09.06.1969

STUDENTEN / BURSCHENSCHAFTERAuf dem Kehricht

Unter dem Wahlspruch "Ehre -- Freiheit -- Vaterland" an der Stirnwand der städtischen Festhalle zu Landau in der Pfalz begann am Mittwoch vorletzter Woche der längste Deutsche Burschentag: Er ist noch nicht zu Ende.
Deutschlands Waffenstudenten flickten provisorisch die alte Burschenherrlichkeit mit dem probaten Trick aus der Bonner Koalitionskiste: Sie klammerten ihr Problem -- die sogenannte Bestimmungsmensur -- für ein halbes Jahr aus.
Das seit 1815 von Tradition verklärte Backenaufschlitzen spaltete in Landau die Delegierten von 115 Mitgliedsbünden (mit etwa 5200 Aktiven und fünfmal soviel Alten Herren) vollends in zwei Flügel und ein Häuflein Ratioser: 73 Bünde stimmten dafür, es solle fortan in das Ermessen der einzelnen Burschenschaften gestellt sein, ob sie noch Bestimmungsmensuren schlagen wollten. Dagegen waren 36 Bünde, sechs enthielten sich der Stimme.
Danach -- in der Nacht zum Donnerstag -- verkündeten mißgelaunte Delegierte, der Burschentag sei nun geplatzt. "Hinterher, in den Kneipen", so ein Hamburger Delegierter, "haben sie sich dann fast geprügelt." Erst am nächsten Tag bedachten viele, daß ihre Zimmer bis Sonntag vorbestellt waren -und blieben.
Auf Sparflamme ging der Burschentag weiter. Die Festrede, sonst Höhepunkt beim Kommers, entfiel ebenso wie der Fackelzug und die Feuerrede. Mit müdem Gesang, schalem Bier oder Besuch des Landauer Zoos verbrachten die Burschenschafter die vorgeplante Zeit.
Unwidersprochen unkte Ernst Wilhelm Wreden, Schriftleiter der "Burschenschaftlichen Blätter", wenn der Mensur-Streit andauere, sei die "Gefahr der Auflösung" groß und die Folge klar: "Wir werden auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landen."
Doch nur vordergründig raufen sich Konservative und Liberale um die Mensur. Die wirkliche Auseinandersetzung geht um den politischen Standort des Verbandes. Eine Mehrheit der Burschenschafter, die von jeher nationale Werte verehrten, fordert den Ruck nach links.
Schon im vergangenen Jahr waren in Landau die "tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten" (Wreden) bei Deutschlands Burschen sichtbar geworden. Die Fortschrittlichen hatten erstmals ernsthaft versucht, korporative Zöpfe zu kappen: Mehr als bisher wollten sie sich den eigentlichen Problemen an Deutschlands Hochschulen widmen.
Doch die Pflichtmensur, erst seit 1954 in den Grundsätzen der Deutschen Burschenschaft verankert, blieb weiter Verbandsprinzip: Wer nicht fechten will, fliegt. Die Dreiviertelmehrheit, die zur Abschaffung notwendig gewesen wäre, kam auch 1968 nicht zustande: Mit 54 gegen 56 Stimmen unterlagen die Reformer den Traditionalisten.
Drei Mitgliedsbünde -- Bubenreuther Erlangen, Teutonia Freiburg und Franconia Freiburg -, die inzwischen die Pflichtmensur eigenmächtig aufgegeben haben, wurden deswegen prompt geschaßt.
Gleichwohl warb Alemannia Bonn per Rundschreiben bei den übrigen Bünden um Beihilfe. "Das Fechten", so argumentierten die Bonner, sei "kein Wesensmerkmal eines Burschenschafters" und könne heute "nicht mehr als gemeinschaftsförderndes Erziehungsmittel akzeptiert werden".
Deshalb verteidigen Alte Herren die ohnehin die Zucht-Jahre des Rapiers hinter sich haben -- wie beispielsweise der Professor Hans-Heinrich Jescheck (Franconia Freiburg) -, um so hartnäckiger ihre "korporativen Prinzipien". Sie preisen in der Burschenschaft "den schönen Zusammenklang von jung und alt".
Der Diplom-Soziologe Arnulf Gottschall (Germania Marburg) sieht in dem Bestreben der Fecht-Senioren Altes und vermeintlich Bewährtes zu bewahren, die "Bestätigung ihrer Lebensauffassung und die Erinnerung an die Träume ihrer Jugend".
Und Professor Jescheck drohte gar im Verbandsblatt: "Wir ... sollten lieber zu existieren aufhören, falls sich zeigt, daß sich nicht mehr genügend junge Leute für diese Art des Zusammenlebens ... begeistern können."
Als die zumindest in diesem Entschluß geeinten Fechtbrüder am vorletzten Sonntag auf dem Landauer Markt saßen, beeinträchtigten Himmel und Christenpartei die Frühschoppen-Stimmung: Nieselregen tropfte ins Bier, CDU-Wahlplakate mahnten: "Vernunft kennt keine Alternative.

DER SPIEGEL 24/1969
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