11.08.1969

KRIEGSVERBRECHEN / BISCHOF DEFREGGERDruck aus Rom

Papst Paul VI. ist besorgt. Die weltweite Empörung über den Münchner Weihbischof Matthias Defregger, der 1944 als Wehrmachtshauptmann 17 italienische Zivilisten erschießen ließ, bewog den Heiligen Vater, die Akte Defregger anzufordern.
Das meldeten Ende letzter Woche die Presse-Agenturen. Es ist das erstemal in diesem Jahrhundert, daß der Vatikan verlautbart, der Papst prüfe die Affäre eines seiner Mitbischöfe.
Ein Kurien-Angehöriger zum SPIEGEL: "Der Vatikan wünscht Defreggers Demission. Das ist ebenso evident wie die Tatsache, daß der Vatikan eine derartige Meldung sofort dementieren müßte."
Noch bevor der Vatikan so deutlich geworden war, hatte sich Matthias Defregger selbst zu Wort gemeldet. Der Bischof war beleidigt. Vor den Fernseh-Karneras des Münchner "Report"-Teams legte er Anfang letzter Woche zunächst Wert auf ein Dementi: Er sei nach dem Bekanntwerden des "Unglücks" (Defregger) am 7. Juli dieses Jahres nicht kopflos geflohen, sondern habe sich planmäßig abgesetzt (siehe Seite 5).
Nach vier Wochen Urlaub in Tirol fühlte sich der Bischof dann wieder in Form, zwar nicht für eine Pressekonferenz, die er wiederholt angekündigt hatte, wohl aber für ein -- vorher abgesprochenes -- Fernseh-Interview.
Zur Vorbesprechung fand sich Defregger mit seiner Anwältin Annemarie Thora und Weihbischof Ernst Tewes in München-Freimann, Oberndorfferstraße 7, ein. Im Garten des Hauses, das "Report"-Chef Peter Krebs seit dem 15. Juli privat gemietet hat, war außer dem Hausherrn auch "Report"-Moderator Hans Heigert mit von der Partie.
Doch obgleich beide Parteien das Treffen so geheim wie möglich gestaltet hatten, kam ihnen ein Reporter der Münchner "Abendzeitung" auf die Spur. Er lauschte im Gebüsch. vier Meter entfernt und auch nur kurze Zeit. Defregger entdeckte ihn und ergrimmte: "Verschwinden Sie!"
Bevor sich Defregger von Krebs befragen ließ, bat er sich aus, daß neben dem Interview kein Film über Filetto gesendet werden dürfe, weil ihn "solche Bilder innerlich zu sehr belasten".
Nicht gesendet wurden außerdem eine Zusatzfrage und die Antwort Defreggers darauf, die gegen Ende der Interview-Aufzeichnung gefilmt wurden. Zwar hielt sich Report-Redakteur Krebs an seine Verabredung mit dem Weihbischof und dessen Beratern, über Ablauf und Umstände des Interviews stillzuschweigen; gleichwohl wurde in München bekannt, was dem Fernsehpublikum vorenthalten blieb:
Weihbischof Defregger war gefragt worden, warum er nicht wenigstens sich bemüht habe, die materielle Not im ärmlichen Bergdorf Filetto zu mildern. Der geistliche Herr reagierte eher ratlos auf die naheliegende Frage. Offensichtlich waren ihm derartige Überlegungen unvertraut.
Doch als das Fernsehvolk den Oberhirten abends auf dem Bildschirm wahrnahm' hätte auch der gestrichene Passus die Betroffenheit nicht verschlimmern können, die das Auftreten des Interviewten auslöste. Defregger wies alle Schuld von sich, attackierte "eine gewisse Presse" und pries den Gehorsam -- in der Kirche wie beim Kommiß.
Moderator Heigert, dem bislang eher milde Worte zur Defregger-Affäre eingefallen waren, verlor nun die Geduld. Er kommentierte des Bischofs Tiraden mit unverhohlenem Mißmut; Defregger würde mit seinen Angriffen sicher "viel Beifall" finden, es frage sich nur, ob es "ein guter Beifall" sein werde.
Und weiter: "Ich fürchte, der Weihbischof hat sich in jenes Boot begeben, in dem all die vielen Leute sitzen, denen die freie Presse und der freie Rundfunk nur so lange recht sind, solange sie nicht selbst betroffen sind."
Hinsichtlich des Beifalls irrte Heigert. Bis auf ein paar zeitblinde Katholikenblättchen kritisierte Deutschlands gesamte Presse den Bischof so hart wie noch keinen anderen Oberhirten zuvor (siehe Kasten Seite 29).
Zum erstenmal schaltete sich auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in die Katholiken-Affäre ein. Oberkirchenrat Erwin Wilkens, EKD-Öffentlichkeits-Referent, bedauerte, daß die katholische Kirche "den Rang des Falles Defregger ... bis heute nicht erkannt" habe: "Er enthielt die unmißverständliche Aufforderung, an ihm ein Stück deutscher Selbstbesinnung und christlicher Gewissenserforschung hinsichtlich der Hinterlassenschaft des Hitler-Reiches zu verdeutlichen."
