18.08.1969

Hitler: „Dann Finis Germaniae“

Die Türen des Musikzimmers in der alten Reichskanzlei wurden geöffnet. Auf der Schwelle stand Hitler, "etwas bleich, aber sonst scheinbar ganz ruhig", wie Oberstleutnant Nikolaus von Vormann notierte.,, Mir klang es gezwungen und leicht theatralisch, als er kurz sagte: "Fall Weiß."
Es war 15.02 Uhr, am 25. August 1939. "Fall Weiß" bedeutete: 13 Stunden später Angriff auf Polen. Generaloberst Fedor von Bock schrieb in sein Tagebuch: "Danach geht's morgen los."
Aber es ging nicht los. Am Nachmittag lief Hitler "erregt durch die Räume" und äußerte, so Oberstleutnant von Vormann: "Schlau müssen wir jetzt sein, schlau wie die Füchse." Generalmajor Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsamtes, gab den Grund für Hitlers Unbehagen an: "Der Führer ist nicht ganz sicher, ob England diesmal nicht Ernst macht."
Das war für Hitler die entscheidende Frage: Wie sich Großbritannien und Frankreich verhalten würden, wenn die Wehrmacht Polen angriff. Um 17.40 Uhr erfuhr er vom Auswärtigen Amt, daß Briten und Polen soeben einen Beistandspakt abgeschlossen hatten; wenig später erklärte ihm der französische Botschafter Robert Coulondre: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als französischer Offizier, daß die franzosische Armee auf seiten Polens kämpfen wird."
Und während die Westmächte sich entschlossener gaben als sie in Wirklichkeit waren, wurde der italienische Verbündete plötzlich kriegsmüde: "Führer, ich halte es für meine unbedingte Pflicht", schrieb der Duce, "Ihnen die ganze Wahrheit zu sagen."
Die ganze Wahrheit, die Hitler erst jetzt erfuhr, war den Westmächten schon bekannt. Der italienische Außenminister Graf Ciano hatte den Engländern und Franzosen bereits angedeutet, was Mussolini nun auch Hitler wissen ließ: daß er es für "opportun" halte, "wenn ich nicht die Initiative von kriegerischen Handlungen ergreife."
Da schreckte der Mann, der seit einem Jahrzehnt den Krieg gewollt hatte, noch einmal zurück. Um 18.00 Uhr widerrief er "Fall Weiß".
Generaloberst Walther von Brauchitsch, der Oberbefehlshaber des Heeres, war schon dabei, sein Hauptquartier nach Zossen zu verlegen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ihn Adjutanten ausfindig gemacht hatten. Hitler zu Brauchitsch: "Vormarschbefehl sofort widerrufen. Ich brauche Zeit für politische Verhandlungen."
Um 19.45 Uhr sprang Oberstleutnant von Vormann, der als Verbindungsoffizier des Heeres stets in Hitlers Nähe weilte, "in den nächsten großen Wagen", der vor der Reichskanzlei stand, um Generalstabschef Franz Halder den Anhaltebefehl zu überbringen. "Nach Zossen, was der Wagen laufen kann", wies er den Fahrer an: "Es gilt kein rotes Licht, keine Verkehrsbestimmung."
In Zossen hatte von Vormann Mühe -wie er in seinen noch unveröffentlichten Aufzeichnungen schildert -, Halders Baracke zu finden: "Die Geheimhaltung war so gut durchgeführt, daß kein Mensch Bescheid wußte." Als der Oberstleutnant 20.40 Uhr seine Meldung überbrachte ("Kein Beginn der Feindseligkeiten. Befohlene Bereitstellung zum Angriff im Osten überhaupt anhalten"), fand Halder das "so erstaunlich", daß er Vormann bat, bei der Befehlsausgabe dabeizusein: "Ich will sicher sein, recht gehört zu haben." Und bei der Befehlsausgabe ("Der Krieg ist abgeblasen") forderte er ihn auf: "Bitte korrigieren Sie mich, falls ich falsch verstanden haben sollte."
Generalmajor Jodl rief derweil auch noch die Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres (OKH) an. Am Apparat war Oberstleutnant Adolf Heusinger, später Bundeswehr-Generalinspekteur: "Was gibt es noch, Herr General?"
Jodl: "Der Führer läßt fragen, ob die Bewegungen noch angehalten und bis Tagesanbruch alle Truppen wieder In die Ausgangsräume zurückgeführt werden können?"
Heusinger: "Ja, was ist denn nun los?"
Jodl: "Die Engländer haben sich noch einmal eingeschaltet."
Heusinger: "Ob es noch möglich sein wird, kann ich im Augenblick nicht sagen, es hängt von den Nachrichtenverbindungen ab. Ich muß zuerst mit Fellgiebel sprechen."
Jodl: "Gut, rufen Sie aber gleich wieder an."
