11.08.1969

MODE PARISGanz entspannt

Warum denn bloß einen Bewerber erhören?" verwundert sich Star-Modelist Marc Bohan, 42, vom Haus Dior, Miterfinder des neuen Modetrends, wonach zu jeder Tageszeit kurz, halblang oder ganz lang getragen werden kann. Er empfiehlt: "Erhören Sie doch einfach jeden."
Denn um die Gunst der Damen bewerben sich für die neue Pariser Wintersaison Röcke und Mäntel In allen nur möglichen Längen. Sie enden handbreit unterm Knie, halb auf der Wade, drei Zentimeter überm Knie, handbreit überm Knöchel, mitten auf dem Schenkel -- oder auf dem Fuß.
"Es tobt eine Schlacht, Madame", meinte die Modereporterin vom "Daily Express", "und das Schlachtfeld, Madame, sind Ihre Beine."
Das Ringen um Rocklängen stürzt modefreudige Damen aller Länder in schreckliche Verwirrung. Pötzlich sagt ihnen kein Couturier mehr, was sie wann tun müssen und was sie lassen dürfen. "Oh Gott", seufzte die Expertin der Londoner "Daily Mail", "was sollen wir jetzt nur machen?"
Den härtesten Schlag gegen die Alleinherrschaft des kurzen Rocks führte Yves Saint-Laurent, 33. Er zeigte nicht nur, wie schon in der Vorsaison, lange Hosen zu engen Tuniken und waden- oder knöchellange Mäntel. Er wartete auch mit wadenlangen Tweedröcken zu taillenkurzen Jacken, trübfarbigen Strümpfen und schweren Lackschuhen auf. Bunte Farben und goldene Knöpfe mag er gar nicht mehr, und auch am Cocktailglas nippte sein Fräulein im wadenlangen schwarzen Samtkostüm mit einer kleinen weißen Rüsche am Hals. Gérard Pipart im Hause Ricci bedeckte die Knie mit tristen Wolltweeds und ließ die Mantelsäume noch zehn Zentimeter tiefer darüber fallen. "Ins Büro dürfen sie ja noch in einem kurzen Rock," erlaubte er, "aber ins Kino werden sie schon selber bald nur noch im langen wollen." Und "Women's Wear" prophezeite schon nach den drei ersten Pariser Mode-Tagen: "Der lange Rock breitet sich aus wie ein Waldbrand."
Neue Nahrung lieferte sogleich das Haus Dior. Dort begann die Schau mit zwanzig knöchellangen, flachen Wollmänteln und Röcken, bei denen ein Reißverschluß in der Mitte erlaubt, so viel Bein zu zeigen, wie man will.
Aber gleich darauf tänzelten dieselben Mannequins fröhlich in kurzen Faltenröcken, eine Handbreit überm Knie, über die Veloursteppiche in der Avenue Montaigne. Vornehmlich grauhaarige, mollige Zuschauerinnen spendeten Beifall; sie am allermeisten hatten um den Minirock gebangt.
Couturier Cardin versuchte einen Kompromiß. Er bestückte die kürzesten, kaum noch die Scham bedeckenden Röcke ("Herald Tribune": "Mikroröcke") mit bodenlangen Mänteln, die vorn vom Fuß bis zum Nabel offen sind. Unverdrossen beim Kurzrock verharren nur Courrèges, Ungaro, Rabarme und Féraud (die sämtlich mit einem weltweiten Netz von Boutiquen versehen sind). Und eine Droh-Attacke gar startete Mini-Rocker Ted Lapidus; er schickte seine Verkäuferinnen mit Plakaten auf die Avenue Pierre de Serbie: "Tod dem langen Rock.
"Die Zeit war reif für einen Wechsel". konstatierte die "New York Times". Vor drei Jahren bereits hatte es Marc Bohan mit dem Schiwago-Look versucht. Seither schleicht der lange Mantel, zum Beispiel an Twiggy, armselig durch Greenwich Village, Chelsea und Saint-Germain-des-Prés. Freilich: Die Hosen, so heißt es im Haus Dior, hätten nun schon das Auge daran gewöhnt, die Beine zu jeder Tageszeit bedeckt zu sehen. "Ohne die Hosen", meint Bohan, "wäre der längere Rock nicht möglich gewesen."
Wie möglich er ist, bleibt vorerst private Geschmackssache. Die US-Filmschauspielerin Lauren Bacall, lang, blond, Mitte vierzig: "Ich kaufe lange Mäntel und kurze Kleider." -- "Brigitte"-Moderedakteurin Barbara Buffa: "Wir bleiben hauptsächlich bei kurz." -- Die Herzogin von Windsor, über siebzig, dürre Beine: "Ich will einen langen Mantel."
Eine vage Kompaßweisung in all der Verwirrung gab Yves Saint-Laurent: "Wadenlänge ist, jedenfalls bei Tage, nur was für Junge. Nur wenige Frauen über dreißig können sie tragen." Aber die meisten überließen sich dem Trend -- daß es keinen gibt -- willig. Der New Yorker Großeinkäufer für Bonwit Teller beispielsweise wird rundweg "alles -- kurz, halblang und lang" mit nach Hause nehmen, und das offenbar nicht zu knapp. "Die Saison ist ein Hit", frohlockte "Women's Wear", das Blatt der amerikanischen Textilindustrie, die sich gute Umsätze erhofft.
Auch "Le Monde" lobte diesmal: "Die Pariser Haute Couture' die doch so viele immer begraben wollen, ist in Hochform." Der Wirbel um Röcke, scheint es, beflügelt die Kreativität. Fast aller Firlefanz, der sonst die Einfallslosigkeit hatte kaschieren sollen, blieb diesmal fort.
Nur Dior präsentierte eine Kollektion von Brillanten (Preise zwischen 2000 und 20 000 Mark); aber auch die waren noch schamhaft in Ebenholz gebettet. Da fiel dann auch der Satz, der die Richtung weisen kannte. "Die Frauen sollen sich daran gewöhnen", meinte Bohan, "mit Brillanten" -- und mit dem Rocksaum? -- "ganz entspannt umzugehen."

DER SPIEGEL 33/1969
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