09.06.1969

Horst Bienek über Walter Kempowski: „Im Block“JEDE MENGE BARCELONA

Horst Bienek, 39. In Gleiwitz geboren, war Mitglied von Brechts „Berliner Ensemble“, bevor er 1951 aus politischen Gründen in der DDR verhaftet wurde. Nach vier Jahren Lagerhaft in Workuta wurde er amnestiert, seit 1956 lebt er in der Bundesrepublik. Er veröffentlichte Lyrik und Erzählungen ("Traumbuch eines Gefangenen") und erhielt 1968 für seinen Roman „Die Zelle“ den Bremer Literaturpreis. -- Walter Kempowski, 40. Reeder-Sohn aus Rostock, war wegen angeblicher Spionage von 1946 bis 1956 im Zuchthaus Bautzen inhaftiert. Er lebt heute als Lehrer in Niedersachsen.
Jupp die Geige; jede Menge Barcelona; das sitz ich auf der Baslerklinge ab -- jedem Leser, der nicht längere Zeit in einem Gefängnis gesessen hat, wird der Sinn solcher Sätze rätselhaft bleiben. Es lohnt auch nicht, danach zu forschen. Es sind Sätze, die nichts und alles aussagen, Leerformeln, die je nach Situation oder Betonung mit Sinn ausgefüllt werden: mit jedwedem Sinn übrigens. Sie sind ein treffendes verbales Symbol für die Ohnmacht und tatsächliche Unfreiheit eines Häftlings; er verändert nichts, er bewegt nichts, er Ist ausgeschlossen von der Welt. Eingeschlossen in Zeit.
Zeit ohne Welt aber ist nichts, ist Leere, ist ausgefüllt mit Formeln, mit Ersatzreden und -handlungen und, sagen wir es ruhig, mit Gequatsche. Daher zirkulieren auch in Gefängnissen und Lagern so viele und so "unglaubliche" Gerüchte, daher gibt es wohl auch den durch nichts ausrottbaren Trieb, Bildungsstunden abzuhalten, Filme oder Theaterstücke nachzuerzählen, gemeinsam im Chor zu singen und Erinnerungen wiederzukäuen. Aus der Zeit, von der man hier genug hat, will man Welt machen, die nicht vorhanden ist. Das ergibt Surregate, Ersatzwelten. Jede Menge Barcelona.
Walter Kempowskis nüchtern-protokollarischer und gerade deshalb besonders erregender Bericht über seine Haft im berüchtigtsten Pellt-Gefängnis der DDR, in Bautzen, macht auf solche Zusammenhänge aufmerksam. Es ist kein Buch, das Leiden beschreiben will, oder was ein Mensch alles durchhalten oder wie tief er erniedrigt werden kann (ich glaube, da ist jeder Report aus einem Nazi-KZ erschütternder); es zeigt eher auf, wie Häftlinge, die zu zehn, 20 oder 25 Jahren Freiheitsentzug verurteilt sind, sich Formen von Ersatzfreiheit, von Ersatzgesellschaft zurechtmachen.
Es ist ja zunächst eine klassenlose Gesellschaft, die da im Gefängnis oder im Lager zusammenkommt; es gibt keine Privilegien -- klassischer Fall für eine Analyse nachrevolutionärer Gesellschaft, könnte man meinen. Jeder erhält das gleiche Essen, die gleiche Kleidung, die gleiche (Un-)Tätigkeit. Was aber geschieht? Es dauert nicht lange und neue Herrschaftsverhältnisse bilden sich heraus, Hierarchien, Eliten, neue Klassen. Damit sind nicht die von der Verwaltung eingesetzten Ränge gemeint, wie Zellenälteste oder Brigadiers. Gemeint ist die geheime Klassenstruktur, die sich aus dem Zusammenleben von Menschen ergibt. Privilegien werden umgeschichtet, aber nicht abgeschafft. Mit jedem Vorteil, den einer herauszuschlagen versteht, und sei er noch so gering, verändert er die Beziehung zum anderen, verändert sich auch sein Verhältnis zur Egalität.