Heusinger telephonierte. mit Generalmajor Erich Fellgiebel, Chef des Heeres-Nachrichtenwesens: "Bitte nicht erschrecken, Herr General. Anfrage des Führers, ob die Bewegungen noch angehalten werden können."
Fellgiebel: "Sind die da oben wahnsinnig geworden? Das nenne ich das Spiel zu weit getrieben. Man kann doch eine solche Riesenfront nicht wie ein Bataillon kommandieren. Garantieren kann ich für die äußersten Flügel in der Slowakei und Ostpreußen nicht mehr ..."
Dann Heusinger wieder zu Jodl: "Bis auf die Kräfte an den äußersten Flügeln ist es möglich, Herr General."
Jodl: "Geben Sie den Befehl! Fellgiebel soll alles versuchen."
Generaloberst von Bock, der am nächsten Morgen mit der Heeresgruppe Nord nach Polen einmarschieren sollte, hielt in seinen unveröffentlichten Aufzeichnungen fest: "Die Folgen des Stoppbefehls scheinen mir unter dem ersten niederschmetternden Eindruck schlimm." Einer seiner Bataillonskommandeure bedauerte: "Es war schade, denn es war ein Riesenschwung in den Leuten. Als der Befehl kam, haben sie riesig geschimpft. Dann aber sagte einer: "Det wird wohl politische Jründe haben'."
Manche Militärs glaubten nun, gar nicht mehr marschieren zu müssen. "Völliger Umfall", kommentierte Oberst Walter Warlimont vom Wehrmachtsführungstab: "Frage wird nicht mehr mit Waffengewalt gelöst." Der Generalquartiermeister des Heeres. Generaloberst Eduard Wagner, schrieb in sein Tagebuch: "Alles konsterniert, dekouvriert ... Krampfhafte Versuche, mit einem blauen Auge aus der ganzen Affäre herauszukommen." Abwehrchef Wilhelm Canaris meinte gar: "Von diesem Schlag erholt Hitler sich nie wieder. Der Friede ist für 20 Jahre gerettet."
Am nächsten Tag verzeichnete Halder: "Keine Feindseligkeiten, örtliches Schießen in Oberschlesien ... Westen ruhig ... England: Territorial-Armee in Mobilmachung. Landung einer Division bei Dünkirchen? (Vorkommandos sind da.) Führer ziemlich zusammengebrochen."
Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ließ sprachregeln: "Der Führer darf nicht festgelegt werden. Die Presse darf nicht den Eindruck erwecken, als sei sie tapferer als der Führer. Es gibt tatsächlich Überschriften wie 'Führer bleibe hart'."
Das sagte sich Hitler auch. "Ich bin jetzt 50 Jahre alt", gab er bei Tisch zu verstehen, "noch im Vollbesitz meiner Kraft. Die Probleme müssen von mir gelöst werden. In einigen Jahren bin ich dazu rein körperlich und vielleicht auch geistig nicht mehr imstande."
Noch am selben Tage unterbreitete er London -- immer noch hoffend, England zur Neutralität bewegen zu können -- einen Sechs-Punkte-Vorschlag, um die bereits in "Mein Kampf" dogmatisch fixierte germanische Waffenbrüderschaft doch noch zu verwirklichen. Punkt 6: "Deutschland verpflichtet sich, das britische Empire, wo immer es angegriffen werden könnte, mit seiner Wehrmacht zu schützen."
Die Engländer, die sich allein von Hitler bedroht fühlten, lehnten "ein solches Anerbieten auf das bestimmteste ab". Gleichwohl verstärkten sie nun den Druck auf die verbündeten Polen, mit Deutschland über Danzig und den Korridor zu verhandeln.
Der schwedische Industrielle Birger Dahlerus pendelte zwischen Berlin und London hin und her, um Verhandlungen in Gang zu bringen. Als er telephonisch im Foreign Office anfragte, ob es "irgendeine Möglichkeit" gäbe, in London -- so die verschlüsselte Formulierung des Vermittlungsangebotes -- "Gummi zu verkaufen', wurde ihm die Antwort zuteil, man sei bereit, "sich auf jedes vernünftige Übereinkommen einzulassen".
Als die Briten am 28. August direkte Gespräche zwischen Berlin und Warschau vorschlugen und ihre Vermittlerdienste anboten, reagierte Berlin sofort und unterstellte den Briten eine Offerte, die sie gar nicht gemacht hatten: "Die deutsche Reichsregierung nimmt ... das Vermittlungsangebot der britischen Regierung an, wonach diese dafür sorgen wird, daß ein polnischer Unterhändler mit den nötigen Vollmachten nach Berlin entsandt wird. Sie rechnet mit dem Eintreffen dieses polnischen Abgesandten am Mittwoch, den 30. August 1939."
