18.08.1969

DDR / FRAUENNatürliches Maß

Befreit von jahrhundertelanger Unterdrückung und Geringschätzung, gleichberechtigt an der Lösung aller gesellschaftlichen Aufgaben teilnehmend -- das ist das Bild, das Walter Ulbrichts Parteiblatt "Neues Deutschland" sich von den Frauen in der DDR macht.
Nicht länger mehr dienen die Frauen so besagt das sozialistische Selbstverständnis als "billigere Arbeitskraft, als Massenkonsument von Waschpulver. Horoskop und Illustriertenroman, als Gegenstand bloßen Vergnügens oder als Nestwärmer". DDR-Bürgerinnen lassen sich, davon ist Walter Ulbricht überzeugt, "von den großen und schönen Ideen des Sozialismus und Humanismus leiten.
Die SED spricht ihnen das Bedürfnis zu, "schöpferisch mitzuarbeiten" und den sozialistischen Aufbau zu vollenden. Deshalb, so will es die DDR-Verfassung, sei "die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifikation ... eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.
Und so ist es kein Zufall, daß in der DDR rund 34 Prozent der Richter (Westdeutschland: sechs Prozent) Frauen sind. Mehr noch:
In der Volkskammer (500 Abgeordnete), dem formal höchsten Staatsorgan der DDR, sitzen 153 Frauen
im Bundestag (518 Abgeordnete), dem Bonner Parlament, zur Zeit 41.
* Das SED-Politbüro ließ 22 Frauen in sein Zentralkomitee wählen (zur Zeit 177 Mitglieder und Kandidaten) -- in den Vorständen aller drei Bundestagsparteien sitzen zehn Frauen.
In 1172 von 9021 DDR-Städten und -Gemeinden gibt es Bürgermeisterinnen in acht Ländern der Bundesrepublik mit 14 869 Städten und Gemeinden amtieren dagegen nur zwölf weibliche Bürgermeister (für Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gibt es keine Statistik darüber).
70 Prozent der Lehrer an den polytechnischen Oberschulen. 31,5 Prozent der Ärzte und 18,5 Prozent der Gerichtsvollzieher in der DDR sind weiblichen Geschlechts.
Häufiger als in westlichen Ländern haben DDR-Frauen traditionelle Männerberufe ergriffen. Walter Ulbricht weiß auch, warum: "Wir können den Sozialismus nicht nur mit Friseusen aufbauen."
So sind rund zwei Drittel der im Handel wie im Post- und Fernmeldewesen Beschäftigten, fast jeder zweite LPG-Bauer, 41 Prozent der Arbeiter und Angestellten in der Industrie sowie zwölf Prozent der im Baugewerbe Tätigen Frauen. 80 Prozent der Lehrlinge in der Datenverarbeitung, 60 Prozent in der chemischen Industrie und fast 50 Prozent der angebenden Fernmeldemechaniker gehören zum weiblichen Geschlecht.
Während in der Bundesrepublik 36,6 Prozent der berufstätigen Bevölkerung Frauen sind, beträgt die Quote in der DDR 47 Prozent. Drei von vier DDR-Bürgerinnen im arbeitsfähigen Alter üben einen Beruf aus, fast 78 Prozent mehr als irgendwo in der Welt. Freilich war nicht nur die Emanzipationsdoktrin Triebfeder dieser Entwicklung. Mindestens so entscheidend ist der chronische Mangel an Arbeitskräften in der volkseigenen Wirtschaft, die auf den "Produktionsfaktor Frau" nicht verzichten kann -- ein Engpaß, der das angeblich schwache Geschlecht mitunter auch an schwerer körperlicher Arbeit, im Baugewerbe etwa, teilhaben läßt.
Zwar hat die Arbeiter-und-Bauern-Macht ihren Bürgerinnen materielle wie juristische Gleichberechtigung verschafft, zahlt, anders als in Westdeutschland, "gleichen Lohn für gleiche Arbeit" (Sozialisten-Slogan), gibt Ehepaaren die Möglichkeit, den Mädchennamen der Braut als Familiennamen zu führen, und stellt das uneheliche dem ehelichen Kind gleich. Aber auch das sind nicht mehr als Ansätze einer Emanzipation, denn an die Hebel von wirtschaftlicher und politischer Macht gelangte die Frau in der DDR bisher ebensowenig wie in der Bundesrepublik.
