumph-Mann erst nach der Miedermesse entscheiden.

Doch ebenso lange behalten sich die vom Frei-Stil begünstigten Strumpfwirker endgültige Entscheidungen vor. "Uns macht es nichts aus", so Dr. Christian Sonneborn, Marketing-Berater bei der Falke-Gruppe, "wenn wir zusätzlich zum Strumpfgarn noch ein paar kräftige Lycra-Fäden in die Rundwirkrahmen spannen" -- zwecks besserer Stützung der Zankäpfel.


DER SPIEGEL 39/1969
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