"Führer hofft, Polen doch noch hauen zu können", schrieb Generalmajor Wagner in sein Tagebuch: "Daß er aber den Verhandlungsweg beschreitet, zeigt, daß er England nunmehr als ernsten Partner anerkennt." Generalstabschef Halder mutmaßte über Hitlers Fahrplan: "30. 8. Polen in Berlin, 31. 8. Zerplatzen. 1. 9. Gewaltanwendung."
Wenn die Polen gekommen wären, wollte Hitler laut Halder "mit demographischen und demokratischen Forderungen nur so um sich werfen". Er würde dann internationale Truppen zur Überwachung der von ihm geforderten Volksabstimmung im Korridor verlangen, "darunter auch Russen", was, wie Hitler wußte, die Polen nicht akzeptieren würden.
Aber die Polen kamen nicht. Sie ließen "den Führer des Reichs 48 Stunden vergeblich warten", wie das Propagandaministerium formulierte: "Offenbar kein Bewußtsein von der Großmachtstellung Deutschlands."
Die angekündigten Vorschläge, die den Polen in Berlin angeblich unterbreitet werden sollten, nahmen sich nicht martialisch aus: Rückkehr Danzigs zum Reich und Volksabstimmung im Korridor. Aber sie wurden, so Italiens Berlin-Botschafter Bernardo Attolico, "im selben Atemzug gemacht und verleugnet, im selben Atemzug als bekannt und überholt bezeichnet".
Als Briten-Botschafter Sir Nevile Henderson am 30. August, kurz vor Mitternacht, bei Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop vorsprach, um das Dokument entgegenzunehmen und über London nach Warschau weiterzuleiten, las der Minister den Text vor, weigerte sich aber, das Papier herauszurücken: "Nein, diese Vorschläge kann ich Ihnen nicht übergeben"; sie seien "ja sowieso überholt, da der polnische Unterhändler nicht erschienen ist" -- worüber Hitler, wie er dem Staatsminister Otto Meißner anvertraute, "heilfroh" war.
Hitler hatte das Alibi, das er den Deutschen vorweisen wollte, und, wie Wilhelms Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg in der Julikrise 1914, noch immer die Illusion, England werde nicht kämpfen -- was Historiker Hans Herzfeld die "reale Kontinuität des Irrtums" nennt.
Am 31. August, kurz nach Mitternacht, sprach er: "England und Frankreich werden nie gegen uns marschieren. In vier Wochen ist Polen vernichtet, und der ganze Spuk ist aus." Und er befahl erneut: "Fall Weiß."
Und nun widerrief er nicht mehr, es war unwiderruflich der Anfang vom Ende.
Tags darauf, frühmorgens um fünf Uhr, fuhr der polnische Kavallerie-Fähnrich Bronislaw Zielinski aus dem Schlaf. In der Tür seiner Unterkunft unweit der ostpreußischen Grenze stand, wie er später in einem Warschauer Blatt berichtete, "der Bauer Szymborsky und sagte mit unsicherem Lächeln: "Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, aber ich glaube, es schießt."
Fähnrich Zielinski vernahm "in der Ferne in Richtung auf Chorzele das Gebrüll von Kanonen", warf einen Blick auf die Madonna im Hof und bat sie, "mein Land, meine Angehörigen, uns alle zu schützen". Er setzte das Fernglas vor die Augen und sah "im Morgennebel eine Schützenkette über einen Kartoffelacker" auf das Gehöft zukriechen.
Um die gleiche Zeit starrte der polnische General Wladyslaw Anders in den Himmel -- unweit des Schlachtfeldes von Tannenberg, wo 1410, wie sich der General beziehungsvoll erinnerte, "Polen einen eindeutigen Sieg über den deutschen Ritterorden erkämpfte".
Wladyslaw Anders sah, so schildert er es in seinen Memoiren, deutsche Bomber, "und zwar in einem V, wie Kraniche auf ihrem Flug nach Süden Die Flugzeuge flogen nach Augustow und Nowy Dwor, nach Radomsko und Krakau. Als sie gegen sechs Uhr, den Verschiebebahnhof von Warschau bombardierten, erwachte der polnische Außenminister, Oberst Józef Beck. Erst fünfzehn Minuten später, als Generalstabschef Waclaw Stachiewicz anrief, erfuhr er es amtlich: "Die militärischen Operationen haben begonnen."
Beck ging sofort zu dem polnischen Oberkommandierenden, Marschall Edward Rydz-Smigly, und konstatierte, es handele sich um einen Generalangriff. Dann wies er seine Botschafter bei den verbündeten Franzosen und Engländern an, auf schleunige Hilfe zu drängen: "Die polnische Regierung. welche entschlossen ist, die Unabhängigkeit und Ehre Polens bis aufs letzte zu verteidigen, gibt ihrer Gewißheit Ausdruck, daß sie, gemäß den bestehenden Bündnissen, in diesem Kampf auf den sofortigen Beistand der Verbündeten rechnen kann."