Im Machtzentrum der DDR, im Politbüro der SED (21 Mitglieder und Kandidaten), sitzt nur eine Dame. Die Politbürokratin und LPG-Vorsitzende Margarete Müller, 38, darf bei den wöchentlichen Sessionen in der Kommando-Zentrale am Werderschen Markt zu Ost-Berlin nur diskutieren, nicht abstimmen -- sie brachte es vorerst nur bis zur Kandidatin des Männerzirkels.
Auch im Staatsrat (fünf Frauen, 18 Männer) ist die weibliche DDR-Bevölkerung erheblich unterrepräsentiert. Und einziges weibliches Mitglied des Ministerrats ist die Ehefrau des designierten Ulbricht-Nachfolgers Erich Honecker, Volksbildungsministerin Margot Honecker, 42.
Den Kolleginnen aus Industrie und Landwirtschaft gelingt der Sprung ins Management genauso selten wie der Aufstieg in die Politbürokratie. Denn obwohl die Parteiführung ihre Frauenpolitik seit jeher an überkommenen sozialistischen Idealen orientierte (Charles Fourier.,, Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation") und den Staatsapparat immer wieder zur Frauenförderung verpflichtet, stößt die Emanzipationsbewegung allerorten auf traditionelle Widerstände.
Noch unlängst rügte "Neues Deutschland": "In unserer bisherigen Praxis hat die Frau als Leiterin Seltenheitswert." Zwar kokettierte Diplom-Ökonomin Erika Giessmann, Generaldirektor der Textil-Außenhandelsgesellschaft "Wiratex" GmbH und Genossin seit 1946: "Das ist doch nichts Besonderes -- Generaldirektorin!" Auf solchem Weg nach oben aber folgte ihr kaum eine Frau.
Nur neun Prozent der Industrie-Manager und 0,9 Prozent der LPG-Vorsitzenden sind weiblichen Geschlechts. Nur jede 17. Hoch- oder Fachschulabsolventin (jeder dritte Student ist ein Mädchen) rückt in eine leitende Stellung auf. Von ihren männlichen Kommilitonen wird jeder dritte Chef.
Auf der Suche nach den Motiven für die Aversion gegen Frauen-Karrieren stießen sozialistische Frauen-Förderer auf tiefverwurzelte Vorurteile, die sich kaum unterscheiden von den Geschlechtsrollen-Klischees in der kapitalistischen Bundesrepublik.
So ergab eine "Massenkontrolle" der staatlichen "Arbeiter-und-Bauern-Inspektion" (ABI) daß die weithin von Männern geleitete DDR-Wirtschaft noch immer Männer als Facharbeiter oder "Leiter" bevorzugt und Frauen trotz bestandener Qualifizierungslehrgänge häufig an ihre alten, zumeist schlechter bezahlten Arbeitsplätze zurückkehren mußten, Betriebsdirektoren zur Ost-Berliner Frauenzeitschrift "Für Dich": "Frauen haben zuwenig Selbstbewußtsein, darum können sie nicht leiten."
Die "tradierten Trägheitsfaktoren"' so der Ost-Berliner Sozialwissenschaftler Dr. Paul Heilhecker, entdeckten Pädagogen bereits in der Mädchenerziehung. Während sich Väter -- nach den "Wunscheigenschaften" ihrer Söhne befragt -- für "klug", "willensstark" und "technisch interessiert" entschieden, sehnten sich Mütter vor allem nach "warmherzigen", "herzlichen" und "wißbegierigen" Töchtern.
Und beide Elternteile setzten "technisch interessierte Mädchen" erst ans Ende ihres Wunschzettels -- auf den 37. Rang. Die Ost-Berliner Frauen-Forscherin Dr. Helga Hörz: "Überholte Auffassungen über geschlechtsspezifisches Verhalten."
Die emanzipierte Hochleistungsfrau -von SED-Agitatoren einst nach sowjetischem Vorbild als Traktoren-Madonna skizziert -- findet jedoch auch bei ihren potentiellen Partnern nicht die rechte Sympathie. Nur jeder vierte ledige Arbeiter votierte bei einer Umfrage der soziologischen Abteilung der Hallenser Martin-Luther-Universität ohne Einschränkung für die Berufstätigkeit seiner künftigen Ehefrau. Junge Volksarmisten nannten den Meinungsforschern der "Armee-Rundschau" die "berufliche Tüchtigkeit" erst als dritte "Norm für das moderne Mädchen".