Der vom Fuldaer katholischen Bischof Holte für Pressearbeit freigestellte Priester Alfons Sarrach prophezeite gar in der "Frankfurter Rundschau": "Mit jedem Tag, den er (Defregger) noch im Amt verbleibt, wird er seiner Kirche ungeheuren Schaden zufügen." Und selbst der "Münchner Merkur", einer der beflissensten Defregger-Apologeten, rügte des Bischofs Fernseh-Auf tritt.
In Wirklichkeit gab sich Defregger, wie er ist -- als ein Mann, der trotz des Massakers von Filetto keine Distanz zum Waffenrock gewonnen hat: Sein Lebenslauf bestätigt es.
Der Jesuitenzögling Defregger wurde mit 20 Jahren -- am 29. Oktober 1935 -- als Reserveoffiziers-Anwärter zur Wehrmacht (Nachrichten-Abteilung 7) eingezogen. Nach der obligaten zweijährigen Wehrdienstzeit verpflichtete er sich freiwillig für ein drittes Dienstjahr und war am 1. Januar 1938 Leutnant der Reserve. Zehn Monate später wurde er auf seinen Wunsch Berufsoffizier. Als Zugführer der 2. Kompanie der Nachrichten-Abteilung 53 verdiente er sich im Polen-Feldzug das EK II und 1943 in Rußland als Hauptmann das EK I. Einen Monat vor Filetto -- im Mai 1944 -- übernahm er als Kommandeur die Nachrichten-Abteilung 114; sechs Monate nach Filetto wurde er zum Major befördert.
Der soldatenfreundliche Kardinal Faulhaber weihte den heimgekehrten Major 1949 zum Priester, und 1956 hatte Defregger wieder vertrautes Militär-Milieu um sich: Als Sekretär des
* 1956 beim Feindgottesdienst der Münchner Funkkaserne; links: Militärdekan Kuhn.
Militärbischofs Joseph Kardinal Wendel bereiste er mit seinem Chef die Bundeswehr-Garnisonen. Er wirkte bei Feldmessen mit und kletterte häufiger noch hinter dem Kardinal durch Panzer-Luken und in Hubschrauber-Cockpits. Als Wendel 1960 starb, blieb Defregger, der bald zum Generalvikar des Wendel-Nachfolgers Döpfner avancierte, weiterhin dem Soldatentum verbunden: Er ließ kein Kriegertreffen seiner alten Division aus.
Zu dieser Zeit wußte niemand im Vatikan von Defreggers Rolle in Filetto. Döpfner teilte auch niemandem etwas davon mit, als er 1967 Defreggers Ernennung zum Weihbischof vorschlug.
Mehr noch: Der Vatikan, der von sich aus offiziell in die deutsche Bischofs-Affäre nicht eingreifen möchte, versucht schon seit mehr als zwei Wochen, über zahlreiche Querkanäle, Defreggers Rücktritt zu erreichen. Auf einen Wink aus Rom ließ jetzt sogar die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) den bislang geübten Respekt vor Deutschlands ranghöchstem Katholiken Julius Döpfner beiseite.
KNA zitierte einen "maßgeblichen Kuriendiplomaten" als Gewährsmann für die Einstellung des Päpstlichen Staatssekretariats. Dessen Auffassung vom Fall Defregger/Döpfner entspricht der des Kurienbediensteten, der sich gegenüber dem SPIEGEL geäußert hat.
Nach KNA sei man im Vatikan "enttäuscht darüber, daß Döpfner der Kurie das nicht erspart" habe, und finde es unverständlich, "daß der Fall nicht auf die naheliegendste Weise gelöst" würde. Für "naheliegendst" hält die Kurie, daß Defregger "vornehm und demütig" seinen Rücktritt einreicht und "Döpfner mit einem Wort des Bedauerns den Fall aus der Welt schafft".
KNA weiter: "Aufgebracht scheint die römische Kurie ... über die großzügige Handhabung des Kirchenrechts durch Kardinal Döpfner, der den jeder Bischofsernennung vorausgehenden Informativprozeß über die Kandidaten im Fall Defregger "zur Farce gemacht' habe."
Vergebens habe auch der "vorsichtige Apostolische Nuntius Bafile" aus Bad Godesberg mehrfach angefragt, "ob gegen den ehemaligen Hauptmann nichts Belastendes vorliege". Darüber KNA aus Bonn: "Döpfner hat dem aus L'Aquila stammenden Nuntius verschwiegen, daß Kandidat Defregger ausgerechnet in Bafiles engster Heimat ein mögliches Weihehindernis zurückgelassen hatte."
Den Druck aus Rom spürte Döpfner jetzt in Oberbayern, wo er ursprünglich bis zum 1. September urlauben wollte. Er muß vorzeitig die Koffer packen: Papst Paul will noch in dieser Woche mit ihm über Defregger reden.
Weihbischof Defreggers "Resturlaub" verläuft ebenfalls unruhig. Seit Papst Pauls Eingreifen ist das Erzbischöfliche Ordinariat mobil geworden.
Presse-Prälat Anton Maier: "Wir arbeiten darauf hin, den Weihbischof von der Notwendigkeit einer Pressekonferenz zu überzeugen."

DER SPIEGEL 33/1969
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