Die beiden Botschafter Juliusz Lukasiewicz (Paris) und Edward Graf Raczydski (London) mußten sich gedulden: In Frankreich und England war die Kunde vom Kriegsausbruch noch nicht eingetroffen.
Der französische Außenminister Georges Bonnet erfuhr erst gegen acht Uhr, was vorgefallen war. "Eine kur! angebundene Stimme" -- die des Direktors der "Havas" -Presseagentur sagte es ihm am Telephon, und ak Bonnet die Nachricht weitergab an Ministerpräsident Edouard Daladier. konnte der es nicht fassen.
Wenig später meldete sich der Botschafter Coulondre aus Berlin. Der Diplomat hatte davon gehört, als er im Garten der Botschaft dem Ausbau des
* Bei der Abreise aus Berlin nach der Kriegserklärung der Westmächte an das Reich vom 3. September 1939.
** "Der Herbst vergeht -- der winter naht mit Schrecken und mit Drohen. Wir sitzen da, die Hand im Schoß und schwatzen rings um Feuer."
Luftschutzgrabens zusah. Coulondre: "Ich schaue diese deutsche Erde an, die wir jetzt aufwühlen und in die der Friede wieder einmal zu Grabe getragen wird." Er dachte an Hitler, "diesen Niederträchtigen", und an "alle anderen, an sein Land".
Erst um zehn Uhr erfuhr es Briten-General Str Edmund Ironside, der im Kriegsfall Empire-Generalstabschef werden sollte. Winston Churchill, damals ohne Amt, aber einflußreich im britischen Unterhaus, rief ihn aus Westerham an: "Sie marschieren."
General Ironside informierte den Oberbefehlshaber des britischen Feldheeres, General John Viscount Gurt, "der es nicht glauben wollte", und bat ihn, Kriegsminister Hore-Belisha Bescheid zu geben, "der es noch nicht wußte". Ironside: " Wie war das nur möglich?"
An diesem Freitagmorgen spielte Duff Cooper, früherer britischer Minister, nun prominenter Unterhaus-Abgeordneter, wie an vielen anderen Tagen Golf in Goodwood. Cooper: "Niemals habe ich schlechter gespielt, Ich vermochte mich nicht auf das Spiel zu konzentrieren." Als er nach der Golfrunde zu einem Drink ins Klubhaus ging, sagte einer: "Hitler hat heute morgen in Polen angefangen.
Was der Abgeordnete dabei empfand, schrieb er in Versform nieder. As autumn falls and winter comes With menace deep and dire We sit and iwiddle useless thums And chatter round the tire**.
Um 10.07 Uhr erfuhr es alle Welt. Hitler -- in Feldgrau, ohne Hangabzeichen, mit dem Danziger Stadtwappen auf den Manschettenknöpfen vor den Reichstagsabgeordneten in der Berliner Krolloper und über alle Reichssender: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen" was allerdings nicht stimmte.
Tatsächlich wurde bereits seit 4.45 Uhr geschossen, und keineswegs schossen die Deutschen zurück. 54 deutsche Divisionen mit rund anderthalb Millionen Mann überschritten von diesem Zeitpunkt an von Pommern und Ostpreußen, Schlesien, Mährisch-Ostrau und der Slowakei aus die polnische Grenze. über 2000 Panzer rollten nach Osten, zum erstenmal in der Kriegsgeschichte zu Grollverbänden formiert. Rund 7000 Kanonen und Haubitzen gaben Feuerunterstützung. Mehr als 1500 Flugzeuge, darunter das Gros der Bomber, waren startklar.
Es war Hitlers Krieg. "Wenn ich diese Wehrmacht aufrief", erklärte er vor den Reichstagsabgeordneten, "und wenn ich nun vom deutschen Volk Opfer, und wenn notwendig alle Opfer fordere, dann habe ich ein Recht dazu." Er sprach 22 Minuten lang, so:
* "Ich habe mich nun entschlossen, mit Polen in der gleichen Sprache zu reden, in der Polen nun seit Monaten mit uns spricht."
* "Ich habe meiner Luftwaffe den Auftrag gegeben.
* "Ich habe damit wieder jenen Rock angezogen, der mir einst selbst der heiligste und teuerste war. Ich werde ihn nur ausziehen nach dem Sieg, oder ich werde dieses Ende nicht erleben."
Ich, ich und ich machte seinen Krieg, und die anderen Deutschen ließen ihn gewähren.
Die Folgen: 55 293 500 Tote -- 7,35 Millionen Deutsche, sechs Millionen Polen, zwanzig Millionen Russen, 320 000 Amerikaner, 1,7 Millionen Japaner, 537 000 Franzosen, 390 000 Engländer, 485 000 Jugoslawen.
Die Folgen: zerbombte Städte, 570 000 deutsche Luftkriegsopfer, 5,7 Millionen KZ-Morde.
Die Folgen: ein dezimiertes Reich, zwei deutsche Teilstaaten.
