11.08.1969

Rolf Becker über Günter Graß: Örtlich betäubt“MÄSSIG MIT MALZBONBONS

Er schreibe an einem "Romanino", hatte Günter Graß vor Jahr und Tag einen Bekannten wissen lassen. Nun sind es doch immerhin 360 Romanseiten geworden, und auch die Erwartung. der das neue Buch zu begegnen hat, diese vom dramatisch vorweggenommenen Teilstück "Davor" und durch die Koinzidenz von Erscheinungstermin und neuem Wahlkampfauftritt hochgereizte Erwartung ist wieder groß genug.
Zu groß vielleicht. Ein Romänchen, eine gewollte Kleinigkeit aus der Könnerhand von Graß dem Großen wird "so leicht jetzt niemand mehr darin sehen wollen -- eher schon einen Beleg für die Vermutung, daß der mehr und mehr politisierende Schriftsteller Großes wie "Die Blechtrommel" heute nicht mehr, sondern eben nur noch Kleineres könne.
Noch ist ja die Enttäuschung über sein Theaterstück "Davor" nicht verblichen. Und hier sind sie nun wieder. dieselben zu demonstrativem Zweck zusammengestellten und zurechtgemachten Figuren mit ihrer bereits uraufgeführten leidlich amüsanten, herzlich rechtschaffenen Diskussion über jugendlich-idealistischen Tatendrang und erwachsen-pragmatische Besonnenheit, über Utopie und Kompromiß, Revolution und Reform (Ergebnis: Reform ist besser), dieselben Halbindividualitäten, Halballegorien auf einer abstrahierten West-Berliner Szene des Frühjahrs 1967, vor Schah-Besuch und Ohnesorg-Tod:
Schüler Scherbaum, 17, der durch Verbrennung seines Dackels vor den Kudamm-Kaffeetanten gegen Vietnam-Krieg und Napalm-Greuel protestieren will; Studienrat Starusch, 40. der ihm die Tat auszureden versucht (Scherbaum: "Sie sind ein Erwachsener und wollen immer nur Schlimmeres verhüten"); Studienrätin Seifert, Ex-Nazisse mit immergleicher. heute linksemotionaler Sucht nach "Erlösung"; Schülerin Vero, Mao-Fan in grünen Strumpfhosen; schließlich jener unentwegt Seneca zitierende Zahnarzt, der aller ideologischen Politik sein Programm "weltweiter Krankenfürsorge" entgegensetzt, der Staruschs und am Ende auch Scherbaums "Bißlage" korrigiert und dazu beiträgt, den Schüler von seinem Dackelverbrennungsplan abzubringen.
Die Debatte dieser fünf verläuft. alles in allem, im Roman nicht anders als im Stück. Im Buch freilich hält Ironie die verschiedenen Figuren gleichmäßiger auf Distanz, als das bei Theateraufführungen der Fall gewesen zu sein scheint. Deutlicher als auf der Bühne bekommen hier auch Scherbaums Erzieher ihr Fett weg: des Studienrats melancholische Resignation als "Müdeheldensoße", des Zahndoktors Ideen totaler Prophylaxe als ihrerseits komisch-verstiegener. "fachidiotischer" Utopismus. Gar so schulterklopfend wirkt die Belehrung der sogenannten unruhigen Jugend im Roman nicht.
Aber das staatsbürgerlich wertvolle Konversationsstück (erweitert um einige Ausläufer wie die Parodie einer "linken Party", auf der man auch Graßens radikalisierten Kollegen Lettau erkennt) ist nun doch nicht der ganze Roman. Eine Figur hat mehr Fleisch und Farbe mitbekommen: Starusch, der Lehrer, ist Held der Erzählung. ihr erzählendes Ich. und darf einen breiteren biographischen Schatten werfen; "Ortlich betäubt" ist seine Geschichte und er selber der Kontaktmann zur früheren, reicher belebten Graß-Epik. zur großen Danzig-Saga.
Denn Starusch, so erfahren wir jetzt, war einst jener "Störtebeker" genannte Anführer der jugendlich-anarchistischen "Stäuberbande", die in "Blechtrommel"-Zeiten und -Seiten "gegen alle und alles" kämpfte.