Ein kräftiger Bursche kann sich einen größeren Brotkanten erobern; einem Intellektuellen, der gut zu erzählen versteht, wird man einen breiteren Schlafplatz einräumen; einer, dem es gelingt, sich eine "Kiste" (einen Homofreund) zu halten, wird beneidet oder verachtet. Nach und nach treten gesellschaftliche Grund-Haltungen hervor (Neid, Korruption, Minderheitenhaß, Überlegenheitsgefühle) und neue Klassenunterschiede, die anders sind, als sie draußen waren, aber sie sind da und verfestigen sich mit der Dauer des Zusammenlebens. Es ist ein verzerrtes Gegenbild der bürgerlichen Gesellschaft. Jede Menge Barcelona.
Der eigentümliche, zunächst seltsam anmutende Humor dieses Buches rührt denn auch von solchen Diskrepanzen her, die eintreten, wenn alte (bürgerlich-intakte) Formen in diese Mangelgesellschaft übernommen werden. So etwa das Weihnachtsfest, das nach dem Motto "im vertrauten Familienkreise" mit improvisierten Verwandten gefeiert wird. Das ist nicht rührend, wie das Weihnachtsfest armer Leute bei Rosegger -- das ist einfach grotesk.
Ähnlich der Erwerb von Kultur, was meist auf das Auswendiglernen von Gedichten herauskommt, die zufällig jemand weiß. Monatelang wird darüber diskutiert, ob es nun Autofagasta oder Antofagasta heißt. Was Antofagasta nun eigentlich ist, interessiert niemand. Was soll man hier auch mit einer Stadt in Chile? Kultur oder Wissen wird zum Besitz, aber nur das, was einer repetieren kann, ist da, weil wiederholbar. (Man war ja so dankbar, wenn sie wieder mal einen Volkshochschullehrer verhaftet hatten ...)
Kempowskis Buch heißt "Im Block", und blockartig, also kurz, verknappt, werden Situationen der Haft beschrieben; es sind Momentbilder, die, aneinandergereiht, ein konkretes und recht objektives Bild von der Gemeinschaft politischer Häftlinge entwerfen, das wesentlich anders ist als bei kriminellen Tätern,
Das läßt sich nicht übertragen. Das Vorher (denn keiner kann sich mit tollkühnen Einbrüchen brüsten) interessiert nicht nur das Jetzt. Und das Künftige. Man lebt im Grunde nur auf die Befreiung, auf die Amnestie hin, die jeden Tag kommen kann, denn an die 25 Jahre glaubt keiner. Und wenn man herauskommt, wird man versuchen, dort anzuknüpfen, wo man vor der Verhaftung aufgehört hat. Das ist wie mit der deutschen Geschichte nach 1945. Jede Menge Barcelona.
"im Block" demonstriert ein Stück jüngster Geschichte, die bei uns bis vor kurzem literarisch immer noch tabuiert war, die Geschichte des politischen Widerstands in der DDR, vor allem aber seiner Niederlagen. Freilich, über Résistance oder den 17. Juni wird nur wenig mitgeteilt, aber um so mehr über deren Opfer. Denn im Block ist die Tat (das Vergehen) nichts: Wie der Mensch sich einrichtet in der Zelle, wie er mit ihr lebt und wie er sie überwinden will, das ist das Thema.
Das Buch kommt nicht allein. Erica Wallachs Bericht aus Ost-Berlin und Workuta, "Licht um Mitternacht", gehört in diesen Themenkreis. Es scheint, als habe die literarische und moralische Überzeugungskraft eines Solschenizyn dafür den Weg frei gemacht. Aber ist bei Frau Wallach noch die alte (unhaltbare) These vorherrschend, die "innere Freiheit" könne einem Menschen "trotz allem" nicht genommen werden, so machen Solschenizyn wie auch Kempowski, jeder auf seine Weise, endlich mit dieser Ideologisierung Schluß: Unsere Freiheit ist nur eine Freiheit in der Freiheit. In diesem Satz steckt jede Menge Barcelona. Jupp die Geige.

DER SPIEGEL 24/1969
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