Die Deutschen, die einst an den Pyrenäen und am Nordkap standen, von Finnland bis zum Schwarzen Meer, haben nun die Polen an der Oder, die Russen an der Elbe, die Amerikaner am Rhein.
Der Krieg, der so die Welt veränderte, dauerte fünf Jahre und acht Monate; 53 Staaten nahmen daran teil. Aber er hätte in drei Wochen entschieden und in ein paar Monaten beendet sein können -- es hätte nur dreier entschlossener Gegner bedurft.
Hitler wußte schon damals wie: Wenn es zu einem Krieg mit den Westmächten käme, sagte er, dann: "Finis Germaniae". Hitlers General Jodl bestätigte nach dem Krieg: "Wenn wir nicht schon im Jahre 1939 zusammengebrochen sind, so kommt das nur daher, daß die ... französischen und englischen Divisionen im Westen sich völlig untätig verhielten."
Seit dem Finis sind über 50 000 Bücher und Aufsätze über diesen Krieg erschienen. Doch die ungeschlagene Schlacht, die ihn gleich zu Beginn hätte entscheiden und beenden können, wurde wohl erwähnt, aber nur ein einziges Mal -- von dem britischen Militärschriftsteller Jon Kimche -- eingehend erörtert**. Kimche: "Drei Wochen lang waren damals die Tore nach Deutschland für die französische Armee und die britische Luftwaffe weit geöffnet."
Während Hitlers Wehrmacht in Polen einfiel, hielten nur rund 900 000 deutsche Soldaten -- zumeist Weltkrieg-I-Veteranen und Rekruten, die noch kaum einen scharfen Schuß abgefeuert hatten -- die Wacht am Rhein: 34 2/3 Divisionen, davon nur jede dritte klar zum Gefecht. Munition und Sprit reichten nur für drei Tage. Waffen und Kriegsgerät waren größtenteils veraltet. Nicht einmal 50 Panzer waren aufgefahren, die Luftwaffe hatte nur ein paar Jäger und Aufklärer startbereit. Der Westwall, nach Hitler das "gigantischste Befestigungswerk aller Zeiten", war längst nicht fertig und an vielen Abschnitten, so Oberst Edgar Röhricht, "ein einziger Tummelplatz" von Bauarbeitern und Pionieren.
Gegenüber, jenseits von Rhein und Westwall, stand eine vierfache Übermacht: 102 komplette Franzosen-Divisionen mit 35 000 aktiven Offizieren (bei den Deutschen waren es nicht einmal 10 000) und weit über vier Millionen Soldaten -- "körperlich zäh, intelligent, gewandt, von großer Vaterlandsliebe beseelt", wie es in einer Studie des deutschen Generalstabs hieß. Die Franzosen verfügten über 16 350 Geschütze -- "zehnmal soviel",
* Ölgemälde des Nürnberger Photographen und Amateur-Malers Hans Guggenberger aus dem fahre 1935. Guggenberger nannte sein 28 Quadratmeter großes Werk: "Hitler als Weltsieger".
** Jon Kimche: "Kriegsende 1939?" Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 184 Seiten; 19,80 Mark.
so meldete die im Westen stehende Heeresgruppe C, wie die Deutschen hatten in Stellung bringen können; dazu 2946 Panzer, 440 Bomber und 734 Jäger.
"Allen Fachleuten standen die Haare zu Berge", schrieb der spätere General Siegfried Westphal, "wenn sie an die Möglichkeit eines französischen Angriffs gleich zu Kriegsbeginn dachten." Als der Angriff ausblieb, standen die Militärs, wie der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, zugab, "operativ vor einem Rätsel".
Und sie hatten, so der französische Geheimdienst-Chef, General Rivet, "tatsächlich allen Grund, sich zu wundem": Im September 1939 vergaben Engländer und Franzosen eine Chance, die weder Hannibal noch Cäsar, weder Napoleon noch Moltke je geboten worden war und die auch im Zweiten Weltkrieg nicht wiederkehrte.
Das Cannae fand nicht statt. Trotz militärischer Überlegenheit griffen die Westmächte nicht an -- bis heute die rätselhafteste Entscheidung des Zweiten Weltkrieges.
Wohl verpflichtete der britisch-polnische Pakt die Engländer, "jeden Beistand" zu leisten. Doch die Hilfe blieb in diesen kritischen Tagen und Wochen aus -- zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Die britische Admiralität legte ihre weit überlegene Seemacht an die Kette, statt sie in die Ostsee zu schicken. Luftfahrtminister Sir Kingsley Wood verwarf den Plan, das Ruhrgebiet (Hitler: "Unsere Achillesferse") zu bombardieren, mit der Begründung: "Das ist doch Privatbesitz."
Die Franzosen hatten den Polen im Mai 1939 versprochen, vom ersten Kriegstag an deutsches Reichsgebiet aus der Luft anzugreifen, vom dritten Kriegstag an kleinere Offensiven gegen die deutsche Westfront zu führen und vom 15. Kriegstag an "mit der Masse" der französischen Armee den Zweifrontenkrieg zu eröffnen.