Nach dem Krieg hat er beinahe als Maschinenbau-Ingenieur, Entstaubungsspezialist und Schwiegersohn des rheinischen Zement-Industriellen und berüchtigten Durchhalte-Generals Ferdinand Krings Karriere gemacht. Aber nachdem Sieglinde ("Linde") Krings sich von ihm entlobt hat. weil sie sich der Bekämpfung ihres unbelehrt aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Vaters widmen will, hat Starusch Philologie studiert und ist "Studienrat für Deutsch und also Geschichte" geworden.
Nun ist er -- wie gesagt und zu seines Autors Ehre gesagt: mit sympathischer Selbstironie -- ein melancholischer Linksliberaler ("die Zeit schaffte mich. Ich paßte mich an"). der immer noch um "Lindelindelinde" barmt (der er, graßkausal, seinen Zahnschmerz verdankt), sich manchmal ausmalt. daß und wie er sie ermordet hätte, und auch politisch mit Gewaltgedanken kokettiert -- momentweise nur, denn vor allen revolutionären Versuchungen bewahrt ihn, wie ihn örtliche Betäubung vor dem Zahnschmerz bewahrt, stets seine aus Lebenserfahrung skeptische Vernunft: "So wurde aus einem radikalen Aufrührer ein gemäßigter Studienrat, der sich trotzdem und dennoch für fortschrittlich hält."
Vor allem dieser Einfall, dieses gewissermaßen generationsbiographische -- Motiv. die Verwandlung von Störtebeker in Starusch. so sagt Grau. habe ihn animiert.
Ja doch, der Einfall ist gut. So hübsch, wie gewiß auch der andere Einfall, den Studienrat seine Vergangenheit wie seine gegenwärtigen Kümmernisse während einer längeren Zahnbehandlung überdenken zu lassen: Die drei Teile des Romans entsprechen den beiden Behandlungsphasen und der vom Arzt verordneten Pause dazwischen; dieses Mittelkapitel enthält den Inhalt von "Davor".
Nicht so gut steht es aber wohl um die Ausführung. Daß Grau hier weniger ins realistische Detail geht, daß er nicht mehr so breit und "barock". sondern quasi schlanker erzählt (beispielsweise nur "kam es zum Koitus" schreibt, wo früher vielleicht Ausführlicheres gestanden hätte), das ist dem mehr intellektuell-politischen, dem direkter satirischen Zuschnitt des neuen Romans angemessen.
Nicht so überzeugend, finde ich. ist dem Autor -- der doch in den "Hundejahren" allerhand Kunst der Ver-
* Hinter einem Apo-Protestplakat bei einer Diskussion über "Davor" in Essen.
schränkung verschiedener Motivlinien und Handlungsebenen bewiesen hatte -- hier die Verbindung von politischem Lehrstück und privatem Lebensstoff, von Scherbaum-Beispiel und Starusch-Biographie gelungen. Eher zusammengezwungen nimmt sich das aus -- ein Stuck vom alten, dem Fabulierer Graß, eins vom neuen, dem Präzeptor. Und den General-Krings-Episoden haftet ihre Herkunft aus Graßens aufgegebenem General-Schörner-Stück doch etwas zu deutlich fremdkörperhaft an: ein durch den Einfall, Starusch zum Autor des Schörner-Fragments zu machen, nur halbelegant verwerteter Rest.
Schörner-Reste. ein paar kaschubische Reminiszenzen (diese "Nai, nech"- und "Hiä, Jonkchen"-Stellen haben schon etwas von aufgeklebten Gütezeichen: Echter Graß, nur echt mit dem echten "Blechtrommel"-Ton), einige Kriegsgefangenschafts- und Nachkriegs-Episoden, die zu kunsttheoretischem Exempel zitierte Sage vom Danziger Maler Möller -- all das läßt den Roman eher aufgefüllt als inhaltsvoll erscheinen. Die ironische Ausbreitung angelesenen "Spezialwisssens" (auch dies ein vertrautes Kunststück Marke Graß), hier über Zahnheilkunde und Zementindustrie, mag für einen Augenblick amüsieren -- in der Wiederholung (früher ein vom Autor sicherer beherrschtes Kunstmittel) ist sie nur schwer zu ertragen.