Auch die Frauen denken offenbar noch immer mehr ans eigene Heim als an den Sieg des Sozialismus. 70 Prozent aller berufstätigen Ehefrauen -- zu dieser Erkenntnis gelangten Ost-Berliner Soziologen -- arbeiten vor allem, "um die Wohnungseinrichtung modernisieren zu können".
Entscheiden sich selbstbewußte DDR-Bürgerinnen dennoch für eine Karriere, stoßen sie auf Barrieren, sobald sie Kinder haben. Zwar betreuen staatliche Krippen, Kindergärten und Wochenheime -- Elternbeitrag pro Kind und Tag höchstens 35 Pfennig -- etwa 59 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen und rund 166 000 Kleinkinder. Aber, so klagte die Ost-"Berliner Zeitung": "Wie viele Hoch- und Fachschulabsolventinnen sind nur deshalb aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden, weil es für ihre Kinder keine Krippen oder Kindergartenplätze gibt."
Vor der Alternative, mehr Nachwuchs oder kontinuierliche Frauenarbeit, entschied sich die früher stets kindbettbewußte Einheitspartei 1968 für die Pille. Sie gestattete den Frauen (Mindestalter: 19 Jahre) den volkseigenen Ovulationshemmer "Ovosiston".
Mit der Verfügung über die Schwangerschaft wächst das Interesse am Sex. 1966 noch galt die Mediziner-Sentenz "Das beste Hormon für die Frau ist immer noch der Mann" als Ketzerei. Doch drei Jahre später dozierte "Für Dich"-Autor Dr. Rolf Gerlach spaltenlang und unbehelligt über Sex-Praktiken. Gerlach zu den Lesern. "Die Frau braucht Zärtlichkeit, ihr ist an Küssen, am Liebkosen und Streicheln weit mehr gelegen als dem Mann." Gerlach zu den Leserinnen: Gegen die "Schwäche" des Mannes "könnte die kosende Hand der Frau durchaus alles zum Guten wenden".
Um nach 20 Jahren sozialistischer Frauenpolitik Bilanz zu ziehen, trafen sich Mitte Juni 2000 DDR-Frauen, die Delegierten des DFD, des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (1,3 Millionen Mitglieder), und 800 Gäste, in Ost-Berlin zum zweiten "Frauenkongreß". Gereimte Losung: "Der Frauen Herz, Wissen und Tat für unseren sozialistischen Friedensstaat."
Inge Lange, 42, Vorsitzende der Frauenkommission beim Politbüro der SED: "Noch nie zuvor haben wir Frauen in einem Staat gelebt, von dem wir wahrhaft sagen können, daß ihm unser Herz, unser Wissen und unsere Tat gehören; denn das ist unser Staat."
Aber die Karriere-Frauen spendeten nicht nur Lob. Sie meldeten Forderungen an: mehr Kindergärten, leistungsfähigere Wäschereien, bessere Schulspeisung, größere Qualifizierungschancen und die literarische Würdigung der Frau als "selbstbewußte, lebensfrohe, sozialistische Persönlichkeit". Denn bislang, so monierte DFD-Chef in und ZK-Mitglied Ilse Thiele, 48, erscheine die Frau auf Bühne, Leinwand und Bildschirm nur als "Zierde des Mannes".
Doch was der Frauen-Vortrupp fordert -- die vollständige Emanzipation ihrer Geschlechtsgenossinnen -, versetzt männliche DDR-Bürger zunehmend in Existenzangst. Schon heute, so errechneten Statistiker des DDR-Justizministeriums, beantragen mehr Frauen als Männer die Ehescheidung (60 zu 40 Prozent), widersprechen mehr Männer als Frauen dem Scheidungsbegehren (sechs zu fünf Prozent).
Und immer mehr DDR-Bürger, das ermittelte der Ost-Berliner Psychologe Dr. König, leiden unter dem Prestige- und Einkommenszuwachs ihrer Frauen. Die beruflich erfolgreichen Ehepartnerinnen provozieren bei ihren Männern Minderwertigkeitskomplexe, die, so warnt der Seelenforscher, "zur Resignation und Lähmung des beruflichen Strebens" führen können.

DER SPIEGEL 34/1969
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