Nichts von alledem geschah. Und Hitler hatte -- zunächst -- den Krieg, so schrieb Historiker Michael Freund später, "den er wollte und wie er wollte": den "nice little war", den reizenden kleinen Krieg, den "drole de guerre", den drolligen Krieg.
Seine Risiko-Politik, ein abstruses Gemisch aus Kalkulation und Spekulation, Drohung und Bluff, schien auch im Herbst 1939 trotz eigener Schwäche und gegnerischer Bündnisse erneut erfolgreich wie drei Jahre zuvor, als er Truppen ins Rheinland marschieren ließ, das nach dem Willen der Sieger des Ersten Weltkriegs auf ewig entmilitarisiert bleiben sollte; wie 1938, als er im Frühjahr Österreich und im Herbst das Sudetenland heim ins Reich holte; wie 1939, als er die Tschechoslowakei und das Memelland besetzte.
Im Herbst 1939 konnte es Hitler wieder so vorkommen, als bleibe es bei einem Blitzkrieg gegen Polen, und, darüber hinaus, als öffne ein Blitzsieg über Polen das Tor nach Osten. wo Hitler "mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation aber das tägliche Brot" verschaffen wollte.
Wie ein Paranoiker, von aberwitzigen Prämissen ausgehend, aber mit strenger Konsequenz, verfolgte Hitler dieses Ziel auch bei dein Angriff auf Polen, Schon 1934, als er mit Warschau einen auf zehn Jahre befristeten Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte (was keine Weimarer Regierung wegen der an Polen verlorenen Ostgebiete und der polnischen Minderheiten-Politik überlebt hätte), sah Hitler für Polen nur eine Alternative: entweder den Deutschen Hilfsdienste zu leisten bei der Eroberung der Ukraine oder aber "vernichtet' (Hitler) zu werden.
"Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht", vertraute Hitler seinen Generalen an, denen er am 3. April 1939 befohlen hatte, den Krieg gegen Polen vorzubereiten: "Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraums im Osten."
Bereits "Mein Kampf "erschienen 1925, rief auf "zum Vormarsch auf jener Straße, die aus der heutigen Beengtheit des Lebensraumes ... hinausführt zu neuem Grund und Boden," Und: "Wollte man in Europa Grund und Boden, dann konnte dies im grollen und ganzen nur auf Kosten Rußlands geschehen."
Schon vier Tage nach der Machtergreifung, am 3. Februar 1933, bei einem Essen, das der Chef der Heeresleitung, General Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord, zu Ehren des neuen Kanzlers gab, fragte Hitler die versammelten Reichswehr-Befehlshaber rhetorisch: "Wie soll politische Macht ... gebraucht werden?" Und er antwortete: Jetzt wohl noch nicht zu sagen. Vielleicht Erkämpfung neuer Export-Möglichkeiten, vielleicht -- und wohl besser -- Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung."
Die Tischgäste waren eher verblüfft als alarmiert, keiner erhob Einwände. Einer hielt es, wie Generalleutnant Curt Liebmann aufzeichnete, mit dem Schiller-Wort. "Stets war die Rede kecker als die Tat." Und Oberst Fritz Fromm urteilte, "daß die maßlosen Vorhaben an der Härte der Tatsachen scheitern und auf ein nüchternes Maß zurückgeführt" werden würden.
Mitnichten. Hitler fabelte weiter vom Lebensraum, und sooft er es tat, schwiegen die Generale, beispielsweise
* am 5. November 1937. "Das Ziel der deutschen Politik sei die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handele es sich um das Problem des Raumes" (Hoßbach-Protokoll).
* Am 23. Mai 1939: Der Lebensraum, der staatlichen Größe angemessen, ist die Grundlage für jede Macht. Eine Zeitlang kann man Verzicht leisten, dann aber kommt die Lösung ... so oder so" (Schmundt -- Bericht).
"Was ist denn die Frage?" so Hitler am 11. August 1939 auf seinem Berghof gegenüber dem Völkerbunds -- Kommissar für Danzig, Carl Jacob Burckhardt: "Nur daß wir Korn und Holz brauchen. Des Getreides wegen brauche ich Raum im Osten, des Holzes wegen brauche "ich eine Kolonie."
Und: "Alles was ich
unternehme, ist gegen Rußland gerichtet. Wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann ... mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjet-Union zu wenden.
Am 22. August 1939 rief der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht die Militärs zu sich. "Es war mir klar", so Hitler, "daß es früher oder später zu einer Auseinandersetzung mit Polen kommen mußte. Ich ... dachte aber, daß ich mich zunächst in einigen Jahren gegen den Westen wenden würde und dann erst gegen den Osten. Aber die Zeitfolge läßt sich nicht festlegen ... auch jetzt ist es ein großes Risiko."