Und schwer erträglich ist auch, was Graß mit einer an sich so nützlichen Erfindung wie jenem Fernsehapparat anstellt, der in der Zahnarztpraxis die Patienten von ihrem Schmerz ablenken soll. Graß strapaziert, überstrapaziert dieses Gerät als eine Relaisstation seines Hin-und-her-Erzählens und Meditierens, eine Art Gehirn-Television, in der sein Ich-Erzähler Starusch als Darsteller, Regisseur und Zuschauer gleichzeitig waltet -- was auch sprachlich nicht gut ausgeht: Da "flimmert" Linde, "vergeht" Scherbaum, "besteht die Mattscheibe auf Raumbild", da sieht Starusch "auf milchiger Wölbung viel", viel zuviel, etwa die Ex-Verlobte auch noch als Reklamesprecherin unter Kalbsnieren und Spinat in einer Tiefkühltruhe. Und am Ende hat sich die bizarr-konstruktive Phantasie des Autors, der einst so einprägsame Erfindungen wie Oskars Glaszersingen oder Eddi Amsels Vogelscheuchen gelangen, zu nur noch kauzig-alberner Umständlichkeit verheddert.
"Ach, wie ist das Gold so gar verdunkelt" -- das Jeremias-Wort steht, ein Motto für Staruschs Resignation mehrfach im Roman. Ach, es fällt schwer, das Wort nicht gegen Staruschs Autor zu wenden.
Auch das Grundgleichnis dieses Buches, die den Roman erst konstituierende Zahnschmerz-Politik-Metaphorik hat einen Dreh ins Alberne. Jenes unwiderstehlich bösebubenhafte Niedrigerhängen von Ideologie, Politik und Historie des früheren Graß-Werks ist das jedenfalls nicht mehr, was etwa die Causerien des Zahnarztes mit dem politischen Thema anstellen: "Schließlich habe ich tagtäglich gegen Zahnschäden zu kämpfen, die durch übertriebenen Kuchenkonsum ... gefördert werden. Dennoch weigere ich mich, die Schwarzwälder Kirschtorte und den Malzbonbon abschaffen zu wollen. Ich kann nur zur Mäßigkeit raten:' Dies zum Thema Revolution oder Reform.
Ach, die Späße sind so nett, und die Symbolik ist so spaßig, und das Gemeinte liegt immer so offen und flach auf der Hand. Auf die Dauer aber kann einem auch diese insistierende Spaß- und Gleichnishaftigkeit, dieser immer weiter variierte Zahn-Scherz ganz schön den Nerv töten.
Ach (Starusch erwägt einen Schulaufsatz über die Ausdrucksmöglichkeiten des Ach), es ist ja nicht so, daß wir dem Autor immer neue wilde Kaschuben-Streiche abverlangten, noch, daß wir seine Plädoyers gegen Dackelverbrennen und Ideologie mißbilligten. Sein Eintreten für Schülermitbestimmung und Vernunft hat unseren Beifall. Ich teile seine und Scherbaums Hochachtung für den hingerichteten Lehrling und Anti-Nazi-Kämpfer Helmuth Hübener wie seine und Scherbaums Abneigung gegen den Ex-Nazi Kiesinger. Und ich schätze Staruschs wie Graßens Bekenntnis: "Ich hasse Bekenntnisse, ich hasse Opfer. Hasse Glaubenssätze und ewige Wahrheiten" -- all diese bekannten Graß-Meinungen schätze ich hoch. Als Literatur. meine ich, sind sie nicht so hoch einzuschätzen.
Gewiß wäre es falsch, den vom .. radikalen Aufrührer" zum "gemäßigten Studienrat" gereiften-reduzierten Starusch seinem Autor gleichzusetzen. Schon der Verfasser der "Blechtrommmel" ist kein "literarischer Jakobiner" gewesen, wie Enzensberger gleich damals erkannt hat. Graßens Ansichten, seine Ablehnung politischer Radikalität und "übermenschlicher" Ideologie sind dieselben geblieben.
Nur: Damals hat er dem Wahn der Ideologen widersprochen, indem er ihm die Gegenständlichkeit seiner Romane entgegensetzte, die drastischen Konkretionen seiner Erzählphantasie und Sprachlust, Oskars frechen Trommelschlag. Heute sagt er es, heute argumentiert sein Roman, daß Ideologie schlecht sei. Das ist ein Unterschied -- und er bedeutet Verlust.

DER SPIEGEL 33/1969
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