18.08.1969

FERNSEHEN DDR-SERIESpringt nicht an

Beim Ost-Berliner Arzt Hans Keller rasselt pausenlos das Telephon: Für seinen Alt-Mercedes vom Typ 170 bieten 78 Anrufer dem Doktor außer Bargeld auch Staubsauger, "immer frisches Obst", Fremdenzimmer an der See und "HO-Vorzugswaren ohne Schlangestehen" an.
Den Zuschlag erhält schließlich ein Rostocker Autohändler, der -- vorschriftswidrig -- den Taxpreis um 4000 Mark überbietet: Die Bürger der DDR haben in ihrem "komplizierten Alltag" ein "nie ganz sauberes Gewissen". So jedenfalls stellt es der SFB in einer neuen Fernsehserie dar, die ab November gezeigt werden soll.
Seine DDR-Bürger sitzen in muffigen Altbauten, mißtrauen den staatlichen Banken und verwahren das Spargeld im Strumpf. Und wenn es unvermutet klingelt, erstarrt die "Familie Bergmann" (so der Serientitel) in eisigem Entsetzen. Doch die Uniformierten an der Tür sind von der Post und wollen nur den Fernsprecher prüfen.
Derart matte Drehbuch-Gags und Unterhaltungs-Stereotypen erscheinen dem SFB-Intendanten Franz Barsig geeignet, "Klischeevorstellungen abzubauen, die in der breiten Bevölkerung der Bundesrepublik über den Alltag in der DDR herrschen" -- weit besser als "Dokumentationen, die von Leuten gesehen werden, die sowieso mehr wissen".
Folgerichtig hatte daher der einstige SPD-Sprecher bei der 1962 nach Westen geflohenen Dramaturgin des Ost-Berliner "Metropoltheaters" und Hörspielverfasserin ("Wie jeden Tag") Traute Hellberg und dem TV-Autor Johannes Hendrich vor Jahresfrist eine Familien-Klamotte bestellt und seinen Unterhaltungschef Dieter Finnern mit der Herstellung dieses "Ost-Forellenhofs" (SFB-Jargon) beauftragt.
Doch Hauptabteilungsleiter Finnern bewies politisches Feingefühl und machte seinem Intendanten "offen. ohne Leidenschaft" die Tücken des Projektes klar: "Bleibt man dicht an der Wahrheit", so Finnern, "wird das Ganze keine Unterhaltung manipuliert man, hat es nichts mehr mit der Realität zu tun."
Nachdem sich auch die SFB-Abteilung Fernsehspiel dem Dienst an der "Familie Bergmann entzogen hatte. blieb Barsig nur der Rückgriff auf eine bewährte Institution: Die Ufa. nun Eigentum des Gütersloher Multi-Media-Konzerns Bertelsmann, akzeptierte den Fernsehauftrag, bekam dafür dank Barsigs Fürsprache von Wehners Gesamtdeutschem Ministerium rund 150 000 Mark und erledigte die Dreharbeiten in aller Heimlichkeit. So hatte Barsig es gewünscht; denn er befürchtete ein Veto seines Rundfunkrates gegen die "Familien"-Planung und rechnete auch mit der "Gefahr", durch seine Serie die "sich anbahnenden politischen Beziehungen zum Osten" zu stören. Barsig: "Das würde bedeuten, daß wir mit dem Hintern alles einreißen, was vorn gerade aufgebaut wurde."
Der Intendant, die bereits vollendete und vom Rundfunkrat genehmigte "Bergmann"-Episode "Der Autokauf" belegt es, hat nicht übertrieben: Seine DDR, in der die Sonne nicht scheint und in der kaum gelacht wird, in der ein Arzt-Ehepaar mit Kind nur ein Zimmer bewohnen kann und für sechs Personen eine einzige Kochplatte glüht, ist ein höchst fragwürdiges Zerrbild.
Um die Gefühle der DDR-Bewohner wenigstens einmal zu schonen, übte der SFB gönnerhaft Selbstzensur: Der anfangs eingeplante Satz "Ein alter Mercedes ist immer noch besser als eine neuer Wartburg" wurde in der Endfassung des "Autokaufs" durch eine Panne ersetzt -- der Mercedes springt nicht an.

DER SPIEGEL 34/1969
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