Er hatte es freilich zu mindern versucht, indem er mit Moskau paktierte. Nationalsozialisten und Kommunisten waren übereingekommen, einander in den nächsten zehn Jahren nichts zu tun (was Hitler den Armeeführern freudig eröffnete) und Polen zum viertenmal zu teilen (was Hitler geheimhielt).
Nun glaubte er, den Rücken im Osten und im Westen frei zu haben: "Ich gebe die hundertprozentige oder fast hundertprozentige Versicherung, daß Frankreich und England nicht in den Krieg eintreten werden." Und: "Unsere Gegner sind kleine Würmchen."
Ferner: "England wird in der Lage sein, höchstens drei Divisionen nach dem Festland zu schicken ... In Frankreich ist Mangel an Menschen (Geburtenrückgang). Für die Aufrüstung geschah wenig ... Angriff im Westen aus der Maginotlinie heraus: das halte ich für unmöglich."
Hitler sorgte sich nur noch, daß, wie ein Jahr zuvor während der Sudeten-Krise, ein Vermittler auftauchen könnte: "Er würde diesen Schweinehund persönlich die Treppe hinunterwerfen", so überlieferte Widerständler Hans Bernd Gisevius die Hitler-Worte, "und wenn ich ihn vor den Augen der Photographen in den Bauch treten müßte."
Die Generale schwiegen an diesem 22. August, wie immer. "Die Politik überließen wir den Politikern", so später Generalfeldmarschall Erich von Manstein, "die Rechtsprechung den Juristen, die Staatslehre den Philosophen." Aber auch um Krieg und Frie-
* 1939 bei einer Ludendorff-Feier im Berliner Zeughaus.
den kümmerten sie sieh nur, wenn Hitler es erlaubte.
"An diesem Tage fehlte die Zeit für eine Aussprache", schrieb der Bundeswehr-Historiker Klaus-Jürgen Müller 1969. Zum anderen herrschte, so Generalstabschef Halder, "eine eisige Atmosphäre".
Die Männer vom Militär machten erst den Mund auf, nachdem Hitler gegangen war. "Dieser Narr will den Krieg", urteilte Generaloberst Gert von Rundstedt, der zehn Tage später für eben "diesen Narren" die Heeresgruppe Süd nach Polen führte. General Walter von Reichenau, der den deutschen Panzerkeil bis Warschau vorantreiben sollte, prophezeite richtig: "Das wird kein Krieg von sechs Wochen. Das wird ein Krieg von sechs Jahren."
Und als dieser Krieg nun, am 1. September 1939, begann, empfand Generalmajor Hans Felber, Generalstabschef der 8. Armee, ähnlich wie Kanzler von Bethmann Hollweg, der 1914 vom "Sprung ins Dunkle" gesprochen hatte: "Wenn nun schon mal Krieg notwendig ist, dann man Augen zu und rein ins Ungewisse gesprungen."
Ungewiß war gewiß die Situation im Westen. Als die Glocken von Mettendorf in der Eifel am frühen Morgen ankündigten, daß "der Krieg begonnen hatte", kam dem Generalmajor Gotthard Heinrici, damals Kommandeur der 16. Infanteriedivision im Westwall-Abschnitt Wallendorf-Roth südostwärts der luxemburgischen Stadt Vianden, in den Sinn, was er später so formulierte: "Wir selbst konnten nur noch darum bitten, daß der Krieg ein gutes Ende nehmen möge."
Das Ende war nicht gut, aber der Anfang hätte nicht besser sein können. In der Nacht zum 1. September setzte das französische Oberkommando einen Funkspruch an alle Kommandeure ab, den ein deutscher Lauschtrupp am Westwall auffing: "Haltet Disziplin bis aufs äußerste. Gebt nicht den ersten Schuß ab. Erwidert eventuelles Feuer erst auf eindeutigen Befehl. Sämtliche die Grenze überschreitenden deutschen Soldaten sind nur anzuschießen und gefangenzunehmen."
Es war, wie Hitler vorausgesagt hatte: "Sie werden demonstrieren, sie werden protestieren, sie werden paktieren -- aber marschieren werden sie nicht ... Man vergräbt sich nicht in einer Maginot-Linie zwölf Jahre lang, um eines Tages gegen den deutschen Westwall anzurennen."
Die Westmächte protestierten am 1. September: Briten-Botschafter Henderson und sein französischer Kollege Coulondre suchten Reichsaußenminister von Ribbentrop auf und erklärten: "Wenn nicht die deutsche Regierung bereit ist ... ihre Truppen unverzüglich aus dem polnischen Gebiet zurückzuziehen", dann würden sie "ihre Verpflichtungen Polen gegenüber erfüllen".
Auftragsgemäß fügten die Botschafter jedoch hinzu, bei diesen Demarchen handele es sich nur um eine "Warnung", nicht etwa um ein "Ultimatum" -- was Hitler wiederum als Bestätigung seines Urteils über die Westmächte auffaßte.
