16.06.1969

FUSSBALL / 1. FC NÜRNBERG

Böser Traum

Der 1. FC Nürnberg gehört zu den Trance-Mannschaften im deutschen Fußball, die geweckt werden müssen. Alt-Bundestrainer Josef Herberger.

Vor einem Jahr wachte der Klub auf -- als Deutscher Fußballmeister. Dann träumte der Deutschen liebstes Fullballkind weiter -- und stieg aus der Bundesliga ab.

"Es ist wie ein böser Traum", schilderte Max Morlock, Weltmeister von 1954 und Ehrenspielführer des 1. FC Nürnberg, die Gemütsverfassung der Klubanhänger, "man möchte am liebsten nicht mehr nach Hause."

Nürnbergs Abstieg in die süddeutsche Regionalliga bewegte das deutsche Fußballvolk wie Siegfrieds Opern-Tod die Wagner-Verehrer. Denn der 1. FC Nürnberg. den die Fans von Flensburg bis Konstanz schlicht als den "Club" verehrten, kickte jahrzehntelang erfolgreicher als alle anderen Vereine.

Neunmal seit 1920 hatten die Nürnberger den Meistertitel errungen, dreimal den Pokal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 33 Klubkicker spielten mehr als 200mal in der Nationalequipe. Nach dem beliebtesten deutschen Torwart, dem Nürnberger Heiner Stuhlfauth, heißt eine Straße. Zu den prominenten Fans des Klubs zählt Alt-Bundeskanzler Erhard.

Aber Nürnberg stellte auch einen negativen Rekord auf. In sechs Bundesliga-Jahren verschliß der Klub sieben verschiedene Trainer. Der Ungar Jenö Csaknady, den die Nürnberger zweimal verpflichteten und wieder feuerten, spottete: "Der Verein ist ein Trainerfriedhof."

Seit dem Start der Bundesliga 1963 hatten die Nürnberger ihre verwöhnten Anhänger enttäuscht. Obwohl der Klub als einziges Mitglied der Bundesliga für seine komplette Mannschaft Ausnahmegehälter (1963 erlaubte Höchstgage: 1200 Mark) erwirkt hatte, erkämpfte er bis 1967 keine Meisterschafts-Chance mehr. "Der Klub gefällt mir nicht mehr", rügte Altkicker Stuhlfauth die altbackene Spielweise.

In der Saison 1966/67 sackte Nürnberg sogar auf den letzten Tabellenplatz ab. Da empfahl der pensionierte Bundestrainer Herberger den Doktor Eisenbart des deutschen Fußballs: Max Merkel aus Wien. Er kurierte die Mannschaft auf seine Art.

"Geld ist die beste Psychologie". lehrte der Spieler-Dompteur und beschnitt die Grundgehälter. Statt dessen kassierten die Spieler nach einer Leistungstabelle überdurchschnittliche Prämien. Der 1. FCN rettete sich vor dem Abstieg und erspielte in der folgenden Saison 1967/68 als Außenseiter den Meistertitel.

Die Bundesliga-Abteilung vereinnahmte 3,2 Millionen Mark. Davon blieben trotz 43 Prozent Abgaben 228 000 Mark Reingewinn übrig. Im selben Jahr eröffnete der Klub unter dem Präsidium des Baustoffgroßhändlers Walter Luther auf 240 000 Quadratmetern am Valznerweiher einen modernen Sportpark mit je zehn Fußball- und Tennisfeldern, mit Turnhalle und Schwimmbad. Gesamtkosten: 12,3 Millionen Mark.

Aber auch auf Trainer, Stars und Ersatzspieler regneten im Meisterschaftsjahr Prämien wie im Märchen vom Dukatenesel: Merkel verdiente 273 600 Mark und veröffentlichte eine Autobiographie ("Mit Zuckerbrot und Peitsche"). Die Kicker kassierten im Schnitt 55 000 Mark.

Die Nebeneinkünfte überschritten in einigen Fällen das Lizenzgehalt. Nationalspieler Ludwig Müller eröffnete

* Ludwig Müller, Leupold nach der Niederlage Im letzten Bundesligaspiel. ein Damen- und ein Herren-Modengeschäft und posierte als sein eigener Dressman. In Immobilien engagierten sich Kopfball-Spezialist Franz Brungs und Nationalspieler Hans Küppers. Der Jugoslawe Zvezdan Cebinac richtete ein Restaurant für Balkan-Spezialitäten ein. Nationalstürmer Heinz Strehl übernahm das einträgliche Metzgergeschäft seiner Eltern. Andere Spieler warben für Mars-Riegel oder Herrenkosmetika.

Dann verjüngte Merkel die Meistermannschaft radikal. Brungs, der erfolgreichste Torschütze, und der österreichische Nationalspieler Gustav Starek fanden keinen Platz mehr. Rasch geriet die Equipe ans Tabellenende.

Wegen der verminderten Einnahmen kürzte Geldpsychologe Merkel sein Monatsgehalt freiwillig von 17 500 auf 12 000 Mark und löste kurz darauf seinen Vertrag. Inzwischen trainiert er den spanischen Nationalliga-Aufsteiger FC Sevilla (Jahresverdienst: 120 000 Mark). "Dort soll er bleiben", riet der Lübecker "Sport".

"Nun muß Nürnberg bald gegen den VfR Heilbronn antreten", stichelte während des Bundesliga-Endkampfes Heilbronns Oberbürgermeister Dr. Hoffmann. "Eher lassen wir uns die Ohren abschneiden", begehrte Nürnbergs OB Dr. Andreas Urschlechter auf.

Noch bevor der Rekordmeister endgültig zweitklassig geworden war erschlossen sich sechs Stars bei Konkurrenz-Klubs neue Prämienquellen. Nach dem Untergang sondierten die übrigen den Fußballmarkt. "Leichenfledderer sind am Werk", entrüstete sich der in Nürnberg erscheinende "Kicker".

Als Klubspieler Klaus Zazcyk zur Unterzeichnung eines Vertrages nach Hamburg flog, stöberte ihn der holländische Verein Feejenoord Rotterdam hei der Zwischenlandung in Frankfurt auf. Der Unterhändler lockte mit 130 000 Mark Handgeld. Zazcyk, der schon 1968 mit dem Karlsruher SC aus der Bundesliga abgestiegen war, schloß dennoch mit dem HSV ab.

Präsident Luther meldete sich nach telephonischen Morddrohungen mit zerrütteten Nerven krank. Nürnbergs Einkäufer Willi Reinke erlitt einen Kreislaufkollaps. Merkel-Nachfolger Kuno Klötzer (Monatsverdienst: 6000 Mark) feilschte täglich bis zu zwölf Stunden, um einige Stammspieler zurückzuhalten. Der Klub darf ein Jahr nach Bundesliga-Tarifen besolden. Das fällt Nürnberg sogar leicht: Aus der Konkursmasse seiner Mannschaft erwartet der 1. FC fast eine Million Ablösung.

Im ersten Training nach dem Abstieg arbeitete Trainer Klötzer nur noch mit einem Rest der Meisterelf. Auf der Geschäftsstelle schrieben sich hingegen zu den 5500 Mitgliedern spontan 250 Anhänger neu ein.

"Was wirklich passiert ist", unkte Mannschaftskapitän Strehl, "werden wir erst merken, wenn wir auf Wiesen spielen und die Zuschauer mit Spazierstöcken nach uns stockern."


DER SPIEGEL 25/1969
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