So herrschte trotz Warnung, wie Oberstleutnant von Vormann berichtete, "in den überfüllten Räumen der Führerwohnung ... absolute Hochstimmung über diesen vermeintlichen neuen politischen Sieg". Hitler spekulierte: "Schlechtestenfalls werde ich vorzeitig zu Waffenstillstand und zu Verhandlungen gezwungen, und dann will ich möglichst viel polnisches Land, zumindest den ganzen Korridor, als Pfand in der Hand haben.
Die Westmächte demonstrierten am 1. September: Sie riefen die Generalmobilmachung aus. Aber sie marschierten nicht. Hätten sie es getan, wären "in spätestens einer Woche". so Vormann, "die Saargruben und das Ruhrgebiet ausgefallen". In der zweiten Woche "hätte der Franzose freie Wahl gehabt, wohin er ungehindert zuerst marschieren wollte".
Die von Generalmajor Heinrici erwarteten französischen Panzer blieben aus, und auch Frankreichs Artillerie, die beste und stärkste der Welt, verfeuerte keinen einzigen Schuß. Zehntausende deutscher Pioniere und Arbeiter schaufelten ungehindert weiter am Westwall.
Bunker-Mannschaften fanden Muße, Gemüsegärten, Hühnerhöfe und Schweineställe anzulegen, um die Truppenverpflegung aufzubessern. Bauernsöhne in Uniform melkten die Kühe in den von der Bevölkerung verlassenen Dörfern und trieben das Vieh hinter die Front, wobei es, wie sich ein Soldat des 35. Infanterieregimentes erinnert, "zu reinsten Stierkampfszenen kam". Auf dem Oberrhein schipperten immer noch die Vergnügungsdampfer neutraler Staaten. Passagiere winkten den deutschen Soldaten zu, und übergelaufene Franzosen berichteten, die französischen Posten entlang der Grenze hätten strikten Befehl, nicht scharf zu laden.
Heinrici stellte in der vordersten Linie nur "eine gewisse Nervosität" fest. Und Nervosität war es, die den ersten Kriegstoten der 16. Division forderte: Ein Soldat, der auf Anruf nicht sogleich mit der Parole antwortete, wurde von einem Posten erschossen. Weitere Verluste gab es, als deutsche Soldaten in deutsche Minenfelder liefen, die ungenügend markiert waren.
Ein anderer "kriegerischer Zwischenfall" ereignete sich an der Westfront, wie Heinrici registrierte, als eine Brücke nach Luxemburg in die Luft flog: "Hier war der Schuldige eine Kuh, noch dazu eine luxemburgische." Die Kuh, die "auf deutschem Boden weidete", war mit dem Horn an den Abzugsdraht einer Sprengladung geraten, die Pioniere vorsorglich angebracht hatten.
Sonst herrschten, so Heinrici, "an der von uns bewachten Grenze friedliche Verhältnisse". Der Generalmajor hielt mit Genugtuung fest, daß "nach alter Gewohnheit" sogar die Rheinlachse ihre Laichstellen in der Our aufsuchten, "unter Überwindung aller ihnen den Weg hemmenden Stauwehre", und er freute sich an einem Fang, der "unserem 1,80 m großen Koch von der Erde bis zum Kinn reichte".
Während die Waffen schwiegen, "pflanzten sich die Schallwellen" der Propaganda-Lautsprecher, wie Martin Anders, damals Soldat an der Westfront, nach dem Kriege mitteilte, auf "die lauteste und kräftigste Weise fort, die Menschenohren je zu Beginn eines Krieges vernommen hatten."
Zwischen Marschmusik und Schlagern (Parlez-moi d'amour") waren Propaganda-Botschaften zu vernehmen wie: "Französische Soldaten, wir haben Befehl, nur dann zu schießen, wenn ihr uns angreift" oder Quizfragen wie: "Französische Soldaten, was ist besser' für Danzig zu sterben oder für Frankreich zu leben?"
Frankreichs Soldaten wollten lieber für Frankreich leben und taten das auch kund. Sie winkten mit Taschentüchern und grüßten mit "Heil Hitler". Sie tauschten Zigaretten mit den Deutschen, zeigten sich mit Regenschirm und Zylinder (seit der Münchner Sudeten-Konferenz von 1938 Symbole britischer Appeasement-Politik) und gingen im deutschen Rhein baden.
Nachts blinkten sie von der Schusterinsel bei Kembs: "Schießt nicht, wir schießen auch nicht."
IM NÄCHSTEN HEFT
Bei Kriegsbeginn waren die Deutschen nicht kriegsbereit -- Dos Heer war nur bedingt einsatzbereit, die Marine "ein Torso", die Luftwaffe "ein Bluff" -- Worum griffen die Westmächte nicht an?

DER SPIEGEL 34/1969
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